Barbara Wieland-Kessler über “The Turn of the Screw” am 4. Mai 2012 im Opernhaus Düsseldorf

Ich habe eine äußerst interessante und vielschichtige Inszenierung von Immo Karaman gesehen. Der Einstieg in diese Kammeroper gestaltete sich nicht leicht. Die Anzahl der handelnden Personen ist begrenzt und die Handlung scheint offensichtlich, umso komplizierter sind die hier dargestellten Charaktere und Ihre Beziehungen zueinander.
Das verwaiste Geschwisterpaar Miles und Flora wird von der eher einfältigen und überforderten Haushälterin Mrs. Grose und der charakterlich gegensätzlichen Gouvernante.Miles und Flora werden von zwei Geistererscheinungen in der Gestalt Ihrer ehemaligenErzieherin Mrs. Jessel und den Kammerdiener Quint heimgesucht, beide unter nie geklärten Umständen ums Leben gekommen. Die Kinder können oder wollen sich Ihrem Einfluss nicht entziehen und fühlen sich der düsteren Welt der Geister zugewandt.
Gleichzeitig zieht Sie der freundliche, kämpferische Charakter der Gouvernante in Ihren Bann. Vor allem das Verhältnis von Miles und der Gouvernante entwickelt sich zunehmend rätselhaft. Lenkt Miles durch sein charmantes, liebevolles Auftreten bewusst das Verhalten der Gouvernante, oder ist es aufrichtige Zuneigung? Oder verhält es sich umgekehrt? Die Frage nach der kindlichen Unschuld stellt sich immer wieder – gibt es Sie noch? Ständig spürt der Betrachter die drohende Gefahr und eine nicht abwendbare Zuspitzung der Handlung. Der Kampf zwischen der Gouvernante und den Geistern um die Gunst der Kinder wächst stetig. Eine Katastrophe scheint unausweichlich.

Diese bedrohliche und gleichzeitig bedrückende Stimmung wird auch in der Gestaltung des hervorragenden Bühnenbildes deutlich. Die Räume wirken kühl und karg, fast gefühlskalt und proportionslos. Im Mittelpunkt, immer wieder neu im Raum platziert, steht eine Treppe, die den Übergang von realer zu Geisterwelt suggeriert. Durch Sie entstehen düstere Nischen – die Gefahr wird fühlbar. Die räumliche Staffelung des Bühnenbildes von Hell nach Dunkel verstärkt den Eindruck des Dramatischen, Ungeschützten.
Das Orchester nimmt diese Stimmung in überzeugender Weise auf. Auch die Leistung der beiden Kinderdarsteller ist unglaublich. Ihre Stimmqualität und Ihre schauspielerische Darbietung ist sehr beeindruckend.

Die Herausforderung dieser Kammeroper besteht darin, die vielfältigen Handlungsebenen wahrzunehmen und sich auf die Abgründe menschlicher Beziehungen und Charaktere einzulassen. Auch einige Tage nach der Aufführung “arbeitet” diese Oper noch in mir und es entstehen immer neue Bilder und Zusammenhänge.

Caroline West über “The Turn of the Screw” am 4. Mai 2012 im Opernhaus Düsseldorf

“The Turn of the Screw” was a piece my eyes appreciated, but my ears struggled with.

Exquisitely crafted, this production has it all – goosebump moments, extraordinary performances (especially by the young guest soloists from UK), an incredible stage set, clever lighting, even moments when I felt quite uncomfortable. The drama certainly touched a nerve.

However, Benjamin Britten, I’m afraid, just isn’t my thing.
I simply find the music incredibly difficult to find a way into.
I don’t seem to be able to find a connection to the drama and tragedy I read about in this great composer’s life, and I certainly don’t feel it when I hear his music.
The tale of ghosts and innuendo are also tricky themes for me to relate to, but as with each and every performance I see, I’m very happy to have experienced and felt this. We in Düsseldorf can feel privileged that we have an opera house of such excellent class as part of our city.
I have friends who tell me they can bathe endlessly in Britten, and for all those who enjoy the sweeping movements of his work I’d say they definitely must go. The applause at the end of the premiere was thrilling. I was delighted for the ensemble and orchestra and especially young Harry Oakes who was almost too exhausted to take a bow! When he did come back on stage, his pride and delight at what he had just accomplished burst from his face. His ‘sister’ on stage, Eleanor Burke, bowed and smiled …. but then she too couldn’t contain her excitement. That was an absolute joy to see!

Well done you all.

Margarete Gänzler über “The Turn of the Screw” am 4. Mai im Opernhaus Düsseldorf

Welch eine gruselige Stimmung im Opernhaus!
Die Handlung war toll umgesetzt und die anfängliche vermeintlich heile Welt kippt ganz schnell in Verzweiflung und Verwirrung. Das aufwendig verschachtelte Bühnenbild unterstrich die dramatische Stimmung, man sah den Raum und die Treppe in verschiedenen Position – das Ende der Treppe war nicht zu sehen, plötzlich war ein Spalt zwischen zwei Wänden und die teilweise Tiefe der Bühne verstärkte die Unwirklichkeit.
Die klare und beherzte Gouvernante wurde im Laufe des Stücks immer verzweifelter und ängstlicher und man konnte mit ihr fühlen, dass es immer schwieriger wurde die reale Welt und die Geisterwelt auseinander zu halten.
Die beiden Kinder haben mir sehr gut gefallen – welch eine Leistung! Zu Beginn hatte man den Eindruck, Miles und Flora seien ganz normale Kinder, auch ein Schulverweis kann ja mal vorkommen. Auch hier wurde immer diffuser, auf welcher Seite die Kinder stehen. Man spürte den Einfluss der beiden verstorbenen Hausangestellten, die die Kinder wohl sehr in ihren Bann nahmen.
Die Leistung des Kammerorchesters hat mir sehr gut gefallen – 14 Musiker – meine Hochachtung. Ich empfand die Abstimmung zwischen Musik und Stimmen sehr gut.
Für mich war es ein schöner Abend mit einer ganz besonderen Stimmung.

Claudia Uhl über “The Turn of the Screw” am 4. Mai im Opernhaus Düsseldorf

Ein psychodramatisches Kammerspiel, phantastisch inszeniert! Geister, Spuk, Grusel, wer bringt hier wen um?! Ich erlebe eine atmosphärisch hervorragende und spannende Inszenierung einer der sicherlich ungewöhnlichsten Opern. Ein echter Geheimtipp!

Es ist schon starker Tobak, die Inhalte sind vielleicht schwer verdaulich, aber nicht schwer verständlich! Die Handlung zieht mich vom ersten bis zum letzten Moment in ihren Bann. Bereits in meiner ersten Britten-Oper „Billy Budd“ (Premiere am 25. März 2011 im Opernhaus Düsseldorf) begeisterte mich die Inszenierung, in der der Regisseur den Spannungsbogen stets auszureizen wusste. Anders als in „Billy Budd“, als ich mich erst an Brittens Musik gewöhnen musste, bin ich hier schneller „drin“, auch musikalisch. Die Musik von Benjamin Britten ist nicht schön oder lieblich wie die von Mozart, Verdi oder Puccini. Sie hat einen ganz eigenen Stellenwert. Ich weiß die musikalische Interpretation des kleinen, kammermusikalischen Orchesters an diesem Abend absolut zu schätzen! Auch die Leistung der Sänger ist grandios. Überhaupt ist das ganze Stück eine echte Ensemble-Leistung, in der ich die beiden Kinder besonders erwähnen möchte, haben sie mich doch mit ihrer Spielfreude und Natürlichkeit überzeugt.
Schaurig-schöne Töne, Seufzer, das Leid der Kinder und die Geister der Verstorbenen… die Musik bildet eine einzigartige Symbiose mit der spukhaften Handlung.

Genial finde ich auch das Bühnenbild, besonders im ersten Akt, wenn sich Realität und Geisterwelt spiegeln, aufgelöst durch die herunterkommende Wand durch dessen Tür Sylvia Hamvasi mit wehendem Umhang und leuchtendem, aber bedrohlich intensivem Sopran schreitet…. spätestens an der Stelle lief, glaube ich, jedem im Publikum ein Schauer über den Rücken! Die Intensität nimmt im zweiten Teil des Stückes zu und steigert sich zu einem dramatischen und überraschenden Ende, welches mich, dank der nicht eindeutigen Interpretation des Regisseurs, noch lange beschäftigt.

Barbara Wieland-Kessler über b.11 am 17. März 2012 im Opernhaus Düsseldorf

Backyard

Choreographie von Uri Ivgi und Johan Greben
Musik von Bernd Alois Zimmermanns Orchesterskizzen “Stille und Umkehr”,  Ryüinichi Sakamoto, Arvo Part

Im Gesamteindruck eine wunderbare Choreographie. Das reduzierte Bühnenbild – Hinterhofatmosphäre-, dargestellt durch einen quadratisch aufgehängten Kettenvorhang aus Metall. Es entsteht eine Trennung zwischen Innen- und Außenraum. Die Tänzer sind schlich in schwarz gekleidet. In der Choreographie geht es um Macht, Gewalt und Aggression. Die Rollenverteilung von Männern und Frauen stellen sich gleichwertig dar, die Gewalt geht von beiden aus. Handlung und Bühne verändern sich sehr stimmig zueinander. Der Kettenvorhang fällt mit lautem Getöse, fast befreiend und der beengte Raum wird aufgelöst. Die Ketten werden zu “Inseln” aufgehäuft, ein Bild  der Ruhe entsteht. Gleichzeitig finden sich die Tänzer in Gruppen zusammen, die Stimmung wird friedlicher und intimer.
Das Zusammenspiel von Tanz, Musik, Bühnenbild und Lichtführung könnte nicht schöner sein.

 

Violakonzert

Choreographie von Martin Schläpfer
Musik von Alfred Schnittke

Martin Schläpfers Choreographie zum Violakonzert von Alfred Schnittke ist stark am klassischen Tanz orientiert. Die Figuren der Tänzer sind perfekt auf die Musik abgestimmt. Der Tanz bekommt dadurch eine formale Klarheit. Unterstrichen wird dieser Eindruck durch das kühle Licht. Das Bühnenbild erscheint im Gegensatz dazu angenehm weich und verschwommen. Eine Metallwand bildet den Hintergrund, auf dem die Tanzszenen undeutlich und geschmeidig reflektiert werden. Es entstehen wunderbare Bilder, die an moderne Kunst erinnern. Auch in dieser Choreographie verändert sich das Bühnenbild mit dem Handlungsablauf. Ein Lichtstab, der kreisend das Wirkungsfeld der Tänzer eingrenzt, entschwebt in die Höhe und gibt den Raum der Handlung frei. Die Tanzszenen werden weicher und schwebender. Insgesamt fehlte mir der Zugang zur  Musik von Alfred Schnittke.

 

Fearful Symmetries

Choreographie von Nils Christe
Musik von John Adams

Fearful Symmetries ist eine ungemein dynamische, schnelle Choreographie. Die Musik von John Adams ist schnell, rhythmisch und erfährt durch die Bläser stark  jazzige Elemente. Dazu sehr stimmig und ungeheuer mitreißend agiert das Tanzensemble. Taillierte Hocker, die wie Startblöcke anmuten, werden von den Tänzern spielerisch in Ihre Figuren mit einbezogen. Sie markieren Ihren Handlungsraum. Die Seitenflächen der Hocker sind in den Grundfarben blau, gelb, rot und weiß eingefärbt und lassen auf der Bühne immer neue Farbkombinationen zu. Um diese ungemein schnelle Handlung zu unterbrechen, lässt Christe die Bühne immer wieder “verschleiern”. Ein scheinbar unsichtbarer Vorhang wird blickdicht ausgeleuchtet und es entsteht ein Moment der Stille und Konzentration. Die Wahrnehmung wird erneut sensibilisiert auf das nun Folgende. Wie ich finde, eine geniale Idee.

Martin Schläpfer ist mit b.11 ein wunderbarer Abend gelungen. Er hat eine Gruppe von Choreographen zusammengeführt, die den Modernen Tanz perfekt repräsentieren.

 

 

Katharina Micha über “b.11″ am 17. März 2012 im Opernhaus Düsseldorf

Was man nicht alles mit 15 Hockern darstellen kann! Welche Räume, Szenerien und Bilderwelten! In der Aufführung des Balletts „Fearful Symmetries“ waren mir die zwölf Szenen fast zu wenig, so unvergleichlich waren das Tempo, der Ideenreichtum, die Einheit aus Musik und Bewegung, die Höchstleistung des Ensembles und so überraschend war das Spiel mit der getrübten Wahrnehmung der Zuschauer. Denn ein Vorhang, der nur durch Lichteffekte zum Verblassen des Bühnenraums führte, funktionierte wie ein filmischer Cut. In Sekundenschnelle veränderte sich hinter diesem Vorhang die räumliche Anordnung der Hocker sowie der TänzerInnen, sodass mal das Bild eines Schwimmbads, das einer Konferenz oder das einer griechischen Säulenhalle entstand. Da mich der Musikstil der Minimalmusic bisher nicht begeistert hatte, war ich vollständig überrascht von der Leichtigkeit, dem Klangteppich und der Geschwindigkeit der Komposition von John Adams.

Räume und Bilderwelten sind für mich das beherrschende Thema des gesamten Abends, denn auch die beiden anderen Choreographien beeindruckten durch ihre Bildgewalt, obwohl der Einsatz von Bühnenrequisiten und Musik minimalistisch war. So wird aus einem rechteckig angeordneten Kettenvorhang erst ein bedrückender Hinterhof, dann ein Klangfragment und später ein wie ein „Schrotthaufen“ anmutender Berg. Auch in Martin Schläpfers „Violakonzert“ sind es die symmetrischen Räume, die den Rahmen für die Tänzer bilden: eine in Rechtecke unterteilte Spiegelwand, ein im Kreis rotierender, von der Decke herabhängender Zeiger und ein sich diagonal über die Bühne bewegender Schatten eines Kran-Arms.

Dieser Ballettabend hat mich vor allem dadurch absolut begeistert, dass die Düsseldorfer Compagnie in der Lage ist, drei so verschiedene Choreographien wie die am Anfang des Textes beschriebene von Nils Christe, die Uraufführung „Backyard“ von Uri Ivgi und Johan Greben und eine Aufführung des „Violakonzerts“ von Martin Schläpfer  auf höchstem Niveau zu meistern. Die Bandbreite der Tanzstile und die technische Versiertheit des Ensembles sind so unglaublich, dass ich mich bei jedem neuen Ballettabend wundere, ob man das in der nächsten Aufführung noch überbieten kann? Es hat sich wieder gezeigt – das Düsseldorfer Ensemble kann!

Claudia Uhl über “b.11″ am 17. März 2012 im Opernhaus Düsseldorf

Der b.11er Ballettabend hat mich ziemlich gefordert. Und das lag nicht an den großartigen Tänzern. Die Tänzer sind immer genial. Ich bewundere die Körperlichkeit und Sensibilität dieser Künstler.
Gefordert hat mich die Musik an diesem Abend. Ich bin anscheinend ein stark auditiv geprägter Mensch, ich kann schlecht ausblenden, was ich höre, und wenn ich etwas höre, was mir partout nicht gefällt wird es schwierig. Die Musik missfällt mir fast den ganzen Abend lang. Ich merke, wie ich versuche dies auszublenden, doch es gelingt mir nicht. Was ich sehe ist dagegen interessant, vielseitig, teilweise sportlich, athletisch und neu.
Die Uraufführung „Backyard“ lebt von tollen, choreographischen Ideen, zum Beispiel als die Tänzer die Ketten, und damit das eigentliche Bühnenbild umfunktionieren und mit einbeziehen. Als Yuko Kato die Ketten einsammelt und anhäuft, muss ich an Bilder aus Fukushima denken, oder an Bilder aus Kriegs- und Katastrophengebieten. Krisenszenario, Milieustudie… generell habe ich ziemlich düstere Gedanken und Empfindungen bei diesem Stück.
So sehr ich die Musik Alfred Schnittkes im „Dritten Klavierkonzert“ des Ballettabends b.10 zu schätzen wusste, umso mehr hadere ich heute mit dem „Violakonzert“ Schnittkes. Ist das tatsächlich derselbe Komponist? Ich bin ratlos. Ich fühle mich, als sei ich auf Schnittke „hereingefallen“. Das muss man bitte mit etwas Humor und im übertragenen Sinne verstehen. Eigentlich mag ich so was ja sehr, die Auseinandersetzung mit der Kunst, die mir manchmal gefällt, manchmal nicht, mich manchmal anregt oder inspiriert und noch so vieles mehr bewirkt. Doch heute bleibt mir leider jeglicher Zugang zu den Stücken verschlossen.
Das dritte Stück des Abends, „Fearful Symmetries“, möchte ich mit seiner Dynamik nicht unerwähnt lassen, auch hier gibt es geniale, neue Ideen beispielsweise den, zuerst unsichtbaren, Vorhang, der erst mit gezieltem Licht zu einer Art Leinwand wird und somit die Sehgewohnheiten des Betrachters praktisch neu definiert. Trotzdem fühle ich mich emotional überhaupt nicht abgeholt, im Gegensatz zu fast allen anderen, bisherigen Ballettabenden.
An diesem Abend kämpfe ich irgendwie mit mir selbst.

Dieter Falk über “b.11″ am 17. März 2012 im Opernhaus Düsseldorf

Ein toller Abend, wir Düsseldorfer können uns wirklich glücklich schätzen ein so fantastisches Ballett in der Stadt zu haben!
“Backyard” ist musikalisch schon wirklich gewöhnungsbedürftig, wird dem Zuschauer aber durch die Inszenierung verständlicher gemacht. Erster Höhepunkt – auch musikalisch – ist das “Violakonzert”, hier schafft das Ballett den kompositorischen Stilmix von Alfred Schnittke ganz neu zu begreifen. Dickes Lob ans Orchester.
Großes Kino ist  der Abschluss des Premierenabend mit “Fearful Symmetries”, wo zum ersten Mal das Ballettensemble  fast durchgehend im Tutti auftritt. Die superschnellen Szenenwechsel im “off“, von der treibenden John Adams-Komposition unterlegt, sind atemberaubend und aufregend. Die Musik ist es auch, leidet aber zuweilen unter der rhythmischen Ungenauigkeit der Schlagwerkabteilung. Diese ist sicherlich dem hohen Schwierigkeitsgrad geschuldet aber trotzdem  ein kleiner Dämpfer dieses tollen Abends.

Bernd Struff zu “Castor et Pollux” am 28. Januar 2012 im Opernhaus Düsseldorf

Wir erlebten am 28.01.12 eine äußerst gelungene  Ballettopern-Premiere „Castor & Pollux“.
Hier fand seit langer Zeit, nämlich seit Carmina Burana, eine ähnliche Symbiose zwischen Orchester, Gesang und Ballet statt.
Schon beim Betreten des Zuschauerraumes gab es allerhand zu entdecken: ein wunderschöner Lichtvorhang, sowie den Tänzer Jörg Weinöhl, der seitlich an der Bühne lag und von vielen Zuschauern erst wahrgenommen wurde, nachdem er sich nach Spielbeginn bewegte.
Barocke Musik, hier von Jean-Philippe Rameau, ist ein seltener  musikalischer Gast in der Oper. Die Neue Düsseldorfer Hofmusik  (für mich Premiere im Opernhaus) spielte  unter der Leitung Axel Kobers. Es war wirklich ein außerordentlicher Hörgenuss!
Der Chor der deutschen Oper am Rhein, natürlich wieder in Bestform, integrierte sich sehr gut in das gesamte Stück. Die Kostüme, einheitlich in weiß/grauen Farben gehalten, waren ebenfalls sehr passend.
Das Ballett ergab mit den Solisten, dem Chor und dem Orchester eine wunderbare (schon erwähnte) Symbiose.
Die Solisten waren hervorragend.  Trotz  dieser extremen Plateausohlen, die bei mancher Sängerin oder Sänger Teil des Kostüms waren, stimmlich so zu brillieren ist wirklich beeindruckend. Hut ab!
Das „ spacige“ Bühnenbild war sehr kreativ gestaltet und stimmig zur Aufführung, einzelne Szenen, wie der Übergang Pollux in die Unterwelt, waren eindrucksvoll dargestellt und bleiben mir stark in Erinnerung.
Drei Stunden Oper vergingen ohne jegliche Längen und erschienen sehr kurzweilig.
Nicht immer erschlossen sich mir die Zusammenhänge, dieses tat aber überhaupt keinen Abbruch und schmälerte für mich keineswegs die gelungene Aufführung.
Castor et Pollux ist ein Stück, das man mehrmals sehen sollte, um in den vollen Genuss des Ganzen zu kommen.
Augen und Ohren werden jederzeit aufs Neue belohnt!
Hoffentlich wird dieses Stück nach dieser gelungenen Premiere fester Bestandteil im Repertoire der Oper am Rhein.
Empfehlenswert!!!

Caroline West über b.10 am 3. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

It’s no secret that I am a big Schläpfer fan. I write  this having seen b.10 twice now, once alone and once with the RhineBuzz group, each time was quite different, the responses from my guests insightful and questioning  and I am left feeling most fortunate  that I live in Düsseldorf, a city that offers us world class arts that are, at times, just second to none.
B.10 belongs in this satin-lined box.

‘Emotions laid bare’ was for me, the story in “Drittes KlavierKonzert”. A beautiful piece of heart-wrenching dance, full of turmoil, joy, longing, rage and sometimes, completeness.
Nothing is final when it comes to love, or perhaps, if and when it is, it quite simply is no longer alive….
The fine, yet powerful movements of the dancers were, as always, quite incredible as they wove and told their tales. As the curtain came down I kind of wanted more, but felt also content and ‘wow’ at the same time that something so beautiful had just touched my soul.

As the next piece ended my companion rightly remarked “so that is what the pixels do when there is a break in the transmission!”
Can “Tanzsuite” be described in a more accurate way? I very much doubt it. I adored this piece and left thinking I envy anyone who sees it ‘for the first time’.
Filled with colour and humour, extraordinary angles and absolute beauty, this is one of my favourite Schläpfer-pieces. It combines video art and dance in a most unique and effective way without ever overpowering the astounding dancers at all. Something different happens here for each and every viewer. And I could watch it again and again.

The final piece “Symphony of Psalms” was a graceful piece of literature. The set included a backdrop of oriental carpets that, combined with the chorus that at times, soared from the new orchestra pit, made a powerful impact on the dance on stage. Yet all the while, despite all that was ‘happening’ the harmony of the piece was paramount and very well achieved.

I know nothing about dance but I recently met with a professional dancer from London at K20 who was part of the “Move” exhibition. As I encouraged her to go see Schläpfer, the dancer responded that I ‘knew’ a whole lot more than I gave myself credit for.
I’m sure I have the b. 1-10 series to thank for this. Martin Schläpfer seems fearless. He challenges himself, his dancers and most certainly the audience. You do have to work at his pieces, they are not easy, float-over-me occasions, but make the effort and you will be rewarded in a most rich and lasting way. Recalling b.10 my memory remembers so very much. My heart feels many moments that have been stirred, but my mind doesn’t feel overloaded at all. Just Perfect!

Bernd Struff über b.10 am 3. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

“Drittes Klavierkonzert” von Alfred Schnittke
Das erste Stück des Abends hat mir sehr gut gefallen. Das schlichte dunkle Bühnenbild und die dezent im Hintergrund flackernden blauen Lichter waren eine wunderschöne Untermalung für die Tänzer. Die Solistin Yuko Kato war für mich im Tanz sehr bewegend. Die Klaviermusik harmonierte großartig, war aber in Teilen sehr melancholisch. Auch die Outfits waren sehr passend zu Musik und  Tanz. Es war wirklich alles stimmig.

“Tanzsuite mit Deutschlandlied” von Helmut Lachermann
Nach der 1. Pause nun der zweite Teil. Es fällt schwer, in den nun folgenden Teil einzutauchen, denn zum Tanz gehört Harmonie, diese habe ich bei der Art  Musik nicht finden können. Für mich ein krasser Gegensatz zum vorherigen Teil, was  von Martin Schläpfer  wohl so gewollt war.  Die eingespielte Videoanimation war visuell sehr irritierend. Das Störbild mit dem ständigen Flackern war für die Augen sehr unangenehm. Außerdem traten dadurch teilweise die Tänzer zurück, wodurch deren beachtliche Leistung schwer mitzuverfolgen war. Auch die Geräusche vom Band waren wirklich kein Hörgenuss. Für mich gehört zu einem Ballett eine schöne sowie harmonische Musik. Es sollte immer ein Seh- und(!) Hörgenuss sein. Auch der Bezug zum Deutschlandlied blieb mir leider verschlossen.
Die Outfits waren sehr schön in ihrer Schlichtheit. Die farbigen Anzüge ergaben tolle Bilder, wenn nicht gerade vom Hintergrund verschluckt. Die Tänzer waren auch hier fantastisch.

“Symphony of Psalms” Chor und Orchester von Igor Strawinsky
Nun zum dritten Teil des Abends : Für mich der Höhepunkt dieses Ballettabends! Die Musik der Düsseldorfer Symphoniker war stimmig zum Tanz, zumal nun auch der Chor auftrat, der aus dem Orchestergraben heraus sehr gut klang und den Raum erfüllte. Über einen großen Teil schwebte das „Laudate Dominum“ in einer Präsenz und Fülle aus dem Orchestergraben, wie man es bist dato kaum von der Bühne hören konnte.
Die Darstellung des Sakralen durch die Tänzer war sehr gut umgesetzt. Dieses war nun ein Genuss für Augen und Ohren und hat mich zum Ende hin dann doch noch mit diesem Ballettabend versöhnt. Somit wurde ich mit einem positiven Gefühl in die Premierefeier entlassen.

Bernd Struff über “Carmen” am 4. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Am Sonntag war nun meine 3. Premiere an diesem Wochenende. Und dieser Premierenmarathon wurde durchCarmen“ zu einem herausragenden Höhepunkt gebracht.
Durch die eher traditionelle Inszenierung kam der Charakter dieser oft aufgeführten Oper sehr gut zum Vorschein. Das dunkle Bühnenbild gab die passende Atmosphäre für die Handlung in Carmen. So kann man sich das doch in Teilen recht dunkle Sevilla der damaligen Zeit  vorstellen, wo die Sonne nur in Ihrem höchsten Stand den Boden erreicht.
Das Orchester spielte hervorragend, was schon gleich zu Beginn mit der Ouvertüre deutlich wurde. Auch die typisch spanischen Akzente, wie die Kastagnetten waren sehr schön herauszuhören.
Als Morenike Fadayomi sang: „Du wirst alles dass tun, was ich Dir sage“  konnte ich ihr das an diesem Abend spontan glauben. Hier zeigt sich hier eine Sopranistin in einer Mezzo-Partie von schönster samtig-rauchiger Lage, die sowohl in der Tiefe als auch in der Höhe glänzen konnte.
Nicht weniger brillierte Silvia Hamvasi in Ihrer Rolle als Micaëla.
Im 2.Akt  gaben die  spanischen Tänzer/-innen  in der Taverne eine tolle Vorstellung des Flamencos. Man fühlte sich sofort in diese Zeit im dunklen Sevilla zurückversetzt.
Boris Statsenko glänzte als Escamillo, wo jedoch ein etwas weniger pompöses Torero-Outfit etwas mehr gewesen wäre. Aber so sind halt die Toreros. Sergej Khomov als Don José war ein Ohrenschmaus. Mit seiner Arie „Je t’aime“ brachte er viele Besucher sehr nahe ans Wasser. Intensität und Klarheit der Stimme belegten den ganzen Abend.

Es gab keinerlei Längen in dieser Oper. Es war durchweg stimmig und ein wahrer Operngenuss. Hoch emotionaler  Gesang, tolles schauspielerische Leistung und dichter Atmosphäre. Ein Lob der gesamten Besetzung. Eine Oper, die wirklich das Herz berührt!

Ich bin mit einem Wohlgefühl und immer noch ein wenig Gänsehaut nach Hause gegangen und erinnere mich gerne an dieses Premierenwochenende, was unterschiedlicher nicht hätte sein können und gerade deshalb die Würze ausmachte.

Manuela Hirsch über “Carmen” am 4. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Wow! Carmen hat nicht nur die Männer um den Finger gewickelt, sondern auch mich. Spätestens nach dem 2.Bühnenbild, das deutlich wärmer und farbenfroher war als das Erste, wurde ich in ihren Bann gezogen. Die wunderbare Liebeserklärung von José an Carmen, die zugleich ein Feuerwerk an Gesangskunst war, verpasste sicherlich nicht nur mir eine Gänsehaut. Carmen überzeugte nach anfänglicher Tristesse durch Feuer und mit starker Stimme. Der Tanz der Zigeuner war mitreißend und der Torero Escamillo wundervoll.  Ab dem Zeitpunkt erwischte ich meinen rechten Fuß beim Mitwippen zum Takt der Musik.
Mein absolutes Highlight allerdings war und bleibt der Chor. Sowohl die Frauen als auch die Männer waren großartig. Der Kinderchor gefiel mir nicht nur optisch sehr gut, ich hatte auch vollen Respekt vor die Stimmen der Kinder. Ich kann nur jedem angehenden Opernbesucher wünschen, dass er die vielen bereits bekannten Melodien, die „Carmen“ bietet, künftig nicht mit Werbespots in Verbindung bringt, sondern mit der Oper selbst.
Last but not least: das Orchester! Der Klang, der das Opernhaus erfüllte, war unbeschreiblich toll und zauberte auch hier einen hundertprozentigen Gänsehautfaktor. Der Umbau des Orchestergrabens hat sich nicht nur akustisch gelohnt, sondern auch visuell. Man sieht die Musiker viel besser und erlebt live deren Leidenschaft mit, die einen ebenfalls mit in den Bann zieht.
Ich fand die Inszenierung äußerst gelungen. Gerade der Schluss war bildlich sehr beeindruckend – aber dazu möchte ich hier nicht zu viel verraten.
„Carmen“ ist vielseitig, mit tollen Akteuren und meiner Meinung nach eine sichere Wahl, um einen tollen Abend in der Oper zu verbringen.

Katharina Micha über “Carmen” am 4. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Rund um den Kulturbetrieb ergibt sich immer wieder die Diskussion, dass die Oper das ernsthafte (und elitäre) Fach abdeckt und Operetten das unterhaltende. Für mich versinnbildlicht die Oper „Carmen“ die Tatsache, dass diese Kunstform Oper beides beinhalten kann: denn wer kennt einerseits nicht mindestens eine Handvoll der sehr bekannten (unterhaltsamen) Melodien und wen berührt andererseits nicht die tragische (ernsthafte) Handlung?
Die Inszenierung von Biszets „Carmen“ an der Deutschen Oper am Rhein stellte nicht, wie sonst oft üblich, Carmens Weiblichkeit und ihre fatale Wirkung auf die Männer in ihrer Umgebung in den Mittelpunkt, sondern ihren Freiheitsdrang, der sich natürlich auch auf die Wahl ihrer Partner bezieht. Sie ist eine starke Frau, die sich niemandem unterordnet: „Es weichet Carmen keinem Gebot! Frei will ich sein, frei selbst noch im Tod.“ (4.Akt). Der Perspektivwechsel weg von der Femme fatale hin zu einer freiheitsliebenden und alles andere als devoten Frau hat mir persönlich sehr gut gefallen. Diese starke Persönlichkeit mit großer Ausstrahlung wurde wunderbar überzeugend verkörpert von Morenike Fadayomi. Sie kämpft für ihre Liebe solange, wie sie darin bestätigt wird, dass es sich zu kämpfen lohnt.
Glücklicherweise inszeniert Carlos Wagner die Handlung nicht in der Gegenwart, sondern schafft düstere Bilder eines von Soldaten und Repressalien geprägten Alltags, dem sich die Zigeuner erfolgreich zu widersetzen wissen. Die künstlerische Anlehnung an Gemälde des Künstlers Goya ist eine grandiose Idee (ein Dank auch an die Gestalter des Programmhefts), die leider an manchen Stellen gestört wird von überflüssigen Details, wie beispielsweise die Fotografen beim Auftritt von Escamillo. Auch die Darstellung  Carmens  Ermordung mittels eines abgetrennten Stierkopfes hat mir nicht gefallen. Warum nicht einfach traditionell bleiben bis zum Ende? Es wirkt ein wenig so, als hätte der Regisseur Angst gehabt vor einer zu klassischen Inszenierung, um mögliche Kritiker mit lustigen Einfällen ruhig halten wollen. Vor allem Carmens Tod wurde dadurch ins Lächerliche gezogen, dabei ist es wirklich tragisch zu sehen, wie die beiden Liebenden nicht mehr zueinander finden können. Auch Don José wirkt so, als sei ihm nur ein Missgeschick mit dem Stierkopf unterlaufen, dabei hat auch er für seine Liebe zu Carmen alle seine Prinzipien, seinen Beruf und sein Leben aufs Spiel gesetzt.
Das Ende trübte zunächst mein erstes Urteil. Aber inzwischen erinnere ich vor allem an ein gelungenes Bühnenbild, mitreißende musikalische Darbietung  – die zu Beginn noch etwas zu verhalten war, sich aber enorm steigerte – großartige choreographische Einfälle und stimmlich, wie darstellerisch umwerfende DarstellerInnen.
Schon als Jugendliche, als ich diese Oper zum ersten Mal sah, wünschte ich mir ein anderes Ende für Carmen, die singt: „… das seligste Entzücken, die Freiheit lacht!“. Insbesondere diese freiheitsliebende Carmen spukt mir seit der Premiere noch sehr im Kopf und Herzen herum, genauso wie die Melodien in meinen Ohren.

Katharina Micha über “Il barbiere di Siviglia” am 2. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Selten hat man mich in der Pause einer Aufführung mit einem solchen Strahlen im Gesicht durch das Foyer wandeln sehen! Und nicht nur das, die grenzenlose Begeisterung für die phantastische Inszenierung hielt auch bis zum Ende und darüber hinaus an. Dabei hatte ich im Vorfeld etwas Sorge, dass mich die Handlung dieser Komischen Oper abschrecken könnte, da sie als Zusammenfassung gelesen doch sehr an ein Boulevardstück erinnert. Die im zweiten Akt überspitzt zum Einsatz kommende Drehtür empfand ich als lustiges Zitat genau dieses Theatergenres (selbst beim Schlussapplaus stand sie noch im Mittel-punkt!). In Komödien ist ein weiteres für mein Empfinden völlig ausgereiztes Stilmittel die Verkleidungslust, die in der Inszenierung von Claus Guth ad absurdum geführt wird, denn nicht die Menschen verkleiden sich, sondern die Insekten. Eine Travestie der Travestie und ein wunderbarer Einfall.
Ich möchte in meinem Text jetzt der Versuchung widerstehen, alle nahe liegenden Vergleiche und Metaphern über „das große Krabbeln“ der Insektenwelt zu bemühen. Mich begeisterte vor allem die große Spielfreude, die von den DarstellerInnen auf das aufgeschlossene Publikum übersprang sowie ihre mit Sicherheit anstrengenden, da der Tierwelt entlehnten Bewegungsmuster bis hin zu Balanceakten im Kostüm am Rande des Orchestergrabens. Die Aufgabe, den anspruchsvollen Gesang mit der ungewöhnlichen Mimik zu koordinieren, stelle ich mich besonders schwierig vor. Zu gerne wäre ich bei einer der Proben zugegen gewesen, um die Entwicklung der Rollen und Figuren mitzuerleben.
Nach der Pause gab es einen sehr überraschenden Bruch im Bühnenbild, was ich zunächst sehr bedauerte. Die Szenerie wirkte jetzt wie eine Versuchsanordnung bzw. wie Laborergebnisse einer Versuchsreihe zur Genetik. Fruchtfliege Figaro mutierte quasi zu Gregor Mendel, der seine Gesetzmäßigkeiten und Vererbungsregeln an intriganten Menschen testete und bestätigte. Dieser Wandel war schlüssig und löste sich nach der Gewitterszene in einem vom Sturm verwüsteten Konglomerat beider Welten auf.

Ich kann verstehen, dass manche Zuschauer keinen Zugang zu dieser Inszenierung gefunden haben, da sie etwas völlig anderes erwarteten. Ich für meinen Teil kann mir tatsächlich nur noch ganz schwer eine traditionelle Inszenierung  von „Il barbiere di Siviglia“ vorstellen, die mir einen annähernd unterhaltsamen, kurzweiligen und zauberhaften Abend bescheren könnte.

Claudia Uhl über “Castor et Pollux” am 28. Januar 2012 im Opernhaus Düsseldorf

Eine Ballett-Oper wie aus einem Guss! Wenn ich an „Castor et Pollux“ denke, befinde ich mich sofort wieder in diesem wohligen Zustand des Genießens, umhüllt von einer Woge aus Kreativität, perfektem Zusammenspiel und Harmonie.

Anfangs habe ich etwas gebraucht, um hereinzukommen, alles war ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Aber das finde ich in Ordnung, das ist Kunst, und Kunst ist manchmal gewöhnungsbedürftig und löst die unterschiedlichsten Emotionen beim Betrachter aus. Die Bilder, die Martin Schläpfer kreiert hat, sind wirklich einzigartig. Sehr gut gefiel mir die Einheit, das perfekte Zusammenspiel zwischen Tänzern, Sängern und Chor. Sänger und Tänzer nahmen sich gegenseitig nichts von Ihrer Präsenz auf der Bühne, im Gegenteil, sie unterstützten sich gegenseitig. Die Tänzer wirkten auf mich wie Gefühlsverstärker. Dadurch bekam das Ganze fast schon so etwas wie eine neue Dimension, ein Art neues Musiktheater.
Apropos Musik: Ich persönlich bin nicht unbedingt ein Freund von Barockmusik. Die Musik dieser Oper fand ich zuerst auch nicht besonders eingängig, was jedoch Axel Kober und die Neue Düsseldorfer Hofmusik daraus gezaubert haben, was ich erleben durfte, war etwas ganz Besonderes! Wie ein warmer, wohliger (Klang-)Teppich, auf den man sich fallen lassen konnte, auf denen sich auch die Tänzer fallen lassen konnten. Die perfekte Symbiose zwischen Musik, wunderschönen Stimmen der Sänger, und der Körperlichkeit der Tänzer. Ich finde, die Inszenierung hat die Musik aufs allerfeinste unterstützt, und genauso umgekehrt. Auch wenn ich mich wiederhole: für mich war das Ganze stimmig, eine wunderschöne Einheit. Dazu beigetragen haben natürlich auch die Kostüme und das Bühnenbild der Künstlerin Rosalie. Eine Lichtinstallation wie in einem Museum für moderne, zeitgenössische Kunst.

Margarete Gänzler über “Castor et Pollux” am 28. Januar 2012 im Opernhaus Düsseldorf

In Erinnerung habe ich immer noch das tolle Schlussbild der Bühne!
Vor dem Thema hatte ich etwas Respekt, da die griechischen Sagen nicht zu meinem Favoriten zählten. Zu Beginn war es dadurch auch nicht so einfach, mich auf die Handlung einzulassen. Absolut fasziniert hat mich die Präzision der einzelnen Elemente: Orchester, Ballett, Chor,  Solisten. Das Bühnenbild und die Kostüme überzeugten mich ebenfalls sehr  und werden mir noch lange im Gedächtnis bleiben.
Für mich war es ein toller Opernabend mit einer hervorragenden Inszenierung.

Katharina Micha über “Castor et Pollux” am 28. Januar 2012 im Opernhaus Düsseldorf

Vor einigen Jahren sah ich den Film „Der König tanzt“ von Gérard Corbiau, der die Fieberwahn-Erinnerungen des französischen Barock-Komponisten Jean-Baptiste Lully und dessen Erfahrungen am Hofe des Sonnenkönigs Ludwig XIV zum Inhalt hatte. In Anlehnung an die wunderschönen Bilder dieses Films könnte man Martin Schläpfers Inszenierung der Barockoper „Castor et Pollux“ umbenennen in „Der Gottvater tanzt“. Dem kulturell sehr umtriebigen Sonnenkönig hätte diese Inszenierung mit Sicherheit gefallen, obschon er den Komponisten Jean-Philippe Rameau nur als sehr jungen Musiker gekannt haben kann.
Dass die Vorstellung „Castor et Pollux“ an der Deutschen Oper am Rhein diese Bilder und Bezüge in mir heraufbeschwört, liegt daran, dass es dem gesamten Ensemble und dem künstlerischen Team gelungen ist, die in der Antike angesiedelte Handlung modern zu inszenieren. Die Modernität liegt aber nicht darin, die Handlung etwa in die Gegenwart zu verfrachten (wie z.B. in der Düsseldorfer Inszenierung der Rameau-Oper „Platée“ in der letzten Spielzeit), sondern im Gegenteil sind die gewaltigen Bühnenbilder und die glamourösen Kostüme, sowie Martin Schläpfers Idee, jedem Sänger und Sängerin einen tanzenden Seelenschatten an die Seite zu gesellen, das eigentlich Neue.
Dieses Feuerwerk an Inszenierungsideen führte in der Ouvertüre dazu, dass ich die Sorge hatte, ob ich diese Vielfalt an überwältigenden Sinneswahrnehmungen wohl drei Stunden lang aufnehmen könnte. Meine Befürchtungen waren überflüssig, denn es war ein Ohren-, Augen- und Seelenschmaus, der nach dem bombastischen Prolog glücklicherweise etwas Tempo rausnahm. So hatte das Publikum Gelegenheit, einzutauchen in die Mythenwelt, die die Künstlerin rosalie erschaffen hat, und die mich in ihrer Vieldimensionalität hineingezogen hat in die Tragödie rund um das Zwillingsbrüderpaar und die Liebe. Mit ganz einfachen Mitteln verwandelt rosalie die Welt der Lebenden in den von Göttern bevölkerten Olymp oder aber auch in die Unterwelt. Sie bietet uns eben keine dämonischen Hades-Kreaturen, sondern futuristisch anmutende Gestalten, die in der Hölle vor sich hin vegetieren – und das ist vielleicht das Schlimmste an der Aussicht auf Bestrafung in der Unterwelt: Öde und Langeweile. Da wachsen einem doch die menschlichen Verwirrungen wie Liebe, Wut und Trauer umso mehr ans Herzen.
Wie dankbar bin ich Martin Schläpfer für seinen Mut, sich an etwas Neues heranzuwagen und über den eigenen künstlerischen Tellerrand hinauszuschauen. Dieses Gemeinschaftswerk von Martin Schläpfer und den Sängern und Sängerinnen der Deutschen Oper am Rhein, dem Ballett am Rhein, dem Chor der Deutschen Oper, der Neuen Düsseldorfer Hofmusik, der Künstlerin rosalie, den Zuständigen für Licht und Technik, dem musikalischen Leiter und all’ den Beteiligten, die ich jetzt vergessen habe zu erwähnen, ist in meinen Augen absolut einzigartig und vielleicht ja auch preisverdächtig!? Mein Wort in Jupiters Ohr!

Barbara Wieland-Kessler über “Castor et Pollux” am 28. Januar 2012 im Opernhaus Düsseldorf

Martin Schläpfers erste Operninszenierung habe ich sehr genossen. Im ersten Akt musste ich mich trotzdem erst in das Thema der Oper einfinden. Alle Sinne wurden durch die verschiedenen Komponenten gleichzeitig und ebenso gleichwertig angeregt: Bühnenbild, Kostüme, Chor, Gesang und Tanz.
Sofort begeistert war ich von Rameuas Musik und dem Orchester unter der Leitung von Axel Kober und dem Chor, der von Gerhard Michalski angeleitet wurde. Die herausragende Sängerin des Abends war meiner Meinung nach Alma Sadé in der Rolle der Télaïre.
Sehr stimmig wirkten Bühnenbild und Kostüme, untermalt von wunderbaren Lichteffekten. Einzig die schwarzen Turnschuhe der Tänzer  störten in einer sehr sensibel abgestimmten Farbwelt mein ästhetisches Empfinden.
Schläpfers Idee, die Tänzer Hip- Hop Sequenzen zur barocken Musik von Rameau tanzen zu lassen fand ich großartig.
Ein noch lange anhaltendes Vergnügen, unbedingt empfehlenswert.

Pater Elias Füllenbach über “Carmen” am 4. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Wer noch nicht viel Opernerfahrung hat, der sollte sich diese schöne Inszenierung von Bizets „Carmen“ nicht entgehen lassen! Bekannte Melodien, ein beschwingt spielendes Orchester, hervorragende Sängerinnen und Sänger, die zugleich schauspielerisches Talent zeigen… Besonders hervorheben möchte ich den Kinderchor und seine glänzende Leistung! Am Anfang wirkte die Inszenierung auf mich etwas konventionell; aber wer genau hinschaut, kann die Liebe zum Detail entdecken: Da finden sich kleine Anspielungen auf Diego Velázquez, da wird mit spanischen Klischees ironisch gespielt. Für „Kenner“ wie für „Anfänger“ sehr zu empfehlen!

Barbara Wieland-Kessler über “Carmen” am 4. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Ein Opernabend der Überraschungen.
Ich habe eine Carmen als herausragende Figur dieser Oper erwartet und empfand Ihre Besetzung als eher zurückhaltend und nicht so stimmgewaltig und ausdrucksstark wie im Vorhinein vermutet. Ihre beiden Mitstreiterinnen wirkten auf mich ausdrucksstärker. Die herausragenden Personen des Abends aber waren  Don José, der verliebte Grenadier, und Micaëla, die Tugendhafte.Beide mit wunderbaren Stimmen ausgestattet.. Einer der Höhepunkte war  Don Josés gesungene Liebeserklärung, voller Kraft und Leidenschaft.

Einen weiteren Höhepunkt des Abends bot der Auftritt des gesamten Chorensembles im zweiten Akt. Unglaublich klar und ergreifend gesungen, begleitet von einem perfekten Orchester. Ein ebenso visuelles, wie musikalisches Highlight. Zur weiteren Erhellung des Abends trug die Gestaltung des Bühnenbildes bei, insbesondere in der Tanzszene der Zigeunerinnen.
Farblich unglaublich sensibel abgestimmt und die Licht- und Schattenspiele sehr eindrucksvoll.
Ein gelungener Abend allemal.

Pater Elias Füllenbach zu b.10 am 3. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Nachdem mir b.09 nicht besonders gefallen hatte, war ich eher skeptisch, was mich an diesem Abend erwarten würde. Aber es kam alles ganz anders. Ich traf nach einem recht anstrengenden Tag gerade noch rechtzeitig in der Oper ein, hastete zu meinen Sitzplatz – und wurde von dem ersten Stück gleich mitgerissen und in eine andere Welt geführt. Es war fantastisch! Jede einzelne Bewegung in Schläpfers Choreographie wirkte auf die Musik, das dritte Klavierkonzert von Alfred Schnittke, abgestimmt; Tanz und Musik bildeten eine großartige Einheit. Für mich war dieses Stück der Höhepunkt des ganzen Abends, auch wenn es in ihm – so mein Eindruck – um sehr ernste, aber eben auch sehr menschliche Themen ging: die Erfahrung von Ablehnung und Gewalt, die Suche nach Halt, der mal glückende, mal scheiternde Versuch, sich aus einer Situation zu befreien, Selbstverteidigung.

Die „Tanzsuite“ nach einer gleichnamigen Komposition von Helmut Lachenmann war dann ein wunderbares Kontrastpogramm. Im Hintergrund ein riesiger flirrender Bildschirm, davor die hin- und herspringenden Tänzerinnen und Tänzer, ihre Kostüme in grellen Farben: Ein Testbild, das lebendig wird. Mit viel Witz und Esprit hat Schläpfer hier eine bunte Welt erschaffen, die mich immer wieder zum Schmunzeln und zum Lachen brachte. Alles war im Schwung, passend zu Lachmanns Musik, den Geräuschen und schnellen Rhythmen. Sicher würde ich mir weder diese Musik noch Schnittkes Klavierkonzert einfach so daheim auf einer CD anhören, aber in der Verbindung mit dem Tanz konnte ich sie gut auf mich wirken lassen. Am Ende dann ein wunderschöner Blick in das All. Die Tänzer hatten sich umgezogen und wirkten in ihren hellgrauen Kostümen wie kleine Sternschnuppen, sanfte Lichtfunken im weiten Universum. Traumhaft!

Schließlich das letzte Stück nach der „Symphonie de Psalms“ von Strawinsky. Anders als bei der Aufführung des Brahmsrequiems (b.09) stand der Chor nun im Orchestergraben. Dadurch war er viel besser zu hören, und dennoch wirkte es manchmal so, als käme der Gesang aus einer anderen Sphäre. Das war unglaublich! Auf der Bühne war ein sakral anmutender Raum zu sehen: Im Hintergrund eine Wand voller roter Teppiche, die mich sofort an Gebetsteppiche erinnerten; davor vier Stühle, die man oft in französischen Kirchen findet und auf denen man sowohl sitzen als auch knien kann. Die meisterhafte Choreographie von Jirí Kylián machte – zumindest in den Augen des Theologen  – eine entscheidende Frage jeder Religion zum Thema, die Beziehung des Individuums zur Gemeinschaft. Tatsächlich spielte das Gemeinsame der Gruppe, das Zusammenhalten der Einheit in den Bewegungen der Tänzerinnen und Tänzer eine große Rolle. Zusammen mit der Musik und dem besonderen Licht auf der Bühne entstand ein großartiges Gesamtbild.
So ging ein faszinierender Abend leider schon wieder zu Ende. Ich fühlte mich reich beschenkt. Danke! 

 

Guido Boehler über b.10 am 3. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Das erste Stück “Drittes Klavierkonzert” war einfach so gut, dass ich dachte: “Das Beste kommt dieses Mal gleich am Anfang!”
Bei diesem Stück war das Bühnenbild sehr zurückhaltend – und das war auch gut so. Die Tänzer und die Musik waren einfach so faszinierend aufeinander abgestimmt, dass es keinen optischen Rahmen brauchte. Das getanzte Konzert war eine perfekte Mischung aus Klassik und Moderne, leicht und heiter. Zusammgefasst kann man sagen, einfach schön ! So sollte Ballett heute sein. Am Ende des Stücks sah man nur zufriedene Gesichter, und in der Pause hörte man die höchsten Lobeshymnen.

Wie sollte es jetzt weitergehen, das war die spannende Frage.

Das zweite Stück die “Tanzsuite” konnte nicht kontrastreicher sein – erinnerte fast schon an eine Kunst-Performance. Plötzlich erklang Musik – oder besser gesagt Töne – aus dem Lautsprecher, dazu starke Lichteffekte und Störbilder, die man aus dem Fernseher kennt. Irgendwie “schräg” und zugleich perfekt inszeniert, tanzten die Balletttänzer mal in knallbunten Kostümen in “spacigen” Rahmen. Hier war alles anders als im klassischen Ballett. Toll, wie auch hier die Tänzer wieder unglaublich präzise getanzt haben, als würden sie nichts anderes machen. Alles in allem ein inspirierender Ausflug ins Ballett auf einem Spaceshuttle.

Wieder eine Pause – und jetzt wurde schon mehr diskutiert. Manchen gefiel es, andere hatten Fragezeichen im Gesicht!

Und last but not least führte auch das dritte Stück, die “Symphony of Psalms” wieder in eine ganz andere Welt des Balletts.
Hier wurde es plötzlich monumental, richtig bombastisch, sakral ! Mit größter Disziplin und Perfektion getanzte “hohe Kunst” in einem etwas dunkleren, fast mystischen Rahmen. Die Musik ging tief unter die Haut. Ein echtes Tanzerlebnis, mit tollen Kostümen in einer perfekten Kulisse.
Fazit: für mich der Höhepunkt aller bisherigen Ballettabende. Großes Kompliment für die spannende Zusammenstellung!

Selinde Böhm & Rudolf Müller über b.10 am 3. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Eryximachos
  „Der Augenblick gebiert die Form, und die Form macht den Augenblick sichtbar.

          

Phaidros
  „Sie flieht vor ihrem Schatten in die Lüfte!“

    Sokrates
      „Wir sehen sie immer nur wie im Sturz…“

                                                                                              Paul Valéry
Die Seele und der Tanz

Am Anfang war man schon begeistert von Yuko Kato. Ein grandioser Auftakt für einen gelungenen Abend. Und es zeigt sich wieder einmal, welch glückliche Hand Schläpfer bei der Komposition der Abende hat. Versteht man doch vom letzten Stück her, einer Choreographie Kyliáns, was eine der großen Leistungen Schläpfers ist: die vielen Individuen auf der Bühne. Beinahe über die Sichtbarkeitsgrenze hinaus: wie soll man alle diese unterschiedlichen gleichzeitigen Bewegungen verfolgen?

Dieter Falk über “Carmen am 4. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

„Carmen“ ist meine Lieblingsoper und zählt zu Recht zur “Top 10″ der Opern-Hits, sicherlich auch aufgrund einiger musikalischer Ohrwürmer.
Deshalb habe ich mich sehr auf die Düsseldorfer Premiere gefreut und wurde – alles in allem – nicht enttäuscht. Nach dem etwas zähen ersten Akt gewann die Inszenierung reichlich an Fahrt um am Ende mit einem “Grande Finale” zu glänzen.
Absolute Highlights waren der Flamenco kurz vor der Pause, durchweg alle Chorstellen, Micaëlas Partie und das bestens inszenierte Finale mit, aus dem “off” eingespielten Orchesterechos und einem schönen dramaturgischen Höhepunkt.
Für mich passte die etwas dunkle Bühnen-Atmosphäre und die ausgeklügelt sparsamen Lichteffekte bestens zur Handlung des Stückes.
Das vergangene Wochenende war mit insgesamt drei Premieren ein grpßes für Düsseldorf. Ich freue mich schon auf die kommenden Premieren 2012.

Pater Elias Füllenbach über “Il barbiere di Siviglia” am 2. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Dass man den Unterschied so deutlich hören kann, hätte ich nicht gedacht. Dank des neuen Orchestergrabens sind die Musiker jetzt tatsächlich viel besser zu hören, selbst wenn sie ganz leise im „pianissimo“ spielen. Sicher merkte man manchmal, dass sich alle, sowohl das Orchester als auch die Sänger und Sängerinnen auf der Bühne, noch ein wenig an die neue Situation gewöhnen müssen. Auch das in Rossinis Opern fast obligatorisch vorkommende musikalische Gewitter hätte etwas stürmischer ausfallen können. Aber dennoch war ich von der musikalischen Qualität der Aufführung hingerissen. Das lange Warten auf die Spielzeit 2011/12 hat sich wirklich gelohnt!
Auch die Inszenierung fand ich sehr überzeugend. Natürlich war die Übertragung ins Tierreich erst einmal eine Überraschung: Die schöne Rosina als Schmetterling, Berta als lahme Schnecke, Doktor Bartolo gar als Spinne, die ihr großes Netz spinnt… Das waren nicht nur wunderbare Kostüme, sondern auch treffende Zuschreibungen. Da wurde die Oper zur Fabel: Vielleicht ist uns die kleine Welt der Insekten, der flirrenden Eintagsfliegen und lästigen Stechmücken, viel näher, als es uns lieb ist. Jedenfalls gewann dadurch so manche komisch-böse Spitze in der Oper an Schärfe, auch wenn sich gegen Ende des ersten Akts der Blick auf das Insektentreiben langsam abzunutzen begann. Muss denn die arme Blattlaus auch noch zum fünften Mal einen Schlag auf den (Hinter-)Kopf erhalten? Aber Wiederholungen und Übertreibungen, fast schon ins Absurde getrieben, gehören bei Rossini ja einfach dazu…
Umso erfreuter war ich, als es nach der Pause mit einem völlig veränderten Bühnenbild weiterging. Aus den Insekten waren Menschen geworden. Diesen Bruch fand ich genial. Schnell wurden nämlich auch die Parallelen der beiden unterschiedlichen Welten deutlich. Außerdem kamen die kleinen Tierchen immer wieder zum Vorschein – dezente Hinweise darauf, dass Mensch und Tier in ihrem Verhalten durchaus ähnlich sein können. Man achte nur einmal auf das Balzgehabe der beiden Kontrahenten um das attraktive „Weibchen“! Wem Rossinis Oper vertraut ist und wer – wie ich – beim „Barbier“ eher Bilder von perückentragenden Menschen des 18. Jahrhunderts im Kopf hatte, mag angesichts solcher Vergleiche erst einmal befremdet sein. Aber wer sich auf diese Inszenierung einlässt, wird – wie ich – am Ende vergnügt und beschwingt nach Hause gehen – das herrliche Summen und Zirpen in Rossinis Musik noch im Ohr.

Katharina Micha über b.10 am 3. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Wie schon bei vorangegangenen Ballettabenden an der Deutschen Oper am Rhein mit mehreren Choreographien fällt es mir auch bei der Verfassung einer Kritik zu b.10 schwer, ein für alle drei Stücke geltendes Votum zu fällen. Auch dieser Abend war geprägt von sehr unterschiedlichen Eindrücken.
Der Einstieg mit Martin Schläpfers Choreographie „Drittes Klavierkonzert“ gefiel mir sehr gut. Das karge Bühnenbild in Azur-blauem Licht ließ Raum für die großartige Yuko Kato, die den Lebensweg einer Frau tänzerisch expressiv und sehr energiegeladen darstellte. Sie begegnet in verschiedenen Lebenslagen Weggefährten, deren Zusammentreffen unterschiedlich intensiv ausfallen. Dies wurde wunderbar unterstrichen durch die teilweise sehr dissonante Komposition von Alfred Schnittke. Da die Energie des Menschen zum Lebensende hin weniger wird, nahm auch die Dynamik zum Ende der Darbietung hin ab, was aber stimmig wirkte.
Im zweiten Stück des Abends landeten wir beim Fernseh-Testbild, das in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts offiziell eingestellt wurde und auf der Bühne mittels Beamer-technik auf die Rückwand projeziert wurde. Dieses Testbild löste sich einerseits auf in eine flimmernde Bildstörung und andererseits in Tänzer und Tänzerinnen, die in körperbetonten Kostümen in den leuchtenden Farben des Testbild-Farbbalkens in unterschiedlichsten Konstellationen auf der Bühne erschienen. Viele dieser Tänzergruppen bewegten sich überraschend verrückt über die Bühne, sodass ich mehrfach schmunzeln musste. Aber über dieses amüsierte Schmunzeln hinaus, berührte mich die Szenerie nicht, es gab keinen roten Faden – wenn überhaupt war der Faden „Albernheit“. Das lag für meinen Begriff auch an der schwer zugänglichen Klang- und Geräuschewelt, die laut Programm-heft burleske Zitate von Kinderliedern, Zirkusmusik, dem Deutschlandlied u.a. beinhaltete. Dies war für mich nicht nachvollziehbar. In meinen Augen reicht es nicht, lustige Bewegungsmomente aneinanderzureihen, um mich als Zuschauerin zu packen – das belustigt mich einigen Minuten, danach wird es beliebig. Die „Bildstörung“ löste sich dann nach gefühlt langer Zeitüberschreitung in Schwarzweißtöne auf.
Diese „verlorene“ Zeit hätte ich mir sehr für das dritte Tanzstück des Abends „Symphony of Psalms“ gewünscht, das mich vollkommen begeisterte, viel zu kurz war und mich mit dem Abend versöhnte. Die Szenerie, die sich hinter dem Vorhang bot, ließ mich in eine Art symmetrischen Gebetsraum eintauchen, der mit einer Vielzahl von Gebetsteppichen als Wandbehang bestückt war. Die warmen Töne dieser Kelims und die durch acht Betstühle klar strukturierte Räumlichkeit hatten beruhigende und spirituelle Wirkung. Diese sakrale Raumkomposition passte perfekt zur Musik von Igor Strawinsky und dem überragenden Chor der Deutschen Oper am Rhein. Auch die Choreographie von Jirí Kylián nahm das religiöse Thema auf, indem zum Beispiel die männlichen Tänzer oft mit weit geöffneten Armen sinnbildliche Kreuze bildeten. Die zu Beginn nach Geschlechtern getrennten Tanz- und Betrituale lösten sich langsam auf und es bildeten sich verschiedene Tanzformationen. Dies wirkte auf mich wie eine tänzerisch dargestellte Utopie, das vielleicht in Zukunft solche Geschlechtertrennungen in spirituellen Räumen überflüssig werden. Über diesen dritten Teil des Ballettabends würde ich Freunden dringend empfehlen, den muss man gesehen haben.

Barbara Wieland-Kessler über b.10 am 3. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Obwohl ich ein begeisterter Anhänger des modernen Balletts bin, fällt mir die Beurteilung des Abends nicht leicht.
Drei wichtige, aktuelle Themen liegen den sehr unterschiedlichen Choreografien zu Grunde: zwischenmenschliche Beziehungen, mediale Welt und Religion. Jede für sich ein Genuss.
Den Auftakt bildet Martin Schläpfers Choreografie zu Schnittkes Konzert für Streicher und Klavier. Eine wunderbare Einheit zwischen tänzerischer Darbietung, Kostüm und Musik . Farblich reduziert, ein ,mal mehr und mal weniger, glitzernder Hintergrund lässt das Bühnenbild  an das Universum erinnern. Vor diesem Bild können sich die Tanzszenen voll entfalten. Eine großartige Tänzerin (Yuko Kato) umgeben von Tänzern, die sich in Ihrer unmittelbaren Nähe bewegen und dann auch wieder auf Distanz . Paarweise und alleine. Wechselnde Gruppierungen. Zuneigung und Entfremdung entsteht sofort als Bild. Getanzte, zwischenmenschliche Beziehungen. Ein sehr emotionales Stück.

Das zweites Werk, die Tanzsuite mit Deutschlandlied von Helmut Lachenmann, hat mir sehr gefallen. Die minimalistischen, technisch erzeugten Klänge der Musik empfand ich  zuerst als schwer tanzbar, wurde jedoch vom absoluten Gegenteil überrascht. Die in hautengen, bunten Ganzkörpertrikots gekleideten Tänzer bewegten sich  facettenreich von spielerisch leicht bis kraftvoll athletisch und humorvoll grotesk.Dem Bühnenbild von Keso Dekkers entsprechend,  farbenreich und flimmernd, das getanzte Testbild. Im Laufe der Choreografie verwandelt sich das Bunte in ein flimmerndes, rauschendes Grau, erkennbar als Störbild.

Die dritte Choreografie, Jirí Kylians „Symphony of Psalms“ für Chor und Orchester von Igor Strawinsky, lässt schon im Titel ein religiöses Thema vermuten. Das Bühnenbild bestätigt den Eindruck sogleich. Eine Aufreihung von Orienteppichen in roter Farbgebung, dicht aneinandergefügt, erzeugen eine sakrale Stimmung. Dazu die klare Anordnung der Gebetsstühle in einer Reihe. Auf dem Boden liegend ebenfalls ein dunkler Teppich, der das ruhige Bühnenbild vervollständigt. Das Zusammenspiel von Chor  und Orchester ist beeindruckend.Die Tänzer in einheitlicher Grauabstufung gekleidet, suggerieren visuell eine Gemeinschaft. Der Tanz zeigt eher klassische Stilelemente und eine klare Struktur. Es wird ein einheitliches Bild erzeugt. In allen wichtigen Komponenten, Bühnenbild, Kostüm, Musik und Tanz perfekt inszeniert.
Dieser Abend ist absolut empfehlenswert. Die drei Choreografien ergeben ein großartiges Miteinander.

Claudia Uhl über b.10 am 3. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

b.10, so schlicht durchnumeriert die Namen der Schläpfer-Ballettreihen auch sind, umso vielseitiger und gehaltvoller sind sie dann tatsächlich! Auch hier erlebt man drei Stücke, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ich werde regelrecht von einer Emotion in die nächste geworfen. Die Ballette haben auf mich alle eine regelrechte Sogwirkung, der man sich nicht entziehen kann, die die unterschiedlichsten Gefühle auslöst, wahrscheinlich bei jedem Zuschauer etwas anderes. Martin Schläpfer holt einen einfach da ab, wo man gerade steht, es ist faszinierend.

Das erste Stück des Abends, das „Dritte Klavierkonzert“ trifft mich bereits völlig unvorbereitet. Die reduzierte Bühne und die wunderbare Ästhetik der Tänzer strahlen eine Klarheit und Konzentration aus, die bei mir nicht ohne Wirkung bleiben. Ich merke, wie ich ganz ruhig und klar im Kopf werde, und dann plötzlich die Gefühle in mir hoch steigen. Dieses Stück hat mich an diesem Abend am stärksten berührt.

Das totale Kontrastprogramm folgt danach in der „Tanzsuite“. Dieses Stück ist ziemlich fordernd, vor allem am Anfang. Die Augen müssen sich erst an die Videoinstallationen gewöhnen, viel Schnee, schwarz-weißes Geflimmer, als Kontrast dazu die bunten Kostüme der Tänzer, dazu minimalistische Musik. Das ist für den ein oder anderen, wie ich im Publikum bemerke, nicht einfach. Die meisten aber sind total konzentriert. Die Tänzer interpretieren die Musik hervorragend, schön dabei die humorvollen Anklänge, die Martin Schläpfer gesetzt hat. Bei mir lösen die Bilder eine wahre Gedankenflut aus. Ein Kunstwerk, eine Installation, ein Ballett, nur ein einziger Name wird dem Erlebten nicht gerecht. Ich habe wieder mal das Gefühl, in einem Museum zu stehen, und ein Bild zu betrachten, nur ist es hier bewegter, und schöner und musikalischer. Schwer zu beschreiben, ich kann nur empfehlen, es selbst anzuschauen. Ich finde es grandios.

Seltsamerweise habe ich danach bei der „Symphony of Psalms“ etwas gebraucht, um hineinzukommen. Eine wunderbar getanzte Choreographie von Jiri Kylián, eigentlich gefälliger als das zuvor gesehene. Wahrscheinlich war ich noch so vom Abstrakten, Minimalistischen fasziniert, dass ich zunächst vor allem mit der Bühne nicht so viel anfangen konnte. Es war irgendwie ein begrenzter, kompakter Raum, im krassen Gegensatz zur Weitläufigkeit (vor allem für den Geist und die Phantasie!) des zuvor erlebten. Dazu kommt, dass ich Musik von Strawinsky oft gewöhnungsbedürftig finde. In diesem Fall mit Chor, das gab dem ganzen etwas Gewaltiges, Sakrales. Mit der Zeit hat mich auch diese Aufführung in ihren Bann gezogen, dass ich sie am Ende gern noch länger gesehen hätte.

Guido Boehler über “Carmen” am 4. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Diese Oper passt in diese Jahreszeit: starke Gefühle und wunderschöne Musik. Bei dieser Gelegenheit sollte man auch mal erwähnen, dass die Qualität der Musik durch die Erweiterung der Orchestergrabens noch eine Steigerung erfahren hat. Eine wirklich tolle musikalische Leistung und wunderbare Sänger – besonders “Micaëla” wäre hervorzuheben.
Hier gefällt einfach alles: die großartige Musik, die Inszenierung, die Sänger, der hervorragende Chor, die Tänzer, das Licht, die Bühnenausstattung – alles was zu einer wirklich großen Oper dazu gehört. Ein Abend für alle, die sich auf eine traditionelle Oper freuen. Hier bekommt man sie ! Erst nach der Pause mischten sich einige moderne Elemente darunter, die nicht stören, aber auch nicht nötig gewesen wären.
Fazit: einer der ganz großen Opernabende. Unbedingt hingehen !