Martin Breil über b.26

In drei Stationen durch die Geschichte des Balletts

Ballett am Rhein Düsseldorf / Duisburg
b.26 One   ch.: Terence Kohler

Mit seiner Produktion b.26 nimmt Martin Schläpfer den Besucher in drei Stationen mit auf eine lange Reise durch die Geschichte des Balletts.

Der Abend beginnt mit „Bournonville Divertissement“. August Bournonville war Tänzer und Direktor des Königlichen Balletts in Kopenhagen im 19. Jahrhundert. Perfekt dargeboten tanzen die Tänzerinnen und Tänzer seine überlieferte Choreographie. Auffallend ist die strenge Symmetrie der Tanzformationen und die perfekte Beinarbeit der Tänzer. Aber diese Perfektion ist es eben, die mich nicht recht begeistern können. Hinzu kommen Kostüme, die ebenfalls aus dem 19.Jhd. zu stammen scheinen. Schön bunt, aber nicht berührend.

In krassem Gegensatz dazu folgt „Dark Elegies“ von Antony Tudor, uraufgeführt 1937. Nach einer neuen Bewegungs- und Harmonielehre suchend gelingt es ihm eindrucksvoll die „Kindertotenlieder“ des Dichters Friedrich Rückert in Vertonung von Gustav Mahler um eine künstlerische Dimension zu erweitern, durch den Tanz. Die Ohnmacht und endlose Trauer, die der Dichter durch den frühen Verlust seiner Kinder empfunden zu haben schien, drücken sich durch schematischen Kreistanz, gedeckte Farbigkeit der Kostüme und ein Bühnenbild, dass den Blick über einen Horizont in unendliche Dunkelheit assoziiert, aus. Musik, Text und Bewegung gehen eine faszinierende Symbiose ein. Sehr ergreifend.

Mit „One“ von Terence Kohler endet die Reise durch die Ballettgeschichte in der Jetztzeit. Seine Choreographie hält einige Überraschungen parat. Zunächst irritiert, dass die Sinfonie Nr.1 von Johannes Brahms das musikalische Gerüst der Aufführung bildet. Auf der Bühne herrscht Endzeitstimmung, angedeutet durch betonsichtige, schier unüberwindliche Monumentalarchitektur. Die Tänzerinnen und Tänzer tragen Camouflage-Trikots, sodass sie kaum noch als Individuen zu erkennen sind. Dagegen steht das Solo von Yuko Kato und ist sicherlich der Höhepunkt des Abends. Sie ist es, die zu innerer Ruhe und Einkehr gefunden hat und dies im großen Chaos im 3. Satz eindrucksvoll zum Ausdruck bringt.
Die Überwindung der Mauern, die uns auf dem Weg ins Licht den Weg versperren. Soll ich sie übersteigen, oder schlage ich einen anderen Weg ein? Die Tänzer wählen 32-fach den ersten Weg, wie Millionen andere z.Zt. auch. Ob sie es schaffen?

Im Ganzen ein großartiger Abend, schon allein wegen der beiden letzten Stationen der Reise.

Weitere Informationen zu b.26:
http://operamrhein.de/de_DE/repertoire/b-26.1047776

Opernscout Martin Breil-1Martin Breil
Dipl. -Ing. für Hochbau

Martin Breil ist beschäftigt beim Bauaufsichtsamt der Stadt Duisburg. Neben seinem Interesse an den bildenden Künsten, hört er leidenschaftlich gern Jazz und klassische Musik, insbesondere mit den Duisburger Philharmonikern. Das Lauschen zu Opernklängen bedeutet für ihn ein Abheben in eine andere Dimension und das Abschalten von allem Belastenden des Alltags. Auch das Ballett fasziniert ihn: Wo kommen, außer in der freien Natur, Kraft und Ästhetik stärker zum Ausdruck als dort? Als Opernscout ist er dankbar, seine eigenen Eindrücke nach außen tragen zu dürfen, um dort Leser für einen Opern- oder Ballettbesuch zu begeistern.

Birgit Idelberger über b.26

Eine Zeitreise durch die Ballettgeschichte – ganz besonders und empfehlenswert!

Ballett am Rhein Düsseldorf / Duisburg
b.26 One   ch.: Terence Kohler

Wir durften eine Zeitreise durch die Historie des Balletts erleben, ausgewählt und in kluge Reihenfolge gebracht von Martin Schläpfer.

Der Abend begann mit einer entzückenden Ballettantiquarität, einem “Bournonville Divertissement” aus Kreationen, die zwischen 1842 und 1858 entstanden sind. Die überlieferten Choreographien haben bis heute noch Bestand und fordern ein höchstes Maß an tänzerischem Können. Es dabei leicht und fröhlich wirken zu lassen ist große Kunst, die man an diesem Abend einfach nur genießen durfte. Die eigentliche Handlung war nebensächlich, folgte man doch gerne den unterhaltsamen Sequenzen von Soli, Duetten und Ensemblen. Äußerst passend zu den heiteren Variationen und Sprüngen waren ebenfalls die bonbonfarbenen Kostüme der Tänzerinnen mit schwingenden Tutus. Das war pure Freude.

Nach der ersten Pause erwartete man dann etwas verhalten die “Dark Elegies” von Antony Tudor aus dem Jahr 1937. Kindertotenlieder auf Gedichte von Friedrich Rückert mit Tanz. Thematisch sicher der denkbar größte emotionale Kontrast zu dem ersten Stück. Man sollte einen kleinen Moment innehalten in dem Gedanken, dass die intimen Gedichte eines trauernden Vaters und Dichters Jahre nach seinem Tod von Gustav Mahler musikalisch interpretiert wurden, um dann wieder Jahre später auch noch den Gipfel in der tänzerischen Darstellung dieser bewegenden tiefen Trauer zu finden. Von Anfang an versinkt man in einer zurückhaltenden und still leidenden, aber intensiven Trauer mit dem Bild der im Kreis hockenden Frauen in fließend grauen Kleidern, umgeben von düsterem Licht. Am Rand dieser Szenerie der Sänger auf einem Stuhl sitzend, Klagelieder singend, die Geschichte erzählend. Zu keinem Zeitpunkt lautes Klagen, Weinen, Hysterie, sondern nur einzelne Augenblicke des tänzerischen emotionalen Ausbruchs, der in verschiedenen Tanzsequenzen aus der Gruppe herausbricht, um später in den Schutz der Gruppe zurückzufinden. Das Leid wird gemeinsam erlebt. Kein Ausbruch ist heilsam aber die Rückkehr auch nicht. Die Trauer bleibt wuchtig und leise. Dies ist ein gelungenes Werk. Wunderbar die Stimme des Bariton Dmitri Vargin, dessen ruhiger Gesang das Geschehen sanft begleitet.

Nach der zweiten Pause folgen wir dem Choreographen Terence Kohler “durch Nacht zur Freude”, in gewisser Hinsicht findet hier der Abend seinen Höhepunkt. Stürmisch der Auftakt auch durch das Bühnenbild, das beherrscht wird von imposanten grau melierten Betonblöcken, die unüberwindbar scheinen. Das Werk folgt den Sätzen der Sinfonie Nr.1 von Brahms, wunderbare Musik. Es beginnt ein tänzerischer Kampf und Ansturm gegen diese Säulen, der frustrane Versuch des Ausbruchs, auch ein Ringen miteinander, die Suche nach einer Lösung oder Erlösung. Im dritten Satz das Solo der hervorragenden Yuko Kato. Die Wand scheint aufzubrechen, findet sie die Freiheit in sich selbst? Der geniale Schlusspunkt folgt im letzten Satz. Mit Leichtigkeit wird eine Leiter angelehnt und minutenlang erklimmen alle Tänzer diese, um auf die erleuchtete andere Seite zu gelangen, was auch immer dort sein mag. Die Freiheit? Eine andere Wirklichkeit? Danach bleibt die Bühne leer! Nur noch Brahms und ich.

Dieser Abend war ganz besonders, wertvoll und empfehlenswert.

Weitere Informationen zu b.26: http://operamrhein.de/de_DE/repertoire/b-26.1047776

Opernscout Birgit Idelberger-1
Birgit Idelberger

Frauenärztin

Birgit Idelberger ist in Duisburg aufgewachsen und seit 10 Jahren als Frauenärztin in Duisburg-Walsum niedergelassen. Sie geht gern ins Kino und besucht Kunstausstellungen, doch Bezug zum Theater hatte sie kaum – zur Oper schon gar nicht. Das ist jetzt anders: Offen und neugierig ließ sie sich auf ihre erste Saison als Opernscout ein. Auch ohne Theatererfahrung empfindet sie die Opern- und Ballettabende als persönliche Bereicherung und positive Erfahrung. Sie hofft, dass viele Menschen durch die Kommentare der Scouts neugierig werden und den Weg ins Theater finden.

Kathrin Pilger über b.26

Auch für Balletteinsteiger sehr empfehlenswert!

Bournonville_Divertissement_04_FOTO_Gert Weigelt

Ein Premierenabend der besonderen Art erwartete die Besucher am vergangenen Samstag im Theater in Duisburg: Erstmals präsentierte das Ballett am Rhein ein Stück aus dem 19. Jahrhundert, ein sogenanntes Divertissement aus Werken von August Bournonville. Ganz im Stil der Romantik bewegten sich die Tänzerinnen und Tänzer zur neapolitanischen Tarantella heiter und leichtfüßig in bonbonfarbenen Tutus und hellen burschikosen Kostümen auf der Bühne.

Einen völligen Kontrast zu dieser Unbeschwertheit bildete das zweite Stück des Abends, „Dark Elegies“ von Antony Tudor aus dem Jahr 1937. Deprimierend und schmerzvoll langsam, eher schreitend als tanzend, vollzog sich das Geschehen auf der Bühne. Zu Gustav Mahlers Kindertotenliedern trauerten Männer und Frauen gleichermaßen ausdrucksvoll; unterstrichen wurde dieser Eindruck durch den verhalten einfühlsamen Gesang von Dmitri Vargin, der optisch sehr zurückhaltend (nur auf einem Stuhl am seitlichen Bühnenrand sitzend) in die Szenerie platziert wurde. Die gedämpften Farben der einfach geschnittenen Kostüme und die fahle Beleuchtung rundeten den Eindruck der deprimierten Trauernden ab.

Eine nicht unbedeutende Rolle spielten die Kostüme auch beim letzten Stück des Abends: Die Tänzerinnen und Tänzer waren in Terence Kohlers Uraufführung „One“ in erdfarbene, z. T. fließende Gewänder gekleidet, mal mit kurzen, mal mit langen Hosen. Die Trennung zwischen den Geschlechtern schien teilweise aufgehoben, hatte man doch Mühe Männer und Frauen auf der Bühne zu unterscheiden. In zuckenden, manchmal eckig anmutenden Bewegungen trat die starke Verunsicherung zutage, die die Gruppe offenbar zufällig Zusammengekommener ausmachte. Hinzu kam das karge Bühnenbild aus betonartigen Quadern, die den Hintergrund bildeten. Dazu war die im Programmheft angekündigte Sinfonie Nr. 1 von Johannes Brahms zunächst schwer vorstellbar – doch: die Musik, wunderbar interpretiert von den Duisburger Philharmonikern, und der Tanz, nicht zuletzt das starke Solo der Tänzerin Yuko Kato, harmonierten perfekt. Auch der Schluss überraschte: Die verzweifelten Menschen fanden endlich eine Leiter zur Flucht aus ihrer ausweglos scheinenden Lage: Sämtliche 32 Tänzerinnen und Tänzer kletterten langsam und nacheinander (– was die Zuschauer auf eine kleine Geduldsprobe stellte –) darüber und verschwanden im Nirgendwo hinter den Betonquadern. Was sie dort erwartete, blieb offen und somit der Phantasie des einzelnen Zuschauers überlassen.

Insgesamt ein sehr gelungener Abend – durch die Zusammenstellung der aus unterschiedlichen Epochen stammenden Stücke konnte man gut die Entwicklung des Balletttanzes nachverfolgen. b. 26 ist daher auch für Balletteinsteiger sehr empfehlenswert!

Weitere Informationen zu b.26: http://operamrhein.de/de_DE/repertoire/b-26.1047776

Opernscout Kathrin Pilger-2


Kathrin Pilger

Landesarchiv NRW Duisburg

Kathrin Pilger ist Dezernatsleiterin für Öffentlichkeitsarbeit und Pressesprecherin beim Landesarchiv NRW in Duisburg. Sie hat großes Interesse an Kunst und Kultur, Oper und Ballett früher aber nur selten besucht. Seit sie beides als Opernscout begleitet, ist sie begeistert von beiden Genres. Einen Abend im Ballett oder in der Oper empfindet sie als erlebnisreich und spannend und oft ist sie auch emotional von der Musik und der Ästhetik des Tanzes berührt. Dieses Gefühl von Glück möchte sie an andere Menschen weitergeben.

Christoph Grätz über b.26

Musik, die direkt auf das Herz zielt, kongenial in Bewegung umgesetzt

Ballett am Rhein Düsseldorf / Duisburg
b.26 Dark Elegies  ch.: Antony Tudor

Wie englisches Konfekt bunt und klebrig süss, so ähnlich kam mir der Einstieg in den Ballettabend b.26 mit dem “Bournonville Divertissement” vor, einer Choreographie, die über 150 Jahre alt ist, und das merkte man ihr auch an. Trotz der bewundernswerten Präzision der Tänzerinnen und Tänzer und der perfekt gelungene Symmetrie: Zuviel Süsses hat man dann auch schnell über.

Völlig anders die zweite Choreographie des Abends „Dark  Elegies“. Welch passender Titel, waren doch Mahlers Kindertotenlieder die Grundlage des Vortrags. Das Bühnenbild, ein wolkenverhangener, zerrissener Himmel fügte sich perfekt in die auch farblich gedimmte und fast meditativ gehaltene Choreographie von Antony Tudor aus dem Jahre 1937. Schon vom ersten Takt an, bin ich dem Bann der Musik und der tänzerischen Umsetzung erlegen. Einer Musik, die direkt auf das Herz zielt, kongenial in Bewegung umgesetzt. Der Bariton, Dmitri Vargin, gestaltete den Gesangspart gefühlvoll, begleitet vom gekonnt zurückgenommenen Orchester. Axel Kober hat hier die richtige Balance der Instrumentalisten zur Stimme gefunden. Welch eine künstlerische Gesamtleistung.

So versöhnt hätte der Abend enden können, aber es kam noch intensiver mit der Choreographie „One“ von Terence Kohler. Die ersten Takte von Brahms erster Symphonie spielte das Orchester noch im Dunkeln, dann plötzlich riss der Vorhang auf und der Zuschauer wurde sofort in eine verstörende Szene gerissen: Eine Tänzerin, alleine in zuckenden, vor Schmerz verzerrten Bewegungen, vor einer Kulisse monumentaler Gräue. Scharfes Streiflicht verstärkt das Gefühl der Angst, Ausweglosigkeit und des Eingesperrtseins. Ein starker Einstieg in eine Choreographie, die auch im weiteren Verlauf die Intensität hielt. Sie zeigte die verzweifelten Versuche einer Schicksalsgemeinschaft: Zusammenzuleben, Geschlechterkampf, Rivalitäten. Eindringlich war die Darstellung des erfolglosen Versuchs des Entkommens. Wie im Stummfilm bewegte sich die Tänzerin Marlucia do Amaral an einer Kletterwand. Der Rückzug ins Selbst, so habe ich das Solo von Yuko Kato empfunden, so gefühlvoll, intensiv und präzise getanzt, für mich nicht nur der Höhepunkt dieser Choreographie, sondern des gesamten Abends.

Und schließlich die Auflösung: Zwei haben den Ausweg aus der Bedrängnis gefunden und bringen schließlich eine Leiter auf die Bühne, über die dann alle auf die andere Seite der Mauer, ins Licht, in die Freiheit gar, entkommen. Welch großer Einfall, die Musik noch minutenlang weiter zu spielen, während auf der Bühne nichts mehr passiert. Was stehen bleibt ist – wie eine Erinnerung an vergangenes Leben – die einsame Leiter. Dazu braucht es Mut.

Die beiden letzten Arbeiten dieses Abends haben mich berührt, sind doch die Themen Flucht und Verlust so aktuell wie nie. Ich empfehle jedem b.26 zu besuchen.

Weitere Informationen zu b.26: http://operamrhein.de/de_DE/repertoire/b-26.1047776

Opernscout Christoph Grätz-1


Christoph Grätz

Referent der Stabsstelle Kommunikation bei der Caritas

Wenn es sie nicht schon gäbe, bäte er Gott sie zu erfinden: die Musik. Als Sänger im philharmonischen Chor Duisburg, als ungeduldiger Akkordeonschüler und begeisterter Tangotänzer füllt Christoph Grätz seine Freizeit mit viel Musik (und umso weniger Sport). Bei der Arbeit als Öffentlichkeitsarbeiter für die Caritas darf er zwar auch kreativ werden, aber fast nie musikalisch. Oper und Ballett entdeckt er jetzt nach und nach als Opernscout. Wie schön, dass er etwas davon mitteilen kann.

 

 

 

Rouven Kasten über “Turandot”

TURANDOT_06_FOTO_Hans_Joerg_MichelTurandot auf Speed

Es war mal wieder soweit, im Rahmen meiner Tätigkeit als Opernscout für die aktuelle Spielzeit der Deutschen Oper am Rhein, konnte ich mir die Premiere des Klassikers Turandot von Giacomo Puccini ansehen. Die Oper die seit Jahren von Ihrer Arie „Nessun Dorma“ durch die Kulturszene getragen wird. Ich war sehr gespannt! Die Premiere der Puccini-Oper im Theater der Stadt Duisburg stieß auf Zustimmung, aber auch auf Kritik.

Turandot die Geschichte einer chinesischen Prinzessin, die komische Fragen stellt um geheiratet zu werden. Wer es nicht schafft „Kopf ab“.

Als chinesische Prinzessin ist sie bekannt, die schöne und unnahbare Turandot, deren Legende vermutlich persischen Ursprungs ist. Drei Rätsel muss derjenige lösen, der, kopflos vom Anblick ihrer Schönheit, sie zur Frau begehrt. Wahrhaft kopflos endet der Wagemutige, wenn ihm die Lösung der Rätsel nicht glückt. Doch die Todesgefahr kann die jungen Freier nicht schrecken. Je grausamer die Prinzessin ihr Spiel mit ihnen treibt, umso stärker erstrahlt sie in einer Aura, die sie vor jeglicher Inbesitznahme durch einen Mann schützen soll. So wollen es alle Turandot-Märchen. Doch die Rätselprinzessin gehört nicht zur Gattung der männerfeindlichen Amazonen und Zauberinnen. Ihr Wesen ist archaischer Natur, rückbezogen auf den gewaltsamen Tod einer Urahnin, den sie im Glauben an die Wiedergeburt rächen will. Der Preis für diese selbst auferlegte Passion ist die Einsamkeit, unter der Turandot, ohne es zuzugeben, am meisten leidet.

Als nach der Aufführung der Vorhang fiel, gab es vom Publikum im ausverkauften Duisburger Stadttheater viel Beifall. Für die Rheinoper war die Premiere der berühmten Puccini-Oper Turandot, die in Kooperation mit dem National Kaohsiung Center for the Arts Weiwuying, Taiwan, produziert wurde, durchaus ein Erfolg. Allerdings hörte man auch vereinzelte Buhs. Die Opernscouts, die auf Einladung der Rheinoper und der Rheinischen Post, ebenfalls bei der Premiere dabei waren, spiegelten die unterschiedlichen Meinungen des Turandot-Premieren-Publikums wider.*

Turandot auf Speed?

Allerdings! Ich hab mich wirklich schwer getan diesmal. Die Szenerie hat mich verwirrt, es gab auf der Bühne obwohl simpel aufgebaut wie ein Scherenschnitt viel zu entdecken. Zuviel wie ich fand. Ein ständiges Gewusel rund um die statisch wie angewurzelt stehenden Hauptdarsteller. Dann plötzlich ein Mädchen im Nachthemd, danach eine Schulklasse mit verbundenen Augen. Dazu ständig moderne und völlig grundlose Videoanimationen. Was soll das, was haben die sich dabei gedacht? Die ganze Zeit war ich mit solchen Gedankengängen beschäftigt. Nach der Pause wusste ich, gleich kommt „die“ Arie. Die Arie die uns so bekannt vorkommt, die Arie welche wie keine andere uns an Oper erinnert. Die Arie die uns allen spätestens seit Paul Potts zum Heulen bringt. Tut Sie das? Ich hoffte. Sie tat es nicht! Wieder überschlug sich eine schlecht gemachte Video Animation farblich über den angestrengten Tenor. Sehr Schade. Na vielleicht hätte ich diesmal zur Vorbesprechung gehen sollen, aber ich will einfach nur ins Theater. Ich muss nicht immer alles verstehen.

Der Rheinischen Post gegenüber sagte ich: Eine solche Begeisterung konnte Rouven Kasten überhaupt nicht teilen. Er fand die Inszenierung überladen. Alles sei „viel zu viel gewesen“ und sei oftmals rätselhaft geblieben. Die Computer-Animationen fand er „einfach schlecht“. Die gesamte Aufführung sei in sich nicht stimmig gewesen. Immer habe er sich gefragt: „Was hat sich das Regieteam dabei nur gedacht?“

Fazit: Das Ensemble der Duisburger Oper hat im punkto musikalischer Leistung alles gegeben, herausragend war aber die Stimme von Brigitta Kele die eine zauberhafte und sicher unterschätzte Liù abgab. Turandot selbst hatte obwohl stimmlich gut besetzt, dennoch mit Ihrer „Erscheinung“ zu kämpfen. Stimme braucht sicher Volumen aber eine chin. Prinzessin war sie optisch nicht. Zoran Todorovich hat einen soliden Kalaf gegeben, der aber in seinem leicht dahingesungenem Nessun Dorma nicht wirklich mitreißen konnte. Geschuldet war das ganze sicher der überladenen Inszenierung des Teams der Kooperation mit dem National Kaohsiung Center for the Arts (Weiwuying), Taiwan. Die z.t. schlechten Grafiken erinnerten mich an eine chin. Ausstellung im NRW Forum. Ich gehe davon aus das ein hiesiger Theaterkünstler solch schulklassenartige Projektionen nicht verwenden würde.

Weitere Informationen zu “Turandot”:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/turandot.1047784

Opernscout Rouven Kasten-1Rouven Kasten
Social Media Experte

Rouven Kasten ist in Duisburg aufgewachsen, mit Raider und Pink Floyd. Er bloggt, twittert, facebookt, schießt Fotos und jagt alles in die Wolke. Die Möglichkeit zur grenzenlosen Interaktion gefällt ihm. Nach einigen Agenturstationen und einer intensiven Zeit der Selbstständigkeit ergänzt er nun das Team der GLS Bank im Bereich digitale Kommunikation. Die Begeisterung für das Musikhören und -machen brachte ihn zur Oper und zum Ballett. Die Erfahrungsberichte als Opernscout schreibt er auch in seinen privaten Blog: http://www.gestalterhuette.de oder auf twitter und facebook, direkt aus dem Theater mit dem Hashtag #opernscout.

Jessica Gerhold über “Turandot”

TURANDOT_02_FOTO_Hans_Joerg_MichelMit riesiger Neugierde ging ich in diese deutsch-taiwanesische Kooperation zu Puccinis letzter, unvollendeter Oper. Wie können uns wohl Künstler mit asiatischem Hintergrund helfen noch tiefer in dieses Märchen hinein zu tauchen? Die ersten Szenen der Oper ließ ich auch noch unkritisch über mich ergehen, war gespannt was mir geboten würde und wartete in den Bann des Stückes gezogen zu werden. Um es vorweg zu nehmen: Dies gelang bis zum Ende des Stückes nicht.

Woran das lag? Ich kann hier nur wenige Aspekte nennen. Insgesamt wollten die Inszenierenden wohl zu viel und setzten eine Häufung an symbolhaften Ideen höchstens mittelmäßig professionell um. Da ist zum einen das Ringen einen aktuellen Bezug zu China herzustellen: Die Regenschirmrevolution 2014 und am Ende eine Mega-Stadtnachtaufnahme (warum explodiert hier am Ende eine Bombe?). Zum anderen die nicht einmal mittelmäßigen Projektionen, die drehende Schwerter, asiatische Ranken und Kalligraphien zeigen, aber die auf jeder Schulaufführung professioneller  präsentiert würden. Hier bin ich von vorherigen Vorstellungen ein sehr viel höheres Niveau gewohnt. Des Weiteren wirkten die Akteure zeitweise ungewohnt statisch in ihrer Präsentation und nutzen den gegebenen Bühnenraum nicht aus, die schauspielerische Leistung wirkte selten authentisch, bzw. in den Bann ziehend. Noch nicht einmal die Arie „Nessun Dorma“ berührte mich emotional. Dabei sind die Stimmen einwandfrei gewesen und alle Künstler haben unglaubliche Kraftakte in dieser Oper gelassen und stimmlich einwandfrei präsentiert. Vielleicht waren die Künstler selber zu unsicher wie diese Inszenierung ankommen würde. Gute Stimmen ohne Relevanz. Jedoch, eine Einschränkung muss ich machen: Liù und der Chor fesselten mich bei jedem Einsatz sofort.

Aber musste man sich schließlich für dieses (für mich) wirklich nicht zum Stück passende Happy End entscheiden? Das konnte der mit Melone bekleidete Puccini auf der Bühne nicht für seine beste Oper im Sinn haben.

Insgesamt wäre hier weniger viel mehr gewesen.

Fazit: Ich freue mich wahnsinnig auf die nächste “Turandot”- Aufführung!

Weitere Informationen zu “Turandot”:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/turandot.1047784

Opernscout Jessica Gerhold-1Jessica Gerhold
Gymnasiallehrerin

Jessica Gerhold ist gebürtige Duisburgerin und arbeitet als Gymnasiallehrerin. Von jeher hat sie sich für das Theater interessiert.  Bei ihrer Berufung zum Opernscout war sie eher skeptisch, ob sich ihre bisher eher distanzierte Haltung zu Oper und Ballett verändern würde. Nach ihrer ersten Spielzeit sind die Zweifel verflogen. Sie ist stolz auf das, was in ihrer Heimatstadt geleistet wird und hofft, dass sich zukünftig viel mehr Menschen von der Leistung der Künstler live faszinieren lassen.

Christina Irrgang über “Die Zirkuspinzessin”

DieZirkusprinzessin_08_FOTO_HansJoergMichelWie können Worte gefunden werden für den Operetten-Abend der “Zirkusprinzessin” am 13. November 2015, wo sich zeitgleich die terroristischen Anschläge in Paris – darunter im Bataclan, abgeleitet von Jaques Offenbachs Operette “Ba-ta-clan” – ereigneten? Die Erschütterung über den willkürlich scheinenden, doch zielgerichteten Angriff auf Menschen, die – ebenso wie wir – an diesem Abend Unterhaltung suchten, hallt nach: als Geste gegen eine kulturelle Überzeugung, die auch wir mit dem Besuch der Oper vertreten. Unweigerlich schneiden die Ereignisse jenes Abends ineinander. Die Realität der Gegenwart kann deshalb nicht getrennt von der privaten Zerstreuung gesehen werden. Wir sind Zeugen aus der Ferne, und aus diesem Grund sind diese Worte und Überlegungen den Opfern der Attentate in Paris gewidmet.

Bereits während der “Zirkusprinzessin” kreisten meine Gedanken um die Frage: Welche Bedeutung hat Zirkus heute? Diese Überlegung wird intensiviert vor dem Hintergrund der vorangestellten Worte mit der Behauptung: Der Zirkus als Ort der Artistik, der Maskerade, der Zerstreuung ist anachronistisch. Der Zirkus hat für den Menschen im Jahr 2015 keine Bedeutung mehr, die ihm zu der Zeit von 1925-1926, da Emmerich Kálmán mit dem Librettisten-Duo Julius Brammer und Alfred Grünwald die “Zirkusprinzessin” komponierte, noch zugeschrieben wurde. Die Zeit der Szenerie hatte Kálmán auf das Jahr 1912 verlegt, unter Rückgriff auf den Untergang der Österreichisch-Ungarischen-Monarchie und des zaristischen Russlands, mit ironischer Betrachtung des russisch-französischen Adels und des Wiener Bürger- und Kleinbürgertums. Er bettete den politischen Wechsel in einen Parcours aus zwischenmenschlichen Beziehungen und Verwechslungssituationen ein. Doch den Zirkus als Forum und als Sinnbild des “Zirkels des Lebens”, der mit dem Rollenspiel des Mister X bei Kálmán Gestalt und Ausdruck findet, gibt es so nicht mehr.

Wiederholung und Wiederkehr der Persönlichkeitsschau und -show findet heute an anderer Stelle und vor allem in mediatisierter Form statt. Facebook ist nur ein Kanal, der neben Instagram, Twitter oder Tinder die Möglichkeit eines solchen Rollenspiels ermöglicht. Es sind auch diese Kanäle, die frequentiert werden, in denen Zerstreuung, Sensation und Schaulust kreisen. Bilder, Illusionen und Annahmen zirkeln und zirkulieren hier. Also eine neue Form des Zirkus? Immerhin wird auch bei Kálmán der Zirkus für Fedora Palinska und Mister X, für Liesel und Toni, sowie für den Zirkusdirektor Stanislawsky und dessen Gattin Wanda zur Paarbörse bzw. Ort der Partnervermittlung und des Austragens des Partnerschaftlichen. Letztlich gleicht auch das Hotel von Carla Schlumberger und ihrem Oberkellner und ehemaligen Geliebten Pelikan der Heterotopie des Zirkus.

Und doch: Die Story und die Lyrik der Gesänge der Kálmánschen Operette sind zumeist platt, die innere Linie der Geschichte – trotz aller Querverbindungen der Protagonisten – ist verworren und generell fehlt es der “Zirkusprinzessin” an Vehemenz. Sie ist weder kurzweilig in der Unterhaltung, noch intellektuell bereichernd oder gekonnt parodierend. Zwischen den Szenen schimmern Idealismus und Tugend wie ein Alibi durch. Worum ging und geht es wirklich? Die Bedeutung dieser Operette insgesamt ist mir zu dünn, trotz einer intensiven Inszenierung durch Josef E. Köpplinger (Staatstheater am Gärtnerplatz, München). Glamour scheint im Vordergrund zu stehen – der hier mit allen Mitteln sinnlich durch ein märchenhaftes Bühnenbild und farbenreicher Kostümierung umgesetzt ist. Aber muss die barocke Geste noch eine Regel der Operette sein? Wäre es nicht an der Zeit, sich einem Diktum der leeren Opulenz zu entheben? Die “Zirkusprinzessin” scheint wie eine Farce ohne Façon.

Aktuell, nur wenige Meter von der Düsseldorfer Oper entfernt, ist im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen ein kleines Bild des belgischen Malers Walter Swennen (*1946) zu sehen: Es zeigt einen Clown, oder besser, eine blaue Figur in Gestalt eines Clowns, dessen roter Schatten seine Auflösung als Phantom andeutet. Die Figur des Clowns ist nur noch als formlose Fläche vorhanden, die haltlos im Raum (auf dem blassen Grund der Leinwand) kippt. Mit sehr reduzierten Mitteln schafft Swennen es, in der Malerei “Clown bleu rouge” (2007) die Tragik der Maskerade zu verbildlichen und auf eine neue Form, ja auf einen Szenenwechsel des Clownesken sowie eine Verschiebung dessen Ortes zu verweisen. Die Operette könnte in ihrer Kombination aus Sprache, Schauspiel und Gesang viel mehr, als mit ihrem eigenen Genre zu langweilen: Mit der “Zirkusprinzessin” scheint sie in ausgetretenen Pfaden zu gehen und sich letztlich gar – tautologisch – im Kreis zu bewegen.

Weitere Informationen zu “Die Zirkusprinzessin”:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/die-zirkusprinzessin.1045078

OpernscoutsChristina Irrgang
Freie Autorin

Christina Irrgang lebt und arbeitet als freie Autorin in Düsseldorf. Sie studierte Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, an der sie aktuell über den Fotografen Heinrich Hoffmann im Kontext politischer Bildstrategien promoviert. Parallel zum Schreiben verfolgt sie im künstlerischen Bereich ihr Musik-Projekt BAR, das sie 2013 mit Lucas Croon gegründet hat. In der Spielzeit 2015/16 ist sie zum zweiten Mal begeisterter Opern-und Ballett-Scout!