Bernd Struff zu “Castor et Pollux” am 28. Januar 2012 im Opernhaus Düsseldorf

Wir erlebten am 28.01.12 eine äußerst gelungene  Ballettopern-Premiere „Castor & Pollux“.
Hier fand seit langer Zeit, nämlich seit Carmina Burana, eine ähnliche Symbiose zwischen Orchester, Gesang und Ballet statt.
Schon beim Betreten des Zuschauerraumes gab es allerhand zu entdecken: ein wunderschöner Lichtvorhang, sowie den Tänzer Jörg Weinöhl, der seitlich an der Bühne lag und von vielen Zuschauern erst wahrgenommen wurde, nachdem er sich nach Spielbeginn bewegte.
Barocke Musik, hier von Jean-Philippe Rameau, ist ein seltener  musikalischer Gast in der Oper. Die Neue Düsseldorfer Hofmusik  (für mich Premiere im Opernhaus) spielte  unter der Leitung Axel Kobers. Es war wirklich ein außerordentlicher Hörgenuss!
Der Chor der deutschen Oper am Rhein, natürlich wieder in Bestform, integrierte sich sehr gut in das gesamte Stück. Die Kostüme, einheitlich in weiß/grauen Farben gehalten, waren ebenfalls sehr passend.
Das Ballett ergab mit den Solisten, dem Chor und dem Orchester eine wunderbare (schon erwähnte) Symbiose.
Die Solisten waren hervorragend.  Trotz  dieser extremen Plateausohlen, die bei mancher Sängerin oder Sänger Teil des Kostüms waren, stimmlich so zu brillieren ist wirklich beeindruckend. Hut ab!
Das „ spacige“ Bühnenbild war sehr kreativ gestaltet und stimmig zur Aufführung, einzelne Szenen, wie der Übergang Pollux in die Unterwelt, waren eindrucksvoll dargestellt und bleiben mir stark in Erinnerung.
Drei Stunden Oper vergingen ohne jegliche Längen und erschienen sehr kurzweilig.
Nicht immer erschlossen sich mir die Zusammenhänge, dieses tat aber überhaupt keinen Abbruch und schmälerte für mich keineswegs die gelungene Aufführung.
Castor et Pollux ist ein Stück, das man mehrmals sehen sollte, um in den vollen Genuss des Ganzen zu kommen.
Augen und Ohren werden jederzeit aufs Neue belohnt!
Hoffentlich wird dieses Stück nach dieser gelungenen Premiere fester Bestandteil im Repertoire der Oper am Rhein.
Empfehlenswert!!!

Bernd Struff über b.10 am 3. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

“Drittes Klavierkonzert” von Alfred Schnittke
Das erste Stück des Abends hat mir sehr gut gefallen. Das schlichte dunkle Bühnenbild und die dezent im Hintergrund flackernden blauen Lichter waren eine wunderschöne Untermalung für die Tänzer. Die Solistin Yuko Kato war für mich im Tanz sehr bewegend. Die Klaviermusik harmonierte großartig, war aber in Teilen sehr melancholisch. Auch die Outfits waren sehr passend zu Musik und  Tanz. Es war wirklich alles stimmig.

“Tanzsuite mit Deutschlandlied” von Helmut Lachermann
Nach der 1. Pause nun der zweite Teil. Es fällt schwer, in den nun folgenden Teil einzutauchen, denn zum Tanz gehört Harmonie, diese habe ich bei der Art  Musik nicht finden können. Für mich ein krasser Gegensatz zum vorherigen Teil, was  von Martin Schläpfer  wohl so gewollt war.  Die eingespielte Videoanimation war visuell sehr irritierend. Das Störbild mit dem ständigen Flackern war für die Augen sehr unangenehm. Außerdem traten dadurch teilweise die Tänzer zurück, wodurch deren beachtliche Leistung schwer mitzuverfolgen war. Auch die Geräusche vom Band waren wirklich kein Hörgenuss. Für mich gehört zu einem Ballett eine schöne sowie harmonische Musik. Es sollte immer ein Seh- und(!) Hörgenuss sein. Auch der Bezug zum Deutschlandlied blieb mir leider verschlossen.
Die Outfits waren sehr schön in ihrer Schlichtheit. Die farbigen Anzüge ergaben tolle Bilder, wenn nicht gerade vom Hintergrund verschluckt. Die Tänzer waren auch hier fantastisch.

“Symphony of Psalms” Chor und Orchester von Igor Strawinsky
Nun zum dritten Teil des Abends : Für mich der Höhepunkt dieses Ballettabends! Die Musik der Düsseldorfer Symphoniker war stimmig zum Tanz, zumal nun auch der Chor auftrat, der aus dem Orchestergraben heraus sehr gut klang und den Raum erfüllte. Über einen großen Teil schwebte das „Laudate Dominum“ in einer Präsenz und Fülle aus dem Orchestergraben, wie man es bist dato kaum von der Bühne hören konnte.
Die Darstellung des Sakralen durch die Tänzer war sehr gut umgesetzt. Dieses war nun ein Genuss für Augen und Ohren und hat mich zum Ende hin dann doch noch mit diesem Ballettabend versöhnt. Somit wurde ich mit einem positiven Gefühl in die Premierefeier entlassen.

Bernd Struff über “Carmen” am 4. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Am Sonntag war nun meine 3. Premiere an diesem Wochenende. Und dieser Premierenmarathon wurde durchCarmen“ zu einem herausragenden Höhepunkt gebracht.
Durch die eher traditionelle Inszenierung kam der Charakter dieser oft aufgeführten Oper sehr gut zum Vorschein. Das dunkle Bühnenbild gab die passende Atmosphäre für die Handlung in Carmen. So kann man sich das doch in Teilen recht dunkle Sevilla der damaligen Zeit  vorstellen, wo die Sonne nur in Ihrem höchsten Stand den Boden erreicht.
Das Orchester spielte hervorragend, was schon gleich zu Beginn mit der Ouvertüre deutlich wurde. Auch die typisch spanischen Akzente, wie die Kastagnetten waren sehr schön herauszuhören.
Als Morenike Fadayomi sang: „Du wirst alles dass tun, was ich Dir sage“  konnte ich ihr das an diesem Abend spontan glauben. Hier zeigt sich hier eine Sopranistin in einer Mezzo-Partie von schönster samtig-rauchiger Lage, die sowohl in der Tiefe als auch in der Höhe glänzen konnte.
Nicht weniger brillierte Silvia Hamvasi in Ihrer Rolle als Micaëla.
Im 2.Akt  gaben die  spanischen Tänzer/-innen  in der Taverne eine tolle Vorstellung des Flamencos. Man fühlte sich sofort in diese Zeit im dunklen Sevilla zurückversetzt.
Boris Statsenko glänzte als Escamillo, wo jedoch ein etwas weniger pompöses Torero-Outfit etwas mehr gewesen wäre. Aber so sind halt die Toreros. Sergej Khomov als Don José war ein Ohrenschmaus. Mit seiner Arie „Je t’aime“ brachte er viele Besucher sehr nahe ans Wasser. Intensität und Klarheit der Stimme belegten den ganzen Abend.

Es gab keinerlei Längen in dieser Oper. Es war durchweg stimmig und ein wahrer Operngenuss. Hoch emotionaler  Gesang, tolles schauspielerische Leistung und dichter Atmosphäre. Ein Lob der gesamten Besetzung. Eine Oper, die wirklich das Herz berührt!

Ich bin mit einem Wohlgefühl und immer noch ein wenig Gänsehaut nach Hause gegangen und erinnere mich gerne an dieses Premierenwochenende, was unterschiedlicher nicht hätte sein können und gerade deshalb die Würze ausmachte.

Selinde Böhm & Rudolf Müller über b.10 am 3. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Eryximachos
  „Der Augenblick gebiert die Form, und die Form macht den Augenblick sichtbar.

          

Phaidros
  „Sie flieht vor ihrem Schatten in die Lüfte!“

    Sokrates
      „Wir sehen sie immer nur wie im Sturz…“

                                                                                              Paul Valéry
Die Seele und der Tanz

Am Anfang war man schon begeistert von Yuko Kato. Ein grandioser Auftakt für einen gelungenen Abend. Und es zeigt sich wieder einmal, welch glückliche Hand Schläpfer bei der Komposition der Abende hat. Versteht man doch vom letzten Stück her, einer Choreographie Kyliáns, was eine der großen Leistungen Schläpfers ist: die vielen Individuen auf der Bühne. Beinahe über die Sichtbarkeitsgrenze hinaus: wie soll man alle diese unterschiedlichen gleichzeitigen Bewegungen verfolgen?

Selinde Böhm & Rudolf Müller über “Il barbiere di Siviglia” am 3. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Gerade ist der vierte Band der auf 10 Bände geplanten Ausgabe der “Erinnerungen eines Insektenforschers”  von Jean-Henri Fabre, von dem André Gide sagte, er habe ihn immer auf dem Nachttisch liegen gehabt, in die Auslieferung gekommen, da bietet uns die Oper am Rhein – ganz am Puls der Zeit – Einblick in das Liebesleben der Insekten.

Äußerst vergnügt verfolgen wir die Geschichte der liebestollen Hummel alias „Lindoro“ alias „Graf Almaviva“ wie sie der ebenfalls liebestollen Spinne alias „Doktor Bartolo“ den hübschen Falter alias „Rosina“ mit Hilfe der Fliege alias „Barbier von Sevilla“ gegen alle Intrigen ausspannt.
Alles auf einer märchenhaften Bühne und in zauberhaften Kostümen. Nur kurz unterbrochen, wenn sich die Insekten zu Beginn des zweiten Aktes als Menschen verkleiden und das Spinnennetz sich zu einer Mauer verdichtet (im Kuriositätenkabinett Rudolfs II. in Prag soll es Bilder gegeben haben, die auf Spinnennetze gemalt waren), welche dann als Projektionsfläche für „echte“ Tierbilder dient.
Wunderbar gespielt: Wie die Spinne über die Bühne und um den Orchestergraben rennt. Wie die Schnecke alias Berta auf die Bühne kriecht. Überhaupt diese Schnecke mit ihrem Schneckenhaus, das eine urkomische Überraschung enthält.
Aber nicht nur für die Augen ein ganz großer Genuss, auch für die Ohren.
Ein großartiges Vergnügen und in jeder Beziehung ein sehr gelungener Auftakt für die neue Saison.