Barbara Wieland-Kessler über “The Turn of the Screw” am 4. Mai 2012 im Opernhaus Düsseldorf

Ich habe eine äußerst interessante und vielschichtige Inszenierung von Immo Karaman gesehen. Der Einstieg in diese Kammeroper gestaltete sich nicht leicht. Die Anzahl der handelnden Personen ist begrenzt und die Handlung scheint offensichtlich, umso komplizierter sind die hier dargestellten Charaktere und Ihre Beziehungen zueinander.
Das verwaiste Geschwisterpaar Miles und Flora wird von der eher einfältigen und überforderten Haushälterin Mrs. Grose und der charakterlich gegensätzlichen Gouvernante.Miles und Flora werden von zwei Geistererscheinungen in der Gestalt Ihrer ehemaligenErzieherin Mrs. Jessel und den Kammerdiener Quint heimgesucht, beide unter nie geklärten Umständen ums Leben gekommen. Die Kinder können oder wollen sich Ihrem Einfluss nicht entziehen und fühlen sich der düsteren Welt der Geister zugewandt.
Gleichzeitig zieht Sie der freundliche, kämpferische Charakter der Gouvernante in Ihren Bann. Vor allem das Verhältnis von Miles und der Gouvernante entwickelt sich zunehmend rätselhaft. Lenkt Miles durch sein charmantes, liebevolles Auftreten bewusst das Verhalten der Gouvernante, oder ist es aufrichtige Zuneigung? Oder verhält es sich umgekehrt? Die Frage nach der kindlichen Unschuld stellt sich immer wieder – gibt es Sie noch? Ständig spürt der Betrachter die drohende Gefahr und eine nicht abwendbare Zuspitzung der Handlung. Der Kampf zwischen der Gouvernante und den Geistern um die Gunst der Kinder wächst stetig. Eine Katastrophe scheint unausweichlich.

Diese bedrohliche und gleichzeitig bedrückende Stimmung wird auch in der Gestaltung des hervorragenden Bühnenbildes deutlich. Die Räume wirken kühl und karg, fast gefühlskalt und proportionslos. Im Mittelpunkt, immer wieder neu im Raum platziert, steht eine Treppe, die den Übergang von realer zu Geisterwelt suggeriert. Durch Sie entstehen düstere Nischen – die Gefahr wird fühlbar. Die räumliche Staffelung des Bühnenbildes von Hell nach Dunkel verstärkt den Eindruck des Dramatischen, Ungeschützten.
Das Orchester nimmt diese Stimmung in überzeugender Weise auf. Auch die Leistung der beiden Kinderdarsteller ist unglaublich. Ihre Stimmqualität und Ihre schauspielerische Darbietung ist sehr beeindruckend.

Die Herausforderung dieser Kammeroper besteht darin, die vielfältigen Handlungsebenen wahrzunehmen und sich auf die Abgründe menschlicher Beziehungen und Charaktere einzulassen. Auch einige Tage nach der Aufführung “arbeitet” diese Oper noch in mir und es entstehen immer neue Bilder und Zusammenhänge.

Caroline West über “The Turn of the Screw” am 4. Mai 2012 im Opernhaus Düsseldorf

“The Turn of the Screw” was a piece my eyes appreciated, but my ears struggled with.

Exquisitely crafted, this production has it all – goosebump moments, extraordinary performances (especially by the young guest soloists from UK), an incredible stage set, clever lighting, even moments when I felt quite uncomfortable. The drama certainly touched a nerve.

However, Benjamin Britten, I’m afraid, just isn’t my thing.
I simply find the music incredibly difficult to find a way into.
I don’t seem to be able to find a connection to the drama and tragedy I read about in this great composer’s life, and I certainly don’t feel it when I hear his music.
The tale of ghosts and innuendo are also tricky themes for me to relate to, but as with each and every performance I see, I’m very happy to have experienced and felt this. We in Düsseldorf can feel privileged that we have an opera house of such excellent class as part of our city.
I have friends who tell me they can bathe endlessly in Britten, and for all those who enjoy the sweeping movements of his work I’d say they definitely must go. The applause at the end of the premiere was thrilling. I was delighted for the ensemble and orchestra and especially young Harry Oakes who was almost too exhausted to take a bow! When he did come back on stage, his pride and delight at what he had just accomplished burst from his face. His ‘sister’ on stage, Eleanor Burke, bowed and smiled …. but then she too couldn’t contain her excitement. That was an absolute joy to see!

Well done you all.

Claudia Uhl über “The Turn of the Screw” am 4. Mai im Opernhaus Düsseldorf

Ein psychodramatisches Kammerspiel, phantastisch inszeniert! Geister, Spuk, Grusel, wer bringt hier wen um?! Ich erlebe eine atmosphärisch hervorragende und spannende Inszenierung einer der sicherlich ungewöhnlichsten Opern. Ein echter Geheimtipp!

Es ist schon starker Tobak, die Inhalte sind vielleicht schwer verdaulich, aber nicht schwer verständlich! Die Handlung zieht mich vom ersten bis zum letzten Moment in ihren Bann. Bereits in meiner ersten Britten-Oper „Billy Budd“ (Premiere am 25. März 2011 im Opernhaus Düsseldorf) begeisterte mich die Inszenierung, in der der Regisseur den Spannungsbogen stets auszureizen wusste. Anders als in „Billy Budd“, als ich mich erst an Brittens Musik gewöhnen musste, bin ich hier schneller „drin“, auch musikalisch. Die Musik von Benjamin Britten ist nicht schön oder lieblich wie die von Mozart, Verdi oder Puccini. Sie hat einen ganz eigenen Stellenwert. Ich weiß die musikalische Interpretation des kleinen, kammermusikalischen Orchesters an diesem Abend absolut zu schätzen! Auch die Leistung der Sänger ist grandios. Überhaupt ist das ganze Stück eine echte Ensemble-Leistung, in der ich die beiden Kinder besonders erwähnen möchte, haben sie mich doch mit ihrer Spielfreude und Natürlichkeit überzeugt.
Schaurig-schöne Töne, Seufzer, das Leid der Kinder und die Geister der Verstorbenen… die Musik bildet eine einzigartige Symbiose mit der spukhaften Handlung.

Genial finde ich auch das Bühnenbild, besonders im ersten Akt, wenn sich Realität und Geisterwelt spiegeln, aufgelöst durch die herunterkommende Wand durch dessen Tür Sylvia Hamvasi mit wehendem Umhang und leuchtendem, aber bedrohlich intensivem Sopran schreitet…. spätestens an der Stelle lief, glaube ich, jedem im Publikum ein Schauer über den Rücken! Die Intensität nimmt im zweiten Teil des Stückes zu und steigert sich zu einem dramatischen und überraschenden Ende, welches mich, dank der nicht eindeutigen Interpretation des Regisseurs, noch lange beschäftigt.

Barbara Wieland-Kessler über b.11 am 17. März 2012 im Opernhaus Düsseldorf

Backyard

Choreographie von Uri Ivgi und Johan Greben
Musik von Bernd Alois Zimmermanns Orchesterskizzen “Stille und Umkehr”,  Ryüinichi Sakamoto, Arvo Part

Im Gesamteindruck eine wunderbare Choreographie. Das reduzierte Bühnenbild – Hinterhofatmosphäre-, dargestellt durch einen quadratisch aufgehängten Kettenvorhang aus Metall. Es entsteht eine Trennung zwischen Innen- und Außenraum. Die Tänzer sind schlich in schwarz gekleidet. In der Choreographie geht es um Macht, Gewalt und Aggression. Die Rollenverteilung von Männern und Frauen stellen sich gleichwertig dar, die Gewalt geht von beiden aus. Handlung und Bühne verändern sich sehr stimmig zueinander. Der Kettenvorhang fällt mit lautem Getöse, fast befreiend und der beengte Raum wird aufgelöst. Die Ketten werden zu “Inseln” aufgehäuft, ein Bild  der Ruhe entsteht. Gleichzeitig finden sich die Tänzer in Gruppen zusammen, die Stimmung wird friedlicher und intimer.
Das Zusammenspiel von Tanz, Musik, Bühnenbild und Lichtführung könnte nicht schöner sein.

 

Violakonzert

Choreographie von Martin Schläpfer
Musik von Alfred Schnittke

Martin Schläpfers Choreographie zum Violakonzert von Alfred Schnittke ist stark am klassischen Tanz orientiert. Die Figuren der Tänzer sind perfekt auf die Musik abgestimmt. Der Tanz bekommt dadurch eine formale Klarheit. Unterstrichen wird dieser Eindruck durch das kühle Licht. Das Bühnenbild erscheint im Gegensatz dazu angenehm weich und verschwommen. Eine Metallwand bildet den Hintergrund, auf dem die Tanzszenen undeutlich und geschmeidig reflektiert werden. Es entstehen wunderbare Bilder, die an moderne Kunst erinnern. Auch in dieser Choreographie verändert sich das Bühnenbild mit dem Handlungsablauf. Ein Lichtstab, der kreisend das Wirkungsfeld der Tänzer eingrenzt, entschwebt in die Höhe und gibt den Raum der Handlung frei. Die Tanzszenen werden weicher und schwebender. Insgesamt fehlte mir der Zugang zur  Musik von Alfred Schnittke.

 

Fearful Symmetries

Choreographie von Nils Christe
Musik von John Adams

Fearful Symmetries ist eine ungemein dynamische, schnelle Choreographie. Die Musik von John Adams ist schnell, rhythmisch und erfährt durch die Bläser stark  jazzige Elemente. Dazu sehr stimmig und ungeheuer mitreißend agiert das Tanzensemble. Taillierte Hocker, die wie Startblöcke anmuten, werden von den Tänzern spielerisch in Ihre Figuren mit einbezogen. Sie markieren Ihren Handlungsraum. Die Seitenflächen der Hocker sind in den Grundfarben blau, gelb, rot und weiß eingefärbt und lassen auf der Bühne immer neue Farbkombinationen zu. Um diese ungemein schnelle Handlung zu unterbrechen, lässt Christe die Bühne immer wieder “verschleiern”. Ein scheinbar unsichtbarer Vorhang wird blickdicht ausgeleuchtet und es entsteht ein Moment der Stille und Konzentration. Die Wahrnehmung wird erneut sensibilisiert auf das nun Folgende. Wie ich finde, eine geniale Idee.

Martin Schläpfer ist mit b.11 ein wunderbarer Abend gelungen. Er hat eine Gruppe von Choreographen zusammengeführt, die den Modernen Tanz perfekt repräsentieren.

 

Claudia Uhl über “b.11″ am 17. März 2012 im Opernhaus Düsseldorf

Der b.11er Ballettabend hat mich ziemlich gefordert. Und das lag nicht an den großartigen Tänzern. Die Tänzer sind immer genial. Ich bewundere die Körperlichkeit und Sensibilität dieser Künstler.
Gefordert hat mich die Musik an diesem Abend. Ich bin anscheinend ein stark auditiv geprägter Mensch, ich kann schlecht ausblenden, was ich höre, und wenn ich etwas höre, was mir partout nicht gefällt wird es schwierig. Die Musik missfällt mir fast den ganzen Abend lang. Ich merke, wie ich versuche dies auszublenden, doch es gelingt mir nicht. Was ich sehe ist dagegen interessant, vielseitig, teilweise sportlich, athletisch und neu.
Die Uraufführung „Backyard“ lebt von tollen, choreographischen Ideen, zum Beispiel als die Tänzer die Ketten, und damit das eigentliche Bühnenbild umfunktionieren und mit einbeziehen. Als Yuko Kato die Ketten einsammelt und anhäuft, muss ich an Bilder aus Fukushima denken, oder an Bilder aus Kriegs- und Katastrophengebieten. Krisenszenario, Milieustudie… generell habe ich ziemlich düstere Gedanken und Empfindungen bei diesem Stück.
So sehr ich die Musik Alfred Schnittkes im „Dritten Klavierkonzert“ des Ballettabends b.10 zu schätzen wusste, umso mehr hadere ich heute mit dem „Violakonzert“ Schnittkes. Ist das tatsächlich derselbe Komponist? Ich bin ratlos. Ich fühle mich, als sei ich auf Schnittke „hereingefallen“. Das muss man bitte mit etwas Humor und im übertragenen Sinne verstehen. Eigentlich mag ich so was ja sehr, die Auseinandersetzung mit der Kunst, die mir manchmal gefällt, manchmal nicht, mich manchmal anregt oder inspiriert und noch so vieles mehr bewirkt. Doch heute bleibt mir leider jeglicher Zugang zu den Stücken verschlossen.
Das dritte Stück des Abends, „Fearful Symmetries“, möchte ich mit seiner Dynamik nicht unerwähnt lassen, auch hier gibt es geniale, neue Ideen beispielsweise den, zuerst unsichtbaren, Vorhang, der erst mit gezieltem Licht zu einer Art Leinwand wird und somit die Sehgewohnheiten des Betrachters praktisch neu definiert. Trotzdem fühle ich mich emotional überhaupt nicht abgeholt, im Gegensatz zu fast allen anderen, bisherigen Ballettabenden.
An diesem Abend kämpfe ich irgendwie mit mir selbst.

Caroline West über b.10 am 3. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

It’s no secret that I am a big Schläpfer fan. I write  this having seen b.10 twice now, once alone and once with the RhineBuzz group, each time was quite different, the responses from my guests insightful and questioning  and I am left feeling most fortunate  that I live in Düsseldorf, a city that offers us world class arts that are, at times, just second to none.
B.10 belongs in this satin-lined box.

‘Emotions laid bare’ was for me, the story in “Drittes KlavierKonzert”. A beautiful piece of heart-wrenching dance, full of turmoil, joy, longing, rage and sometimes, completeness.
Nothing is final when it comes to love, or perhaps, if and when it is, it quite simply is no longer alive….
The fine, yet powerful movements of the dancers were, as always, quite incredible as they wove and told their tales. As the curtain came down I kind of wanted more, but felt also content and ‘wow’ at the same time that something so beautiful had just touched my soul.

As the next piece ended my companion rightly remarked “so that is what the pixels do when there is a break in the transmission!”
Can “Tanzsuite” be described in a more accurate way? I very much doubt it. I adored this piece and left thinking I envy anyone who sees it ‘for the first time’.
Filled with colour and humour, extraordinary angles and absolute beauty, this is one of my favourite Schläpfer-pieces. It combines video art and dance in a most unique and effective way without ever overpowering the astounding dancers at all. Something different happens here for each and every viewer. And I could watch it again and again.

The final piece “Symphony of Psalms” was a graceful piece of literature. The set included a backdrop of oriental carpets that, combined with the chorus that at times, soared from the new orchestra pit, made a powerful impact on the dance on stage. Yet all the while, despite all that was ‘happening’ the harmony of the piece was paramount and very well achieved.

I know nothing about dance but I recently met with a professional dancer from London at K20 who was part of the “Move” exhibition. As I encouraged her to go see Schläpfer, the dancer responded that I ‘knew’ a whole lot more than I gave myself credit for.
I’m sure I have the b. 1-10 series to thank for this. Martin Schläpfer seems fearless. He challenges himself, his dancers and most certainly the audience. You do have to work at his pieces, they are not easy, float-over-me occasions, but make the effort and you will be rewarded in a most rich and lasting way. Recalling b.10 my memory remembers so very much. My heart feels many moments that have been stirred, but my mind doesn’t feel overloaded at all. Just Perfect!

Claudia Uhl über “Castor et Pollux” am 28. Januar 2012 im Opernhaus Düsseldorf

Eine Ballett-Oper wie aus einem Guss! Wenn ich an „Castor et Pollux“ denke, befinde ich mich sofort wieder in diesem wohligen Zustand des Genießens, umhüllt von einer Woge aus Kreativität, perfektem Zusammenspiel und Harmonie.

Anfangs habe ich etwas gebraucht, um hereinzukommen, alles war ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Aber das finde ich in Ordnung, das ist Kunst, und Kunst ist manchmal gewöhnungsbedürftig und löst die unterschiedlichsten Emotionen beim Betrachter aus. Die Bilder, die Martin Schläpfer kreiert hat, sind wirklich einzigartig. Sehr gut gefiel mir die Einheit, das perfekte Zusammenspiel zwischen Tänzern, Sängern und Chor. Sänger und Tänzer nahmen sich gegenseitig nichts von Ihrer Präsenz auf der Bühne, im Gegenteil, sie unterstützten sich gegenseitig. Die Tänzer wirkten auf mich wie Gefühlsverstärker. Dadurch bekam das Ganze fast schon so etwas wie eine neue Dimension, ein Art neues Musiktheater.
Apropos Musik: Ich persönlich bin nicht unbedingt ein Freund von Barockmusik. Die Musik dieser Oper fand ich zuerst auch nicht besonders eingängig, was jedoch Axel Kober und die Neue Düsseldorfer Hofmusik daraus gezaubert haben, was ich erleben durfte, war etwas ganz Besonderes! Wie ein warmer, wohliger (Klang-)Teppich, auf den man sich fallen lassen konnte, auf denen sich auch die Tänzer fallen lassen konnten. Die perfekte Symbiose zwischen Musik, wunderschönen Stimmen der Sänger, und der Körperlichkeit der Tänzer. Ich finde, die Inszenierung hat die Musik aufs allerfeinste unterstützt, und genauso umgekehrt. Auch wenn ich mich wiederhole: für mich war das Ganze stimmig, eine wunderschöne Einheit. Dazu beigetragen haben natürlich auch die Kostüme und das Bühnenbild der Künstlerin Rosalie. Eine Lichtinstallation wie in einem Museum für moderne, zeitgenössische Kunst.

Barbara Wieland-Kessler über “Castor et Pollux” am 28. Januar 2012 im Opernhaus Düsseldorf

Martin Schläpfers erste Operninszenierung habe ich sehr genossen. Im ersten Akt musste ich mich trotzdem erst in das Thema der Oper einfinden. Alle Sinne wurden durch die verschiedenen Komponenten gleichzeitig und ebenso gleichwertig angeregt: Bühnenbild, Kostüme, Chor, Gesang und Tanz.
Sofort begeistert war ich von Rameuas Musik und dem Orchester unter der Leitung von Axel Kober und dem Chor, der von Gerhard Michalski angeleitet wurde. Die herausragende Sängerin des Abends war meiner Meinung nach Alma Sadé in der Rolle der Télaïre.
Sehr stimmig wirkten Bühnenbild und Kostüme, untermalt von wunderbaren Lichteffekten. Einzig die schwarzen Turnschuhe der Tänzer  störten in einer sehr sensibel abgestimmten Farbwelt mein ästhetisches Empfinden.
Schläpfers Idee, die Tänzer Hip- Hop Sequenzen zur barocken Musik von Rameau tanzen zu lassen fand ich großartig.
Ein noch lange anhaltendes Vergnügen, unbedingt empfehlenswert.

Barbara Wieland-Kessler über “Carmen” am 4. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Ein Opernabend der Überraschungen.
Ich habe eine Carmen als herausragende Figur dieser Oper erwartet und empfand Ihre Besetzung als eher zurückhaltend und nicht so stimmgewaltig und ausdrucksstark wie im Vorhinein vermutet. Ihre beiden Mitstreiterinnen wirkten auf mich ausdrucksstärker. Die herausragenden Personen des Abends aber waren  Don José, der verliebte Grenadier, und Micaëla, die Tugendhafte.Beide mit wunderbaren Stimmen ausgestattet.. Einer der Höhepunkte war  Don Josés gesungene Liebeserklärung, voller Kraft und Leidenschaft.

Einen weiteren Höhepunkt des Abends bot der Auftritt des gesamten Chorensembles im zweiten Akt. Unglaublich klar und ergreifend gesungen, begleitet von einem perfekten Orchester. Ein ebenso visuelles, wie musikalisches Highlight. Zur weiteren Erhellung des Abends trug die Gestaltung des Bühnenbildes bei, insbesondere in der Tanzszene der Zigeunerinnen.
Farblich unglaublich sensibel abgestimmt und die Licht- und Schattenspiele sehr eindrucksvoll.
Ein gelungener Abend allemal.

Barbara Wieland-Kessler über b.10 am 3. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Obwohl ich ein begeisterter Anhänger des modernen Balletts bin, fällt mir die Beurteilung des Abends nicht leicht.
Drei wichtige, aktuelle Themen liegen den sehr unterschiedlichen Choreografien zu Grunde: zwischenmenschliche Beziehungen, mediale Welt und Religion. Jede für sich ein Genuss.
Den Auftakt bildet Martin Schläpfers Choreografie zu Schnittkes Konzert für Streicher und Klavier. Eine wunderbare Einheit zwischen tänzerischer Darbietung, Kostüm und Musik . Farblich reduziert, ein ,mal mehr und mal weniger, glitzernder Hintergrund lässt das Bühnenbild  an das Universum erinnern. Vor diesem Bild können sich die Tanzszenen voll entfalten. Eine großartige Tänzerin (Yuko Kato) umgeben von Tänzern, die sich in Ihrer unmittelbaren Nähe bewegen und dann auch wieder auf Distanz . Paarweise und alleine. Wechselnde Gruppierungen. Zuneigung und Entfremdung entsteht sofort als Bild. Getanzte, zwischenmenschliche Beziehungen. Ein sehr emotionales Stück.

Das zweites Werk, die Tanzsuite mit Deutschlandlied von Helmut Lachenmann, hat mir sehr gefallen. Die minimalistischen, technisch erzeugten Klänge der Musik empfand ich  zuerst als schwer tanzbar, wurde jedoch vom absoluten Gegenteil überrascht. Die in hautengen, bunten Ganzkörpertrikots gekleideten Tänzer bewegten sich  facettenreich von spielerisch leicht bis kraftvoll athletisch und humorvoll grotesk.Dem Bühnenbild von Keso Dekkers entsprechend,  farbenreich und flimmernd, das getanzte Testbild. Im Laufe der Choreografie verwandelt sich das Bunte in ein flimmerndes, rauschendes Grau, erkennbar als Störbild.

Die dritte Choreografie, Jirí Kylians „Symphony of Psalms“ für Chor und Orchester von Igor Strawinsky, lässt schon im Titel ein religiöses Thema vermuten. Das Bühnenbild bestätigt den Eindruck sogleich. Eine Aufreihung von Orienteppichen in roter Farbgebung, dicht aneinandergefügt, erzeugen eine sakrale Stimmung. Dazu die klare Anordnung der Gebetsstühle in einer Reihe. Auf dem Boden liegend ebenfalls ein dunkler Teppich, der das ruhige Bühnenbild vervollständigt. Das Zusammenspiel von Chor  und Orchester ist beeindruckend.Die Tänzer in einheitlicher Grauabstufung gekleidet, suggerieren visuell eine Gemeinschaft. Der Tanz zeigt eher klassische Stilelemente und eine klare Struktur. Es wird ein einheitliches Bild erzeugt. In allen wichtigen Komponenten, Bühnenbild, Kostüm, Musik und Tanz perfekt inszeniert.
Dieser Abend ist absolut empfehlenswert. Die drei Choreografien ergeben ein großartiges Miteinander.

Claudia Uhl über b.10 am 3. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

b.10, so schlicht durchnumeriert die Namen der Schläpfer-Ballettreihen auch sind, umso vielseitiger und gehaltvoller sind sie dann tatsächlich! Auch hier erlebt man drei Stücke, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ich werde regelrecht von einer Emotion in die nächste geworfen. Die Ballette haben auf mich alle eine regelrechte Sogwirkung, der man sich nicht entziehen kann, die die unterschiedlichsten Gefühle auslöst, wahrscheinlich bei jedem Zuschauer etwas anderes. Martin Schläpfer holt einen einfach da ab, wo man gerade steht, es ist faszinierend.

Das erste Stück des Abends, das „Dritte Klavierkonzert“ trifft mich bereits völlig unvorbereitet. Die reduzierte Bühne und die wunderbare Ästhetik der Tänzer strahlen eine Klarheit und Konzentration aus, die bei mir nicht ohne Wirkung bleiben. Ich merke, wie ich ganz ruhig und klar im Kopf werde, und dann plötzlich die Gefühle in mir hoch steigen. Dieses Stück hat mich an diesem Abend am stärksten berührt.

Das totale Kontrastprogramm folgt danach in der „Tanzsuite“. Dieses Stück ist ziemlich fordernd, vor allem am Anfang. Die Augen müssen sich erst an die Videoinstallationen gewöhnen, viel Schnee, schwarz-weißes Geflimmer, als Kontrast dazu die bunten Kostüme der Tänzer, dazu minimalistische Musik. Das ist für den ein oder anderen, wie ich im Publikum bemerke, nicht einfach. Die meisten aber sind total konzentriert. Die Tänzer interpretieren die Musik hervorragend, schön dabei die humorvollen Anklänge, die Martin Schläpfer gesetzt hat. Bei mir lösen die Bilder eine wahre Gedankenflut aus. Ein Kunstwerk, eine Installation, ein Ballett, nur ein einziger Name wird dem Erlebten nicht gerecht. Ich habe wieder mal das Gefühl, in einem Museum zu stehen, und ein Bild zu betrachten, nur ist es hier bewegter, und schöner und musikalischer. Schwer zu beschreiben, ich kann nur empfehlen, es selbst anzuschauen. Ich finde es grandios.

Seltsamerweise habe ich danach bei der „Symphony of Psalms“ etwas gebraucht, um hineinzukommen. Eine wunderbar getanzte Choreographie von Jiri Kylián, eigentlich gefälliger als das zuvor gesehene. Wahrscheinlich war ich noch so vom Abstrakten, Minimalistischen fasziniert, dass ich zunächst vor allem mit der Bühne nicht so viel anfangen konnte. Es war irgendwie ein begrenzter, kompakter Raum, im krassen Gegensatz zur Weitläufigkeit (vor allem für den Geist und die Phantasie!) des zuvor erlebten. Dazu kommt, dass ich Musik von Strawinsky oft gewöhnungsbedürftig finde. In diesem Fall mit Chor, das gab dem ganzen etwas Gewaltiges, Sakrales. Mit der Zeit hat mich auch diese Aufführung in ihren Bann gezogen, dass ich sie am Ende gern noch länger gesehen hätte.

Claudia Uhl über “Carmen” am 4. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Diese Aufführung der „Carmen“ ist für mich persönlich ein musikalischer und stimmlicher Hochgenuss. Selbst wer die Oper Carmen noch nie vollständig gesehen hat, kennt bestimmt die ein oder andere bekannte Melodie daraus. Seit Kindheitstagen waren auch mir die bekanntesten Arien aus Carmen vertraut, und ich war schon sehr auf diese Premiere gespannt. Ich habe oben im 2. Rang gesessen, und ich muss sagen, die Akustik und Klangfülle ist einfach wunderbar! Die Musik scheint dort oben förmlich im Raum zu „stehen“, oder vielleicht ist „schweben“ das bessere Wort.
Das gilt übrigens auch für andere Stücke, die ich seit der Vergrößerung des Orchestergrabens schon hören konnte.
Die Symphoniker spielen mit Generalmusikdirektor Axel Kober zum dahinschmelzen. Nicht nur die schwungvollen, dynamischen Partien, die typisch für diese Oper sind, auch die leisen, weichen Töne klingen großartig. Dazu diese phantastischen Sänger! Ich bin durchweg begeistert von den Stimmen der Protagonisten dieser Aufführung. Besonders gut gefallen hat mir neben der Carmen die Micaëla, die ein regelrechtes Leuchten in der Stimme hat, aber auch alle männlichen Hauptdarsteller haben wunderbar gesungen.
Die Inszenierung findet in einer durchweg recht dunklen Lichtstimmung statt, die mir anfangs ein bisschen zu düster war, die ich aber während der Oper bis zum Schluss immer stimmiger finde, weil sie das Drama dieser Handlung recht gut widerspiegelt. Die einzelnen Lichtwechsel im Sinne von Szenenwechsel, Auf- und Abgängen sind ausgesprochen gut gelungen.

Einer der Höhepunkte ist für mich die Flamenco-Szene, die wirklich toll getanzt ist. Nicht nur an dieser Stelle hat man Lust, mit den Füßen mitzuwippen, und das ging, wie ich nach einigen Gesprächen mit Zuschauern gehört habe, nicht nur mir so. Rein schauspielerisch betrachtet finde ich die Figur der Carmen sehr stark, eigentlich am ausdrucksstärksten und charismatischsten von allen. Obgleich in noch hinzufügen möchte, dass mich wirklich alle Darsteller begeistert haben, mich vor allem mit ihren schönen Stimmen und der berauschenden Musik verzaubert haben. Das wünsche ich jedem, der sich diese Oper ansehen möchte.

Claudia Uhl über “Il barbiere di Siviglia” am 3. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Wenn ich jetzt an die Aufführung des „Barbier von Sevilla“ zurückdenke, muss ich wieder lächeln! Ein absolutes Gute-Laune-Stück.Mir hat die frische Inszenierung, die nur so vor Lebendigkeit und blumigen, ausgefallenen Ideen sprüht, viel Spaß gemacht.
Der Beginn, die Ouvertüre, ist schon ein Traum! Mir ist selten eine Ouvertüre derart positiv aufgefallen und noch so lange in Erinnerung geblieben, so samtig und weich dirigiert und gespielt.
Die Inszenierung hat mich anfangs total überrascht, dieser Ausflug ins Insektenreich, die liebestollen, triebgesteuerten Insekten, die von den Sängern mit viel Spielfreude hinreißend verkörpert werden. Ein großer Spaß! Die Figuren sind nicht nur musikalisch, sondern auch szenisch liebevoll und einfallsreich charakterisiert worden. Bemerkenswert kreativ, und ich hatte den Eindruck, dass die Darsteller sich richtig wohl gefühlt haben, diesen großen Spaß mitzumachen. Dazu gibt es beschwingte kleine Einlagen, wie zum Beispiel den rockenden Barbier, der auch noch Flamenco tanzt und zusammen mit José Manuel Zapata als Hummel „Besa me mucho“ singt. Hier hat jemand mit einem Augenzwinkern inszeniert, und das finde ich großartig, denn der „Barbier“, so wie Rossini ihn sich gedacht hat, ist schließlich keine ernste, sondern eine komische Oper.

Mein Tipp für trübe Herbst-/Winterabende: ein Glas Sekt trinken, sich entspannen, und diesen Barbier genießen!

Barbara Wieland-Kessler über “Il barbiere di Siviglia” am 3. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Mein erster Opernabend in der Rolle eines Opernscouts begann mit einer Oper der eher entspannteren, komischen Art.
Nicht nur die Musik Rossinis hatte einen  sehr leichten, beschwingten Charakter, auch die Auswahl der Kostüme wurde in amüsanter Form der Tier- beziehungsweise Insektenwelt entlehnt. Eine interessante Möglichkeit den agierenden Figuren eindeutige Charaktereigenschaften zuzuordnen.
Der umtriebige Barbier in der Gestalt einer Eintagsfliege war dabei für mein Empfinden die überzeugendste Figur. Mal hier mal dort agierend, modern, spritzig und mit schauspielerischer Leichtigkeit ausgerüstet. Auch seine Stimmqualität, ebenso wie die der “Hausdame” Berta, blieben haften.
Das reduzierte Bühnenbild des 1. Aktes wurde thematisch sehr stimmig in die Pflanzenwelt projiziert.  Obwohl farblich nicht überreizt, entstand im zweiten Teil der Inszenierung ein sinnvoller Bruch in die ” reale Welt” mit sehr ebenfalls reduziertem, graphisch strukturiertem Hintergrund. Meiner Meinung nach sehr gelungen und notwendig, da ein Abschweifen ins Überspannte unterbunden wurde.
Insgesamt eine sehr modern umgesetzte, komische Oper mit Unterhaltungswert.