Marianne Lürzel zu “Il barbiere di Siviglia” am 17. März 2012 im Theater Duisburg

Die „WAZ“ hatte im Vorfeld angekündigt in der aktuellen Inszenierung spiele  „Figaro“ in einer Tier-bzw. Insektenwelt. Erst einmal muss  ich mich mit dieser Vorstellung anfreunden.
Auf Grund des bezaubernden Bühnenbildes und der  fantasie- und prachtvoll gestalteten Tierkostüme gelingt das sehr schnell. Vor einer riesigen, wunderschönen  Blüte agieren Figaro mit durchscheinenden Flügeln  als Florfliege,  Graf Almaviva als knuffig-rundliche  Biene, Rosina als sich puppender Schmetterling.  Und dann ist da auch noch Berta als Schnecke mit großem Haus auf dem Rücken.
Figaro hat alle Fäden in der Hand und berät Graf Almaviva in Sachen Eroberung. Die dezent angedeutete Homosexualität des Figaro ist in diesem Kontext  sinnvoll. Warum sonst sollte er (optisch viel attraktiver als Graf Almaviva) selbstlos auf die schöne und reiche Rosina verzichten?!
Es ist eine bunte Show, die da geboten wird, basierend auf einer originellen Idee. Die Sänger  sind mit großem Spaß bei der Sache und das Publikum geht freudig mit.

Gerne wäre ich noch in dieser Märchen-Tierwelt geblieben, aber der Bruch ist wohl dramaturgisch nötig. Die Insekten werden mit einer übergroßen Spraydose vernichtet und so finde ich mich im 2. Akt  bei menschlichen Wesen und einer kalten, glatten Wand mit oft genutzter  Drehtür  wieder.  Es folgen die in Opern oft üblichen Verwechslungen und Wirren,  unterhaltsam und spaßig. Am Schluss haben sich die Menschen  wieder in Tiere zurückverwandelt, die  Richtigen finden sich, und außer Doktor Bartolo sind alle glücklich. Das Publikum auch, denn auch Orchester und Sänger konnten überzeugen.
Es war ein unterhaltsamer und netter Abend.

 

Dr. Joachim Ludwig über “Il barbiere di Siviglia” am 17. März 2012 im Theater Duisburg

Schon die Ouvertüre zum ” Barbier” von Giacchino Rossini erinnert an eine sommerliche Blumenwiese mit einer reichen Insektenwelt. Auch im Libretto von C. Sterbini kommen Falter und Spinnen vor. Dies hat den Regisseur Claus Guth inspiriert bei den Grundbedürfnissen wie Paarung  und Ernährung ein paralleles Verhalten von Insekten und Menschen aufzuzeigen. Äußerst unterhaltsam werden phantasievolle und farbenprächtige Kostüme und blumige Bühnenbilder (Christian Schmidt) geschaffen. Immer wieder ist es spannend zu sehen, welche neuen Kreaturen wie Schnecken, Spinnen, Käfer, Hummeln, Fliegen und Falter auftauchen. Durch einen Riesigen Insektenspray wird nach der Pause die Konstellation auf die Menschen zurückgeführt. Immer wieder wird durch Videoprojektionen und Kostümdetails auf die tierische Basis zurückverwiesen -ein sehr schlüssiger Aspekt. Temporeich und wunderbar genau spielen die Duisburger Philharmoniker unter der Leitung von Giuliano Betta. Das sehr spielfreudige Gesangsensemble ist durchweg erstklassig. Der Litauer Laimonas Pautienius überzeugt in seinem Rollendebüt als Figaro – auch Stephanie Atanasov als Rosina begeistert. Eine sehr kurzweilige Opernkomödie zur spritzigen Musik von Rossini – auch für jüngere Opernfans bestens geeignet.

 

Dr. Katja Pivit über “Die Nachtigall” am 2. Februar 2012 im Theater Duisburg

Ein Märchen von Hans Christian Andersen
begleitet durch die Komposition von Igor Strawinsky

Es war ein besonderes Ereignis für mich, da ich bisher noch nie eine Kinderoper besucht habe. Ich war sehr gespannt auf die Atmosphäre im so jungen Publikum und hatte kindliche Reaktionen des Staunens, der Berührung und des Gespannt seins erwartet. Die Stimmung war jedoch eher von der Ruhe der hohen Konzentration aller Besucher geprägt.
Im Vordergrund stand für mich das wunderbare Bühnenbild . Es war bunt, symbolisch, metaphorisch, orientalisch, opulent. Es bot eine Fülle visueller Eindrücke, die erstaunlicherweise nicht verwirrten, sondern geordnet erschienen. Es hat mich an einen Korb voller bunter, süßer Köstlichkeiten erinnert, der jedes Kinderauge erstrahlen  lassen würde.
Diese Aufführung war eine Laudatio an den Gesang, der es vermag den Tag zu beginnen, die Welt aus dem Schlaf zu wecken, der Natur Leben einzuhauchen, von Machtgier gefangene Herzen zu erweichen, den Tod zu besänftigen, Trauer und Leblosigkeit in Freude und Bewegung zu verwandeln. Der Gesang der Nachtigall vermag all dies und die künstlerische Besetzung dieser Rolle hat ihre Aufgabe als Botschafterin des Gesangs würdig und überzeugend vermittelt.
Diese Oper war auch eine Laudatio an die kleinen Dinge des Lebens die von Herzen kommen, und nur vom Herzen gesehen und gehört werden können, und sei es ein kleiner unscheinbarer, grauer Vogel.
Diese Aufführung war sicherlich für alle kleinen Besucher eine gelungene Abwechslung zur Spielkonsole, zum Comic Heft und vor allem zu Schularbeiten.
Eine gelungene Entführung in eine Fabelwelt für die ganze Familie.

Dr. Joachim Ludwig über b.07 am 14. Dezember 2011 im Theater Duisburg

Die Duisburger Fassung von b.07 ist ganz nah am Ideal eines modernen Ballettabends. Es beginnt mit “Compositie” (1994) einem Meisterwerk von Hans van Manen (NDT / Duisburger Musikpreis 2004), einem der großen Vorbilder Martin Schläpfers. Zu den Minimalisten Klavierkonzerten von John Adams/Morton Feldman tanzen um zwei quadratische Tische Zwei Gruppen von Tänzer/innen in einer Doppelung völlig synchron. Plötzlich löst sich ein Paar, streift Teile der Kleidung ab und beginnt einen „Pas de deux“. Zum Ende löst sich eine weitere Tänzerin aus den Zwängen der Gruppe und sucht einen Partner, bleibt aber allein. Wunderbar sind auch Licht und Kostüme Von Keso Dekker.
Es folgt eine visuell und in Bewegungen überbordende neue Choreographie “Frozen Echo” der Niederländerin Regina an Berkel. Die Musik ihres Landsmannes Theo Verbey reicht von minimalistisch bis zu Filmmusik. Alte, aneinandergereihte Computerbildschirme erinnern an ein Dino-Wirbelsäule und ändern wie Scheinwerfer die Farbstimmungen (Lob an Dietmar Janeck). Die Fülle an surreale Figuren – Frau mit Sturmfrisur, Weißes Schleppenkleid über einem Lichtschacht, Projektion auf weißes enges Kleid- machen es dem Betrachter schwer sich auf einzelne Details zu konzentrieren.
Einzelheiten in der Choreographie, sowie Bühnenbild und Kostüm der „Robert Schumann Tänze“ wurden von Martin Schläpfer vor der Duisburger Premiere noch einmal modifiziert. Biographische Bezüge zu Robert und Clara Schumann, sowie zu Johannes Brahms sind auch durch die schlichten Kostüme nur angedeutet und unterstützen die Visualisierung der wunderschönen Musik. Die phantastische Duisburger Fassung wird Bestand haben. Die Amerikanerin Catherine Rückwardt, die lange Zeit mit Martin Schläpfer in Mainz arbeitete, leitete die präzise und beschwingt aufspielende Duisburger Philharmoniker, sowie Dirk Wedmann (Klavier) in für die Tänzer-/innen optimalen Form. Unbedingt hingehen!

Dr. Katja Pivit über b.07 am 14. Dezember 2011 im Theater Duisburg

Uns erwarteten drei Aufführungen, im Vergleich zueinander sehr unterschiedlich, aber jede in sich und miteinander sehr stimmig.

Der Abend begann mit einer Choreografie von Hans van Manen, genannt „Compositie“. Das minimalistische Bühnenbild zeigte zwei Tische und zwei Tanzgruppen, die  wie ein Spiegelbild zueinander wirkten. Der Tanz entwickelte sich in einem Rahmen der Struktur, Ordnung und fast schon Zwanghaftigkeit , der in weiterem Sinne sogar Fremdbestimmung, ausdrückte. Der versuchte Ausbruch eines Tänzers verlief eher hintergründig . Ein Gefühl der Enge und Beklemmung machte sich breit.
Es folgte die Choreografie von Regina van Berkel, genannt „Frozen Echo“. Eine sehr imposante, surrealistische Aufführung, eingebettet in einem sehr üppigen, von bedeutsamen Lichteffekten geprägtes Bühnenbild. Die fast beklemmende ,starre Ordnung aus dem ersten Bühnenbild schien sich vollständig aufzulösen. Sehr ausdrucksstarke Kostüme , im Vergleich zu der eher schlichten Bekleidung im ersten Stück, lenkten unsere Blicke in alle Richtungen des sehr unruhigen, scheinbar willkürlichen Tanzes. Hätte sich mir dieses Bühnenbild im Traum gezeigt, würde ich es als  Aufruhr meines Unterbewusstseins interpretieren, als Auflösen oder Schmelzen des zu Eis erstarrten Echos  meines Innersten. Sehr gelungen war die musikalische Interpretation der Duisburger Philharmoniker hierzu.
Es folgt die Choreaografie von Martin Schläpfer, die für mein Empfinden, seine ganz individuelle Art von Liebenswürdigkeit zum Ausdruck brachte. Zur Musik von Robert Schumann wurde auf sehr harmonische Weise, zum Teil mit klassischen Tanzelementen, die Liebe zum Detail, zur Perfektion, aber auch die Liebe zu sich selbst und zueinander dargestellt. Das Bühnenbild erinnerte mich an einen Elfenwald.
Ich verließ den Saal mit dem wohligen Gefühl, dass sich der Kreis geschlossen hat. Dieser Abend war im wahrsten Sinne des Wortes ein Augenschmaus.

Anna Katharina Nilsson über “Carmen” am 15. Oktober 2011 im Theater Duisburg

Die Oper Carmen gehört zu einer meiner absoluten Lieblingsopern! Die Musik ist einfach umwerfend und bezaubernd. Sie ist magisch, kann begeistern, zum Träumen anregen und es möglich machen, einen Moment einfach alles um sich herum zu vergessen. Mit dieser Erfahrung ging ich also in die Vorstellung. Ich war gespannt auf die Inszenierung und freute mich natürlich sehr auf die Musik. Gleich zu Anfang wurde ich mit den absoluten musikalischen Highlights verwöhnt. Jedoch enttäuschte mich die Inszenierung ein wenig.
Ich empfand die gesamte Inszenierung als „fluffig“ und nicht eindeutig choreographisch ausgearbeitet. Es wurden viel zu viele Klischees bedient. Außerdem habe mich mehrmals  während der Aufführung gefragt, was dieser weiße Zylinder soll?! Ich hatte mehrmals die Assoziation zu einem Todesser aus „Harry Potter“ oder dem Ku-Klux-Klan.
Auch das Ende finde ich ungünstig  gestaltet, der Zuschauer sieht wie Carmen durch einen Stierkopf getötet wird, ohne das die Hörner sie treffen. Für mich ein nicht gelungenes und zu undramatisches Ende.
Auch Carmen, die sicherlich von Georges Bizet als Femme Fatal ausgearbeitet wurde, wirkt in dieser Inszenierung zu sexy und plump. Die Darbietung entsprach einfach nicht meinen Vorstellung.

Ich hatte immer wieder das Gefühl, dass Carmen zwar ganz genau weiß, wie sie auf Männer wirkt und auch genau weiß welche Strippen sie ziehen muss, um einen Mann für sich zu gewinnen – abgesehen davon, dass sie sowieso wunderschön ist – dennoch denke ich, dass sie sich von ihren eigenen Gefühlen verschließen will, denn nur so ist sie die selbstsichere und stolze Person.
Großes Thema dieser Oper ist das Schicksal, so sagt José einmal: „Warum musste das Schicksal mir nur sie über den Weg laufen lassen?“ Dieser Satz sagt so viel für mich aus. Die Oper zeigt die traurige Wahrheit über die Liebe: sie macht abhängig! Gefühle und die Liebe können einen Menschen regelrecht zerstören. Zu lieben macht aufs bitterlichste verletzlich, verwundbar und bringt einen zum verzweifeln. Das genau zeigt uns diese Oper.

Die Lichtregie von Fabrice Kebour war ein Ereignis, es war wirklich ein großes Erlebnis zu sehen, wie das Licht mit den Darstellern spielt, sie umschmeichelt und die Situationen beschreibt.
Ich kann immer noch nicht genau sagen, ob ich diese Inszenierung schlecht oder mittelprächtig finde soll, aber die Aufführung erhielt großen Applaus. Und ich schwelge in Gedanken über das Schicksal und die Liebe.

Anna Katharina Nilsson über “Dialogues des Carmélites” am 30. September 2011 im Theater Duisburg

Das dramatische Sterben, Liebe und der Tod sind in vielen Opern Thema. So kam ich auch zur Premiere dieser Oper mit der gleichen Erwartungshaltung und glaubte mich auch an diesem Abend erneut mit diesen Themen auseinander setzen zu müssen.
Doch diese Oper belehrte mich eines Besseren. Gleich zu Beginn wurde sehr schnell deutlich, dass es diesmal um etwas anderes ging: Angst. Dieses zentrale Thema regte mich sofort zum Nachdenken an – zum Nachdenken über mich selbst und das Leben. Vielleicht sogar den Sinn des Lebens. So ertappte ich mich mehrmals, wie ich während der Oper über mich und meine Ängste nachdachte.
Blanche erscheint als ein schüchternes, schreckhaftes, ernstes, Mädchen. Sie tritt in ein Kloster ein, um ihren Ängsten zu entkommen. Ein kahler, weißer Ort, so präsentiert das  Bühnenbild das Kloster. Dieses sterile Bühnenbild scheint wie eine Dopplung ihres Namens: Blanche – rein, sauber, weiß . . . Eine Hülle, eine Angleichung, ein Zeichen, dass sie dort hingehört,? Oder meint dort hinzugehören? Für mich persönlich eine sehr interessante Interpretation ihres Namens und eine sehr gut gelöste Bühnendekoration.
Das Stück lehrt uns Menschen, die wir nicht alleine sein wollen und vielleicht auch nicht können, dass man selbst in einer Klostergemeinschaft alleine ist. Ein Jeder muss sein Leben selbst bestreiten und gestalten. Man ist allein und selbst Sterben müssen wir allein.
Für mich wirft das Stück die zentrale Frage nach dem Sinn des Lebens auf:  Wenn wir sowieso alles alleine bestreiten müssen, sollten wir dann nicht wenigstens die Zeit, die wir haben mit Menschen verbringen, die uns gut tun, die uns lieben und die wir lieben?
Bei Blanche wird für mich niemals wirklich deutlich, ob sie sich in dem Kloster tatsächlich wohlfühlt, denn eigentlich hat sie ihren Bruder und ihren Vater, die sie lieben und sich um sie sorgen, doch Blanche sieht diese Liebe nicht und fühlt sich von ihrer Familie unverstanden. Letztendlich versucht sie sogar diese Liebe von sich abzuschotten, hat sie etwa einen fanatischen Kampf gegen die Angst aufgenommen oder ist sie so erpicht darauf, von Gott antworten zu erfahren?
Wie heißt es so schön: Man ignoriert die, die einen wollen, man will die, die einen verletzen und verletzt die, die einen wirklich lieben.
Ich persönlich habe mich so sehr auf den Text und die Entwicklung Blanches konzentriert, dass die Musik und der Gesang völlig in den Hintergrund traten. Der herrliche Chor der Nonnen jedoch, die unter anderem „Ave Maria“ sangen, war eine Wohltat und eine willkommene Abwechslung zur doch sehr schweren thematischen Handlung des Stückes. Auch das Ende, die Hinrichtung der Nonnen, wurde hervorragend inszeniert, sodass ich am Ende wirklich sprachlos war und für einen kurzen Moment unfähig war zu klatschen.
Dies ist eine Oper, die gerade wegen ihrer Thematik jeden von uns berührt. Egal ob jung oder alt, jeder hat Angst, Angst vor dem Leben und vielleicht sogar vor sich selbst. Dieser Abend war eine wirkliche Bereicherung und wird mir noch sehr lange im Gedächtnis bleiben.

Marianne Lürzel über “Carmen” am 15. Oktober 2011 im Theater Duisburg

Carmen ist immer noch der „Renner“ und das Theater vollbesetzt. Die beiden Damen in der Reihe vor mir wippen schon bei der Ouvertüre begeistert mit. Und auch ich bin, obwohl schon tausendmal gehört, angetan von dieser kraftvollen Musik.
Der Vorhang geht auf und man blickt auf ein relativ karges, farblich schön abgestimmtes und leicht wandelbares Bühnenbild. Die Kostüme der Fabrikmädchen passen farblich perfekt, obwohl ich mir in einer Zigarettenfabrik arbeitende Zigeunerinnen bunter vorstelle.
Eine ebenso schön singende  wie tanzende und sich effektvoll lasziv bewegende Carmen  (Isabelle Druet) begeistert, auch dieser mit einer herrlichen Stimme ausgestatteter Don José (Sergej Khomov).  Und auch Michaela (Anke Krabbe) setzt Glanzpunkte. Das Orchester ist in Hochform und das Publikum begeistert.
Dann am Ende Carmen als Torero – kann man so sehen – sie ist eine Kämpferin. Aber  die Darstellung von Don José als Schlächter oder Metzger, der am Schluss gar als Stier Carmen tötet, kann ich nicht nachvollziehen und es wirkt auf mich aufgesetzt und albern.
Trotzdem eine sehenswerte Aufführung und viele Bravos aus dem Publikum.

Dr. Joachim Ludwig über b.10 am 30. Oktober 2011 im Theater Duisburg

Die Premiere des Ballettabends b.10 in Duisburg war außergewöhnlich abwechslungsreich, vielschichtig und bildgewaltig. Das dritte Klavierkonzert (1979) von Alfred Schnittke wurde von Denys Proshayev am Flügel mit dem Duisburger Philharmonikern unter der Leitung von Wen-Pin Chien wunderbar dargeboten. Die Choreographie von Martin Schläpfer aus Mainzer Zeit zeigt sehr elegant in schwarz-blauem Licht menschliche Beziehungsschwierigkeiten mit der Tänzerin Yuko Kato im Mittelpunkt.
Eine große Überraschung war die “Tanzsuite” (Mainz 2005). Zu einer Kollage von Geräuschen und Tönen (vom Band – Helmut Lachenmann 1980) wurde ein sehr humorvolles Bewegungsfeuerwerk vom “Kindergeburtstag” über “Gesäßparade” bis zum  philosophischen Schluss – eine  auf dem Boden sitzende Tänzerin wird durch Wechsel  des Hintergrund vom Sternenhimmel  in ein schwarzes „Nichts-Nirwana”  transferiert. Phantastisch sind Bühne und Kostüme von Keso Dekker gestaltet.
Zum Abschluss folgt mit der “Psalmensinfonie” (Strawinsky)  ein Klassiker des modernen Tanzes – 1978 von Jiri Kylian für das „Nederland Dans Theater“ geschaffen , deren Künstlerischer Leiter er bis 1999 war. Zu einer rituell-meditativen Musik – live gespielt von den Duisburger Philharmonikern mit dem Opernchor – tanzen 8 Paare kraftvoll in einer zeitlosen Formgestaltung. Ein wunderbar anregend und inspirierender Abend!

Dr. Joachim Ludwig über “Carmen” im 15. Oktober 2011 im Theater Duisburg

Die meistgespielte Oper der Welt “Carmen” von Georges Bizet feierte in einer neuen Inszenierung des Deutsch-Venezulaners Carlos Wagner in Duisburg Premiere. Rasant und temperamentvoll – mit glänzend disponierten Duisburger Philharmonikern – führte Axel Kober durch die vielen bekannten Arien der Oper. Die Chöre – hier auch der Opernkinderchor – brachten eine fulminante Leistung.
Mit Sergej Khomov war die Rolle des Don Jose fantastisch besetzt. Anke Krabbe als Micaëla stach durch ihren klaren, lyrischen Sopran hervor. Isabelle Druet als sehr tänzerische Carmen fiel als Mezzosopran leider ein wenig ab.
Den Inszenierungs-/Bühnenbildansatz von Carlos Wagner, sich von der düstern Bilderwelt des späten Goyas inspirieren zu lassen, empfinde ich als sehr problematisch. Ich habe seine “Pintas Negras“ (Schwarzen Bilder) vor kurzem selbst im Madrider Prado gesehen. Die albtraumhaften, depressiven Bilder – zum Teil als Reaktion auf die Schrecken der Napoleonischen Kriege und der spanischen Inquisition haben nichts mit dem schicksalhaften Liebeskampf zwischen Carmen und Don Jose zu tun. Das düstere Bühnenbild wurde besonders im zweiten Akt durch die raffinierte goldfarbende Lichtregie von Fabrice Kebours geadelt.
Der Tod der Carmen – im Kostüm eines Torero – zwischen den Hörnern eines Stiers war nicht überzeugend.

 Dr. Joachim Ludwig über “Dialogues des Carmélites” am 30. September 2011 im Theater Duisburg

Die Übernahmepremiere “Dialogues des Carmélites” von Francis Poulenc war ein Ereignis. Die wahre Geschichte um Lebens- und Todesangst in Zeiten der Französischen Revolution ist bewegend – musikalisch in klassischer Tradition umgesetzt. Zum ersten Mal seit 10 Jahren spielten die Düsseldorfer Symphoniker -hervorragend unter Leitung von GMD Axel Kober – wiedermal in Duisburg. Die neue Besetzung überzeugt beeindruckend mit Silvia Hamvasi ,die ihr Debüt als Blanche gab, ebenso wie Susan MacLean ,die den überaus schwierigen Part der sterbenden Priorin Madame de Croissy ergreifend gesungen und dargestellt hat. Die Inszenierung und die Ausstattung unterstreichen die kammerspielartigen “Dialogues”. Die Schlussszene – Gesang der Karmelitinnen, fallende Stoffbahnen ,das Geräusch der Guillotine- ist absolut überwältigend und tief beeindruckend.

Dr. Katja Pivit über “Dialogues des Carmélites” am 30. September 2011 im Theater Duisburg

Auf dem Weg nach Hause beschäftigte mich ein Gedanke ganz besonders:

Wie fasse ich in Worte, was mich fast wortlos gemacht hat?
Ort des Geschehens ist das Kloster der Karmelitinnen, ein Ort von dem sie selbst , vor allem aber die Priorin sagen, es sei ein Ort des  Schweigens und der Hoffnung, ein Ort wo nur das Wort Gottes zähle und das Gebet das einzige sei, was ihre Existenz rechtfertige. Etwas widersprüchlich zu diesen Regeln war natürlich der Titel und die tatsächlich stattgefundenen Dialoge, deren Thema immer das Eine war: der Tod. In genau dieser Gemeinschaft mit strengen Regeln sucht eine Frau Zuflucht, die in sich eine so große Angst trägt, dass sie für sich bei Eintritt in das Kloster den Namen “Schwester Blanche von der Todesangst Christi“, wählte. Das tragische Schicksal von Blanche steht im Mittelpunkt der Handlung und mit ihr das Gefühl Angst – Todesangst.
Diese Aufführung war für mich der bisher schönste, aber auch anspruchsvollste Opernabend.
Jede Komponente dieser Oper, sei es die musikalische Interpretation der Düsseldorfer Symphoniker, die Sänger, das Bühnenbild, die Choreografie, hat für sich einzeln betrachtet  den Grad der Perfektion erreicht und war trotzdem menschlich extrem berührend. Das Thema Tod und das damit eng verbundene Gefühl der Angst, sowie die Kälte des Klosterlebens, wurden auf ein sehr feinsinniges Zusammenspiel von Worten, Klängen, Stimmen und Bildern interpretiert und unterschiedlich hervorgehoben. Ein besonderes Erlebnis war hierbei die Szene der Hinrichtung der Karmelitinnen. Das Geräusch der fallenden Guillotine, welches die Szene der Hinrichtung der Karmelitinnen begleitete, wird mich mein Leben lang an den Tod erinnern. Unterstützt wurde dieses akustische Erlebnis von einem unglaublich eindringlichem Lichtspiel.
Und wieder staune ich über die Ästhetik mit der alle beteiligten Künstler so schwierige Themen aufgreifen können ohne Furcht zu erregen, ohne zu schockieren.
Und dennoch, nach so einem schönen Abend, kehrt jeder Zuschauer zurück in den Alltag und das Thema des Abends scheint ein ewig unter uns weilendes zu sein: die Angst im allgemeinen und die Todesangst im speziellen. Und ich frage mich, was der gesellschaftliche Beitrag daran ist, dass manche Menschen voller Angst nur noch den Weg in die Flucht suchen können, sei es der Rückzug in ein Kloster, eine Sucht, Besessenheit oder auch Gewalt. Ich denke dabei zum Bespiel an den traurigen Tod der unglaublich talentierten Amy Winehouse , die wie sie sagte , ständig unter einer grauen Wolke lebte.
Vielen Dank an alle Künstler der Oper am Rhein, für diese Inspiration.

Dr. Katja Pivit über b.10 am 30. Oktober 2011 im Theater Duisburg

Letzte Woche, morgens früh auf der Autobahn, habe ich einen wundervollen Regenbogen gesehen, der den Himmel in eine sonnige Hälfte und in eine bewölkte und regnende Hälfte zu trennen schien. Zutiefst von dieser Erscheinung beeindruckt war es mir ein großes Bedürfnis, diese Stimmung und Atmosphäre zu teilen, aber es gelang mir nicht sie wirklich treffend in Worte zu fassen. Ich befürchte, dass es mir jetzt  nach diesem Ballettabend ähnlich gehen wird, aber ich will es  trotzdem versuchen.
Wir wurden mit drei sehr unterschiedlichen Inszenierungen überrascht.Es begann mit einer Choreografie von Martin Schläpfer „Lebensweg einer Frau“ zum Dritten Klavierkonzert von A. Schnittke. Die Höhen und Tiefen, ein Kommen und Gehen, Momente des Zweifel, der Erleichterung , der Nachdenklichkeit und Spontanität  fanden ihren, für mich, unglaublich klaren Ausdruck im Tanz.
Die zweite Inszenierung war die „ Tanzsuite“ ebenfalls von Martin Schläpfer zur Musik von H. Lachenmann. Ich muss zugeben, dass dieser Teil des Abends für mich der höchste Genuss war. Eine Ballettaufführung mit klassischen, modernen, spielerischen und fast skulpturartigen Elementen. Es entwickelte sich im Tanz eine komplexe und dennoch unbeschwerte Aneinanderreihung von Figuren die wie Stillleben wirkten. Die musikalische Begleitung der Tänzer mit einer Komposition von scheinbar „ungebundenen“ Tönen und Geräuschen, die wiederum wie eine Art akustisches, lineares Stillleben wirkten passten hervorragend dazu. Das Bühnenbild hierzu war schlicht, digital, mit vielen virtuellen Elementen und für mein Empfinden sehr stimmig mit den farbintensiven Kostümen, die trotz ihrer starken Präsenz der Aufführung eine gewisse Eleganz verliehen.
Als drittes „Petit Four“ des Abends kam ein ganz anderer choreografischer und musikalischer Stil zum Ausdruck. Es heißt „ Symphony of  Psalms“, von Jiri Kylian.
Ein puristisches Bühnenbild und  sakrale Musik bildeten den Rahmen für die Choreografie, in der  klassische und moderne tänzerische Elemente fließend ineinander übergingen. Die Bewegungen, der Tanz schienen Themen wie Einheit, Einigkeit, Harmonie, Einssein, Verbundensein, anzusprechen. Es entstand der Eindruck einer sanften Perfektion, zu der wahrscheinlich nur Künstler imstande sind.
Sicherlich ein Abend für Feinschmecker und Genießer.