Ballett am Rhein – b.05

Eckart Pressler über b. 05 am 21. Januar 2011 im Theater Duisburg

Es ist die Ferne und Abstraktion, die ganz andere Welt, die mich an diesem Ballettabend besonders berührt mit vorher nie Gesehenem: tänzerisch in den Raum gezeichnete Musik, Stimmungen bewegend  sichtbar gemacht, Anstrengung und Schwere aufgehoben. Alles in faszinierendem Kontrast zu den alltäglichen Bildern und Formen der Kommunikation. Das Publikum ist offensichtlich völlig gebannt. Wo ich als unbedarft-staunender Bewunderer spontan gerne geklatscht hätte, regt sich keine Hand zum Applaus. Aber ich empfinde auch viel Zwiespältigkeit ob des ungeheuren Maßes an Blut, Schweiß, Tränen und Verzicht auf Leben (?), das für solche tänzerischen Leistungen aufgebracht werden muss. Wohin geht das Lebensnahe, Spontane, Erotische in den Linien und Bahnen der idealisierten Menschen? An manchen Stellen der Choreographie geht mir angesichts schier außerirdischer Körperkunst die Abgrenzung zu Freakshow und Voyeurismus verloren.

Nicht verwunderlich daher, dass nicht immer Emotionen bei mir angeregt werden: das Ballett ‚3‘ nach der Pause lässt mich völlig kalt, der Tanz bleibt für mich rein akademisch inspirationslos.

Ganz anders dagegen und richtig mitreißend die romantischen ‚Pezzi und Tänze‘ und das Solo von Marlúcia do Amaral zu Ligeti. Mich berührte dieser Abend am stärksten mit dem neuen Stück ‚Irreversibel‘: das sichtbar gemachte Trauma von Gefangenheit löst sich auf in einer Feier der Freiheit, die schließlich untergeht in erstarrtem Individualismus.
Boah ey! Hartes Brot – gekonnt serviert. Da habe ich noch lange dran zu knabbern.

 

 

 

Marianne Lürzel über b. 05 am 21. Januar 2011 im Theater Duisburg

Pezzi und Tänze‘, das erste Stück, choreographiert von Martin Schläpfer beginnt mit Saxophonmusik. Auf einer leeren, dunklen Bühne – nur der Bühnenboden zeigt ein kühles Stahlblau – bringen die Tänzer ihre Körper in immer neue, spannende Positionen. Keine Handlung – es werden Gefühle getanzt. Später, bei den Tänzen, hier mit gefälliger Walzermusik, begeistern mich Yuko Kato und Jörg Weinöhl mit ihrer Gewandtheit, Geschmeidigkeit und Sicherheit in Technik und Ausdruck.

Die zweite Choreographie ist von Teresa Rotemberg und hat den Titel ‚Irreversibel‘. Auf der Bühne ein Regalsystem mit unterschiedlichen Parzellen, gefüllt mit Menschen, die ihre Positionen verändern und so ständig neue Bilder erschaffen. Jedes Bild ist ein Kunstwerk für sich, das ich fotografisch festhalten möchte, um es in Ruhe noch einmal auf mich wirken lassen zu können. Später wird das Regal verlassen, die Gruppe formiert sich, geht wieder auseinander, kleine Gruppen entstehen und der Eindruck von Orientierungslosigkeit und Verlorenheit entsteht. Der visuelle Eindruck ist so stark, dass ich mich an die Musik nicht mehr erinnern kann.

Nach der Pause wieder eine Choreographie von Martin Schläpfer: ‚3‘. Im hinteren Teil der Bühne sitzt ein Musiker, Paul Pavey, mit seinem Cello in einer Nische. Dazu kommen elektronische ‚Geräusche‘. War da eine Säge dabei? Jedenfalls passt die Musik, die Paul Pavey auch mit seiner Stimme begleitet, hervorragend zu ständig wechselnden, spannenden Formationen und man staunt immer wieder, wie veränderbar Körper und Positionen sind. Mir hat dieser Ballettabend gefallen, aber er verlangt Konzentration und Ausdauer. Man wird belohnt mit vielen Bildern, die mich auch am nächsten Tag noch beschäftigten.

 

 

 

Barabra Schulte über b. 05 am 21, Januar 2011 im Theater Duisburg

Frei von Vorwissen und Balletterfahrung besuchte ich b.05 zusammen mit einer tanzbegeisterten Freundin. Ich wusste nicht, was mich erwarten würde und war mal wieder voller Vorurteile: ich hatte nur Tutu und Schwanensee im Kopf. Und ein weiteres Mal wurde ich überrascht, berührt und überwältigt. Ich war erstaunt darüber, was alles durch Tanz und Bewegung ausgedrückt werden kann.

Obwohl ja keine zusammenhängende Geschichte erzählt wurde und ich die einzelnen Episoden als recht abstrakt empfunden habe, musste ich immer wieder feststellen, dass ich eine große Zahl von Gefühlslagen im Verlauf der Performances erlebt habe. Die Tänze waren absolut spannungsreich und kurzweilig, die Bewegungen waren wunderschön und oft auch einfach nur bestaunenswert. Als Neuling musste ich immer wieder scharf einatmen wenn die Tänzerinnen und Tänzer Bewegungen machten, die ich für unmöglich oder gar unmenschlich gehalten hätte. Durch die enormen physischen Leistungen, die wunderschönen Körperbilder und die so sensibel betanzte Musik, werden Bewegungen zu einer unheimlich komplexen und großartigen Kunstform.

Was mir an diesem Abend besonders auffiel, war, dass meine eigene Stimmung unheimlich von der Stimmung im Publikum beeinflusst wurde. Von meiner Freundin wurde ich mitgerissen – sie war, ebenso wie ich – gebannt von dem Geschehen auf der Bühne. Von meiner anderen Seite hörte ich es gähnen und schnaufen – hier konnte jemand wohl sehr wenig Begeisterung für die Choreographien aufbringen. Dieser verbal geäußerte Missmut hat mich unheimlich gestört. Ich glaube, dass die Sinne im Theater, in der Oper und auch im Ballett sehr scharf sind. Man sitzt im Dunkeln und lässt sich im besten Fall auf die Darbietung und die Atmosphäre ein. Wenn dann jemand von außen ständig seinen Unmut ausdrückt, macht das einerseits mein Erlebnis kaputt und andererseits gibt derjenige sich selbst nicht die Chance, in das Stück oder die Stimmung einzutauchen. Einen Gähner und Schnaufer neben sich sitzen zu haben ist also nicht die beste Ausgangssituation und doch habe ich es geschafft, mich nicht zu sehr ablenken zu lassen. Der Abend war wunderbar und ich werde die tollen Bilder noch lange im Kopf in mir
tragen und davon erzählen.

 

 

 

Kai Gottlob über b. 05 am 21. Januar 2011 im Theater Duisburg

Ich habe viel gelernt an diesem Abend. Zugegeben, ich war auch besonders aufnahmefähig, denn ich hatte längere Zeit kein modernes Ballett mehr gesehen. So konnte mich sehr schnell die ganz eigene Sprache dieser Kunst gefangen nehmen.

Das Programm präsentierte drei Choreographien von Ballettdirektor Martin Schläpfer sowie das Stück ‚Irreversibel‘ der aus Argentinien stammenden Teresa Rotemberg. Die kluge Auswahl von vier einzelnen, jeweils für sich stehenden Stücken verdeutlichte dem Zuschauer perfekt die künstlerische Eigenständigkeit und den Facettenreichtum des zeitgenössischen Tanzes. Während das erste Stück ‚Pezzi und Tänze‘ mit seiner rauen Schönheit der Bewegung berührte, überraschte ‚Irreversibel‘ zudem mit seinem Bühnenbild. Man fühlte sich an ein Columbario, eine Begräbnisstätte, erinnert, in dem die Tänzer im ständig wechselnden Licht den Zuschauer mit neuen Positionen visuell verblüfften, bevor sie aus ihrem Gefängnis befreit wurden. ‚Ramifications‘ ein Solostück, getanzt von Marlúcia do Amaral, erinnerte in der Darstellung eines Lebenskreises mittels Verweisen und Zitaten an das klassische Ballett. ‚3‘ bot die ein Ensemble adelnde Perfektion der Choreographie in die wunderbar die von Paul Pavey live eingespielte Musik floss.

Summa summarum: Choreographie, Tanz, Bühnenbild und Lichtstimmung, eine beeindruckende Leistung einer großartigen Compagnie – unbedingt hingehen und anschauen!

 

 

 

Özlem Yalinci über b. 05 am 21. Januar 2011 im Theater Duisburg

Die Premiere der Ballettaufführung b.05 war erst mein zweiter Besuch einer Ballettveranstaltung überhaupt. Bei meinem ersten Besuch vor einigen Jahren sah ich eine klassische Vorführung. Im Gegensatz dazu erlebte ich bei dieser Premiere nun ein modernes Stück. Ich benötigte eine Weile, um mich auf die moderne Darstellung einzulassen, aber nachdem mir dies gelang, genoss ich dann einfach die Vorführung. Am Anfang hatte ich ein eindrucksvolleres Bühnenbild und einprägsamere Kostüme erwartet. Diese Elemente wurden eher zurückhaltend eingesetzt und der Fokus lag insbesondere auf dem Ausdruck und der künstlerischen Leistung der Tänzerinnen und Tänzer. Insgesamt war für mich diese Premiere ein ungewohntes, aber auch ein großartiges Erlebnis.

Die Tänzerinnen und Tänzer tanzten wunderbar. Mich als Laien beeindruckten vor allem die Möglichkeiten des menschlichen Körpers. Die Tänze und Bewegungen wirkten sehr ästhetisch und kunstvoll zugleich. Ich persönlich mochte vor allem die erste und die letzte Choreographie besonders. Bei der ersten Choreographie gefiel mir von den schlichten Kostümen bis hin zu den Tanzbewegungen alles ganz gut. Der Partnertanz sah dabei ganz besonders schön aus. Bei der letzten Choreographie gefielen mir das Bühnenbild und die vielen verschiedenen Tänzerinnen und Tänzer, die immer wieder neue Elemente in ihre Tänze einbrachten. Die zweite Choreographie war stark und überwältigend, aber auch beklemmend und düster, so empfand ich es zumindest. Die dritte Choreographie irritierte mich anfangs sehr, da sich die Solotänzerin wenig bewegte, aber sobald sie begann, bewunderte ich beeindruckt ihren schnellen und grandiosen Tanz. Ich würde diese Ballettvorführung empfehlen, aber ich würde Interessierte darauf hinweisen, dass sie ein gewisses Maß an Interesse am Tanz mitbringen sollten.
Ich würde ebenfalls darauf hinweisen, das Interessierte offen für ein modernes Stück sein müssten, dann könnte ich ohne Bedenken dieses ästhetische und beeindruckende Stück weiterempfehlen.

 

 

 

Gil Shacher über b. 05 am 21. Januar 2011 im Theater Duisburg

In einer Stadt wie Duisburg, die kulturell nicht sehr viel zu bieten hat im Vergleich zu Großstädten wie Berlin oder München, ist das Niveau der Veranstaltungen im Stadttheater immer wieder überraschend hoch. Auch die Premiere der Tanzveranstaltung ‚b.05‘ hat gezeigt, dass es auch hier Aufführungen gibt, die sich durch ihre einzigartig künstlerische Qualität auszeichnen, nicht zuletzt dank eines brillanten Tanzensembles.

Vier Stücke wurden aufgeführt: drei von Martin Schläpfer und ein neues Stück von Teresa Rotemberg. Schläpfers erstes Stück ‚Pezzi und Tänze‘ basiert auf Kompositionen von Scelsi und auf Tänzen von Schubert. Hierbei wurde deutlich, dass Schläpfer sich eng an die Musik hält, wobei bei dem Teil von Scelsi die Beziehung zwischen Musik und Tanz abstrakter ist als bei Schubert. Die Gefahr einer zu illustrativen oder narrativen Nähe zu Schubert löst Schläpfer durch den Einsatz von Ironie, Humor und einer Nonchalance, die seine Eigenständigkeit unterstreichen. In manchen Momenten wird das Publikum zum Lachen gebracht, was nicht immer selbstverständlich ist für eine Tanzveranstaltung. Dieses Lachen wird angeregt durch ironische Bezüge zum klassischen Ballett und durch den Bruch dieser traditionellen Tanzsprache. Auf diesem Weg erfindet Schläpfer eine interessante Sprache voller unerwarteter Bewegungen und Gesten. Im Vergleich dazu ist Schläpfers Tanzstück ‚Ramifications‘, benannt nach dem gleichnamigen Musikstück von Ligeti, eng an die Musik angelehnt, in einer Weise, die zu illustrativ und überladen bis zum Pathos ist. ‚3‘, das komplexeste Stück Schläpfers an diesem Abend, enthält Live-Musik und ein Bühnenbild, das eine Art Arena baut, wo die tänzerischen Ereignisse stattfinden. Es entsteht dadurch ein vielschichtiges Spiel zwischen Musik, Licht, Kulisse und Bewegung. Teresa Rotembergs ‚Irreversibel‘ ist eine Explosion von choreographischen und visuellen Ideen. Die Verwendung eines riesigen Setzkastens, in dem die Tänzer gefangen sind, erzeugt Alptraummomente. Hinzu kommt das sehr phantasievolle Spiel mit dem Licht und der Musik von Cage sowie Henck, die diese Stimmung noch verstärken. Doch darf das Stück nicht zu eng symbolisch interpretiert werden, um unser Erlebnis nicht zu begrenzen.

 

 

 

Dr. Joachim Ludwig über b. 05 am 21. Janaur 2011 am Theater Duisburg

Vielen Dank für den sehr anregenden Abend. b.05 zeigt in seinen vier Teilen wie das moderne Ballett, Musik in immer neuen Bewegungsabläufen interpretiert. Begnadete Körper mit einer faszinierenden Beweglichkeit machen dies möglich. Der musikalische Bogen reicht von 15 Walzern nach Originaltänzen von Franz Schubert und das Saxophonsolo ‚Tre Pezzi – Drei Stücke‘(1956) von Giacinto Scelsi über ‚Ramifications- Verästelungen‘ für Streichorchester von György Ligeti bis zur Musik unserer Zeit vom englischen Komponisten Paul Pavey. Dieser führte im Stück ‚3‘ seine zeitweise hypnotische Musik mit Cello, Gesang und Electronics auf der Bühne selbst auf. Neben diesen drei Choreographien des zu Recht gefeierten Ballettdirektors Martin Schläpfer, konnte das neue Stück ‚Irreversibel‘ der argentinischen Choreographin Teresa Rotemberg besonders optisch begeistern. Aus einem beleuchteten engen Setzkasten können die Tänzer nach vielen maschinenartig wiederkehrenden Bewegungen – an den Stummfilm ‚Metropolis‘ (Fritz Lang) erinnernd – entkommen. Die in Freiheit unumkehrbare Gruppen- und Paarbildung wird durch die Musik für präpariertes Klavier und die ‚Festeburger Fantasien‘ von John Cage und Herbert Henck effektvoll untermalt. Ein begeisternder Abend voller bleibender Eindrücke.

 

 

 

Katja Pivit über b. 05 am 21. Januar 2011 im Theater Duisburg

Guten Abend verehrte Damen und Herren! Wir dürfen Sie begrüßen an Bord des Space- Shuttle zum Planeten b.05. Wir hoffen, dass bei Ihnen ‚Pezzi und Tänze‘ und viele kleine Abzweigungen, oder ‚Ramifications‘ auf dem Planeten b.05, bleibende, ‚irreversible‘ Eindrücke hinterlassen, die Sie in Ihrer Welt bereichern und inspirieren.

‘ So ungefähr hätte die Ankündigung der Ballettaufführung am Freitagabend in Duisburg lauten können. Ich fühlte mich zu einer völlig anderen Welt transportiert. Die Menschen dort sprechen nur mit dem Körper, ohne dass eine Atmosphäre der Körperlichkeit entsteht. Und die Verständigung dieser Bewohner des b.05 ist zwar zwischenmenschlich, aber ohne Verbindlichkeit, und scheinbar ohne Grenze die eingehalten oder überschritten werden können. Lichtspiele, Klänge, Räume und deren scheinbar zusammenhanglose Abfolge geben der intensiven Körpersprache einen bizarren, zum Teil surrealen, zum Teil futuristischen Rahmen. Es ließen sich Gefühle wie Leid, Trauer, Liebe und Freude wahrnehmen, aber eher losgelöst, ohne erkennbare Ursache, ohne Adressat.

Ich empfand mich nicht als verbunden mit der künstlerischen Darstellung sondern eher getrennt aber dennoch nicht verloren. Ein seltsames aber nicht unbekanntes Gefühl. Ja, es erinnerte mich an das Gefühl, das entsteht wenn ich in der Cyberwelt navigiere, nachdem ich meinen WLAN USB Stick 2.0 in meinem Computer aktiviert habe. Surreale Räume, Lichtspiele und zeitweise sogar Klänge begegnen mir auf dem Weg mit vielen ‚Ramifications‘ und schaffen auch den Rahmen für zwischenmenschliche Begegnungen und Verständigungen, die aber auch hier ohne wirkliche Verbindung bleiben.

Der Planet b.05 ist gar nicht so weit weg und so fremd wie er mir zu Beginn erschien. Er ist sogar ein Spiegel für die Entwicklung unserer Zeit. Irgendwann klopfte es an meiner inneren Tür. Es war mein Bedürfnis nach Harmonie und Ästhetik, etwas dessen Erfüllung entsprechend der hiesigen Norm, die Vorführung nicht zu dienen beabsichtigte, aber dennoch zum Ende der Vorführung, um den Kreis für die Reisenden zu schließen, integrierte. Es war das letzte Bühnenbild, in dem ich zur Inspiration auch Harmonie empfand. Es war wunderschön. Hinzu kamen die sehr schönen Kostüme zum letzten Bühnenbild, die man in meiner Welt ‚Monokini‘ nennen würde. Sehr schick!

Zu guter letzt ist es mir ein Bedürfnis meine tief empfundene Demut für die Disziplin und die künstlerischen Fähigkeiten aller beteiligten Künstler, auf allen Ebenen, mitzuteilen.

 

 

 

Dr. Vera Krone über b. 05 am 21. Januar 2011 im Theater Duisburg

Wenn man sich so wie ich bisher noch nicht mit modernem Ballett beschäftigt hat, geht man an eine Aufführung wie b.05 mit einer gewissen Skepsis heran. Was erwartet mich? Es erwarten einen sehr viele Eindrücke, viel Neues, viel Faszinierendes.
Im ersten Teil, Martin Schläpfers ‚Pezzi und Tänze‘, beeindruckt mich der Pas de deux von Yuko Kato und Jörg Weinöhl. Die beiden vermitteln durch ihre unglaubliche tänzerische Darbietung, aber auch durch ihre Mimik starke Gefühle. Der Tanz zu Schuberts Walzern macht einen zum Teil traurig, dann aber muss man wieder lachen – den beiden hätte ich gerne auch noch länger zugeschaut!

Es folgt ‚Irreversibel‘ von Teresa Rotemberg. Tänzer eingesperrt in kleine, übereinander und nebeneinander gestapelte Fächer, in denen sie nur eine sehr begrenzte Möglichkeit der Bewegung haben. Sie bewegen sich, scheinen nichts von den Wesen in den Nachbarfächern zu wissen. Fangen dann an, an der Wand zu horchen, zu klopfen. Mal werden alle Fächer beleuchtet, dann wieder nur einige; es gibt Momente, in denen alles schwarz ist, und sich die Tänzer in neue Positionen begeben, bevor man sie wieder sieht. Das Ganze ergibt ein tolles Bild, das einen gefangen nimmt. Der dritte und vorletzte Teil, ‚Ramifications‘, baut eine sehr große Spannung dadurch auf, dass die Solotänzerin sehr langsam bei absoluter Stille über die Bühne schreitet. Dann setzt die Musik ein, der Tanz wird schneller. An diesem Abend sehe ich Bewegungen, Tanzelemente, die ich vorher noch nicht gesehen habe. Die Hände der Tänzerin erinnern mich manchmal an die schnell schlagenden Flügel eines Kolibris.

Der Abend schließt mit Martin Schläpfers Choreographie ‚3‘. Ein Cellist spielt, zum Teil werden elektronische Musik und Gesang eingespielt. Dieser letzte Teil ist sehr intensiv, nichts zum Entspannen. Mir hat dieser Abend besser gefallen, als ich es vorher gedacht hätte, sicherlich viel besser, als es klassisches Ballett mit Spitzentanz und Tutu getan hätte. Es lohnt sich, die Skepsis über Bord zu werfen und sich einfach darauf einzulassen.

 

 

 

Uschi Dommen über b. 05 am 21. Janaur 2011 im Theater Duisburg

Martin Schläpfer, der Zauberer, entführt aus dem Alltag, zieht mit seinem Ensemble magisch in seinen Bann, weckt Staunen und Freude, verführt mit ästhetischer Schönheit, verwebt Neues mit Altem, Bekanntes mit Unbekanntem, Schweres mit Leichtem. Spiegelt mit einem riesigen Spannungsbogen und seinen starken Kontrasten das reale Leben und zwingt auch das Publikum zu höchster Konzentration. Diese unglaubliche und großartige Leistung wird möglich mit einem tänzerisch auf höchstem Niveau agierenden Ballettensemble. Bewundernswert in ihrer Körperbeherrschung, von höchster Musikalität, mit einer ungeheuren
Bühnenpräsenz. Manchmal glaubte man gar, nicht die Musik erzeugt die Bewegung, sondern die Bewegung erzeugt den Ton.

Bei ‚Pezzi und Tänze‘ ist die Bühne schwarz, volle Konzentration auf die Akteure, zuerst das Solo-Saxophon, dann die Schubertschen Walzer. Jede Note wird in erstaunliche, teils fremdartige Bewegungen umgesetzt, mit außergewöhnlichen Figuren. Ganz leicht, manchmal gar witzig in Szene gesetzt. Die kurzen Höschen der Damen nett, ansonsten unspektakulär. Die knielangen Herrenturnhosen ein Fehlgriff, diesem Abend nicht angemessen.

In ‚Irreversibel‘ wird ein riesiger Setzkasten sichtbar, eine Käfigsituation. Ein gewaltiges Bild, ein großartiger Einfall! Zu jeder Note, eine symbiotische Bewegung. Viele Bilder gleichzeitig, mal wenige Kästen angestrahlt, dann alle 20 beleuchtet. Filmgleich, viele Sequenzen parallel. Dann die Befreiung aus den Käfigen. 20 Tänzer, die scheinbar wirr tanzen und doch eine absolute Einheit mit der Musik bilden. Die Kostüme fast unsichtbar, hautcremebeige, farblich eine Harmonie bildend, etwas Rot an Ausschnitt, Arm oder Bein. Der farbige Tänzer wunderbar in schokoladenbraun. ‚Ramifications‘ – das Bild, schwierig. Nur ein Mensch auf der Bühne, Marlúcia do Amaral, zunächst sogar ohne Musik. Winzig, schön anzusehen in ihrem goldenen Kleid. Sie füllt die ganze große Bühne mitihrer Präsenz aus. Ihre absolute Konzentration und Körperbeherrschung, ihre Bewegungen von allerhöchstemSchwierigkeitsgrad, dennoch scheinbar leicht und beglückend. Chapeau!

Nach der Pause ein Spiegel, ein riesiges Blumenstillleben, große Farbflächen, der Komponist und Cellist, Paul Pavey, integriert ins Bühnenbild bei dem Stück ‚3‘. Außergewöhnlich! Die Musik sphärisch, fremdartig. Die Umsetzung der Töne in Bewegung, wie in allen Bildern, großartig gelungen. Die Kostüme gekreuzt, geschnürt, futuristisch anmutend, einfallsreich, ausgefallen. Einmalig! Eine ‚Praline‘ war angekündigt, eine ganze Schachtel haben wir bekommen.

 

 

 

Kitty Görner b. 05 am 21. Januar 2011 im Theater Duisburg

Mein allererstes Balletterlebnis, b.05, hat mich nur wenig berührt. Die Leistung der Compagnie, ihr Einsatz und ihre Freude hat mir sehr gefallen, jedoch hatte ich das Gefühl, es gäbe eine Geschichte, eine Aussage, die ich verstehen sollte. Außerdem war für mich die Musik in ‚Irreversibel‘ schon schwere Kost, und noch mehr in ‚Ramifications‘, wo sie schon geradezu amorphen Charakter hat. Diese beiden Faktoren haben verhindert, dass ich Ästhetik und Harmonie der Bewegungen einfach genießen konnte.

Zurücklehnen und Genießen war für mich nicht möglich. Eine einzige Szene hat mich wirklich angesprochen und mit Freude und Spannung erfüllt: der Anfang von ‚Irreversibel‘, in der die Tänzer in unterschiedlich großen Fächern eines Schrankes sitzen, liegen, stehen, sich mal bewegen, dann innehalten, man manche sieht, dann wieder nicht, dann wird der Schrank auf den ‚Rücken‘ gelegt und die Menschen tanzen daraus hervor und verschwinden wieder darin. Dadurch entsteht eine eigentümliche, eigenwillige, ansprechende Choreographie. Dieses visuelle Motiv hätte für mich durchaus noch weiter erforscht, weitergesponnen werden können. Inhaltlich hat mich die Aufführung jedoch ratlos zurückgelassen.

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