Kitty Görner über “Il barbiere di Siviglia” am 17. März 2012 im Theater Duisburg

Durch die Presse war ich “vorgewarnt”: die Inszenierung des Barbiers sollte mit Insektenfiguren beginnen. Und ich war sehr skeptisch.
Aber dann. Ein hinreißend schönes erstes Bühnenbild, eine überdimensionale bühnenfüllende weiße Trompetenblüte, neben der die darstellenden Menschen tatsächlich Insektengröße bekamen. Einfallsreiche Kostüme als charakterlich passende Verkleidungen für die handelnden Personen: der intrigante Onkel, Doktor Bartolo, als Spinne, die von allen begehrte Rosina als strahlender Schmetterling, Figaro als wendige Fliege, die Haushälterin Berta als Schnecke, der verliebte Graf Almaviva als dicke Hummel, und der Chor als Ameisen, die nicht still stehen konnten…
Und tatsächlich, wenn man den Text betrachtet, legt er die Interpretation des Insektenreichs sogar nahe: immer wieder kommen Worte vor wie krabbeln, hüpfen, kribbeln. Und treffend auch, da es ja um nichts anderes als Balz geht.

Besonders gut hat mir José Manuel Zapata gefallen, da er leichtfüßig und mit großem komischen Talent seine Rolle des Almaviva spielte. Sein Humor sorgte mitunter für Stilbruch im Stilbruch: ein Ständchen für Rosina bringend, intonierte er “Besame mucho”, das er beendete mit ein paar Takten aus der Biene Maja, was für viel Gelächter sorgte. Aber auch die Flamenco-Einlage von Figaro (Laimonas Pautienius) war überraschend und ein wunderbarer Stilbruch.
Insgesamt war von allen Sängern eine hohe schauspielerische Leistung gefragt und auch zu sehen.  Die Philharmoniker spielten sehr weich, jenseits jeder Kritik in überragender Qualität.
Eine sehr gelungene Inszenierung, die durch Spielfreude und Witz der Darsteller ein großes Vergnügen ist. Hingehen!! Ansehen!!

Uschi Dommen über “Il barbiere di Siviglia” am 17. März 2012 im Theater Duisburg

Welch herrliche Idee diese komische Oper als Parabel zu inszenieren: voller Inspiration, berauschend, fantasievoll, modern, Musical ähnlich, gut geeignet auch für ein ganz junges Publikum, märchenhaft, scheinbar mühelos leicht, sinnlich, unserer Zerstreuung dienend.

Graf Almaviva als liebestolle Hummel, der Barbier, eine überall Spuren hinterlassende Fliege, Rosina, ein traumhaft schöner rosa-pinkfarbener Schmetterling, wunderbar witzig die Ameisen, einfallsreich Grashüpfer, Schnecke und Spinne. Künstlerisch, zauberhaft, voller Magie die Zeichnung aller Figuren.

Großes Lob für Kostüme, Bühnenbild und Beleuchtung fulminant geglückt bis ins kleinste Detail. Die Farben waren klar. Die Riesenblume wunderschön, naiv, aber nicht einfach, bei wechselndem Licht immer wieder neu erfunden. Im 2. Akt dann eine überdimensionierte Insektenspraydose im Pop-Art-Look, die die Käfer totsprüht und sie wieder menschlich werden läßt, grandios.

Die junge Wienerin, Stephanie Atanasov gab eine tolle „Rosina“ mit großartiger Stimme, wunderschön mit toller Figur und herrlichen Beinen, mit umwerfend positiver Wirkung und Präsens. Wir werden später sagen können, ihre Weltkarriere hat in Duisburg begonnen.
Besonders hervorzuheben ist die schauspielerische Begabung aller Akteure, die mit sichtlichem Vergnügen, fast übermütig, launig heiter und sinnesfroh, mit Leidenschaft und Wonne eine ansteckend lustvoll vergnügliche Atmosphäre ins Theater zauberten.

Die fast 200 Jahre alte Komposition in nur 26 Tagen fertiggestellt bekannt; dynamisch, rasant schnell, sich unaufhaltsam wellenartig steigernd, temperamentvoll, einem Feuerwerk gleich, elektrisierend, zeitlos modern von schwungvoller Leichtigkeit.
Beim atemlosen Zuhören hat man den Eindruck, dass auch Rossini beim Komponieren nicht zum Luft holen gekommen ist. Die unverwechselbar geniale Musik Rossinis von unseren DU-Philharmonikern absolut perfekt umgesetzt. Mit großer Vitalität, virtuos, mit  überschäumender Lust und Spielfreude auf die 100stel Sekunde präzise und präsent gespielt. Überragend, Weltklasse! Unsere Musiker haben meine höchste Hochachtung und Bewunderung!

Ein köstlicher Abend herzerfrischend, humorig, absurd, gute Laune verbreitend, magisch, zum Sattsehen. Ein außergewöhnliches Amusement: skurril, grotesk, burlesk, gelungen, rund. 3 Stunden wie im Fluge vorbei.
Fröhlich, beschwingt und hellwach gehe ich nach Hause. Kommen Sie, lassen auch Sie sich erfrischen und zerstreuen. Oper macht süchtig!

 

Uschi Dommen über “Die Nachtigall” am 2. Februar 2012 im Theater Duisburg

Das Kinderpublikum gebannt, gespannt. Das Bühnenbild fantasievoll, farbig, fantastisch. Die Stimme der Nachtigall überragend, große Klasse. Die Geschichte ist bereits durch die Gebrüder Grimm bekannt, übertitelt zum Mitlesen.
Die Musik Strawinskys war nicht immer unterstützend und harmonisch zu Gesang und Bild, somit für mein Ohr gewöhnungsbedürftig, schwierig, ungewöhnlich, dennoch traf sie mein Herz.
Ein großartiger Abend außergewöhnlich schön und besonders bemerkenswert, dass bei kindgerechter Kürze von 50 Minuten große Oper geboten wurde, für unser Publikum von morgen.

Kitty Görner über “Die Nachtigall” am 2. Februar 2012 im Theater Duisburg

Eine kleine und kurze Strawinsky-Oper, nach dem Märchen von Hans Christian Andersen, angekündigt für Kinder ab sechs Jahren und junges Publikum.
Ich hatte einen Tag vorher mehr durch Zufall an einer Bühnenführung teilgenommen und da im Keller den Bühnenaufbau des ersten Aktes, den Dschungel, gesehen. Ihn jetzt belebt, beleuchtet und bespielt zu erleben war toll. (Überhaupt ist eine Bühnenführung sehr empfehlenswert!!) Die Bühne wie auch die Kostüme (beides von Tatjana Ivschina) waren sehr bunt und einfallsreich… alleine die Rutsche, die die zwei Bühnenebenen miteinander verband! Fast wollte man mitspielen, mitrutschen und verstecken spielen.
Leider war in meinen Augen allerdings die sonstige Verarbeitung des Stoffes nicht sehr kindgerecht. Bepackt mit Symbolik und befrachtet mit visuellen Nebenhandlungen fiel es manches Mal schwer, der Handlung zu folgen. Hinter mir saß ein mir fremdes Kind, das ich von Zeit zu Zeit leise fragen hörte: ist das der Kaiser? und wer ist das jetzt? und wo ist die Nachtigall???
Die Inszenierung war interessant, bunt und schön, aber durch die Vielfalt der “Action” nur sehr bedingt geeignet für junge, vielleicht unerfahrene Operngänger. Oder unterschätze ich die Kinder von heute??

Uschi Dommen über b.07 am 14. Dezember 2011 im Theater Duisburg

Ein schöner, stimmiger, stimmungsvoller Abend. 3 Bilder, 3 Choreographien, 3 sehr unterschiedliche Musikstücke, insgesamt rund, wunderbar ausgewählt und genußvoll für den Zuschauer.
Unsere Duisburger Philharmoniker unter dem Dirigat von Frau Catharine Rückwardt wie immer großartig. Ihre große Spielfreude und ansteckende Begeisterung trifft die Herzen des Publikums.
Die tänzerische Leistung unserer Ballettsolisten ist von allerhöchstem Niveau. Am liebsten würde ich sie durch die ganze Welt schicken, von Shanghai über Dubai bis New York, um Werbung für unsere Mercatorstadt Duisburg zu machen.
Zur guten Stimmung trägt vor allem das Licht bei. Freundlich und hell im 1. Bild, ausdrucksvoll und vielschichtig in der 2. Teil und wunderbare Winterstimmung verbreitend im 3. Tanz.

“Compositie” Choreographie von Hans van Manen

Ist das scheinbar Einfache nicht oft das Allerschwierigste? Sparsam, klar, puristisch rein die Choreographie von Hans van Manen. Seine symmetrischen Doppellungen spannend, erotisch aufgeladen, erzählen von der Zwanghaftigkeit in einer Gruppe bis zu seiner Auflösung, dem Kampf um Eigenleben und Eigenständigkeit.
Kam man gehetzt unter Termindruck ins Theater, hatte man hier die Möglichkeit herunterzukommen, anzukommen und sich zu beruhigen. Großen Dank diesem Beginn!

„Frozen Echo“ Choreographie von Regina van Berkel

Das 2. Bild war außergewöhnlich, surrealistisch, konstruktivistisch, vielschichtig, märchenhaft, voller Poesie und Energie, verrückt, sinnlich, ausdrucksstark, fulminant, fantastisch, komplex. Es hat ein bißchen was von Zirkus und Jahrmarkt einerseits und großem Stummfilmkino andererseits.
Ergibt dies alles einen Sinn? Eine Antwort auf Sinnhaftigkeit ist für mich nicht zu finden. Ist es gar sinnlos oder Unsinn? Ich schalte meinen Verstand aus, lasse mir den Bauch kitzeln, mein Herz frohlocken, staune und erfreue mich an dem geplanten scheinbaren Chaos. Es ist auf jeden Fall höchst vergnüglich und Aufsehen erregend.
Verzaubert uns Alice aus dem Wunderland? Gibt es womöglich ein Schneewittchen, das nicht nur die 7 Zwerge einzuwickeln weiß? Läßt Rapunzel ihr Haar nicht herab, sondern steht es ihr zu einem Haarkunstwerk in schwindelerregender Höhe zu Berge? Körperskulpturen formen Bilder zwischen Bewegung und Starre, Gemälde gleich.
Die innovative und aufregende Musik. Den Philharmonikern macht es sichtlich einen Riesenspaß auch einmal seltener gespielte Instrument zu benutzen.
Und dann die Lichtskulptur von Dietmar Janeck. Die Wirbelsäule eines Sauriers aus alten Computerbildschirmen darzustellen, eine tolle, bewundernswerte, geniale Idee! Und das Licht hell und heller, wunderschön. Die so entstehenden scherenschnittartigen Schattenbilder ein weiterer Hochgenuss.

„Robert Schumann Tänze“ Choreographie von  Martin Schläpfer

Die Musik bekannt und daher so herzlich und freudig willkommen wie das Wiedersehen mit alten Freunden.
Die graublaue Farbigkeit von Bild, Bühne, Licht und Kostümen, an Wintertage erinnernd, kühl und warm zugleich, ergeben eine wunderbare, stimmungsvolle Harmonie, ausgleichend, beruhigend, poetisch. Diese Reduktion richtet den Focus konzentriert auf den Tanz und die Musik voller Leidenschaft. Martin Schläpfer macht das Zweifeln der Figuren am Leben, an der Liebe, der Zweisamkeit und der Einsamkeit sichtbar.

Ein wunderbarer Abend. Ich lerne, immer offener zu werden für Neues und Dinge auf mich wirken zu lassen. Beschwingt gehe ich nach Hause.

Kitty Görner über “Dialogues des Carmélites” am 30. September 2011 im Theater Duisburg

In Zeiten der Französischen Revolution bittet die wohlhabende Tochter Blanche ihren Vater ins Kloster gehen zu dürfen. Sie ist von Ängsten geplagt, die ihr Leben bestimmen. Die Karmelitinnen nehmen sie auf. Am Ende geht sie mit ihren Ordensgenossinnen aufs Schafott.
Soweit in aller Kürze der Inhalt. Recht ungewohnter Stoff, ein so kirchliches, religiöses Thema, und die Verarbeitung sehr textlastig: nicht umsonst heißt es “Dialogues – Gespräche”. Die Geschichte, die erzählt wird, ist eine Geschichte von Angst, Trauer, Angst, Zweifeln, Angst und der Suche nach Sicherheit. Blanche hofft im Kloster Ruhe zu finden. Die in Zeiten von Revolution und Umsturz noch weniger zu finden ist als in Friedenszeiten.
Das Bühnenbild ist extrem sparsam und karg, sowohl was Requisiten wie auch Farben betrifft, schwarz, weiß, grau und sehr gezielt eingesetzt: rot. Das setzt den Akzent auf einzelne Momente, einzelne Gesten sowie den Inhalt der Gedanken und Gespräche und lenkt mit Bedacht die Aufmerksamkeit.
Das Ende ist erschütternd, ein dramaturgischer Geniestreich: wie die Guillotine, symbolisiert durch große fallende, schwarze Stoffbahnen und begleitet von einem unsäglich unter die Haut gehenden metallischen Laut, alle Karmelitinnen (bis auf die eine, die überlebt, um Zeugnis abzulegen) tötet.
Faszinierend fand ich, dass die Geschichte auf Tatsachen beruht und nicht nur musikalisch, sondern auch literarisch verarbeitet wurde. Außerdem hat mich der Gedankengang beschäftigt, jemand könne den Tod eines anderen sterben. Der Tod der alten Priorin (von Susan Maclean als aufbäumenden Todeskampf absolut überzeugend und nahe gehend dargestellt) , von der man ein Sterben erwarten würde, dass sie einverstanden ist mit dem Willen ihres Gottes, ist verknüpft mit dem Märtyrertod von Blanche, die ihre Mitschwestern freiwillig auf die Guillotine begleitet… Blanche, die so von Zweifeln und Ängsten geschüttelt war, dass ein so schnell und leicht wirkender Entschluss überrascht. Da erscheint der Erklärungsansatz fast plausibel, auch wenn er wohl mit unserer Realität eher wenig zu tun hat.
Insgesamt berührend und überraschend – ich liebe es (mittlerweile), uninformiert im Sinne von: ohne vorgefasste Meinung, offen und gespannt, anzusehen, was die Oper – jede einzelne mir neue Oper -  mir bietet und erzählt. Ich habe noch kein einziges Mal bedauert, eine der Opern angesehen zu haben.

Christiane Alt über “Carmen” am 15. Oktober 2011 im Theater Dusiburg

Die ” Carmen” Premiere hat mir gut gefallen, mich sogar hier und da begeistert. Es war ein sehr kurzweiliger, unterhaltsamer Abend.

Ich habe bisher die “Frau ohne Schatten” und “La Bohème” gesehen, die Melodien dieser Opern waren für mich ganz neu und unbekannt. Überraschenderweise habe ich bei ” Carmen” sehr viele Melodien erkannt, mich erinnert , wie wir als Kinder die Melodien mitgesungen haben. Ich finde es toll, wenn Musik Erinnerungen freisetzt. Bei mir meldeten sich viele Bilder aus meiner Kindheit, an die ich schon lange nicht mehr gedacht habe. Sehr schöne, spannende, fröhliche Erinnerungen. Das Duisburger Orchester hat wunderbar gespielt, es war ein Genuss Musik so nah und echt zu erleben.
Die Carmen Darstellerin ist bei Einigen im Kreise der Opernscouts ja nicht so gut angekommen, mir allerdings hat die kleine, zierliche Frau sehr gefallen. Er war vielleicht keine klassische Carmen Darstellerin, aber trotzdem temperamentvoll, grazil, stolz und stimmgewaltig. Die Szene, als Carmen am Bühnenrand steht und langsam ihre Reißverschlüsse an den Ärmeln öffnet und sich quasi zum Torero verwandelt, fand ich großartig. Gender-Switch modern, ein Spiel mit den Rollen und Geschlechtern.
Das Bühnenbild war mir nicht zu düster, vielmehr hat es die Dramatik und das Geheimnisvolle der Carmen verstärkt. Die aufwendigen Lichteffekte sorgten für Spannung und Abwechslung.
Das Einzige, was ich mir dramatischer und aufwendiger gewünscht hätte, war das Ende. Carmens Ermordung hätte beeindruckender dargestellt werden können. Ich bin sicher, dass die  wunderschönen und sehr bekannten Melodien der freiheitsliebenden Carmen, sowie die tollen Tanzeinlagen auch für Opernanfänger der ideale Einstieg ist!

Uschi Dommen über b.10 am 30. Oktober 2011 im Theater Duisburg

Ein wunderschöner, hochemotionaler Abend. Ein bunter Reigen, nicht nur im Sinne von farbig, sondern vor allem facettenreich, vielschichtig, voller Abwechslung und von ungeheurem Spannungsbogen. Bewundernswert ist vor allem die Virtuosität der TänzerInnen.
Unsere Duisburger Philharmoniker genial unterstützend, ausgezeichnet wie immer.
Die Musik von Alfred Schnittke ist zeitlos, voller emotionaler Tiefe und starker Ausdruckskraft, wunderschön, intensiv, zum Träumen anregend, für mich sehr ansprechend. Zusammen mit den getanzten Bildern, wunderbar.
Die Choreographie von Martin Schläpfer erkennbar, ideenreich, faszinierend, vor allem Yuko Kato, überwältigend. Mit suggestiver Kraft zieht es mich in seinen Bann. Die Zuschauer konzentriert, gefesselt. Die getanzte Frage: Kann Liebe Erfüllung finden?
Der unbekannte musikalische Klang, mal klassisch, mal neuartig, extrem kontrastreich, von fröhlich gar lustig, bis schwierig und unverständlich, bezaubernd, verrückt, gewöhnungsbedürftig, dramatisch, dann wieder ruhig, leise und wohltuend melodisch, Hörgewohnheiten verändernd. Eine Musik, die die tänzerische Umsetzung geradezu fordert.
Die Choreographie vom Leben erzählend, exzentrisch, krass, humorvoll, spannungeladen, melancholisch, schnell, langsam, bunt wie die Kostüme und das Video-Bild, auf jeden Fall fulminant faszinierend. Die athletische Körperlichkeit sichtbar, die Figuren akrobatisch.
Schloss ich die Augen, waren mir die Töne fremd, öffnete ich sie, war ich begeistert vom Ideenreichtum auf der Bühne, der Farbigkeit des Bildes und der Kostüme, dem modernen Bewegungsvokabular die TänzerInnen und der „Zapping-Fernseh-Idee“. Alles zusammen ein Genuss.
Welch geniale Idee, den Theaterboden mit einer hochglänzenden Folie zu bespannen, die jede Person und jede Bewegung wie im Wasser spiegelt. Ein wunderbarer Effekt, besonders beeindruckend die Szene, in der alle 19 Ensemblemitglieder mit farbigen Stoffrollen in den Händen, dem Publikum ihre Rücken zuwenden. Tanzend, hüpfend, mit den Popos wackelnd, doppelt großartig.

Eine für mich untypische Musik von Igor Strawinsky, ein vertonter Psalm, der die Lobpreisung Gottes zum Inhalt hat, religiös, getragen, meditativ, durch den Chorgesang noch unterstrichen, berührend, beruhigend. Chor und Orchester gleichwertig, eine Einheit bildend. Im Bühnenhintergrund rote, gemusterte Orientteppiche verwoben zu einem mystischen Teppichgemälde.
Die packende Choreographie von Jiří Kylián zeigt die Komplexität der gemeinsamen, spirituellen Aussage von Text, Gesang, Musik, Bild und Tanz über Freiheit und Begrenzung, Glaube und Zweifel, im Einzelnen oder Gemeinsamen, Toleranz und Miteinander in der Liebe, im Leben, bis zum Tod.
Im dichten Ensemblespiel der 8 Paare wird Gemeinschaft deutlich, Zusammengehörigkeit zwischen den Künstlern und dem Publikum spürbar.
Alle waren begeistert. Viele Vorhänge als Dank.
Es war ein berührender Abend, vor allem ein zufriedenstellender, wie nach einem guten Essen. Ich gehe satt und beschwingt nach Hause.

Uschi Dommen über “Carmen” am 15. Oktober 2011 im Theater Duisburg

Die populäre Musik war auch dieses Mal mitreißend. Soviel verdienten Zwischenapplaus für Musik und Gesang hat es in Duisburg lange nicht gegeben. Bekanntes wird in Duisburg besonders geliebt und geschätzt.

Die Spielfreude und Begeisterung der Akteure und der Musiker war ansteckend. Die Stimmen überragend, Weltklasse. Die TänzerInnen lebendig, ausdrucksvoll mit großer Ausstrahlung. Die Chöre sehr gut, mit großem schauspielerischen Talent, nach der Pause sogar noch an Profil gewinnend. Das Orchester große Klasse.
Die Inszenierung hebt sich von bekannten, folkloristischen Aufführungen ab. Die Figurenzeichnung klar und differenziert. Tragik ohne Pathos, Temperament ohne Sentimentalität.

Beispiele:
Carmen will Spaß haben, Lebensfreude erfahren, trotz schwieriger Zeit. Sie ist stark, wahrhaftig, freiheitsliebend, unbestechlich, emanzipiert. Sie führt ihr Leben zielsicher gerade heraus. Sie läßt sich von niemandem dominieren, legt keinem Rechenschaft ab. Die Mezzosopranstimme unterstreicht dies genial und imponierend. Micaëla scheu, zurückhaltend, unbeirrbar, zuverlässig, die Stimme wunderbar. Don José, ein von Unschlüssigkeit und Zweifeln besetzter Charakter, zerrissen, willensschwach, der glaubt, nur mit Zwang und Gewalt die Frau seiner Träume halten zu können. Der Torero von sich eingenommen, stark, groß und steif.

Das Bühnenbild, welches mich sonst besonders begeistert, war zwar gut gedacht, handwerklich vermutlich perfekt, aber zu wenig variabel und in seiner Wirkung nur finster. Die Düsternis des Bildes hat für mich die Geschichte weder deutlicher gemacht noch unterstützt. Sie hat mich erschreckt und deprimiert. Dies mit den schwarzen Bildern Goyas zu begründen, in dessen Gemälden man auch Deformierte und Kleinwüchsige findet, ist für mich unverständlich.
Wenn man erst beim Schlussapplaus mit Licht erkennen kann, wie fantasievoll, wunderschön, herrlich und vor allem wie unterschiedlich die Kostüme sind, ist dies mehr als schade. Ich liebe die Farben. Sie haben mir gefehlt.
Während alle bisherigen Duisburger Opern durchaus in New York oder Mailand hätten aufgeführt werden können, hält die heutige Vorstellung einen Vergleich mit denen, die ich in Paris und Verona gesehen habe, nicht stand. Fazit: Ein netter Abend.

Uschi Dommen über “Dialogues des Carmélites” am 30. September 2011 im Theater Duisburg

Ein unglaublich faszinierender, außergewöhnlicher Abend. Die  überwältigende Musik hochdramatisch, klassisch traditionell und modern zugleich. Die Düsseldorfer Symphoniker mit Axel Kober, der Opernchor großartig, eindrucksvoll und ergreifend. Die überragenden SängerInnen von Weltniveau in wunderbarer Harmonie mit dem Orchester. Eine über Hunderte von Jahren überlieferte Geschichte in den 50ern des letzten Jahrhunderts vertont und uraufgeführt.
Regie und Bild haben mit der wirkungsvollen Auswahl der Kostüme in verschiedenen Zeiten die zeitlose Frage von innerer Haltung und Zerrissenheit, Selbstfindung, Überwindung der Angst vor dem Leben und vor dem Tod, für mich plastisch deutlich gemacht. Je unsicherer die Zeiten, umso größer die Sehnsucht nach Sicherheit. Das Erreichen innerer Freiheit und die Überwindung von Angst sind zeitlos und haben nichts mit äußeren Umständen zu tun. Somit ist der Stoff hochaktuell.
Am Ende wird das „Salve Regina“ ,der zum Schafott geführten Nonnen vom Geräusch der fallenden Guillotine zerschnitten, dazu fallen schwere, schwarze Stoffbahnen: ungewöhnlich, erschreckend, expressiv, bedeutungsvoll und tief nachwirkend. Zum Schluss verlassen die Chordamen als hingerichtete Karmeliterinnen den Raum hocherhobenen Hauptes. Sie haben ihre Angst überwunden.
Als Künstlerin fasziniert mich das Bühnenbild immer ganz besonders. Minimalistisch unterstützt es die Akteure auf wundervolle Weise. Die Farben gedeckt, zurückhaltend: weiß, beige, grau, schwarz, die Kutten braun. Selten, dramaturgisch ausgewählt plaziert, ein Tupfer rot: das Lesebändchen im 1. Bild, der Mantel von Blanche nach der Pause. Eine herrliche ca. 8 Meter hohe Bibliothekswand, die später zerbrochen auf der Bühne liegt. Der riesige, gekreuzigte Jesus von oben, wirkungsvoll und ergreifend.
Kompliment an die Beleuchtung, große Kunst! Das Publikum hochkonzentriert und begeistert. Verdient: standing ovation und viel Applaus zum Schluss.
Die Intensität von Musik, Schauspielkunst, Gesang und Bild ergeben einen aufwühlenden, beeindruckenden, imposanten Abend. Oper und Theater können tiefe Emotionen wecken, aus dem Alltag reißen, lange nachwirken. Lassen Sie sich ein. Probieren Sie es aus. Oper ist lebensbereichernd.
Tief bewegt und emotional aufgewühlt beginnt eine lange, nachdenkliche Nacht für mich.