Kitty Görner über “Il barbiere di Siviglia” am 17. März 2012 im Theater Duisburg

Durch die Presse war ich “vorgewarnt”: die Inszenierung des Barbiers sollte mit Insektenfiguren beginnen. Und ich war sehr skeptisch.
Aber dann. Ein hinreißend schönes erstes Bühnenbild, eine überdimensionale bühnenfüllende weiße Trompetenblüte, neben der die darstellenden Menschen tatsächlich Insektengröße bekamen. Einfallsreiche Kostüme als charakterlich passende Verkleidungen für die handelnden Personen: der intrigante Onkel, Doktor Bartolo, als Spinne, die von allen begehrte Rosina als strahlender Schmetterling, Figaro als wendige Fliege, die Haushälterin Berta als Schnecke, der verliebte Graf Almaviva als dicke Hummel, und der Chor als Ameisen, die nicht still stehen konnten…
Und tatsächlich, wenn man den Text betrachtet, legt er die Interpretation des Insektenreichs sogar nahe: immer wieder kommen Worte vor wie krabbeln, hüpfen, kribbeln. Und treffend auch, da es ja um nichts anderes als Balz geht.

Besonders gut hat mir José Manuel Zapata gefallen, da er leichtfüßig und mit großem komischen Talent seine Rolle des Almaviva spielte. Sein Humor sorgte mitunter für Stilbruch im Stilbruch: ein Ständchen für Rosina bringend, intonierte er “Besame mucho”, das er beendete mit ein paar Takten aus der Biene Maja, was für viel Gelächter sorgte. Aber auch die Flamenco-Einlage von Figaro (Laimonas Pautienius) war überraschend und ein wunderbarer Stilbruch.
Insgesamt war von allen Sängern eine hohe schauspielerische Leistung gefragt und auch zu sehen.  Die Philharmoniker spielten sehr weich, jenseits jeder Kritik in überragender Qualität.
Eine sehr gelungene Inszenierung, die durch Spielfreude und Witz der Darsteller ein großes Vergnügen ist. Hingehen!! Ansehen!!

Marianne Lürzel zu “Il barbiere di Siviglia” am 17. März 2012 im Theater Duisburg

Die „WAZ“ hatte im Vorfeld angekündigt in der aktuellen Inszenierung spiele  „Figaro“ in einer Tier-bzw. Insektenwelt. Erst einmal muss  ich mich mit dieser Vorstellung anfreunden.
Auf Grund des bezaubernden Bühnenbildes und der  fantasie- und prachtvoll gestalteten Tierkostüme gelingt das sehr schnell. Vor einer riesigen, wunderschönen  Blüte agieren Figaro mit durchscheinenden Flügeln  als Florfliege,  Graf Almaviva als knuffig-rundliche  Biene, Rosina als sich puppender Schmetterling.  Und dann ist da auch noch Berta als Schnecke mit großem Haus auf dem Rücken.
Figaro hat alle Fäden in der Hand und berät Graf Almaviva in Sachen Eroberung. Die dezent angedeutete Homosexualität des Figaro ist in diesem Kontext  sinnvoll. Warum sonst sollte er (optisch viel attraktiver als Graf Almaviva) selbstlos auf die schöne und reiche Rosina verzichten?!
Es ist eine bunte Show, die da geboten wird, basierend auf einer originellen Idee. Die Sänger  sind mit großem Spaß bei der Sache und das Publikum geht freudig mit.

Gerne wäre ich noch in dieser Märchen-Tierwelt geblieben, aber der Bruch ist wohl dramaturgisch nötig. Die Insekten werden mit einer übergroßen Spraydose vernichtet und so finde ich mich im 2. Akt  bei menschlichen Wesen und einer kalten, glatten Wand mit oft genutzter  Drehtür  wieder.  Es folgen die in Opern oft üblichen Verwechslungen und Wirren,  unterhaltsam und spaßig. Am Schluss haben sich die Menschen  wieder in Tiere zurückverwandelt, die  Richtigen finden sich, und außer Doktor Bartolo sind alle glücklich. Das Publikum auch, denn auch Orchester und Sänger konnten überzeugen.
Es war ein unterhaltsamer und netter Abend.

Gil Shacher über “Die Nachtigall” am 2. Februar 2012 im Theater Duisburg

Die Strawinsky Oper „Die Nachtigall“ besteht für mich aus zwei Ebenen: Die obere Ebene kennzeichnet die Oper mit der  Adaption von Hans Christian Andersens Nachtigall-Märchen  ein Unterhaltungsstück, das auch für Kinder bestens geeignet ist, weil es in eine Wunderwelt des Fantastischen führt. Das zeigt die Aufführung in Duisburg sehr eindrucksvoll. An dieser Stelle ein großes Lob für alle Beteiligten, sowohl für die hervorragenden Sänger, wie für das überaus fantasievolle Bühnenbild und die Kostüme, für die faszinierende Inszenierung und das sehr gut agierende Orchester.  Tatsächlich waren die anwesenden Kindern so von der Handlung fasziniert, dass sie das Geschehen äußerst angeregt verfolgt haben, obwohl ihre Sehgewohnheiten durch Internet, Computerspiele und Fernsehen geprägt ist.
Darüberhinaus aber wird klar, die Kurzoper enthält eine unglaubliche  Tiefendimension, die die Kraft der Musik darstellt, die den Tod besiegen kann, wie schon in der Geschichte von Orpheus.

Meine Vermutung ist, dass Strawinsky aus diesem Grund den Andersen-Text als Grundlage für seine Oper ausgesucht hat, da er an diesen Mythos anknüpfen wollte. Es ist bekannt, dass die Orpheus-Erzählung bereits im Barock als Vorbild für die ersten Opern der Musikgeschichte diente. Jacopo Peri, Giuilo Caccini und Claudio Monteverdi nahmen sich nicht zufällig dieser alten Sage an, die als ein Symbol für den damals neuen musikalischen Aufbruch empfunden wurde. Strawinsky, der die alten Meister kannte und einstudierte, war sich bewusst, dass auch er mit seiner musikalischen Sprache Neuland betritt. So hat Strawinsky eine ganz raffinierte Konstellation geschaffen, indem er die Kinder für progressive und komplexe Musik, die normalerweise nicht als typische Kindermusik gilt, begeistert. Einen großen Anteil daran hatte auch diese gelungene Aufführung.

Uschi Dommen über “Il barbiere di Siviglia” am 17. März 2012 im Theater Duisburg

Welch herrliche Idee diese komische Oper als Parabel zu inszenieren: voller Inspiration, berauschend, fantasievoll, modern, Musical ähnlich, gut geeignet auch für ein ganz junges Publikum, märchenhaft, scheinbar mühelos leicht, sinnlich, unserer Zerstreuung dienend.

Graf Almaviva als liebestolle Hummel, der Barbier, eine überall Spuren hinterlassende Fliege, Rosina, ein traumhaft schöner rosa-pinkfarbener Schmetterling, wunderbar witzig die Ameisen, einfallsreich Grashüpfer, Schnecke und Spinne. Künstlerisch, zauberhaft, voller Magie die Zeichnung aller Figuren.

Großes Lob für Kostüme, Bühnenbild und Beleuchtung fulminant geglückt bis ins kleinste Detail. Die Farben waren klar. Die Riesenblume wunderschön, naiv, aber nicht einfach, bei wechselndem Licht immer wieder neu erfunden. Im 2. Akt dann eine überdimensionierte Insektenspraydose im Pop-Art-Look, die die Käfer totsprüht und sie wieder menschlich werden läßt, grandios.

Die junge Wienerin, Stephanie Atanasov gab eine tolle „Rosina“ mit großartiger Stimme, wunderschön mit toller Figur und herrlichen Beinen, mit umwerfend positiver Wirkung und Präsens. Wir werden später sagen können, ihre Weltkarriere hat in Duisburg begonnen.
Besonders hervorzuheben ist die schauspielerische Begabung aller Akteure, die mit sichtlichem Vergnügen, fast übermütig, launig heiter und sinnesfroh, mit Leidenschaft und Wonne eine ansteckend lustvoll vergnügliche Atmosphäre ins Theater zauberten.

Die fast 200 Jahre alte Komposition in nur 26 Tagen fertiggestellt bekannt; dynamisch, rasant schnell, sich unaufhaltsam wellenartig steigernd, temperamentvoll, einem Feuerwerk gleich, elektrisierend, zeitlos modern von schwungvoller Leichtigkeit.
Beim atemlosen Zuhören hat man den Eindruck, dass auch Rossini beim Komponieren nicht zum Luft holen gekommen ist. Die unverwechselbar geniale Musik Rossinis von unseren DU-Philharmonikern absolut perfekt umgesetzt. Mit großer Vitalität, virtuos, mit  überschäumender Lust und Spielfreude auf die 100stel Sekunde präzise und präsent gespielt. Überragend, Weltklasse! Unsere Musiker haben meine höchste Hochachtung und Bewunderung!

Ein köstlicher Abend herzerfrischend, humorig, absurd, gute Laune verbreitend, magisch, zum Sattsehen. Ein außergewöhnliches Amusement: skurril, grotesk, burlesk, gelungen, rund. 3 Stunden wie im Fluge vorbei.
Fröhlich, beschwingt und hellwach gehe ich nach Hause. Kommen Sie, lassen auch Sie sich erfrischen und zerstreuen. Oper macht süchtig!

 

Uschi Dommen über “Die Nachtigall” am 2. Februar 2012 im Theater Duisburg

Das Kinderpublikum gebannt, gespannt. Das Bühnenbild fantasievoll, farbig, fantastisch. Die Stimme der Nachtigall überragend, große Klasse. Die Geschichte ist bereits durch die Gebrüder Grimm bekannt, übertitelt zum Mitlesen.
Die Musik Strawinskys war nicht immer unterstützend und harmonisch zu Gesang und Bild, somit für mein Ohr gewöhnungsbedürftig, schwierig, ungewöhnlich, dennoch traf sie mein Herz.
Ein großartiger Abend außergewöhnlich schön und besonders bemerkenswert, dass bei kindgerechter Kürze von 50 Minuten große Oper geboten wurde, für unser Publikum von morgen.

Kai Gottlob über “Il barbiere di Siviglia” am 17. März 2012 im Theater Duisburg

Die Insekten von Sevilla

Nein, eigentlich bin ich kein Purist in Sachen Kultur – literarische oder filmische Stoffe kann man wunderbar durch Zeit und Raum wandern lassen. In puncto Operninszenierung fühle ich mich allerdings eher als Traditionalist. Historische wünsche ich mir in ihrem authentischen Ambiente. So habe ich es leichter, gedanklich in ihre Zeit zu reisen, ihre Figuren zu verstehen, Komposition und Buch näher zu kommen. Unkonventionelle Inszenierungen begeben sich auf eine riskante Gratwanderung zwischen neuem Ambiente und oft Jahrhunderte alter Musik. Das Wagnis ging auch Claus Guth mit seiner bereits hoch gelobten „Insekten-Inszenierung“ von „Il barbiere di Siviglia“ ein.

Ich hatte es dabei schwer, vor allem im ersten Akt, der mir trotz aller Farbigkeit im Bühnenbild des Öfteren die Grenze zum Klamauk überschritt. Gut, dass die Duisburger Premiere im Gesang trefflich besetzt war und die Duisburger Philharmoniker für Rossinis Musik ein pulsierender Atem waren, der die Zuschauer leicht über die drei Stunden trug. Der Wechsel des Decors mit Beginn des zweiten Aktes überraschte und gefiel mir auf Anhieb. Das spartanische Bühnenbild ging eine deutlich bessere Symbiose mit den ja größtenteils bekannten Klangwelten ein. Ein mutiger Bruch des Regisseurs, der meine bisherige Sichtweise schon ein wenig verändert hat. Jetzt könnte ich mir doch vorstellen, mir auch die nächste Inszenierung von Claus Guth anzuschauen.

 

Dr. Joachim Ludwig über “Il barbiere di Siviglia” am 17. März 2012 im Theater Duisburg

Schon die Ouvertüre zum ” Barbier” von Giacchino Rossini erinnert an eine sommerliche Blumenwiese mit einer reichen Insektenwelt. Auch im Libretto von C. Sterbini kommen Falter und Spinnen vor. Dies hat den Regisseur Claus Guth inspiriert bei den Grundbedürfnissen wie Paarung  und Ernährung ein paralleles Verhalten von Insekten und Menschen aufzuzeigen. Äußerst unterhaltsam werden phantasievolle und farbenprächtige Kostüme und blumige Bühnenbilder (Christian Schmidt) geschaffen. Immer wieder ist es spannend zu sehen, welche neuen Kreaturen wie Schnecken, Spinnen, Käfer, Hummeln, Fliegen und Falter auftauchen. Durch einen Riesigen Insektenspray wird nach der Pause die Konstellation auf die Menschen zurückgeführt. Immer wieder wird durch Videoprojektionen und Kostümdetails auf die tierische Basis zurückverwiesen -ein sehr schlüssiger Aspekt. Temporeich und wunderbar genau spielen die Duisburger Philharmoniker unter der Leitung von Giuliano Betta. Das sehr spielfreudige Gesangsensemble ist durchweg erstklassig. Der Litauer Laimonas Pautienius überzeugt in seinem Rollendebüt als Figaro – auch Stephanie Atanasov als Rosina begeistert. Eine sehr kurzweilige Opernkomödie zur spritzigen Musik von Rossini – auch für jüngere Opernfans bestens geeignet.

Dr. Vera Krone über “Il barbiere di Siviglia” am 17. März 2012 im Theater Duisburg

So gut gelaunt bin ich bisher noch aus keiner Opernaufführung gekommen! Und dabei war ich sehr skeptisch, als ich hörte, dass die Oper in der Welt der Insekten spielen würde…
Der Auftritt des Grafen Almaviva im Hummel-Kostüm zu Beginn des 1. Aktes führt ersteimal zu Gelächter im Publikum. Der Figaro als Fliege im Lederanzug mit zweifarbiger 80er-Jahre-Frisur entspricht auch nicht dem, was man in der Oper erwartet. Es gibt zu Beginn einige Stellen, die zwar wirklich lustig sind (Graf Almaviva singt z.B. italienischen Schlager und “Biene Maja”), mich aber befürchten lassen, die Aufführung könnte in Richtung Slapstick abrutschen. Tut sie aber zum Glück nicht!
Die Kostüme sind wunderbar, und die jeweilige Insekten-Figur passt recht schlüssig zum jeweiligen Charakter. Doktor Bartolo als Spinne, die die schöne Rosina (Schmetterling) in ihrem Netz gefangen hält, der Figaro als ständig herumschwirrende Fliege, die Soldaten als Ameisen…. Mir gefällt die Idee nach kurzer Zeit wirklich gut!
Davon abgesehen ist die Musik mitreißend, sirrend, flirrend – kein Wunder, dass der Figaro so manchen Tanzschritt hinlegt. Die Duisburger Philharmoniker überzeugen sehr. Und die Sänger begeistern an diesem Abend ebenso.
Die Insekten-Ebene wird mit dem Ende des 1. Aktes mit Hilfe einer riesigen Dosen Insektenspray verlassen, im 2. Akt agieren die Figuren dann als Menschen. Es ist durchaus wohltuend, dass Kostüme und Bühnenbild nach all den Eindrücken im ersten Teil reduzierter sind. Gegen Ende wird das Insektenmotiv wieder aufgenommen, diesmal nur aber angedeutet mit Flügeln oder Bienen-Ringelpulli.
Den Kampf zweier ” Männchen” um ein ” Weibchen” zumindest in Teilen der Oper ins Tierreich zu verlegen, dazu ins Insektenreich, dessen Geräusche sich durchaus in der Musik wiederfinden, erscheint mir am Ende des Abends als gelungen Idee. Das Konzept polarisiert, und es wird sicherlich Zuschauer geben, die sich klassische Kostüme gewünscht hätten. Ich kann diese Operninszenierung jedoch uneingeschränkt empfehlen und denke, dass sie sicherlich auch das jüngere Publikum ansprechen wird.

 

Dr. Katja Pivit über “Die Nachtigall” am 2. Februar 2012 im Theater Duisburg

Ein Märchen von Hans Christian Andersen
begleitet durch die Komposition von Igor Strawinsky

Es war ein besonderes Ereignis für mich, da ich bisher noch nie eine Kinderoper besucht habe. Ich war sehr gespannt auf die Atmosphäre im so jungen Publikum und hatte kindliche Reaktionen des Staunens, der Berührung und des Gespannt seins erwartet. Die Stimmung war jedoch eher von der Ruhe der hohen Konzentration aller Besucher geprägt.
Im Vordergrund stand für mich das wunderbare Bühnenbild . Es war bunt, symbolisch, metaphorisch, orientalisch, opulent. Es bot eine Fülle visueller Eindrücke, die erstaunlicherweise nicht verwirrten, sondern geordnet erschienen. Es hat mich an einen Korb voller bunter, süßer Köstlichkeiten erinnert, der jedes Kinderauge erstrahlen  lassen würde.
Diese Aufführung war eine Laudatio an den Gesang, der es vermag den Tag zu beginnen, die Welt aus dem Schlaf zu wecken, der Natur Leben einzuhauchen, von Machtgier gefangene Herzen zu erweichen, den Tod zu besänftigen, Trauer und Leblosigkeit in Freude und Bewegung zu verwandeln. Der Gesang der Nachtigall vermag all dies und die künstlerische Besetzung dieser Rolle hat ihre Aufgabe als Botschafterin des Gesangs würdig und überzeugend vermittelt.
Diese Oper war auch eine Laudatio an die kleinen Dinge des Lebens die von Herzen kommen, und nur vom Herzen gesehen und gehört werden können, und sei es ein kleiner unscheinbarer, grauer Vogel.
Diese Aufführung war sicherlich für alle kleinen Besucher eine gelungene Abwechslung zur Spielkonsole, zum Comic Heft und vor allem zu Schularbeiten.
Eine gelungene Entführung in eine Fabelwelt für die ganze Familie.

Kitty Görner über “Die Nachtigall” am 2. Februar 2012 im Theater Duisburg

Eine kleine und kurze Strawinsky-Oper, nach dem Märchen von Hans Christian Andersen, angekündigt für Kinder ab sechs Jahren und junges Publikum.
Ich hatte einen Tag vorher mehr durch Zufall an einer Bühnenführung teilgenommen und da im Keller den Bühnenaufbau des ersten Aktes, den Dschungel, gesehen. Ihn jetzt belebt, beleuchtet und bespielt zu erleben war toll. (Überhaupt ist eine Bühnenführung sehr empfehlenswert!!) Die Bühne wie auch die Kostüme (beides von Tatjana Ivschina) waren sehr bunt und einfallsreich… alleine die Rutsche, die die zwei Bühnenebenen miteinander verband! Fast wollte man mitspielen, mitrutschen und verstecken spielen.
Leider war in meinen Augen allerdings die sonstige Verarbeitung des Stoffes nicht sehr kindgerecht. Bepackt mit Symbolik und befrachtet mit visuellen Nebenhandlungen fiel es manches Mal schwer, der Handlung zu folgen. Hinter mir saß ein mir fremdes Kind, das ich von Zeit zu Zeit leise fragen hörte: ist das der Kaiser? und wer ist das jetzt? und wo ist die Nachtigall???
Die Inszenierung war interessant, bunt und schön, aber durch die Vielfalt der “Action” nur sehr bedingt geeignet für junge, vielleicht unerfahrene Operngänger. Oder unterschätze ich die Kinder von heute??

 

Özlem Yalinci über “Die Nachtigall” am 3. Februar 2012 im Theater Duisburg

Märchenhaft schön wird in bunten Bildern die Geschichte um die Nachtigall und den Kaiser von China erzählt. Farbenprächtige Bühnenbilder reihen sich aneinander und sorgen für Spannung. Schon der Anfang dieser Märchenoper wird überwältigend aufwendig mit einem tollen Bühnenbild, einem Wald, dargestellt. Die große chinesische Kaiserstadt des zweiten Aktes wird durch herabgelassene Lichtschriftzüge typisch chinesisch kunterbunt und grell gezeigt. Auch der dritte Akt, in dem der Kaiser den Tod und seine Geistern fürchten muss, ist sehr gelungen und überzeugend dargestellt. Auch die chinesischen Kostüme und Masken sind faszinierend.
Ein besonderes Detail sind die japanischen Boten. Mit ihren witzigen, modernen Frisuren heben sich deutlich von der traditionellen Kostümierung der Chinesen ab. Dazu passt ebenfalls die künstliche Nachtigall, die als goldener Fernseher dargestellt, dem Kaiser als Geschenk gereicht wird. Die Musik ist toll und wird vom schönen Gesang der Nachtigall abgerundet.
Alles in allem wird die Oper auf der Grundlage der Geschichte  Hans Christian Andersens nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene sehr ansprechend gespielt. Ich kann diese Oper für alle Sinne nur wärmstens weiterempfehlen.

 

Eckart Pressler über “Die Nachtigall” am 3. Februar 2012 im Theater Duisburg

Als Strawinsky diese Oper komponierte, da gab es sie noch in Deutschland, Russland, Japan und in China: die Kaisers. Besonders glücklich schienen sie nirgends gewesen zu sein. Schon bei Richard Strauß war die Kaiserin eine unglückliche „Frau ohne Schatten“, deren Kaiser-Mann gar zu versteinern drohte. Und Strawinsky ließ gemäß dem Märchen „Die Nachtigall“ von Hans Christian Andersen seinen Kaiser in eiskalten Todesschlaf versinken, denn er und sein Reich erstarben in schrecklichem Alltagsgrau, Langeweile und Perspektivlosigkeit.*) In beiden Opern weiß das einfache Volk einen Ausweg. So war es auch in echt, sprich in der Geschichte. Was darüber ist, das ist Märchen. Und das wird in der Inszenierung im Duisburger Haus der Oper am Rhein in einem hinreißenden Rausch von Bildern erzählt, dass man schon fast an Märchen glauben mag. Alle Mittel der Bühnentechnik und -illusion fließen zusammen zu einem prächtigen Farbenspiel, zu einem Spiel von Allegorien und Fantasien, Anspielungen und Zitaten. Alles ordentlich mit deftigen Kontrasten geordnet nach Gut und Böse, anmutig und tölpelhaft, tropischer Wärme und fernöstlichem Frost – sonst wär’s ja kein Märchen. Und so kann jeder die Botschaft verstehen. Der übergroße Kaiser, diese Machtpuppe, kann durch die gute Fee in Form der wunderschönen Nachtigall und ihrem alles verzaubernden Gesanges aus seiner Erstarrung eine Erlösung finden. Freilich nur zu Tränen gerührt, das Märchen verrät nicht, ob auch Erkenntnis folgte. Das ist sehr klug, weil somit die Erkenntnis der Zuschauer zu ziehen hat. Und ihm bleibt die kindliche Freude an all dem gebotenen Zauber, der die Bühne und den Zuschauerraum füllt.

Mal ehrlich: im Vergleich dazu ist eine Reise ins Disney-Märchenland nach Orlando oder Paris sein Geld nicht wert. Also besser rein in die 901 und diese Oper anschauen. Vorteilhaft ist die Kürze der Inszenierung von 50 Minuten. Die Einführung sollten die Eltern mit ihren Kids unbedingt besuchen. Denn eine Kinderoper ist „Die Nachtigall“ nicht. Dazu fehlt es an Elementen zum Mitmachen. Leider sind auch die Übertitel-Texte nicht einfach zu verstehen. Musikalisch hat mich Strawinsky nicht überzeugen können. Dafür aber natürlich wie immer die Duisburger Philharmoniker. Und auch die Stimmen: allen voran betörte die Nachtigall. Wann nur habe ich zuletzt eine in freier Natur gehört?

*) Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden Personen und Gegebenheiten in Duisburg ist nicht garantiert beabsichtigt….

Eckart Pressler zu b.07 am 14. Dezember 2011 im Theater Duisburg

Es ist nun höchste Zeit die Vorurteile zu revidieren, die mich durch die ersten Ballettabende meines Scout-Abenteuers begleiteten. Dieses Mal ein unerwarteter, aufregender Abend, der zeigt, wie vielfältig und anmachend Ballett sein kann!!! Dabei ist erstaunlich, wie jedes Choreographen Handschrift – oder muss man nicht besser Fußschrift sagen? – die verschiedenen Stücke in der ihnen eigenen Weise prägen, obwohl sie doch von einem Ensemble unter einer Leitung präsentiert werden. Uniformität und Langeweile haben da keinerlei Platz auf der Bühne.

Eine größere Spannweite des Ausdrucks und der tänzerischen Anforderung an einem Abend kann man sich wohl kaum vorstellen: zunächst bei Hans van Manens intellektuell-tänzerischer Durchleuchtung einer Alltagsszene von Stereotypie, mit Marionetten oder Maschinenmenschen – bis einem der Akteure buchstäblich der Kragen platzt, der seine Uniform ablegt und aus der Reihe tanzt. Das ist nun nicht gerade eine anspruchsvolle Dramaturgie, verlangt aber ein äußerstes Maß an Perfektion und Hingabe in ein Gruppenritual. Das Staunen und der Beifall für diese Darbietung sind groß.

Durch Regina van Berkels  „Frozen Echo“ fühlte ich mich wie hineingesogen in Traumbilder von großer Intensität, Farbe und Bezug zu eigenem inneren Sehen. Salvador Dali konnte kaum anschaulicher Surreales und Konkretes in einem Bild zusammenführen. Vorherrschend waren hier fließende und gleitende Bewegung, die unerwartet zu reliefartigen Bildern erstarrten, kalt, statisch und doch irgendwie einbrennend in die Netzhaut. Das berührte mich heftig, weil die Motorik, die groteske Installation und die Ausleuchtung der Szenen zwischen krass und weichzeichnend verwandt ist mit der Traumarbeit so mancher Nacht. Da kommt Phantasie ins Spiel und die eigene Lust am Deuten.

Am Ende des Abends – zum Glück gibt es zwischen jedem der Stücke eine Pause zum Verarbeiten – dann das ganz andere Programm: Robert Schumanns Rheinische Symphonie, strahlend optimistisch wie auch mit den Stimmungen von zerrissener Betrübtheit durchgearbeitet. Glück und Unglück des Komponisten werden anschaulich und hörbar. Es ist großartig, wie eng beieinander Tanz und Orchester sind, ein Fest für die Sinne. Ehrlich gesagt: eine solche Sinnlichkeit habe ich von Ballettdirektor Schläpfer nicht erwartet. Ich freue mich nun zum ersten Mal richtig auf den nächsten Tanzabend.

Dr. Vera Krone über b.07 am 14. Dezember 2011 im Theater Duisburg

Ich gehe ja bisher wesentlich lieber in die Oper als ins Ballett, aber dieser Abend war schöner als so manche Oper!

Der erste Teil “Compositie” hat mir gut gefallen, sowohl die Musik als auch die tänzerische Leistung. Am meisten hat mich aber der mittlere Teil, “Frozen Echo” von Regina van Berkel, gefangen genommen. Die Bühne ein großer heller Raum, darin schwebend eine Art riesige Wirbelsäule, ausgehöhlte Computermonitore als Wirbelkörper, die mit den eingebauten Leuchtmitteln für immer wieder neue Stimmungen sorgen. Überhaupt ist die Lichttechnik großartig und besser als jedes aufwändige Bühnenbild! Den Tanz zu beschreiben, fällt mir nicht leicht – es finden zum Teil gleichzeitig so viele Dinge an verschiedenen Stellen der Bühne statt, dass man sich kaum entscheiden kann, wo man hinsehen soll. Ich genieße sowohl all die visuellen Eindrücke als auch die Musik der Duisburger Philharmoniker.
Der letzte Teil, die Schumann Tänze von Martin Schläpfer, waren für meine Begleiterin der Höhepunkt, mich hat er nicht so begeistert wie “Frozen Echo”.
Mein Fazit: Es war wirklich ein Genuss, und kurzweilig noch dazu. Sehr empfehlenswert.

Uschi Dommen über b.07 am 14. Dezember 2011 im Theater Duisburg

Ein schöner, stimmiger, stimmungsvoller Abend. 3 Bilder, 3 Choreographien, 3 sehr unterschiedliche Musikstücke, insgesamt rund, wunderbar ausgewählt und genußvoll für den Zuschauer.
Unsere Duisburger Philharmoniker unter dem Dirigat von Frau Catharine Rückwardt wie immer großartig. Ihre große Spielfreude und ansteckende Begeisterung trifft die Herzen des Publikums.
Die tänzerische Leistung unserer Ballettsolisten ist von allerhöchstem Niveau. Am liebsten würde ich sie durch die ganze Welt schicken, von Shanghai über Dubai bis New York, um Werbung für unsere Mercatorstadt Duisburg zu machen.
Zur guten Stimmung trägt vor allem das Licht bei. Freundlich und hell im 1. Bild, ausdrucksvoll und vielschichtig in der 2. Teil und wunderbare Winterstimmung verbreitend im 3. Tanz.

“Compositie” Choreographie von Hans van Manen

Ist das scheinbar Einfache nicht oft das Allerschwierigste? Sparsam, klar, puristisch rein die Choreographie von Hans van Manen. Seine symmetrischen Doppellungen spannend, erotisch aufgeladen, erzählen von der Zwanghaftigkeit in einer Gruppe bis zu seiner Auflösung, dem Kampf um Eigenleben und Eigenständigkeit.
Kam man gehetzt unter Termindruck ins Theater, hatte man hier die Möglichkeit herunterzukommen, anzukommen und sich zu beruhigen. Großen Dank diesem Beginn!

„Frozen Echo“ Choreographie von Regina van Berkel

Das 2. Bild war außergewöhnlich, surrealistisch, konstruktivistisch, vielschichtig, märchenhaft, voller Poesie und Energie, verrückt, sinnlich, ausdrucksstark, fulminant, fantastisch, komplex. Es hat ein bißchen was von Zirkus und Jahrmarkt einerseits und großem Stummfilmkino andererseits.
Ergibt dies alles einen Sinn? Eine Antwort auf Sinnhaftigkeit ist für mich nicht zu finden. Ist es gar sinnlos oder Unsinn? Ich schalte meinen Verstand aus, lasse mir den Bauch kitzeln, mein Herz frohlocken, staune und erfreue mich an dem geplanten scheinbaren Chaos. Es ist auf jeden Fall höchst vergnüglich und Aufsehen erregend.
Verzaubert uns Alice aus dem Wunderland? Gibt es womöglich ein Schneewittchen, das nicht nur die 7 Zwerge einzuwickeln weiß? Läßt Rapunzel ihr Haar nicht herab, sondern steht es ihr zu einem Haarkunstwerk in schwindelerregender Höhe zu Berge? Körperskulpturen formen Bilder zwischen Bewegung und Starre, Gemälde gleich.
Die innovative und aufregende Musik. Den Philharmonikern macht es sichtlich einen Riesenspaß auch einmal seltener gespielte Instrument zu benutzen.
Und dann die Lichtskulptur von Dietmar Janeck. Die Wirbelsäule eines Sauriers aus alten Computerbildschirmen darzustellen, eine tolle, bewundernswerte, geniale Idee! Und das Licht hell und heller, wunderschön. Die so entstehenden scherenschnittartigen Schattenbilder ein weiterer Hochgenuss.

„Robert Schumann Tänze“ Choreographie von  Martin Schläpfer

Die Musik bekannt und daher so herzlich und freudig willkommen wie das Wiedersehen mit alten Freunden.
Die graublaue Farbigkeit von Bild, Bühne, Licht und Kostümen, an Wintertage erinnernd, kühl und warm zugleich, ergeben eine wunderbare, stimmungsvolle Harmonie, ausgleichend, beruhigend, poetisch. Diese Reduktion richtet den Focus konzentriert auf den Tanz und die Musik voller Leidenschaft. Martin Schläpfer macht das Zweifeln der Figuren am Leben, an der Liebe, der Zweisamkeit und der Einsamkeit sichtbar.

Ein wunderbarer Abend. Ich lerne, immer offener zu werden für Neues und Dinge auf mich wirken zu lassen. Beschwingt gehe ich nach Hause.

Dr. Joachim Ludwig über b.07 am 14. Dezember 2011 im Theater Duisburg

Die Duisburger Fassung von b.07 ist ganz nah am Ideal eines modernen Ballettabends. Es beginnt mit “Compositie” (1994) einem Meisterwerk von Hans van Manen (NDT / Duisburger Musikpreis 2004), einem der großen Vorbilder Martin Schläpfers. Zu den Minimalisten Klavierkonzerten von John Adams/Morton Feldman tanzen um zwei quadratische Tische Zwei Gruppen von Tänzer/innen in einer Doppelung völlig synchron. Plötzlich löst sich ein Paar, streift Teile der Kleidung ab und beginnt einen „Pas de deux“. Zum Ende löst sich eine weitere Tänzerin aus den Zwängen der Gruppe und sucht einen Partner, bleibt aber allein. Wunderbar sind auch Licht und Kostüme Von Keso Dekker.
Es folgt eine visuell und in Bewegungen überbordende neue Choreographie “Frozen Echo” der Niederländerin Regina an Berkel. Die Musik ihres Landsmannes Theo Verbey reicht von minimalistisch bis zu Filmmusik. Alte, aneinandergereihte Computerbildschirme erinnern an ein Dino-Wirbelsäule und ändern wie Scheinwerfer die Farbstimmungen (Lob an Dietmar Janeck). Die Fülle an surreale Figuren – Frau mit Sturmfrisur, Weißes Schleppenkleid über einem Lichtschacht, Projektion auf weißes enges Kleid- machen es dem Betrachter schwer sich auf einzelne Details zu konzentrieren.
Einzelheiten in der Choreographie, sowie Bühnenbild und Kostüm der „Robert Schumann Tänze“ wurden von Martin Schläpfer vor der Duisburger Premiere noch einmal modifiziert. Biographische Bezüge zu Robert und Clara Schumann, sowie zu Johannes Brahms sind auch durch die schlichten Kostüme nur angedeutet und unterstützen die Visualisierung der wunderschönen Musik. Die phantastische Duisburger Fassung wird Bestand haben. Die Amerikanerin Catherine Rückwardt, die lange Zeit mit Martin Schläpfer in Mainz arbeitete, leitete die präzise und beschwingt aufspielende Duisburger Philharmoniker, sowie Dirk Wedmann (Klavier) in für die Tänzer-/innen optimalen Form. Unbedingt hingehen!

Dr. Katja Pivit über b.07 am 14. Dezember 2011 im Theater Duisburg

Uns erwarteten drei Aufführungen, im Vergleich zueinander sehr unterschiedlich, aber jede in sich und miteinander sehr stimmig.

Der Abend begann mit einer Choreografie von Hans van Manen, genannt „Compositie“. Das minimalistische Bühnenbild zeigte zwei Tische und zwei Tanzgruppen, die  wie ein Spiegelbild zueinander wirkten. Der Tanz entwickelte sich in einem Rahmen der Struktur, Ordnung und fast schon Zwanghaftigkeit , der in weiterem Sinne sogar Fremdbestimmung, ausdrückte. Der versuchte Ausbruch eines Tänzers verlief eher hintergründig . Ein Gefühl der Enge und Beklemmung machte sich breit.
Es folgte die Choreografie von Regina van Berkel, genannt „Frozen Echo“. Eine sehr imposante, surrealistische Aufführung, eingebettet in einem sehr üppigen, von bedeutsamen Lichteffekten geprägtes Bühnenbild. Die fast beklemmende ,starre Ordnung aus dem ersten Bühnenbild schien sich vollständig aufzulösen. Sehr ausdrucksstarke Kostüme , im Vergleich zu der eher schlichten Bekleidung im ersten Stück, lenkten unsere Blicke in alle Richtungen des sehr unruhigen, scheinbar willkürlichen Tanzes. Hätte sich mir dieses Bühnenbild im Traum gezeigt, würde ich es als  Aufruhr meines Unterbewusstseins interpretieren, als Auflösen oder Schmelzen des zu Eis erstarrten Echos  meines Innersten. Sehr gelungen war die musikalische Interpretation der Duisburger Philharmoniker hierzu.
Es folgt die Choreaografie von Martin Schläpfer, die für mein Empfinden, seine ganz individuelle Art von Liebenswürdigkeit zum Ausdruck brachte. Zur Musik von Robert Schumann wurde auf sehr harmonische Weise, zum Teil mit klassischen Tanzelementen, die Liebe zum Detail, zur Perfektion, aber auch die Liebe zu sich selbst und zueinander dargestellt. Das Bühnenbild erinnerte mich an einen Elfenwald.
Ich verließ den Saal mit dem wohligen Gefühl, dass sich der Kreis geschlossen hat. Dieser Abend war im wahrsten Sinne des Wortes ein Augenschmaus.

Özlem Yalinci über b.07 am 14. Dezember 2011 im Theater Duisburg

Die Ballettpremiere b.07 in Duisburg hat mir persönlich sehr gut gefallen.

Das erste Stück “Compositie” von Hans von Manen hat mich sowohl vom tänzerischen, als auch vom musikalischen angesprochen. Die Bühne, Tanz und Kostüme wurden sehr schlicht und einfach gehalten trotzdem – oder gerade deswegen – war der Ausbruch aus der Konformität, was das Stück für mich symbolisierte, sehr ausdrucksstark und beeindruckend. Die Bühne kam mit zwei Tischen und acht Hockern aus, unterstützte den spartanischen Tanz und verstärkte so den Fokus auf die Tänzer.

Das zweite Stück “Frozen Echo” choreographiert von Regina van Berkel war das genaue Gegenteil zu dem ersten Teil. Mit den vielen Bewegungen, Tänzen und Personen auf der Bühne entstand eine Explosion an vielfältigen  Eindrücken. Die Tänze wirkten unglaublich ästhetisch und lebendig und harmonierten sehr gut mit den passenden Kostümen und dem einfachen Bühnenbild. Selbst die Frisuren der Frauen fügten sich diesem wilden Bild an. Einen Bezug zum Alltag fand ich in der Lichtskulptur, welche mir ausgesprochen gut gefiel. Brillant! Zusammen mit den verschiedenen Lichteffekten sah es einfach sehr phantasievoll und immer wieder toll aus. Die vielen Tänze gleichzeitig haben mich eher durcheinander und irritiert zurück gelassen, da die Eindrücke doch gewaltig waren, fast zu viel.
Das dritte Stück “Robert Schumann Tänze” von Martin Schläpfer hat mir persönlich am besten gefallen. Die Atmosphäre, die Musik, die Kostüme und die Tänze haben mich insgesamt überzeugt. Besonders gelungen empfand ich die Tänze um den Konflikt zwischen zwei Tänzern und einer Tänzerin.
Alles zusammen genommen wird dieser vielfältige und beeindruckende Ballettabend von mir daher gerne weiterempfohlen.

Gil Shacher über “Dialogues des Carmélites” am 30. Seeptember 2011 im Theater Duisburg

Poulencs Oper ist eine große Überraschung. Sie ist sowohl musikalisch, als auch von der Aufführung eine der besten und interessantesten Produktionen bisher in Duisburg. Die musikalische Sprache ist für seine Zeit konservativ, dennoch voller berührender Momente, fantasievoll orchestriert und sehr stimmungsvoll. Man merkt, wie ernst und wichtig Poulenc das Werk nahm. Ihm gelang es, ein Werk zu schaffen, das zwar keine Spur von Ironie enthält, aber andererseits weder pathetisch noch weihevoll erscheint. Im Gegenteil, es ist aufrichtig und ehrlich.
Thematisch könnte man das Stück als überholt und altmodisch betrachten: Es spielt während der Französischen Revolution in einem Karmeliterfrauenkloster und erzählt von Nonnen, die aus Überzeugung lieber in den Tod gehen als ihrem Glauben abzuschwören. Die Werte der Revolution werden hier negativ dargestellt, gleichsam als sadistische Vernichtung (in der Inszenierung wird dieser Aspekt gelegentlich übertrieben dargestellt).
Trotz der Gefahr, ein überholtes Thema in einer veralteten Musiksprache präsentiert zu bekommen – das Werk stammt aus einer Zeit als unter anderem Stockhausen musikalische Experimente mit elektronischer Musik durchführte – , zeigte sich die Oper sehr überzeugend und überraschend aktuell, denn die Frage nach der Rolle der Religion ist seit einiger Zeit wieder in den Vordergrund des gesellschaftlichen Lebens gerückt.
Dennoch, die zwei Ebenen: die politisch religiöse, die die Handlung des Stücks bestimmt und die ästhetische Ebene wären nicht so überzeugend gewesen, wäre Poulenc kein großer Komponist.
Man spürt, es ging ihm nicht nur um die Verteidigung des Glaubens und der Religion, sondern auch um seine musikalischen Grundsätze, die damals schon als veraltet galten. Im übertragenen Sinne kann man so die Geschichte der Nonnen als Symbol für das Festhalten an alte Glaubensgrundsätze und für die Opferbereitschaft des Künstlers interpretieren.
Großes Lob für die Sänger, besonders an Silvia Hamvasi, die durch ihre wunderschöne Stimme die Rolle der Blanche eindrucksvoll verkörperte und an Susan Maclean als Priorin, die schauspielerisch und gesanglich mitriss. Nicht weniger eindrucksvoll spielte das Orchester der Düsseldorfer Symphoniker unter Leitung von Axel Kober. Die Inszenierung, die sich frei von überflüssigem Ballast darbot, das minimalistische Bühnenbild und die raffinierte Beleuchtung haben gleichfalls zu dem Erfolg des Abends beigetragen. Diese spannende, anregende und großartige Produktion ist nachdrücklich zu empfehlen!

Anna Katharina Nilsson über “Carmen” am 15. Oktober 2011 im Theater Duisburg

Die Oper Carmen gehört zu einer meiner absoluten Lieblingsopern! Die Musik ist einfach umwerfend und bezaubernd. Sie ist magisch, kann begeistern, zum Träumen anregen und es möglich machen, einen Moment einfach alles um sich herum zu vergessen. Mit dieser Erfahrung ging ich also in die Vorstellung. Ich war gespannt auf die Inszenierung und freute mich natürlich sehr auf die Musik. Gleich zu Anfang wurde ich mit den absoluten musikalischen Highlights verwöhnt. Jedoch enttäuschte mich die Inszenierung ein wenig.
Ich empfand die gesamte Inszenierung als „fluffig“ und nicht eindeutig choreographisch ausgearbeitet. Es wurden viel zu viele Klischees bedient. Außerdem habe mich mehrmals  während der Aufführung gefragt, was dieser weiße Zylinder soll?! Ich hatte mehrmals die Assoziation zu einem Todesser aus „Harry Potter“ oder dem Ku-Klux-Klan.
Auch das Ende finde ich ungünstig  gestaltet, der Zuschauer sieht wie Carmen durch einen Stierkopf getötet wird, ohne das die Hörner sie treffen. Für mich ein nicht gelungenes und zu undramatisches Ende.
Auch Carmen, die sicherlich von Georges Bizet als Femme Fatal ausgearbeitet wurde, wirkt in dieser Inszenierung zu sexy und plump. Die Darbietung entsprach einfach nicht meinen Vorstellung.

Ich hatte immer wieder das Gefühl, dass Carmen zwar ganz genau weiß, wie sie auf Männer wirkt und auch genau weiß welche Strippen sie ziehen muss, um einen Mann für sich zu gewinnen – abgesehen davon, dass sie sowieso wunderschön ist – dennoch denke ich, dass sie sich von ihren eigenen Gefühlen verschließen will, denn nur so ist sie die selbstsichere und stolze Person.
Großes Thema dieser Oper ist das Schicksal, so sagt José einmal: „Warum musste das Schicksal mir nur sie über den Weg laufen lassen?“ Dieser Satz sagt so viel für mich aus. Die Oper zeigt die traurige Wahrheit über die Liebe: sie macht abhängig! Gefühle und die Liebe können einen Menschen regelrecht zerstören. Zu lieben macht aufs bitterlichste verletzlich, verwundbar und bringt einen zum verzweifeln. Das genau zeigt uns diese Oper.

Die Lichtregie von Fabrice Kebour war ein Ereignis, es war wirklich ein großes Erlebnis zu sehen, wie das Licht mit den Darstellern spielt, sie umschmeichelt und die Situationen beschreibt.
Ich kann immer noch nicht genau sagen, ob ich diese Inszenierung schlecht oder mittelprächtig finde soll, aber die Aufführung erhielt großen Applaus. Und ich schwelge in Gedanken über das Schicksal und die Liebe.

Anna Katharina Nilsson über “Dialogues des Carmélites” am 30. September 2011 im Theater Duisburg

Das dramatische Sterben, Liebe und der Tod sind in vielen Opern Thema. So kam ich auch zur Premiere dieser Oper mit der gleichen Erwartungshaltung und glaubte mich auch an diesem Abend erneut mit diesen Themen auseinander setzen zu müssen.
Doch diese Oper belehrte mich eines Besseren. Gleich zu Beginn wurde sehr schnell deutlich, dass es diesmal um etwas anderes ging: Angst. Dieses zentrale Thema regte mich sofort zum Nachdenken an – zum Nachdenken über mich selbst und das Leben. Vielleicht sogar den Sinn des Lebens. So ertappte ich mich mehrmals, wie ich während der Oper über mich und meine Ängste nachdachte.
Blanche erscheint als ein schüchternes, schreckhaftes, ernstes, Mädchen. Sie tritt in ein Kloster ein, um ihren Ängsten zu entkommen. Ein kahler, weißer Ort, so präsentiert das  Bühnenbild das Kloster. Dieses sterile Bühnenbild scheint wie eine Dopplung ihres Namens: Blanche – rein, sauber, weiß . . . Eine Hülle, eine Angleichung, ein Zeichen, dass sie dort hingehört,? Oder meint dort hinzugehören? Für mich persönlich eine sehr interessante Interpretation ihres Namens und eine sehr gut gelöste Bühnendekoration.
Das Stück lehrt uns Menschen, die wir nicht alleine sein wollen und vielleicht auch nicht können, dass man selbst in einer Klostergemeinschaft alleine ist. Ein Jeder muss sein Leben selbst bestreiten und gestalten. Man ist allein und selbst Sterben müssen wir allein.
Für mich wirft das Stück die zentrale Frage nach dem Sinn des Lebens auf:  Wenn wir sowieso alles alleine bestreiten müssen, sollten wir dann nicht wenigstens die Zeit, die wir haben mit Menschen verbringen, die uns gut tun, die uns lieben und die wir lieben?
Bei Blanche wird für mich niemals wirklich deutlich, ob sie sich in dem Kloster tatsächlich wohlfühlt, denn eigentlich hat sie ihren Bruder und ihren Vater, die sie lieben und sich um sie sorgen, doch Blanche sieht diese Liebe nicht und fühlt sich von ihrer Familie unverstanden. Letztendlich versucht sie sogar diese Liebe von sich abzuschotten, hat sie etwa einen fanatischen Kampf gegen die Angst aufgenommen oder ist sie so erpicht darauf, von Gott antworten zu erfahren?
Wie heißt es so schön: Man ignoriert die, die einen wollen, man will die, die einen verletzen und verletzt die, die einen wirklich lieben.
Ich persönlich habe mich so sehr auf den Text und die Entwicklung Blanches konzentriert, dass die Musik und der Gesang völlig in den Hintergrund traten. Der herrliche Chor der Nonnen jedoch, die unter anderem „Ave Maria“ sangen, war eine Wohltat und eine willkommene Abwechslung zur doch sehr schweren thematischen Handlung des Stückes. Auch das Ende, die Hinrichtung der Nonnen, wurde hervorragend inszeniert, sodass ich am Ende wirklich sprachlos war und für einen kurzen Moment unfähig war zu klatschen.
Dies ist eine Oper, die gerade wegen ihrer Thematik jeden von uns berührt. Egal ob jung oder alt, jeder hat Angst, Angst vor dem Leben und vielleicht sogar vor sich selbst. Dieser Abend war eine wirkliche Bereicherung und wird mir noch sehr lange im Gedächtnis bleiben.

Anna Lea Kopatschek über “Dialogues des Carmélites” am 30. September 2011 im  Theater Duisburg

Mit gemischten Gefühlen machte ich mich auf zur Premiere von Francis Poulencs Oper „Dialogues des Carmélites“. Ich war gespannt, weil ich schon seit längere Zeit keine Oper mehr besucht hatte und ich mich inhaltlich nicht mit „Dialogues des Carmélites“ auseinander gesetzt hatte. Was würde mich also erwarten? Die Geschichte von einem Nonnenkloster zur Zeit der französischen Revolution konnte ich mir im ersten Moment als nicht sehr spannend vorstellen. Als ich im großen Saal des Theaters Duisburg Platz nahm, stellte ich zu meiner Überraschung fest, dass das Alter des Publikums relativ gemischt war. Sogar kleinere Kinder mit ihren Eltern ließen sich auf die rot bezogenen Klappsessel nieder.
Stille – das Licht ging aus und vor mir lagen nun drei Stunden Oper.
Zu meiner Verwunderung verging die Zeit bis zur Pause wie im Flug. Konzentriert und gebannt verfolgte ich die Geschichte der überaus sensiblen Protagonistin Blanche, die im kargen und wenig einladenden Kloster versucht ihre Todesangst zu überwinden. Diese kalte und sterile Atmosphäre wurde besonders durch das Bühnenbild unterstrichen. Die lupenrein, weiße Leinwand stand im Kontrast zu den braunen Kutten der Ordensschwestern. Dies alles wirkte sehr bedrohlich auf mich.
Durchweg empfand ich die Oper „Dialogues des Carmélites“  zwar als düster, besonders durch die ständige Thematik von Angst und Tod, jedoch nie verschreckend. Dies lag vor allem an dem Zusammenspiel aus dem wunderbaren Gesang der Künstler, dem Spiel der Düsseldorfer Philharmoniker und dem genial umgesetzten Bühnenbild. Dieses war gerade durch seine Schlichtheit besonders ausdrucksstark. Die letzte Szene, der dramatischen Hinrichtung, gelang dem Regisseur besonders gut und hat mich sehr beeindruckt. Mit herunterfallenden schwarzen Stoffbahnen vor einem leuchtend roten Hintergrund und dem Geräusch des fallenden Beils wurde der Gang jeder einzelnen Nonne zum Schafott verbildlicht. Für mich ein sehr beeindruckendes Erlebnis.

Am Ende der drei Stunden hatte man das Verlangen noch einmal über die gesamte Inszenierung nachzudenken, die erlebten Eindrücke zu sortieren und erst einmal in sich zu kehren. Meine vorherige Skepsis hatte sich in Luft aufgelöst, die Geschichte um ein französisches Nonnenkloster kann sehr wohl spannend und berührend sein!
„Dialogues des Carmélites“ ist eine Oper zum Nachdenken und Nachfühlen.

Marianne Lürzel über “Carmen” am 15. Oktober 2011 im Theater Duisburg

Carmen ist immer noch der „Renner“ und das Theater vollbesetzt. Die beiden Damen in der Reihe vor mir wippen schon bei der Ouvertüre begeistert mit. Und auch ich bin, obwohl schon tausendmal gehört, angetan von dieser kraftvollen Musik.
Der Vorhang geht auf und man blickt auf ein relativ karges, farblich schön abgestimmtes und leicht wandelbares Bühnenbild. Die Kostüme der Fabrikmädchen passen farblich perfekt, obwohl ich mir in einer Zigarettenfabrik arbeitende Zigeunerinnen bunter vorstelle.
Eine ebenso schön singende  wie tanzende und sich effektvoll lasziv bewegende Carmen  (Isabelle Druet) begeistert, auch dieser mit einer herrlichen Stimme ausgestatteter Don José (Sergej Khomov).  Und auch Michaela (Anke Krabbe) setzt Glanzpunkte. Das Orchester ist in Hochform und das Publikum begeistert.
Dann am Ende Carmen als Torero – kann man so sehen – sie ist eine Kämpferin. Aber  die Darstellung von Don José als Schlächter oder Metzger, der am Schluss gar als Stier Carmen tötet, kann ich nicht nachvollziehen und es wirkt auf mich aufgesetzt und albern.
Trotzdem eine sehenswerte Aufführung und viele Bravos aus dem Publikum.

Kitty Görner über “Dialogues des Carmélites” am 30. September 2011 im Theater Duisburg

In Zeiten der Französischen Revolution bittet die wohlhabende Tochter Blanche ihren Vater ins Kloster gehen zu dürfen. Sie ist von Ängsten geplagt, die ihr Leben bestimmen. Die Karmelitinnen nehmen sie auf. Am Ende geht sie mit ihren Ordensgenossinnen aufs Schafott.
Soweit in aller Kürze der Inhalt. Recht ungewohnter Stoff, ein so kirchliches, religiöses Thema, und die Verarbeitung sehr textlastig: nicht umsonst heißt es “Dialogues – Gespräche”. Die Geschichte, die erzählt wird, ist eine Geschichte von Angst, Trauer, Angst, Zweifeln, Angst und der Suche nach Sicherheit. Blanche hofft im Kloster Ruhe zu finden. Die in Zeiten von Revolution und Umsturz noch weniger zu finden ist als in Friedenszeiten.
Das Bühnenbild ist extrem sparsam und karg, sowohl was Requisiten wie auch Farben betrifft, schwarz, weiß, grau und sehr gezielt eingesetzt: rot. Das setzt den Akzent auf einzelne Momente, einzelne Gesten sowie den Inhalt der Gedanken und Gespräche und lenkt mit Bedacht die Aufmerksamkeit.
Das Ende ist erschütternd, ein dramaturgischer Geniestreich: wie die Guillotine, symbolisiert durch große fallende, schwarze Stoffbahnen und begleitet von einem unsäglich unter die Haut gehenden metallischen Laut, alle Karmelitinnen (bis auf die eine, die überlebt, um Zeugnis abzulegen) tötet.
Faszinierend fand ich, dass die Geschichte auf Tatsachen beruht und nicht nur musikalisch, sondern auch literarisch verarbeitet wurde. Außerdem hat mich der Gedankengang beschäftigt, jemand könne den Tod eines anderen sterben. Der Tod der alten Priorin (von Susan Maclean als aufbäumenden Todeskampf absolut überzeugend und nahe gehend dargestellt) , von der man ein Sterben erwarten würde, dass sie einverstanden ist mit dem Willen ihres Gottes, ist verknüpft mit dem Märtyrertod von Blanche, die ihre Mitschwestern freiwillig auf die Guillotine begleitet… Blanche, die so von Zweifeln und Ängsten geschüttelt war, dass ein so schnell und leicht wirkender Entschluss überrascht. Da erscheint der Erklärungsansatz fast plausibel, auch wenn er wohl mit unserer Realität eher wenig zu tun hat.
Insgesamt berührend und überraschend – ich liebe es (mittlerweile), uninformiert im Sinne von: ohne vorgefasste Meinung, offen und gespannt, anzusehen, was die Oper – jede einzelne mir neue Oper -  mir bietet und erzählt. Ich habe noch kein einziges Mal bedauert, eine der Opern angesehen zu haben.

Kai Gottlob über b.10 am 30. Oktober 2011 im Theater Duisburg

Dissonanz zu Konsonanz

Ganz klar – Ballettchef Martin Schläpfer steht für große künstlerische Qualität. Hoffen wir alle, dass uns das noch lange erhalten bleibt!
B.10 ist schon in seiner Veranstaltungsdramaturgie eine stimmige Komposition. Eröffnet wurde  der Abend mit ‚Drittes Klavierkonzert’, am Flügel Denys Proshayev begleitet von den Duisburger Philharmonikern. Das Bühnenbild zeigt sich eher puristisch, der Blick ist ganz auf die Solisten Yuko Kato und Remus Sucheana fokussiert. Vor allem Yuko Kato erfüllt für mich alle in sie gesetzten Erwartungen. Wunderbar, wie das im Gegensatz zum restlichen musikalischen Ensemble sehr dissonante Klavier im perfekten Einklang mit ihrer Bewegung bestens goutierbar wird. Ein klein wenig Dissonanz war bei eigentlich synchronen Abläufen im zweiten Glied der Tanztruppe wahrnehmbar. Sehen wir es der besonderen Situation einer Premiere geschuldet.
‚Tanzsuite’ überrascht mit einem zunächst visuell dominanten Bühnenbild. Die Videoprojektionen von Christoph Schödel und Keso Dekker sind in ihrem monochromatischen Videorauschen ein mehr als interessanter Kontrast zu der Farbigkeit der bunt leuchtenden Kostüme, die die körperliche Komponente des Tanzes deutlich unterstreichen. Auch hier findet eine nicht gerade gefällige Musik (Helmut Lachenmann) eine erweiterte Wahrnehmung erst mit dem zweiten Medium – im Einklang mit den Bewegungen der Tänzer. Kleinste Akzente erhalten in dieser Kombination die besondere sinnliche Tragweite eines Kunstwerks.
Einen fulminanten Abschluss erhielt der Abend mit ‚Symphony of Psalms’. Zur Musik Igor Strawinskys bot die geradlinig strukturierte Choreographie Jiri Kylians ein besonderes Seherlebnis. Figuren der 16 Tänzer fanden ihre Entsprechungen im Bühnenbild, keine Solisten, das Ensemble war der Star. Die von den Philharmonikern und dem Chor der Deutschen Oper am Rhein groß vorgetragene Musik nahm sich viel Raum, der Zuschauer konnte sich wunderbar an sie anlehnen. Langer Applaus – Bravo!

Özlem Yalinci über  “Carmen” am 15. Oktober 2011 im Theater Duisburg

Die Oper „Carmen“ von Georges Bizet hat mir sehr gut gefallen. Bereits Carmens erster Auftritt zog mich in ihren Bann. Die Stärke, der Stolz und das Temperament der Zigeunerfrau Carmen wurden wunderbar von der talentierten Isabelle Druet dargestellt, die mich in dieser Rolle voll überzeugte. Ihre grazilen Bewegungen, ihre Anmut und ihr Gesang begeisterten mich. Auch die Rolle der Micaëla war wunderbar besetzt mit Anke Krabbe und wunderschön anzuhören. Nicht zuletzt überzeugte der Don Jose von Sergej Khomov. Er passte hervorragend in das Bild des zerrissenen, verzweifelten Liebhabers hinein. Die Chorauftritte waren ebenfalls großartig. Obwohl die Musik bekannt ist, verliert sie kein bisschen an Glanz und Faszination und klingt live besonders gut.
Vor allem aber haben mir die wunderschönen Flamenco-Tänze gefallen.
Das düstere Bühnenbild empfand ich als sehr passend. Die Darstellung der Schenke hat mir besonders zugesagt. Schlicht und einfach, aber mit spanischem Flair. Die Flamenco-Kostüme der Frauen waren sehr geschmackvoll, stilvoll und schön.
Enttäuscht hat mich das tragische Ende der Oper, obwohl mir die Idee der Symbolik gut gefallen hat, Carmen als Torerro zu zeigen und Don Jose als Stier, hätte ich mir bei der Schlussszene eine brutalere, realere Art der Tötung Carmens gewünscht. Der Tod durch den Stierkopf hat mich eher irritiert.
Abgesehen von der Schlussszene empfand ich den Opernabend als sehr unterhaltsam, daher werde ich diese interessante und faszinierende Oper gerne weiterempfehlen!

Özlem Yalinci über “Dialogues des Carmélites” am 30. September 2011 im Theater Duisburg

Die Oper “Dialogues des Carmélites” von Francis Poulenc kann ich unbedingt weiterempfehlen. Mir hat die dreistündige Oper mit Pause sehr gut gefallen. Die Musik, die Dialoge, das Spiel und die tollen Stimmen der Sängerinnen und Sänger haben mich schnell gefangen genommen und bis zum Schluss nicht mehr losgelassen. Ich empfinde die Oper “Dialogues des Carmélites” als ein emotional sehr berührendes Stück.
Die Bühnendekoration war sehr gelungen. Die riesige Bibliothekswand am Anfang des ersten Akts und das letzte Bild im dritten Akt, in dem die Karmelitinnen sterben, gefielen mir besonders gut. Das Geräusch der Guillotine klang unglaublich real. Die schwarzen Stoffbahnen, die “als Symbol” für jede getötete Karmelitin herunterfielen, waren sehr aufwühlend. Durchgehend hat mich das Bühnenbild mit einfachen, stilistischen Mitteln beeindruckt. Die Kostüme waren insgesamt sehr  passend, allerdings hat mir persönlich die Vermischung von Moderne und Vergangenheit bei der Verwendung der Kostüme für die Familie und das französische Volk nicht so gut gefallen. Ich persönlich hätte einen durchgehenden Stil favorisiert. Daher haben mir die in den kurzen Pausen gezeigten Schattenfiguren der „Modernen“ Welt auch weniger zugesagt.
Die Hauptfigur Blanche, die mit ihren inneren Dämonen kämpfen muss, und die Gemeinschaft der Karmelitinnen, die bis in den Tod zusammenhalten, geben diesem dramatischen Stück Spannung bis in die letzte Minute. Gerade durch die Dialoge zwischen den verschiedenen Figuren bleibt es durchgehend spannend und die dramatischen Umstände spitzen sich zu. Familie, Glaube und Freundschaft spielen eine besonders große Rolle in diesem Stück. Außerdem werden die extremen Seiten der Revolution, die Solidarität zwischen den Frauen und Tod und Martyrium thematisiert. Vor allem aber handelt das Stück von dem Kampf einer Frau gegen ihre eigenen, inneren Ängste und die Bewältigung dieser Ängste. Blanche mit ihrer verletzlichen und ängstlichen Persönlichkeit macht während des Stücks eine bewundernswerte Veränderung durch. Sie verwandelt sich von einem kleinen, ängstlichen “Häschen” zu einer Märtyrerin.
Die Musik ist durchgehend sehr fesselnd. Stück und Musik harmonieren sehr gut, leider wurden die Stimmen der Sängerinnen und Sänger an manchen Stellen  von der Musik übertönt. Die Gesänge des Chors sind mir ganz besonders positiv aufgefallen. Diese, teilweise auf historischen Begebenheiten beruhende Oper, istzeitlos interessant und sehr berührend. Das Thema Angst sehr menschlich und nachvollziehbar dargestellt. Meiner Meinung nach insgesamt eine sehr sehenswerte Oper!

Dr. Joachim Ludwig über b.10 am 30. Oktober 2011 im Theater Duisburg

Die Premiere des Ballettabends b.10 in Duisburg war außergewöhnlich abwechslungsreich, vielschichtig und bildgewaltig. Das dritte Klavierkonzert (1979) von Alfred Schnittke wurde von Denys Proshayev am Flügel mit dem Duisburger Philharmonikern unter der Leitung von Wen-Pin Chien wunderbar dargeboten. Die Choreographie von Martin Schläpfer aus Mainzer Zeit zeigt sehr elegant in schwarz-blauem Licht menschliche Beziehungsschwierigkeiten mit der Tänzerin Yuko Kato im Mittelpunkt.
Eine große Überraschung war die “Tanzsuite” (Mainz 2005). Zu einer Kollage von Geräuschen und Tönen (vom Band – Helmut Lachenmann 1980) wurde ein sehr humorvolles Bewegungsfeuerwerk vom “Kindergeburtstag” über “Gesäßparade” bis zum  philosophischen Schluss – eine  auf dem Boden sitzende Tänzerin wird durch Wechsel  des Hintergrund vom Sternenhimmel  in ein schwarzes „Nichts-Nirwana”  transferiert. Phantastisch sind Bühne und Kostüme von Keso Dekker gestaltet.
Zum Abschluss folgt mit der “Psalmensinfonie” (Strawinsky)  ein Klassiker des modernen Tanzes – 1978 von Jiri Kylian für das „Nederland Dans Theater“ geschaffen , deren Künstlerischer Leiter er bis 1999 war. Zu einer rituell-meditativen Musik – live gespielt von den Duisburger Philharmonikern mit dem Opernchor – tanzen 8 Paare kraftvoll in einer zeitlosen Formgestaltung. Ein wunderbar anregend und inspirierender Abend!

Dr. Joachim Ludwig über “Carmen” im 15. Oktober 2011 im Theater Duisburg

Die meistgespielte Oper der Welt “Carmen” von Georges Bizet feierte in einer neuen Inszenierung des Deutsch-Venezulaners Carlos Wagner in Duisburg Premiere. Rasant und temperamentvoll – mit glänzend disponierten Duisburger Philharmonikern – führte Axel Kober durch die vielen bekannten Arien der Oper. Die Chöre – hier auch der Opernkinderchor – brachten eine fulminante Leistung.
Mit Sergej Khomov war die Rolle des Don Jose fantastisch besetzt. Anke Krabbe als Micaëla stach durch ihren klaren, lyrischen Sopran hervor. Isabelle Druet als sehr tänzerische Carmen fiel als Mezzosopran leider ein wenig ab.
Den Inszenierungs-/Bühnenbildansatz von Carlos Wagner, sich von der düstern Bilderwelt des späten Goyas inspirieren zu lassen, empfinde ich als sehr problematisch. Ich habe seine “Pintas Negras“ (Schwarzen Bilder) vor kurzem selbst im Madrider Prado gesehen. Die albtraumhaften, depressiven Bilder – zum Teil als Reaktion auf die Schrecken der Napoleonischen Kriege und der spanischen Inquisition haben nichts mit dem schicksalhaften Liebeskampf zwischen Carmen und Don Jose zu tun. Das düstere Bühnenbild wurde besonders im zweiten Akt durch die raffinierte goldfarbende Lichtregie von Fabrice Kebours geadelt.
Der Tod der Carmen – im Kostüm eines Torero – zwischen den Hörnern eines Stiers war nicht überzeugend.

 Dr. Joachim Ludwig über “Dialogues des Carmélites” am 30. September 2011 im Theater Duisburg

Die Übernahmepremiere “Dialogues des Carmélites” von Francis Poulenc war ein Ereignis. Die wahre Geschichte um Lebens- und Todesangst in Zeiten der Französischen Revolution ist bewegend – musikalisch in klassischer Tradition umgesetzt. Zum ersten Mal seit 10 Jahren spielten die Düsseldorfer Symphoniker -hervorragend unter Leitung von GMD Axel Kober – wiedermal in Duisburg. Die neue Besetzung überzeugt beeindruckend mit Silvia Hamvasi ,die ihr Debüt als Blanche gab, ebenso wie Susan MacLean ,die den überaus schwierigen Part der sterbenden Priorin Madame de Croissy ergreifend gesungen und dargestellt hat. Die Inszenierung und die Ausstattung unterstreichen die kammerspielartigen “Dialogues”. Die Schlussszene – Gesang der Karmelitinnen, fallende Stoffbahnen ,das Geräusch der Guillotine- ist absolut überwältigend und tief beeindruckend.