Ballett am Rhein – b.01

Alexandra Schiess über b.01 am 18. Oktober 2009 im Opernhaus Düsseldorf

Wie hat die Premiere auf mich gewirkt? Maximal inspirierend. Die neue Direktion scheint durch neue Maßstäbe Zeichen zu setzen. Gleich einer Revolution wird mit Tradition gebrochen. Unglaubliche Körperlichkeit, athletische Bewegungsabläufe bis ins Detail. Kontraste in musikalischer, choreographischer und gestalterischer Hinsicht. Dadurch wird eine unglaubliche Spannung hervorgerufen. In allen Teilen der Trilogie wird mit Kontrasten gespielt: Im 1. Teil gab es den Kontrast zwischen der Musik von Strauß und einer sehr schauspielerischen Choreographie, die den Betrachter schmunzeln lässt. Es gleicht einer Parodie.
Hans van Manen hingegen beschreibt im 2. Teil eine Art ‚Mengenlehre‘. Es ist eine sehr mathematisch wirkende Abfolge, die einen großen Spannungsbogen durch ständige Bewegung erhält. Das Auge des Betrachters arbeitet mit, wie bei einem Geschicklichkeitsspiel. Die körperliche Spannung überträgt sich auf den Betrachter und nur zu gut kann man die letzte Sequenz ‚den Tanz des Atmens‘ durch die Lungenbewegungen des Paares erkennen.
Der 3. Teil gleicht einem Thriller. Beginnend mit ‚dem Tanz der Stille‘ fiebert der Zuschauer dem Fortgang entgegen. Avantgarde im Zenit. Kostüm und Choreographie, Musik und Umsetzung der Tänzer – dieses Zusammenspiel lässt Gänsehaut entstehen! Es ist eine Geschichte mit viel Inspirationsspielraum, gleichbleibend auf hohem Niveau. ‚Atemberaubend‘ im wahrsten Sinne des Wortes! Der 3.Teil beschreibt diese Situation meiner Meinung nach besonders gut. Zu Beginn: Ballett ohne Musik. Eine sehr seltene Idee, die zuerst verwirrt, teilweise auch beklemmt, da unglaubliche Spannung aufgebaut wird. Das Publikum wird unruhig: Stille ist eben oft schwer zu ertragen. Aber wie entspannend kann dies für die Seele sein? Man wurde Teil eines Experiments – sagenhaft! Doch gerade deshalb gab es auch Stimmen der Überforderung. Dieser Teil war definitiv kein Start für
Einsteiger.
Das Mitteilungsbedürfnis nach diesem Abend ist besonders groß: Man schäumt über von Eindrücken und Neuerungen. Emotionen wurden ausgelöst, die man sortieren muss, aber ich denke, dass dieses Stück gerade auch von den Menschen gesehen werden muss, die denken, Ballett bestehe nur aus Schwanensee.

 

Christiane Oxenfort über b.01 am 18. Oktober 2009 im Opernhaus Düsseldorf

Der Abend hat mich in vielerlei Hinsicht sehr erfreut: Martin Schläpfer präsentiert im besten Sinne heutiges, zeitgenössisches Ballett. Er verleugnet nicht seine Herkunft, er erfindet aber eine so starke und eigenwillige Tanzsprache, die es geschafft hat, mich sehr zu berühren und zu bewegen.
Der Beginn mit der Wiener Neujahrskonzertmusik war verblüffend. Für mich hat er mit seiner Choreographie die Seele der Musik freigelegt, den Humor in ihr gefunden und wunderbare Persiflagen erfunden. Als Kind mochte ich schon keinen Tanz mit Spitzenschuhen, gestern Abend war ich erstmalig in einem Opernhaus von deren Einsatz begeistert. Eine kleine Trübung hatte der erste Teil jedoch. Trotz des hervorragenden Dirigenten konnten die DüSys leider keinen überzeugenden Walzer und Polka spielen. Ein bisschen mehr Wien bitte!
Die Choreografie van Manens hat für mein Empfinden den ersten Teil ideal mit dem dritten verbunden. Der dritte Teil war für mich der beeindruckenste Moment des Abends. Der Beginn in der Stille ließ mich die großartige Musik Lutosławskis durch die Bewegung erahnen und vorfühlen. Die ganze Szenerie hatte für mich etwas Filmisches – einige Überlebende nach einem Atomkrieg in einer Unterwelt, die sich bekämpfen, einsam sind, sich annähern und wieder entfernen und warten – auf die Erlösung aus diesem Dilemma oder den Untergang. Die Blumen ließen hoffen.
Die Stimmung auf der Bühne war für mich sehr positiv. Das Ensemble ist großartig! Martin Schläpfer hat kein gleichförmiges Corps de Ballet zusammen gestellt, ondern 48 Individuen gecastet. Was für ein Potenzial!
Die Stimmung im Publikum war für mich durchwachsen. Es waren viele Menschen da, die sehr offen waren und ihre Begeisterung gezeigt haben. Andere waren völlig zu und konnten Neues für sich nicht zulassen. Erschreckend ist für mich, dass die meisten Menschen Stille nicht aushalten können, sondern sofort beginnen zu husten, zu reden und anderweitig zu stören. In der Stille beginnt die Auseinandersetzung mit sich selbst und davor haben die meisten Menschen Angst. Schade.
Unbedingt hingehen! Ich bin davon überzeugt, dass mit der Arbeit Schläpfers ein neues und junges Publikum für die Ballettvorstellungen gewonnen werden kann. Ich werde es allen erzählen.

 

 

Heike Billhard über b.01 am 18. Oktober 2009 im Opernhaus Düsseldorf

Nach dem Werkstattgespräch mit Martin Schläpfer war ich sehr, sehr gespannt auf das, was er als klitzekleine Appetithappen auf die Bühne gelassen hat. Insgesamt hat mich das Bühnengeschehen überwältigt. Ich hatte mich viele Jahre nicht mehr mit Tanztheater beschäftigt und bin durch diese Erlebnis wieder völlig ‚angefixt‘! Der Abend war ein erstes Puzzlesteinchen, das auf ein faszinierendes Gesamtbild hoffen lässt, mit jeder Aufführung zu einem großen Ganzen zusammenwachsend.
‚Marsch Walzer Polka‘ ist ein herrlich ironisches Stück, das mit viel choreografischer Rafinesse und zum Teil auch sehr amüsant die Walzerseligkeit auf ’s Korn nimmt. Sehr bewundert habe ich die geradezu chirurgisch sezierten Bewegungsabläufe, die extremen Verzögerungen, alles von größter Präzision und höchstem tänzerischen Können geprägt. Oftmals sind kleine Gesten zu entdecken, die große Wirkung zeigen, wie zum Beispiel ein rechtwinklig verdrehter Fuß. Sehr witzig fand ich die Umsetzung des Radetzky- Marsches. Da muss man erst mal drauf kommen, einen Marsch so zu tanzen. Unglaublich komisch und sehr expressiv umgesetzt.
Nach ‚Peter Grimes‘ habe ich im zweiten Teil, ‚Frank Bridge Variations‘, zum zweiten Mal Benjamin Britten gehört und die Musik kommt mir schon ein wenig vertraut vor, wie schön! Die Choreografie beeindruckt mit strenger Schönheit, klaren, fast mathematisch wirkenden Strukturen. Eine kühle Ästhetik, die mich erst zum Ende hin beim Pas de Deux wirklich berührt, weil die Tänzerin und der Tänzer in ihren den Körper modellierenden Trikots fast ihren Herzschlag sehen lassen. Es ist eigentlich die Atmung, aber ich empfinde es mehr als Herzschlag. Sie lassen mich in dem Moment an ihrem Empfinden teilhaben.
‚3. Sinfonie‘ mit der Musik von Witold Lutosławski ist Avantgarde. So sieht es wohl aus, wenn jemand Grenzen überschreitet. Hinaus aus der Wirklichkeit, hinein in die (Alp-)Träume, in die Matrix, wo der Mensch fremdgesteuert wird. Ein Spinnennetz, ein
Gewirke, ein Gestänge, kalt, grau, düster, das Individuen festhält, einschnürt, drangsaliert.Dazu eine Musik, die fordert, anstrengend ist, aber mit dem Bühnengeschehen einen starken Sog entwickelt.

 

 

Jana Lang über b.01 am 18. Oktober 2009 im Opernhaus Düsseldorf

Ich war zunächst positiv verwirrt. Viele der Bewegungen passten – nach meinem Gefühl – oft nicht wirklich zu der Musik. In anderen Momenten war ich hingegen überrascht, wie haargenau und präzise winzig kleine Bewegungen sich den Melodien anpassten. Diese Mischung hat mich fasziniert.
Der zweite Teil ging mir irgendwie nicht sehr nahe. Die Musik war mir zu ausdruckslos und die Bewegungen sagten mir auch nicht sonderlich zu.
Umso mehr gefesselt war ich dann jedoch wieder vom dritten Teil, Martin Schläpfers Uraufführung ‚3. Sinfonie‘, der in meinen Augen die reinste, wunderbare Provokation war. Die Kostüme waren wild, ‚freakig‘, originell – genau wie die Musik, die Bewegungen und das Bühnenbild. Ich konnte mich selten entscheiden, wo ich nun hingucken soll, oder ob die Musik angenehme oder grauenhafte Gänsehaut in mir auslöste. Und genau das fand ich grandios! Vor allem im Vergleich
zum zweiten Teil wurde mir hier bewusst, dass ich es viel spannender finde, wenn mich etwas provoziert, als wenn es an mir nahezu emotionslos vorbei geht!
Das Publikum kam mir während der gesamten Vorstellung sehr wach vor. Es wurde viel gelacht, gestaunt und auch mal fragwürdig oder skeptisch auf die Bühne gespäht.
Mein Interesse wurde durch diesen Auftakt Schläpfers jedenfalls geweckt und ich bin gespannt, welche Emotionen sein nächstes Ballett bei mir auslösen wird.

 

 

Veronika Falk über b.01 am 18. Oktober 2009 im Opernhaus Düsseldorf

Die Tänzer waren sehr expressiv, jede einzelne Tanzpaarszene erzählt meiner Meinung nach einen eigenen Dialog. Fasziniert hat mich auch die ‚Körperliebe‘, die die Tänzer zueinander haben. Man sah in ihren Bewegungen Zärtlichkeit, Behutsamkeit und doch auch Bestimmtheit.
Erstaunt haben mich auch die Kostüme, die teilweise nichts anderes waren als Unterwäsche oder Negligés.
Im zweiten Teil wirkten die Tänzer wie Magnete zueinander und ich habe mich gefragt, ob sie voneinander abhängig sind? Im nächsten Moment waren da wieder extreme Kontraste. Die Tänzer kontrollieren und bestimmen die Tänzerinnen, tragen sie wie in Kauftüten. Doch sobald die Frauen allein auf der Bühne sind, entfalten sie eigene Bewegungen.
Die Atmosphäre empfand ich als sehr humorvoll und locker. Es war fast schon ironisch, dass die strengen Taktschläge immer wieder aufgebrochen wurden. Jeder Auftritt brachte etwas Neues. Es herrschte Harmonie und Spannung zugleich.

 

 

Tobias van de Locht über b.01 am 18. Oktober 2009 im Opernhaus Düsseldorf

Für mich zerfiel der Abend deutlich in drei verschiedene Teile.
In ‚Marsch, Walzer, Polka‘ gefiel mir die Choreographie zum Radetzkymarsch, da sie witzig und intelligent war.
‚Frank Bridge Variations‘ war sehr überzeugend, zumal durch die schöne Musik für Streicher von Benjamin Britten, die Hans van Manen phantasievoll vertanzt hat.
Die Uraufführung ‚3. Sinfonie‘ war zwar gut gelöst, war mir am Ende von einem solch langen Abend aber etwas zu überladen. Die Stimmung im Publikum war gut; der neue Ballettdirektor scheint vollauf akzeptiert. Das Bühnengeschehen wirkte stimmig – eine schon jetzt perfekt aufeinander eingespielte Ballett-Compagnie.
Ich fand die epischen Ballette von Youri Vamos immer sehr schön, aber jetzt darf auch ruhig etwas Neues, Ausgeflippteres kommen, das durchaus empfehlenswert ist.
Es war ein gemischter Abend, aber das war wohl beabsichtigt und ist auch mal gut. Die Musikauswahl war interessant und ungewöhnlich für Ballette, bis auf Britten nicht unbedingt mein Geschmack, den meisten Leuten hat es aber gefallen. Ich bin jedenfalls gespannt auf weitere Ballette von Martin Schläpfer, z.B. ‚Kunst der Fuge‘.

 

 

Romeo Bay über b.01 am 18. Oktober 2009 im Opernhaus Düsseldorf

Mir gefiel der Humor, den die Inszenierungen zeigten. Beeindruckend ist die Körperbeherrschung ohnehin. Ich empfand die hörbaren Bühnenschritte am Anfang störend, auch wenn sie rhythmisch integriert waren. Dennoch fragte ich mich, ob die Ironie, das Augenzwinkern weit genug getrieben war, bezogen auf den ersten Teil.
Auch hier, in der ersten Ballettpremiere, schätze ich die Konzentration, die Aufmerksamkeit, die das Publikum mitbringt. Es ist eine schöne Würdigung des Dargebotenen.
Am Ende haben mich dann einige ‚Buh‘-Rufe doch überrascht. Waren sie reiner Geschmack oder gerechte Kritik? Ich hätte diese Leute das gerne gefragt.
In meiner beruflichen Umgebung werde ich erneut ein Plädoyer für den Ausflug in eine andere kulturelle Disziplin halten. In der Werbung ist die Veränderung des perspektivischen Blicks immer eine Bereicherung. Ja, sogar notwendig!
Ich freue mich auf die nächsten Premieren!

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