Kai Gottlob über “Il barbiere di Siviglia” am 17. März 2012 im Theater Duisburg

Die Insekten von Sevilla

Nein, eigentlich bin ich kein Purist in Sachen Kultur – literarische oder filmische Stoffe kann man wunderbar durch Zeit und Raum wandern lassen. In puncto Operninszenierung fühle ich mich allerdings eher als Traditionalist. Historische wünsche ich mir in ihrem authentischen Ambiente. So habe ich es leichter, gedanklich in ihre Zeit zu reisen, ihre Figuren zu verstehen, Komposition und Buch näher zu kommen. Unkonventionelle Inszenierungen begeben sich auf eine riskante Gratwanderung zwischen neuem Ambiente und oft Jahrhunderte alter Musik. Das Wagnis ging auch Claus Guth mit seiner bereits hoch gelobten „Insekten-Inszenierung“ von „Il barbiere di Siviglia“ ein.

Ich hatte es dabei schwer, vor allem im ersten Akt, der mir trotz aller Farbigkeit im Bühnenbild des Öfteren die Grenze zum Klamauk überschritt. Gut, dass die Duisburger Premiere im Gesang trefflich besetzt war und die Duisburger Philharmoniker für Rossinis Musik ein pulsierender Atem waren, der die Zuschauer leicht über die drei Stunden trug. Der Wechsel des Decors mit Beginn des zweiten Aktes überraschte und gefiel mir auf Anhieb. Das spartanische Bühnenbild ging eine deutlich bessere Symbiose mit den ja größtenteils bekannten Klangwelten ein. Ein mutiger Bruch des Regisseurs, der meine bisherige Sichtweise schon ein wenig verändert hat. Jetzt könnte ich mir doch vorstellen, mir auch die nächste Inszenierung von Claus Guth anzuschauen.

Dr. Vera Krone über “Il barbiere di Siviglia” am 17. März 2012 im Theater Duisburg

So gut gelaunt bin ich bisher noch aus keiner Opernaufführung gekommen! Und dabei war ich sehr skeptisch, als ich hörte, dass die Oper in der Welt der Insekten spielen würde…
Der Auftritt des Grafen Almaviva im Hummel-Kostüm zu Beginn des 1. Aktes führt ersteimal zu Gelächter im Publikum. Der Figaro als Fliege im Lederanzug mit zweifarbiger 80er-Jahre-Frisur entspricht auch nicht dem, was man in der Oper erwartet. Es gibt zu Beginn einige Stellen, die zwar wirklich lustig sind (Graf Almaviva singt z.B. italienischen Schlager und “Biene Maja”), mich aber befürchten lassen, die Aufführung könnte in Richtung Slapstick abrutschen. Tut sie aber zum Glück nicht!
Die Kostüme sind wunderbar, und die jeweilige Insekten-Figur passt recht schlüssig zum jeweiligen Charakter. Doktor Bartolo als Spinne, die die schöne Rosina (Schmetterling) in ihrem Netz gefangen hält, der Figaro als ständig herumschwirrende Fliege, die Soldaten als Ameisen…. Mir gefällt die Idee nach kurzer Zeit wirklich gut!
Davon abgesehen ist die Musik mitreißend, sirrend, flirrend – kein Wunder, dass der Figaro so manchen Tanzschritt hinlegt. Die Duisburger Philharmoniker überzeugen sehr. Und die Sänger begeistern an diesem Abend ebenso.
Die Insekten-Ebene wird mit dem Ende des 1. Aktes mit Hilfe einer riesigen Dosen Insektenspray verlassen, im 2. Akt agieren die Figuren dann als Menschen. Es ist durchaus wohltuend, dass Kostüme und Bühnenbild nach all den Eindrücken im ersten Teil reduzierter sind. Gegen Ende wird das Insektenmotiv wieder aufgenommen, diesmal nur aber angedeutet mit Flügeln oder Bienen-Ringelpulli.
Den Kampf zweier ” Männchen” um ein ” Weibchen” zumindest in Teilen der Oper ins Tierreich zu verlegen, dazu ins Insektenreich, dessen Geräusche sich durchaus in der Musik wiederfinden, erscheint mir am Ende des Abends als gelungen Idee. Das Konzept polarisiert, und es wird sicherlich Zuschauer geben, die sich klassische Kostüme gewünscht hätten. Ich kann diese Operninszenierung jedoch uneingeschränkt empfehlen und denke, dass sie sicherlich auch das jüngere Publikum ansprechen wird.

Dr. Vera Krone über b.07 am 14. Dezember 2011 im Theater Duisburg

Ich gehe ja bisher wesentlich lieber in die Oper als ins Ballett, aber dieser Abend war schöner als so manche Oper!

Der erste Teil “Compositie” hat mir gut gefallen, sowohl die Musik als auch die tänzerische Leistung. Am meisten hat mich aber der mittlere Teil, “Frozen Echo” von Regina van Berkel, gefangen genommen. Die Bühne ein großer heller Raum, darin schwebend eine Art riesige Wirbelsäule, ausgehöhlte Computermonitore als Wirbelkörper, die mit den eingebauten Leuchtmitteln für immer wieder neue Stimmungen sorgen. Überhaupt ist die Lichttechnik großartig und besser als jedes aufwändige Bühnenbild! Den Tanz zu beschreiben, fällt mir nicht leicht – es finden zum Teil gleichzeitig so viele Dinge an verschiedenen Stellen der Bühne statt, dass man sich kaum entscheiden kann, wo man hinsehen soll. Ich genieße sowohl all die visuellen Eindrücke als auch die Musik der Duisburger Philharmoniker.
Der letzte Teil, die Schumann Tänze von Martin Schläpfer, waren für meine Begleiterin der Höhepunkt, mich hat er nicht so begeistert wie “Frozen Echo”.
Mein Fazit: Es war wirklich ein Genuss, und kurzweilig noch dazu. Sehr empfehlenswert.

Anna Lea Kopatschek über “Dialogues des Carmélites” am 30. September 2011 im  Theater Duisburg

Mit gemischten Gefühlen machte ich mich auf zur Premiere von Francis Poulencs Oper „Dialogues des Carmélites“. Ich war gespannt, weil ich schon seit längere Zeit keine Oper mehr besucht hatte und ich mich inhaltlich nicht mit „Dialogues des Carmélites“ auseinander gesetzt hatte. Was würde mich also erwarten? Die Geschichte von einem Nonnenkloster zur Zeit der französischen Revolution konnte ich mir im ersten Moment als nicht sehr spannend vorstellen. Als ich im großen Saal des Theaters Duisburg Platz nahm, stellte ich zu meiner Überraschung fest, dass das Alter des Publikums relativ gemischt war. Sogar kleinere Kinder mit ihren Eltern ließen sich auf die rot bezogenen Klappsessel nieder.
Stille – das Licht ging aus und vor mir lagen nun drei Stunden Oper.
Zu meiner Verwunderung verging die Zeit bis zur Pause wie im Flug. Konzentriert und gebannt verfolgte ich die Geschichte der überaus sensiblen Protagonistin Blanche, die im kargen und wenig einladenden Kloster versucht ihre Todesangst zu überwinden. Diese kalte und sterile Atmosphäre wurde besonders durch das Bühnenbild unterstrichen. Die lupenrein, weiße Leinwand stand im Kontrast zu den braunen Kutten der Ordensschwestern. Dies alles wirkte sehr bedrohlich auf mich.
Durchweg empfand ich die Oper „Dialogues des Carmélites“  zwar als düster, besonders durch die ständige Thematik von Angst und Tod, jedoch nie verschreckend. Dies lag vor allem an dem Zusammenspiel aus dem wunderbaren Gesang der Künstler, dem Spiel der Düsseldorfer Philharmoniker und dem genial umgesetzten Bühnenbild. Dieses war gerade durch seine Schlichtheit besonders ausdrucksstark. Die letzte Szene, der dramatischen Hinrichtung, gelang dem Regisseur besonders gut und hat mich sehr beeindruckt. Mit herunterfallenden schwarzen Stoffbahnen vor einem leuchtend roten Hintergrund und dem Geräusch des fallenden Beils wurde der Gang jeder einzelnen Nonne zum Schafott verbildlicht. Für mich ein sehr beeindruckendes Erlebnis.

Am Ende der drei Stunden hatte man das Verlangen noch einmal über die gesamte Inszenierung nachzudenken, die erlebten Eindrücke zu sortieren und erst einmal in sich zu kehren. Meine vorherige Skepsis hatte sich in Luft aufgelöst, die Geschichte um ein französisches Nonnenkloster kann sehr wohl spannend und berührend sein!
„Dialogues des Carmélites“ ist eine Oper zum Nachdenken und Nachfühlen.

Kai Gottlob über b.10 am 30. Oktober 2011 im Theater Duisburg

Dissonanz zu Konsonanz

Ganz klar – Ballettchef Martin Schläpfer steht für große künstlerische Qualität. Hoffen wir alle, dass uns das noch lange erhalten bleibt!
B.10 ist schon in seiner Veranstaltungsdramaturgie eine stimmige Komposition. Eröffnet wurde  der Abend mit ‚Drittes Klavierkonzert’, am Flügel Denys Proshayev begleitet von den Duisburger Philharmonikern. Das Bühnenbild zeigt sich eher puristisch, der Blick ist ganz auf die Solisten Yuko Kato und Remus Sucheana fokussiert. Vor allem Yuko Kato erfüllt für mich alle in sie gesetzten Erwartungen. Wunderbar, wie das im Gegensatz zum restlichen musikalischen Ensemble sehr dissonante Klavier im perfekten Einklang mit ihrer Bewegung bestens goutierbar wird. Ein klein wenig Dissonanz war bei eigentlich synchronen Abläufen im zweiten Glied der Tanztruppe wahrnehmbar. Sehen wir es der besonderen Situation einer Premiere geschuldet.
‚Tanzsuite’ überrascht mit einem zunächst visuell dominanten Bühnenbild. Die Videoprojektionen von Christoph Schödel und Keso Dekker sind in ihrem monochromatischen Videorauschen ein mehr als interessanter Kontrast zu der Farbigkeit der bunt leuchtenden Kostüme, die die körperliche Komponente des Tanzes deutlich unterstreichen. Auch hier findet eine nicht gerade gefällige Musik (Helmut Lachenmann) eine erweiterte Wahrnehmung erst mit dem zweiten Medium – im Einklang mit den Bewegungen der Tänzer. Kleinste Akzente erhalten in dieser Kombination die besondere sinnliche Tragweite eines Kunstwerks.
Einen fulminanten Abschluss erhielt der Abend mit ‚Symphony of Psalms’. Zur Musik Igor Strawinskys bot die geradlinig strukturierte Choreographie Jiri Kylians ein besonderes Seherlebnis. Figuren der 16 Tänzer fanden ihre Entsprechungen im Bühnenbild, keine Solisten, das Ensemble war der Star. Die von den Philharmonikern und dem Chor der Deutschen Oper am Rhein groß vorgetragene Musik nahm sich viel Raum, der Zuschauer konnte sich wunderbar an sie anlehnen. Langer Applaus – Bravo!