Lucas Croon und Christina Irrgang über „Der Feurige Engel“

Immo Karamans Inszenierung der Oper „Der Feurige Engel“ von Sergej Prokofjew hüllt ein in eine Welt des Morbiden, des Phantastischen, der Sehnsucht: Die Protagonistin Renata sucht nach ihm, dem feurigen Engel, einer Vision, einem Licht, einem Engel, einem Dämon, einer Energie, die Renata in Menschengestalt wiederzufinden hofft. In dem Grafen Heinrich sah sie ihn verkörpert, doch auch dieser entschwand aus Renatas Leben, wie einst der Engel Madiel, der Renata in ihren Kindertagen erschien und dessen Phantom sie seither nicht mehr loslässt.

Die 1908 durch Walerie Brjussow verfasste, dem russischen Symbolismus nahe stehende Story, erzählt von der Projektion von Liebe, von der Suche nach ihr und vom Verzweifeln in Wahnsinn. Während Brjussow seinen Roman in Hinblick auf seine Geliebte und Muse Nina Petrowskaja schrieb, deren gemeinsame Leidenschaft in gegenseitiger Aufreibung verbrannte, verkörpert Renata die Nina auch in Prokofjews Oper. Ihre Aussage „…damit büße ich die Schuld, dass ich so sehr geliebt habe“ mündet in das Okkulte, das Renata als Weg, als Ausweg dient und das auch zum Leitmotiv des musikalischen Bildes der Oper wird, die erst posthum 1954 in Paris konzertant, und 1955 bei der 18. Musik-Biennale in Venedig szenisch uraufgeführt wurde.

Das Bühnenbild der Düsseldorfer Inszenierung scheint u.a. angelehnt an die Baustruktur der Beelitzer Heilstätten, die nach vielfältiger Nutzung heute als marod-mysteriöse Ruine leer stehen. Die Handlung des Stücks spielt vorwiegend in einem Kloster im 16. Jahrhundert, während die Szenerie einem Stil zwischen Jahrhundertwende und 1950er Jahre anmutet. Der Ort der Handlung ist schaurig, und Folterinstrumente wie der elektrische Stuhl gehören zu szenisch-narrativen Hilfsmitteln wie die Zwangsjacke oder der Käfig. Schrille Streicher und tiefe Pauken liefern eine musikalische Dramaturgie, vor deren sich Renatas innerer Kampf entspinnt: Verkörpert durch Svetlana Sozdateleva, versucht Renata sich zwischen Orden (dem Sinnbild für Ordnung) und der Hilfe von Ruprecht, dargeboten von Boris Statsenko, aus der Zweischneidigkeit ihrer Existenz durch okkulte Rituale, durch religiöses Konvertieren bis hin durch Exorzismus zu befreien. Renata verkörpert in ihrer zweifelhaften Suche und gespaltenen Seele eine Rolle der Frau als Unterlegene ihrer Sehnsucht, als Dienerin einer Idee, einer Vision, eines Mannes. Ihre Aufopferungsbereitschaft, ja Opferrolle unterliegt am Ende aber einer Metamorphose, die nicht zuletzt durch die Transformation einer Christusfigur in eine weiblich Gekreuzigte kommentiert und in Frage gestellt wird. Ist es das Aufgeben, ein Abfinden mit dem Unerfüllten, oder eine Form der Emanzipation, die Renata – und mit ihr der gesamte Schwestern-Orden – im meisterlich dargebotenen 5. Akt preis gibt? Die Szenerie gerät außer Kontrolle, Freiheit schreit auf, nimmt sich Raum – und erhält zustimmenden Applaus.

Weitere Informationen zu “Der feurige Engel”:
http://operamrhein.de/de_DE/events/repertoire/1010877/opera

Barbara Huck über „Der feurige Engel“

Ein tolles Bühnenbild, das sich blitzschnell in verschiedene Szenerien wandelt. Mal Kloster, mal düstere Irrenanstalt, mal Sektionssaal. Es geht um Moral, Wahnsinn und Hysterie, mit der sich aktuell vor allem die Sexualität von Frauen erklären ließ.
Renata, die Hauptperson, hatte seit ihrer Kindheit die Vision eines „feurigen Engels“ Madiel, den sie bewunderte und verehrte. Er war ihr bester Freund, der sich ihr jedoch entzog, als sie ihn auch körperlich begehrte. Ein zu ihrer Zeit unmögliches Begehren, dass sie, weil gesellschaftlich nicht tragbar, wohl in den Wahn getrieben hat. Ist sie wirklich verrückt? Oder nur verzweifelt und unverstanden? Jetzt sitzt sie jedenfalls in der Anstalt, wo sich Nonnen rührend um sie kümmern und sie allerdings von Zeit zu Zeit mit Elektroschocks behandeln.
Seit sie vom Grafen Heinrich verlassen wurde, mit dem sie glücklich vereint war, da sie ihn für die menschliche Verkörperung ihres geliebten Madiel hielt, ist sie unglücklich, fühlt sich verfolgt, hat schlimme Wahnvorstellungen. In der Anstalt findet sie in Ruprecht jemanden, der sie versteht und der ihr helfen will, ihren Madiel zu finden. Warum ist er eigentlich dort? Ist er Psychiater oder Insasse? Jedenfalls ist er Renata verfallen und seine Hilfe ist gar nicht so uneigennützig. Das weiß auch Renata und sie benutzt ihn für ihre Interessen. Als sie ihn soweit gebracht hat, dass er dazu bereit ist, Heinrich zu töten, sieht sie in diesem wieder ihren „feurigen Engel“ und verbietet Ruprecht den Mord an ihm. Stattdessen wünscht sie seinen Tod. Diese Szene spielt in einer Bar. Elegante Paare in wunderschöner Abendgarderobe tanzen zu Musik, vom Orchester gespielt, aber von einer Band im Hintergrund wie ein Playback übernommen. Renata, in ihrem Wahn zerrissen, agiert im Vordergrund und auch ihr Part wird von einer sehr besonderen Barsängerin übernommen. Diese Szene hat mich berührt und begeistert. Sie endet damit, dass Ruprecht Heinrich erschießt. Nach den tödlichen Schüssen wandelt sich die Bühne überraschend schnell wieder zur Heilanstalt. Eine großartige Leistung des Bühnenbildes. Ist das gerade wirklich passiert? Und nun folgt eine Teufelsaustreibung, die allerdings bewirkt, dass die Nonnen durchdrehen, plötzlich Renata verehren und sich die Kleider vom Leib reißen. Zum Schluss wird Renata dennoch oder gerade deswegen hingerichtet.
Die Musik hat mir sehr gut gefallen. Zum Teil überraschend beschwingt, begleitet sie diesen Wahnsinn. Auch in den furiosesten Szenen ist sie, wenn auch schrill, niemals unangenehm.
Von allen Opern, die ich in zwei Spielzeiten gesehen habe, hat mir diese rundum am besten gefallen und ich empfehle sie wärmstens weiter.
Sagt Bescheid – ich komme nochmal mit.

Weitere Informationen zu “Der feurige Engel”:
http://operamrhein.de/de_DE/events/repertoire/1010877/opera

Andreas Schütz über “Der feurige Engel”

„Der feurige Engel“. Die letzte Premiere dieser Spielzeit hatte es in sich! Sowohl was den Inhalt angeht, als auch das Bühnenbild. Letzteres ist so düster, dass es den Inhalt des Stückes und die Stimmung der Protagonisten treffend darstellt. Die Orientierung der Bühnenbildner an den Heilanstalten Beelitz entdeckt man nach dem Blick ins Programmheft, aber auch ohne dem kann man sich vorstellen, dass es in solchen Häusern so ausgesehen haben muss. Grau, beklemmend. Viele verschlossene Türen.

Beklemmend habe ich auch den Inhalt an sich erlebt: Wer ist denn hier eigentlich wahnsinnig? Renata? Ruprecht? Oder die Äbtissin und die ganzen Nonnen? Ich habe das Gefühl, dass es jeden hier trifft. Wechselweise. Das atmosphärisch dichte Spiel der beiden Hauptdarsteller, Svetlana Sozdateleva als Renata und Boris Statsenko als Ruprecht ist so fesselnd, dass der Betrachter nicht zur Ruhe kommt. Es geht hier Schlag auf Schlag und das Bühnenbild ändert sich mit so rasanter Geschwindigkeit, dass wenig Zeit zum Durchatmen bleibt. Ich will aber auch nicht verhehlen, dass es Szenen an der Grenze des guten Geschmacks gibt, z.B. als Ruprecht den Doktor Agrippa von Nettesheim besucht, während dieser Gehirn am laufenden Band aus offenen Schädeln holen lässt.

Ich war mir zwischendrin nicht sicher, ob ich alle Akte ertragen kann, aber gleichwohl war es so, dass ich meinen Blick auch nicht abwenden konnte.

Leider habe ich die Musik nicht so genießen können, wie ich das sonst gerne tue, denn ich habe sie gar nicht richtig wahrgenommen. So sehr haben mich die Bilder eingenommen. Aber wahrscheinlich genau deshalb kann man auch behaupten, dass sie absolut passend ist und so die Wahrnehmung der Bilder unterstützt. Anscheinend ganz unbewusst.

Ich werde auf jeden Fall noch einmal reingehen, um weitere Details zu entdecken und um mich auf die Musik zu konzentrieren. Meine persönliche Empfehlung zum Schluss: Gehen Sie in dieses Stück, wenn sie entspannt sind und nicht nach einer arbeitsreichen Woche.

Weitere Informationen zu “Der feurige Engel”:
http://operamrhein.de/de_DE/events/repertoire/1010877/opera

Horst Eckert über „Der feurige Engel“

Renata hört Stimmen, Dämonen suchen sie heim. In Hermann glaubte sie, die Verkörperung des von ihr vergötterten Lichtengels gefunden zu haben, doch Hermann hat sie verlassen. Sie erzählt Ruprecht ihre Geschichte, und er verfällt ihr vollständig, obwohl sie ihn am ausgestreckten Arm zappeln lässt. Weil Renata es verlangt, beschäftigt er sich mit Magie, stöbert Hermann auf, duelliert sich mit ihm. Doch die Angebetete stößt Ruprecht immer zurück. Zuletzt will ihr der Inquisitor den Teufel austreiben, aber die Nonnen verfallen Renata und verehren sie als Heilige.

Es geht um Hysterie und dementsprechend siedelt Regisseur Immo Karaman die Handlung in einer Mischung aus Irrenanstalt und Kloster an. Sein Bühnenbild schafft mit rasanten Wechseln magische Orte, inspiriert von Kathedralen und Sektionssälen. Die Musik Prokofjews liefert den nervösen, expressiven Soundtrack, der in einem wüsten Rausch gipfelt. Konsequent ersetzt Karaman den Scheiterhaufen, auf dem Renata zum Schluss verbrannt werden soll, durch eine Elektroschockbehandlung. Ruprecht legt den Hebel um.

Die Komposition und die Leistung aller Beteiligten schaffen einen Abend, der die Sinne überwältigt. Regie und Bühnenbauten haben mich am meisten begeistert. Man müsste die Oper fast ein zweites Mal besuchen, um sich – weil man die Geschichte dann schon kennt – ganz auf die Musik einzulassen. Oder dritte Sinfonie anhören, in der er Teile der Oper wiederverwendet hat.

Weitere Informationen zu “Der feurige Engel”:
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Christian Hein über b.22

Schläpfer_verwundert seyn - zu sehn_04_FOTO_GertWeigeltBallett und zeitgenössische Kunst. So könnte man vielleicht diesen sehr anspruchsvollen bis anstrengenden Ballettabend bezeichnen. Diesmal eine Menüfolge ausschließlich mit „Ballettexperimenten“. Es fehlte die sonst so gelungene Mischung von drei Gängen, die den Abend abwechslungsreich abrunden.

In “verwundert seyn – zu sehn”  spielt  Schläpfer wieder mit der Betrachtung des eigenen Ichs. Man erlebt Wechselbäder von Euphorie und Enttäuschung, zu der teils sehr anstrengend passenden Musik von Franz Liszt und Alexander Skrjabin. Das Bühnenbild, ein projizierter Mond, der unmerklich größer wird, sich zu drehen beginnt und zuletzt in unrhythmisch erscheinen Punkten verabschiedet, passt hervorragend zu der durchlebten Traumnacht.

Das zweite Stück spart sich die Musik, und auch das Bühnenbild.  Auch wenn es wirklich eine beeindruckende Leistung der Tänzer war, den Rhythmus ohne taktgebende Musik zu halten,  fühlt man sich an eine Turnstunde erinnert, bei der die Musik ausgefallen ist. Die Wirkung in Kombination mit einem eher klassischen Stück wäre kontrastreicher und wirkungsvoller ausgefallen.

Das dritte Stück, “ein Wald, ein See” versöhnt und erlöst ein wenig in den Abend. Wunderbare, phantasievolle Kostüme, die ein wenig an „Mad Max“ erinnern, entführen in eine andere Welt.  Insbesondere durch die einfallsreiche Musik von Paul Pavey. Der Musiker, Komponist und Live-Performer steht im Orchestergraben und zaubert Töne und Klänge auf die Bühne, die sich in einen  außerirdischen Gesang steigern, der schließlich nur noch aus Brumm-, Krächtz-, und Gurgellauten besteht. Auch das dritte Stück konnte mich insgesamt nicht überzeugen, insbesondere weil die Spannung nachließ und es nicht enden wollte.

Besonders interessant fand ich die anschließende Scout-Runde, in der sehr konträr und kontrovers diskutiert wurde. Wie unterschiedlich der Abend doch aufgenommen werden kann. Ich war froh, als er vorbei war.

Weitere Informationen zu b.22:
http://operamrhein.de/de_DE/events/repertoire/1010857/ballet

Christina Irrgang und Lucas Croon über b.22

Schläpfer_einWaldeinSee_07_FOTO_gertWeigelt„verwundert seyn – zu sehn“: eine Jagd und Suche nach dem Selbst, nach der Vergangenheit, nach der Zukunft, nach dem Ich – das sich mit jedem Schritt zu verwandeln sucht und dem inneren Begreifen entzieht. Martin Schläpfers neuestes Stück “verwundert seyn – zu sehn” ist ein großer Tanz in drei Akten, der diese Suche und Jagd in höchster Ästhetik pointiert. Es ist ein Tanz zwischen der Liebe, den Geschlechtern, zwischen irdischer und sphärischer Kontingenz. Das Bühnenbild ist dabei minimal und deutet nur einen Raum an, der sich zwischen Nacht, der Grenze des Mondes und dem Ungreifbaren des Alls entfaltet. Der Weg des Protagonisten, getanzt von Marcos Menha, entfaltet sich über die Musik von Alexander Skrjabin und Franz Liszt (gespielt von Denys Proshayev): ein Klang, der das Verführerische und Spröde des Utopischen elegisch unterstreicht und ein fortwährendes Scheitern des Begreifens nahe legt. Und doch bleibt immer wieder die Hoffnung, im Pas de deux mit dem Mann, der Frau, dem Schatten, dem Licht, ja, im verwundert seyn, zu sehn. Schläpfer fügt mit diesem Stück, anknüpfend an einen Text Arthur Schopenhauers, dem inneren Bilde eine weitere Membran des Phantastischen und eine weitere Sehnsucht hinzu: diesen Tanz, dieses “Sehn” immer wieder betrachten zu wollen.

Die Komposition des Abends wird durch “Moves – A Ballet in Silence” von Jerome Robbins bereichert. Das Stück ohne Musik aber mit Klang, der einzig durch die Geräusche der Körper der TänzerInnen erzeugt wird, ist gerahmt von Stille und der Lautlosigkeit der Geste. Die Interaktion von Körpern steht im Vordergrund des 1959 uraufgeführten Stückes, aber auch der Tanz als solches, in puristischer Eleganz. Durch die Wahl der minimalistischen Kostüme ist man fast dazu geneigt, an Minimal Art in der Bildenden Kunst zu denken. Die Grenzen zwischen den Künsten lösen sich in Robbins’ Komposition auf und führen doch ganz nah an den Tanz auf der Bühne, an den Ausdruck der Körper im Raum und ihren Rhythmus heran.

Das Expressive steht schließlich auch im Mittelpunkt der dritten Aufführung, Martin Schläpfers “ein Wald, ein See” (2006). Hier wachsen Tanz, Bühnenbild/Kostüm und die eigens von Paul Pavey komponierte und aufgeführte Musik zusammen. Das Stück berührt das Archaische, es gibt dem Impuls und dem Unbekannten der inneren Landschaften Ort und Namen: Wald und See. Beben und Erschöpfung, Erfahrung und Mystik, der Weg des Wissens und das Unbekannte. Wind, eine Höhle aus Holz, liquide Tiefe, ein metallisches Verebben, Unsagbares. Außer-der Zeit-Sein. Nicht-Gehen-Wollen.

Weitere Informationen zu b.22:
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Rouven Kasten über b.24

Im Rahmen meiner Tätigkeit als Opernscout für die aktuelle Spielzeit der Oper am Rhein, konnte ich mir am Wochenende das Ballett b.24 – Young Soon Hue / Marco Goecke / Amanda Miller ansehen. Die drei kurzweiligen Stücke waren insgesamt ein wirklicher Genuss, die Schildkröte (Lonesome George) allerdings hat mich schier in den Wahnsinn getrieben. Positiv! Das ganze kann ich derzeit als Kulturtipp für die Region uneingeschränkt empfehlen.
Wer mich kennt der weiß ganz genau, wenn es ums Tanzen geht habe ich eigentlich immer was mit dem Knie oder eine Zerrung. Wenn es aber darum geht sich Tanz (speziell in Form eines modernen Balletts) anzusehen geh ich wirklich gern hin. b.24 – Young Soon Hue / Marco Goecke / Amanda Miller führen uns durch einen Abend mit drei ganz unterschiedlichen sehr modernen Formen des Balletts.

Illusion (Uraufführung) – Young Soon Hue
“Geschichten von Menschen, die in anderen, unwirklichen Welten leben, sich ihren Tag- und Nachtträumen, ihren Wünschen, Täuschungen und Selbsttäuschungen hingeben, werden der Choreographin Young Soon Hue zur Ausgangsbasis ihres ersten Stückes für das Ballett am Rhein. Zur Seite steht ihr dabei für den gestalterischen Bereich der renommierte niederländische Bühnen- und Kostümbildner Keso Dekker.”
Ein modernes solides Stück Ballett, schnörkellos mit viel Ästhetik.

Lonesome George (Uraufführung) – Marco Goecke
“Zeitgenössische Tanzuniversen ganz besonderer Art sind die Stücke, mit denen Marco Goecke seit mehr als einem Jahrzehnt sein Publikum immer wieder aufs Neue fasziniert. Wie in einen merkwürdig fiebrigen Zustand, in ein „unentwegtes, fremdartig nervöses Flattern“ versetzt – so Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau – wirken seine Tänzerinnen und Tänzer, und doch ist die Freiheit in der Gestaltung nur Schein: Jeder Schritt, jede noch so schnelle, kleine Bewegung ist genau festgelegt in jener einzigartigen Tanzsprache, die der Tanzkritiker Horst Koegler einmal als „Système Goeckien“ bezeichnete.”
Oder einfacher gesagt, “der Oberkracher”, so etwas habe ich noch nie gesehen. Während ich mich bei Young Soon Hue wirklich anstrengen musste nach einem langen Tag wach zu bleiben, riss es mich hier fast förmlich vom Hocker. Zunächst belächelte ich die Tourette-Artigen Bewegungen was sich aber schnell einstellte und durch einen Adrenalinschub ersetzte. Die Geschwindigkeit der Gliedmaßen aller auf der Bühne anwesenden Tänzer, war pure Energie, freigelassen und umgesetzt in eine bisher unglaublich scheinende Darbietung. Ich bin kläglich gescheitert mit meinen Händen in ähnlicher Geschwindigkeit Bewegungen durchzuführen. Vor diese Leistung habe ich einen riesen Respekt!

Voices Borrowed (Uraufführung) – Amanda Miller
“Sich als zeitgenössischer Künstler bewusst in der Gegenwart zu bewegen und für die Zukunft eine lebendige Geschichte zu erschaffen“, ist die Ursprungsidee der amerikanischen Choreographin Amanda Miller zu ihrer Uraufführung „Voices Borrowed“.
Aus meiner Sicht tänzerisch wieder eher klassisch, zumal auch mit viel Tanz auf den Zehenspitzen. Dennoch auch hier ein kurzweiliges Stück bei dem man die Zeit vergisst und sich am Ende dann doch wundert wie schnell diese scheinbar vergangen ist. Das einzige was mich hier irritierte war der zum Teil hektische Wechsel des Bühnenbild aus unterschiedlichen Achsen. Alles in allem aber vor allem auch hier vom gesamten Ensemble eine tolle Leistung.

Fazit
Das Ensemble des Duisburger bzw. Ballett am Rhein muss sich mit solchen Leistungen wahrlich nicht verstecken. Ein toller Abend mit vielen schönen Eindrücken ganz unterschiedlicher Art. Mein absoluter Kulturtipp als Opernscout für diese Spielzeit.

Weitere Informationen zu b.24:
http://www.operamrhein.de/de_DE/events/repertoire/1010871/ballet