“Salome” von Richard Strauss

Heike Billhard über “Salome” am 08. November 2009 im Opernhaus Düsseldorf

Ich war überrascht von der plakativen Art der Inszenierung. Ein großer Kontrast zu der Geschichte, die eigentlich biblischen Ursprungs ist und von Oscar Wilde schwül-erotisch umgedeutet wurde. Das allein ist schon eine Verbindung, die mir persönlich nicht recht einleuchten mag. Und dann nimmt sich Richard Strauss des Themas an und vertont es gegen alle Hörgewohnheiten – ich muss zugeben, mein Zugang zu dieser Oper ist von vornherein eher begrenzt. Ich kann zumindest mit dem Inhalt nicht so viel anfangen.
Die Regisseurin Tatjana Gürbaca nimmt sich des Stoffes mit großer Entschlossenheit an, da bleibt wenig Spielraum für persönliche Sichtweisen des Zuschauers. Ihre Salome ist eine verzweifelte junge Frau, von einer kaltherzigen, egoistischen Mutter erzogen, vom geilen Stiefvater mit Blicken und vielleicht mehr missbraucht, groß geworden in einem Umfeld geprägt von Egoismus, Macht, Gier, Sex. Im Verlauf der Oper bricht aus Salome eine gewaltige, über die Jahre aufgestaute (auch sexuelle) Aggression heraus, für die die Geschichte um Jochanaan eigentlich nur der Auslöser ist. Sie will sich befreien, dazu reißt sie die Macht an sich und alles kulminiert in einem Amoklauf.
Das kann man sicher alles so sehen, es ist schlüssig inszeniert. Aber es lässt mich seltsam kalt. Die Plakativität der Inszenierung lässt mir zu wenig Raum für die Musik, sie gerät fast in den Hintergrund. Vielleicht ist das der Grund, warum sich wenig emotionale Regung bei mir zeigt.
Ob ich ,Salome‘ weiterempfehle? Aber ja! Die Sängerinnen und Sänger haben Großartiges geleistet, vor allem der Salome wird unglaublich viel abverlangt in dieser Rolle. Und bei der Frage nach der Inszenierung geht es ja nicht allein um Gefallen oder Nicht-Gefallen, das ist schließlich rein subjektiv. Es geht vielmehr darum, ob eine schlüssige Interpretation angeboten wird, angesichts derer man dann ganz individuell entscheiden kann, ob man sie annimmt oder nicht.
Letzten Endes ist jedes gute Opernerlebnis ein Stück Bildung, der Intellekt wird herausgefordert, der Blick schärft sich genauso wie die Ohren, die Erfahrungen werden reicher. Und ein sehenswertes Erlebnis in diesem Sinne ist Gürbacas ,Salome‘ auf jeden Fall.

 

 

Dr. Michael Matzigkeit über “Salome” am 08. November 2009 im Opernhaus Düsseldorf

Ehrlich gesagt war ich enttäuscht und geschockt darüber, wie ein großer Stoff, der seine Energie normalerweise aus dem Spannungsverhältnis von Erotik, Gewalt und Blasphemie bezieht, durch optische und szenische Eingriffe so klein gemacht wurde, dass ich gar nicht mehr hinschauen mochte.
Gerade die szenische Umsetzung hat mich maßgeblich zum oben genannten Eindruck geführt. Das Bühnenbild konterkarierte mit seiner quietschbunten Guckkastenbühne krass die Vorgaben des Librettos. Bei der Regie hatte ich fast den Eindruck, dass sich die Regisseurin an den Albernheiten der eigenen Ideen berauschte und auch die Kostümausstattung unterstrich nur das Klischee: So stellt sich Klein-Fritzchen Regietheater vor.
Die Musik von Strauss mag ich sehr, auch und gerade in ihrer Sperrigkeit. Das Orchester war am Premierenabend allerdings etwas stark im Vordergrund, so dass die Sänger zu kämpfen hatten.
Hatte sie das vor 100 Jahren? Auch damals war sie ein Paradebeispiel für Symbolismus, verlangte auch zu dieser Zeit nach einer Übertragungsleistung der Zuschauer. Gerade die ,Salome‘ ist aber wegen der blasphemischen Ebene ein sehr sensibles Stück, das eine Modernisierung ausschließlich in formal abstrakter Hinsicht ermöglicht, soll der gesamte Spannungsbogen erhalten bleiben. Naturalistische Eingriffe, gewaltsame Aktualisierungen – welcher Art auch immer – zerstören den Zauber des Werkes.
Wenn ihr noch nie diese Oper gesehen habt und ihr auf MTV-Optik mit viel Remmidemmi steht, schaut’s euch an.

 

 

Josef Hinkel über “Salome” am 08. November 2009 im Opernhaus Düsseldorf

Vom Bühnenbild war ich zunächst irritiert – es war mir zu eng, zu sehr Wohnzimmer.
Der Gesang und die Musik waren hingegen wunderschön. Dennoch hat mich die Inszenierung insgesamt nicht wirklich beeindruckt. Am meisten berührt hat mich aus der Rolle heraus der Johannes. Inzwischen spüre ich jedoch gerade in dem Bereich einen Mangel: Die Bewunderung des Herodes für Jochanaan als Prophet, dem Überbringer des Wortes Gottes (Wahrheit) wurde erst am Ende offenbar. Gerade das hat mich aber am meisten getroffen: die Stimme Gottes, die im Getümmel der Welt zum wirklich Wahren ruft.
Vielleicht wurde mir die Salome zu sehr als junge, geschlechtsorientierte Göre und zu wenig werte-frei erzogene Frau dargestellt. Die Düsseldorfer ,Salome‘ ist auf jeden Fall ein Besuch im Opernhaus wert.

 

 

 

Patricia Gall über “Salome” am 08. November 2009 im Opernhaus Düsseldorf

Die Inszenierung an sich hat mich sehr beeindruckt, weil eine klassische Oper so modern inszeniert wurde. Ich habe die Oper vorher noch nie gesehen, dementsprechend hat der Gesang mich am meisten beeindruckt. Die Salome war fantastisch. Leider war das Ende fragwürdig. Ich habe in einem klassischen Opernführer nachgelesen und konnte keine Parallelen zu Oscar Wilde finden.
Ich persönlich fand die Inszenierung toll, kann mir aber vorstellen, dass ein großer Strauss-Fan dies vielleicht hinterfragen würde.
Die Sänger waren sehr sensibel und einfühlsam im Gesang. Ich hatte das Gefühl, dass das Ensemble nach der Premiere noch eingespielter ist und sich die Zusammenhänge auch der einzelnen Gesangsstücke besser ergab.
Die verschmähte Geliebte, die aus Verzweiflung zur Mörderin wird, ist mir so persönlich noch nicht untergekommen. Doch hört man immer wieder in den Medien, dass Ehemänner und Lebenspartner aus Verzweiflung und Eifersucht ihre Frau, ihre Kinder und sich selbst hinrichten, da sie keinen anderen Ausweg mehr sehen. Darin sehe ich eine starke Parallele zu der Oper.
Ich habe meinen Freunden erzählt, dass sie sich ,Salome‘ unbedingt anschauen müssen, aber alle vorherigen Inszenierungen vergessen sollten, um sich vollständig auf die neue Oper einlassen zu können.

 

 

 

Jenny Jürgens über  “Salome” am 08. November 2009 im Opernhaus Düsseldorf

Mir hat die ,Salome‘-Premiere sehr gut gefallen. Ich werde meinen Freunden sicher empfehlen, sich ,Salome‘ anzusehen. Besonders begeistert war ich natürlich von Nicola Beller-Carbone als Salome. Vor allem in den letzten 45 Minuten hat sie mich sprichwörtlich weggefegt! Dass sie zusätzlich zu ihrer absolut gigantischen Stimme auch noch aussieht wie ein Supermodel, ist ein echtes Geschenk an den Zuschauer! Auch Richard Strauss’ Komposition erlangt für mich die schönsten Momente gegen Ende der Oper. Denn da wird er wirklich emotional. Er lässt die Streicher zu Hochformen erblühen und schenkt uns damit großes Gefühl – das liebe ich!
Das blumig unschuldige Bühnenbild und die moderne, saloppe Kleidung der Sänger stehen im harten Kontrast zu den zerstörerischen Geschehnissen. Für mich eine gelungene Metapher darauf, sich von sozialen Äußerlichkeiten nicht blenden zu lassen.
Berührt hat mich die große Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung in dieser Geschichte. Eine Sehnsucht, die sich allerdings durch Eitelkeit und Machtbesessenheit zum Supergau hochschaukelt. Fast alle Beteiligten verlieren sich in den tödlich endenden Konsequenzen ihrer verlogenen Biografien. Salome will sich von familiären Zwängen befreien, kokettiert ständig mit ihrer Schönheit, sehnt sich nach Liebe, die sie glaubt in Jochanaan zu finden.
Das Stück hat sicherlich auch heute noch große Aktualität. Wie sehr benutzen wir andere, um an unser Ziel zu kommen, und wie weit sind wir bereit dafür zu gehen? Wie eng Eitelkeit und Macht miteinander verwoben sind, sehen wir täglich in unserer Gesellschaft und leider auch in der Liebe. Häufig werden wir Zeugen von Mord und Todschlag, der aus genau diesen Motiven geschieht.
Entscheidend ist Salomes Satz: ,Hättest du mich angesehen, du hättest mich geliebt.‘ Was wäre gewesen, hätte ihr Jochanaan den Kuss nicht verwehrt, hätte er sie wirklich angesehen? Es war die Ablehnung, die Salome in den Wahnsinn trieb, Jochanaans Kopf zu fordern und zur Mörderin zu werden. Fazit: Hüte Dich vor deinen eigenen Wünschen, für die du alles versprichst. Denn wenn sie in Erfüllung gehen, musst du auch bereit sein, die Konsequenzen dafür zu tragen. Dies trifft auf die Wünsche aller Protagonisten zu. Den Wunsch geliebt zu werden. Den Wunsch Macht zu erringen. Den Wunsch sich zu befreien. Jeder Wunsch hat seinen Preis und er stirbt im Augenblick seiner Erfüllung.

 

 

 

Alexandra Schiess über “Salome” am 08. November 2009 im Opernhaus Düsseldorf

Ich war erstaunt über die äußerst moderne Inszenierung und die Synergie von Musik und Darstellung. Die durchaus unüblich inszenierte ,Salome‘ polarisierte nicht nur das Publikum. Großer Beifall und Buhrufe lösten sich ab. Dies erschrak mich, da ich solch eine Reaktion noch nie zuvor in dieser Intensität erlebt habe.
Ich musste das Stück erst einmal auf mich wirken lassen, dann empfand ich es als außergewöhnlich gut! Es war weit entfernt von einer klassischen Inszenierung. Eine Provokation, eine Satire, der Spiegel der Gesellschaft. Das Bühnenbild ließ die Optik eines  Fernsehbildschirms entstehen. Die Salome bekam ,Spielfimcharakter‘. Ein Film, der die menschlichen Abgründe dokumentiert. Der Handlungsbogen mündet im Amoklauf der Salome. Die Schnelligkeit der Reaktionen ist zwar sehr gut in die heutige Schnelllebigkeit zu transportieren, ich empfand es dadurch allerdings zum Ende hin absurd.
Die Musik hatte etwas von kraftvoller Filmmusik und untermalte dadurch die Handlung.
Durch die Inszenierung ist es ein Stück am Puls derZeit – ich empfand diese Oper als gelungene Gesellschaftskritik, sehr bildhaft arbeitend.
Freunden und Bekannten habe ich die ,Salome‘ empfohlen, um aufzuzeigen, dass Oper ganz anders aussehen kann.

 

 

 

Romeo Bay über “Salome” am 08. November 2009 im Opernhaus Düsseldorf

Zunächst hat mich das kleine Bühnenbild überrascht, wobei es sich im Laufe der Aufführung wiederum selbst erklärt hat. Die Notwendigkeit den Raum so begrenzt zu halten, zeigte sich schnell, als es um die Geschichte und die Beziehung der einzelnen Protagonisten ging. Diese hätten sich auf einer großen Bühne möglicherweise verloren. Dennoch fand ich das moderne Bühnenbild, wie auch die Kleidung der Darsteller, also den visuellen Sprung in die heutige Zeit, sehr verwirrend. Wenn in den Texten von einem Propheten, von König Herodes etc. die Rede ist, dann stellt sich schon die Frage nach dem Zusammenhang.
Obwohl die Musik von Richard Strauss sehr gelobt wird, muss ich eingestehen, dass das Geschehen auf der Bühne diese aus meiner Sicht etwas überlagert hat. Auch wenn sie an vielen Stellen sehr laut war.
Nun zum Geschehen: Leider sind mir manche Phasen der Erzählung zunächst verschlüsselt geblieben. So konnte ich erst in der nachträglichen Diskussion erfahren, dass der Tanz der Salome eher eine schmerzhafte Retrospektive ihres bisherigen Lebens sein sollte. Das wiederum kollidierte aus meiner Sicht mit dem Verhalten des Herodes, der in lustvoller Erwartung eines sinnlichen Tanzes, diese Szene mit der Kamera aufnahm. Warum sollte er aber das Spiel so genießen, wenn ihm im gleichen Zuge seine eigene, beschämende Vergangenheit vor Augen geführt wird?
Gesanglich haben mir die Darsteller gut gefallen. Insbesondere Markus Marquardt hat mit seiner Stimme schon sehr bewegt. Das ist ohnehin erstaunlich an der Oper. Sind erzählerische Inhalte überhaupt von Bedeutung? Oder ist es am Ende doch nur das Schwelgen des Zuhörers in der Musik, dem Gesang und im Ausdruck der Darsteller?
Amüsant fand ich zuletzt das Gemetzel auf der Bühne. Und noch unterhaltsamer fand ich die Reaktionen, die diese Darbietung daraufhin provozierte. Es ist schon erstaunlich, wie leicht die Gemüter doch zu erregen sind.
Grotesk finde ich jedoch, wenn in eine solche Inszenierung sämtliche gesellschaftskritischen Themen der Gegenwart hineininterpretiert werden. Ich denke, da wird eine solche Aufführung leicht überschätzt. Dennoch war das alles in allem ein gelungener Abend. Bin gespannt was als nächstes kommt.

 

 

 

Sissi Sachtleben über “Salome” am 08. November 2009 im Opernhaus Düsseldorf

Diese ,Salome‘ war konsequent entstaubt und von exotischem Mief befreit. Es gab keine Palmen, keine Mondnacht, keine Römer, Juden, Nazarener. Keine Wallgewänder und keine Sandalenträger.
In dem kleinen Bühnen-Wohnzimmer mutiert das saubere Familienidyll zum finsteren Seelendrama à la Shakespeare. Dieses ist ein Zwinger, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt. Salome lebt im goldenen Käfig als endpubertierender Teenager. Die Luxussucht und die Herzenskälte ihrer Mutter, die Geilheit des Stiefvaters, die lüsterne Rohheit der Bodyguards, die zarten Annäherungsversuche Naraboths kochen in ihr. Ihre Gefühle sind aufgestaut und kommen zur Explosion.
Erschreckend aktuell ist diese Inszenierung, wenn man an die häufigen Amokläufe Jugendlicher in der letzten Zeit denkt.
Der Schleiertanz mit der traumhaften Musik von Strauß war leider keiner – stattdessen stellte er das Treiben des Familkenclans bloß. ,Es sind noch nicht genug Tote‘: der fatale Satz Salomes endet in gnadenloser Konsequenz. Salome rächt ihre verkorkste Kindheit mit dem Tod aller Protagonisten.
Diese Inszenierung ist ein Muss für alle Strauss- Fans mit Mut, sich von traditionellen Sichtweisen zu lösen. Das furchtbare Gemetzel am Ende der Oper hat mich emotional sehr angegriffen. Ich brauchte einige Zeit, mich in der Gegenwart wiederzufinden.

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