Ballett am Rhein – b.06

Romeo Bay über b.06 am 3. Dezember 2010 im Opernhaus Düsseldorf

Und wieder einmal Ballett – dachte ich. Sicher, das war schon interessant, was ich in der Vergangenheit gesehen hatte. Es ließ mich aber teilweise auch in eine schlafähnliche Vordämmerung gleiten. So schien es zunächst auch heute. Das erste Stück ‚The Four Temperaments‘ war sicherlich gut getanzt. Das Thema erschien mir jedoch ein wenig eindimensional. Viele Figuren, mal links, mal rechts über die Bühne schwebend, die eine Formation löste die andere ab – fast alles war irgendwie vorhersehbar. Zeitweise hatte ich das Gefühl in einer Warteschleife zu verharren. Ungerecht? Martin Schläpfer. Stimmt, die Kritiken sprachen wieder einmal einhellig für ihn. Das Forellenquintett überzeugte dann auch als Gesamtkunstwerk. Hatte mich als Kind bei der Augsburger Puppenkiste die wehende Kunststoffplane als Symbol für das Meer schon fasziniert, so ist das Bühnenbild von Keso Dekker die Version für Fortgeschrittene. Der wirklich gekonnte Einsatz sehr reduzierter Mittel zur Darstellung einer geheimnisvollen Unterwasserwelt begeisterte mich sofort. Ich bin bei Schläpfer immer überrascht, wie er mit seinen Inszenierungen den gesamten Bühnenraum beherrscht. Ich schaue nicht nur den Tänzern begeistert zu, ich spüre auch den Raum zwischen den Tänzern. Selbst ein paar Gummistiefel, am Bühnenrand platziert (urkomisch wie ich finde), markieren einen wichtigen Bezugspunkt, an dem das Geschehen wie an Fäden geführt seinen Lauf nimmt. Mir ist das Rezept seiner Inszenierungen definitiv nicht klar. Es ist wie bei einem Magier, dessen Künste ich gar nicht durchschauen will. Ich will sie einfach nur genießen. Das Stück „Aluminium“ hat mich an diesem Abend am stärksten in den Bann gezogen. Hoch energetisch, zu jeder Sekunde von äußerster Präsenz, beherrschte die Aufführung den Raum. Ich habe das Orchester bewundert, das hochkonzentriert die minimalistische Musik von John Adams spielte. Den Spannungsbogen über eine so lange Zeit nicht abreißen zu lassen – eine bemerkenswerte Leistung.

Mir ist an diesem Abend aber noch etwas anderes bewusst geworden. Erscheint mir die Oper schon fast wie ein elementarer Grundbaukasten des künstlerischen Ausdrucks, so steht das Ballett diesem Eindruck in nichts nach. Die Tänzer wirken wie Wesen aus einer anderen Welt. Wie atomare Teilchen, hochenergetisch, explosiv, jagen sie in genau definierten Bahnen durch den künstlerischen Orbit. Das klassische Rollenverständnis ist schlichtweg aufgehoben. Tänzer und Tänzerinnen sind von gleichem Rang, von gleicher Stärke. Alles ist dem reinen, unverstellten Ausdruck geschuldet. Das ist keine Tapete. Das ist das Fundament.

 

 

 

Heike Billhardt über b.06 am 3. Dezember 2010 im Opernhaus Düsseldorf

Eine neue Uraufführung steht an: das ‚Forellenquintett‘ von Martin Schläpfer. Darauf freue ich mich natürlich besonders.
Aber zunächst: Balanchine – der Großmeister, der, so empfinde ich es, an der Schwelle steht zwischen Klassik und Moderne. Der immer wieder überrascht mit kleinen, ironisch gebrochenen Bewegungen, die machen, dass das Gewohnte ungewohnt aussieht. Seine ‚Four Temperaments‘ führen uns virtuos durch das, was ‚Menschsein‘ heißt und bereiten den Zuschauer vor, auf das, was kommt. Das Ganze extrem puristisch, sowohl was Kostüme als auch Bühne angeht, reduziert auf den Kern der Charaktere.

Wie heiter dieses neue Schläpfer Ballett ‚Forellenquintett‘ daher kommt! Schillernde Forellen schwirren durch das Wasser, pure Eleganz, Lebensfreude, ‚Einssein‘ mit dem Element. Dann der Auftritt des Anglers, köstlich eingeführt durch riesige goldene Gummistiefel, die von oben in den Bühnenraum ragen. Als Kind konnte ich das Forellenlied auswendig, habe es sehr gemocht, aber immer mit der Forelle am Ende mitgelitten. Damals verstand ich noch nicht, das es eigentlich um die Anziehungskraft zwischen Mann und Frau geht, die Schläpfer herrlich und mit Witz choreographiert. Im Begleitheft wurde die Analogie zum ‚Sommernachtstraum‘ hergestellt, das trifft den Charakter dieses wunderschönen Balletts ziemlich genau.
Das Bühnenbild entführt uns in dieses Flirren, das keinesfalls einfach nur ‚Wasser‘ ist, sondern eher ein Raum, in dem Schwerelosigkeit herrscht, alles möglich scheint, im Guten wie im Bösen. Dazu die farbigen enganliegenden Kostüme, ich sag es einfach mal ganz schlicht: eine Augenweide!

Bei Mats Eks Ballett ‚Aluminium‘ geht es hart zur Sache. Eine Frau tanzt gegen ihr Beziehungsgefängnis an, ihr Mann kommt dazu. Sehnsucht nach Versöhnung, nach den alten Zeiten, aber es geht nicht mehr. Der Küchentisch, die Lampe, Gegenstände, die sicher mal für Geborgenheit gestanden haben, sind nun hart, kalt, werden zum Ausdrucksmittel für Aggression. Das ist harter Stoff nach rund zwei Stunden Ballett und ich merke, dass meine Konzentration nachlässt. Was sehr schade ist, denn dieses fordernde Stück mit hypnotischer Minimal Music hätte eine intensivere Wahrnehmung verdient. Muss ich wohl ein zweites Mal in b.06 gehen – eine gute Idee!

 

 

Katharina Micha über b.06 am 3. Dezember 2010 im Opernhaus Düsseldorf

Das Verbindende an den drei sehr unterschiedlichen Balletten war für mich die Frage ‚Was ist das Moderne im Ballett?‘. Die Vielfalt, die dem Publikum tänzerisch wie musikalisch geboten wurde, war groß. Beginnend mit ‚The Four Temperaments‘ von George Balanchine aus den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts war in seiner Schlichtheit in Bezug auf Bühnenbild, Kostüme und Ausstattung wunderschön. Das Auge und die Seele konnten sich voll und ganz auf die perfekte Tanzdarbietung konzentrieren. Nach de Pause war die Bühne wie verwandelt – wie Forellenschuppen schillernde Vorhänge und eine unauffällige Videoinstallation genügten, um uns in eine Unterwasserwelt zu entführen. Einfache Mittel mit ganz großer Wirkung! Darauf abgestimmt waren die wunderschönen Kostüme der Tänzer. Der Übermut der ‚launischen Forelle‘ muss auch auf Martin Schläpfer übergesprungen sein, denn so humorvoll war bisher noch keine seiner Choreographien: Die drohende Gefahr des Fischers, dargestellt durch riesige goldene Gummistiefel, die an der Wasseroberfläche auf den Fang warteten; der am Ufer auf- und abschreitende Angler; sein Kampf mit der gefangenen Forelle und nicht zuletzt die spannend erwartete Umsetzung des Kunstliedes – alles wunderbare Einfälle, die das Publikum auflachen ließen und mich mit Wehmut an manche Inszenierung von Pina Bausch haben denken lassen. Im Ballett darf auch gelacht werden und die Zuschauer werden sehr leichtfüßig (oder leichtflossig) in die nächste Pause entlassen.
Doch diese Beschwingtheit verfliegt, denn die dritte Inszenierung des Abends von Mats Ek bedrückt vom ersten Tanzschritt an. Erneut schafft es das Bühnenbild, mit wenigen Mitteln und noch weniger Farben eine gänzlich andere Welt entstehen zu lassen. Alles ist alluminiumfarben und grau, symmetrisch, eckig und karg: auf mich wirkte die Bühne wie ein Gefängnis und die Tänzer wie in ihren Beziehungen gefangenen. Es schmerzt, der fabelhaften Yuko Kato bei ihrer täglichen Verzweiflung zuzuschauen. Aber es stellt sich heraus, dass diese Verzweiflung gar kein Einzelschicksal ist, sondern ein Konflikt zwischen Mann und Frau – wunderbar zeitversetzt getanzt von zwei Tänzerpaaren. Beeindruckend abgestimmt ist die Choreographie auf die Minimalmusik von John Adams, bei der ich mich frage, wie ein Streichorchester sie so perfekt intonieren kann. Ich bin begeistert von diesem Ballettabend. Es macht großen Spaß, dieses Spektrum von Moderne im Ballett zu erleben und *die eigenen Vorlieben neu zu erkunden.

 

 

Nadja Thiel und Michael Cosar über b.06 am 3. Dezember 2010 im Opernhaus Düsseldorf

Wieder einmal eindrucksvoll, wie vielseitig sich das Ballett der Deutschen Oper am Rhein mit seiner jüngsten Produktion präsentiert.
b.06 ist kein Tryptichon, eher ein Trialog dreier sehr eindrucksvoller Stücke. Balanchine in seiner sehr klassisch, geometrischen Strenge, pointiert elegant, wie Tropfen, die präzise auf der gespannten Wasseroberfläche auftreffen.
Mit einem unglaublich überraschendem ‚Intro‘ zieht dann Martin Schläpfer mit seiner Choreographie des Forellenquintetts unter die Wasseroberfläche. Wie elektrische Fische in einer Disko bewegen sich die Tänzer. Kostüm und Licht reißen einen mit. Als dann das Bühnenbild die Illusion der Unterwasserwelt perfektioniert, ist man dann selbst komplett abgetaucht. Man gibt sich hin, dem Tanz der Schwärme, Fischpaare oder auch Einzelgänger, deren Charaktere ähnlich unterschiedlich derer des Menschen erscheinen. Mal sehr temporeich, mal sehr humorvoll und sehr eindrucksvoll, auch mal ganz langsam und still. Selbst die Musik verstummt in diesen Momenten. Das Forellenquintett ist ein wunderschönes Gesamtkunstwerk.
Die surreale Welt wird dann, in dem Stück von Mats Ek, mit Aluminium noch mehr ins Extrem gesteigert. Auch hier wird man als Zuschauer umgehend erst in eine kühle, fast abweisende, dann aber wiederum in eine warme Traumwelt gezogen. Wieder ist der Klang aus Tanz, Bühnenbild, Kostüm und Licht, zwar ein gänzlich anderer, ein sehr reduzierter, aber ein ebenso perfekter. Hat man einmal einen Roman des japanischen Autors Haruki Murakami gelesen, fühlt man sich sehr in einen dieser hineinversetzt.

 

 

 

Daniel Moniri über b.06 am 3. Dezember 2010 im Opernhaus Düsseldorf

Mit Spannung haben meine Begleitung und ich diesen ersten Ballettabend erwartet. Bei ‚The Four Temperaments‘ von George Balanchine habe ich genau das gesehen und gehört, was ich von professionellem Ballet erwarte. Sehr filigrane und ausdrucksstarke Choreographien, zunächst zu zweit und später mit mehreren Tänzern. Fasziniert beobachtete ich, welche enormen körperlichen Anstrengungen die hauchzarte Melodie von ihnen forderte. Bühnenbild, Kostüme und Licht sind in zurückhaltender puristischer Form hintergründig zum Ausdruck gekommen und begleiteten dezent das Spiel auf der Bühne.

Nun wurde das ‚Forellenquintett‘ aufgeführt von Martin Schläpfer. Großartig! Fabelhaft! Faszinierend! Anfangs moderne Popmusik und ein unerwartetes Tanzen, was kaum mehr an das erste Stück erinnerte. Die Darsteller bewegten sich in farbenprächtigen Ganzkörperkostümen, die wie Schuppen in leuchtenden Farben schimmerten. Ihre irreal erscheinenden Bewegungsabläufe forderten meine ganze Konzentration. In humoristischen Einlagen wurde sogar gesprochen und aus dem Gedicht ‚Die Forelle‘ zitiert. Doch erst durch das flirrende Hintergrundbühnenbild hatte man das Gefühl, in die Wasserwelt der Forelle einzutauchen. Konsequent und doch hintergründig bestimmten Gummistiefel das Geschehen. Mit und in ihnen wurde getanzt, gewandert, geschritten und sie wurden selbst auch liebkost. Eine frische, dynamische, emotional ergreifende Vorstellung.

Schließlich wurde ‚Aluminium‘ von Mats Ek aufgeführt. Anfangs nur graue Stille, viele Minuten keine Musik vom Orchester und nur eine Tänzerin, ein aluminiumfarbener Tisch und viele ineinander gestapelte Teller. Nur Sie rührte sich. Ihr Tanz vermittelte Wut, Furchtlosigkeit, Energie, Frustration. Die Musiker setzten ein. Ihr tänzerischer Kampf für ein neues Ich war deutlich spürbar. Die sich aufspannende Dramatik ergriff mich völlig. Weitere Tische und Requisiten des Alltags wie Lampen und ein Schrank füllten nach und nach den Raum. Sie wurden völlig im Sog der umherwirbelnden weiteren Tänzer eingesogen und mitgerissen. Quer über die Bühne schoben sie die Tische und nutzen sie für ihre akrobatischen Körpereinsätze. Es endete bedächtig mit einer unangenehmen, nicht aufgelösten Spannung.

Abschließend kann gesagt werden, dass diese Stücke – eben durch die gebotene Vielfalt – meine Begleitung und mich durchweg begeistert haben, weil wir mit dem zweiten und dritten Ballett sogar mehr geboten bekommen haben, als wir glaubten!

 

 

 

Caroline West über b.06 am 3. Dezember 2010 im Opernhaus Düsseldorf

Bravo for b.06! To my great fortune I’ve seen all five Martin Schläpfer performances since he arrived in Düsseldorf in 2009. I have enjoyed them all, some more than others, but recall the first, b.01, completely attacking all senses and leaving me with a very positive ‘what was that?!’ So it was with great excitement that I took my seat for the premier for b.06.
b.06 comprises of three pieces, the first being Balanchine’s ‘The Four Temperaments’ a performance from 1946. Nothing detracts from strong, athletic performances and the precision of the piece; the stage is stark and the costumes minimalist.
The evening’s highlight for me was up next. Thrown into an underwater world, colourful and almost kaleidescope- like, the set was magical. The Libertines blasted away and we were confronted by slippery figures that slithered like rubber! The costumes of these slender figures, skin tight and coloured or silvery grey were highly attractive and spot-on for showing the incredible moves of the dancers.
Then Schubert’s ‘Trout Quintet’ (Forellenquintett) took over, played by a fabulous quintet with much passionate energy. A charming, amusing story unfolded. Simply stunning. Lights and set were fabulous and could not have created a more perfect atmosphere.

When the curtain went up, the electric applause that honoured the incredible dancers sent a shiver down my spine, I was simply thrilled and privileged to be in the house and experiencing such a real and wonderful moment.
The final piece, Mats Ek’s ‘Aluminium’ was also strong but couldn’t have been more different. A tale of mediocre domestic hell. Set and costumes in cold metallic shades and the orchestra’s edgy sounds of John Adams emphasised the frustration of the protagonist’s destiny. An excellent piece, sorrowful and raging that required your full concentration. Possibly the only critique of the program – ‘Aluminium’ and ‘Trout Quintet’ would have sufficed to make for an excellent evening.
The fashion in which Schläpfer does what he wants is admirable. He is so true to himself, it oozes out in each performance we are treated to. Düsseldorf has one of the top prizes of the ballet-world right now and they know it. The audience rightly went wild  showing their adoring appreciation of the great choreographer and that of the unbelievable dancers who seem to deliver forms unimaginable to us mere mortals. The current buzz around the Ballett am Rhein is well deserved, long may it reign.

 

 

 

Claudia Uhl über b.06 am 3. Dezember 2010 im Opernhaus Düsseldorf

Mein erstes Ballett seit vielen Jahren! Obwohl ich früher selbst Ballett getanzt und auch einige gesehen habe, vor allem die – damals noch Tutu-lastigen – Klassiker wie z.B. Schwanensee. Irgendwie eine andere (vergangene) Zeit …
Auf jeden Fall war es noch keine Martin-Schläpfer- Zeit. Ich war gespannt, wie modernes Ballett auf mich wirken würde und bemerkte schon zu Beginn des Abends im Foyer eine leicht euphorische Stimmung unter den Besuchern: ‚Aah, heute ist wieder Ballett …!!‘
Das alles klang vielversprechend und was soll ich sagen: Der Abend war einfach genial und hat meine Vorstellungen und Erwartungen von Ballett nicht nur mehr als erfüllt sondern auch komplett über den Haufen geworfen. Ich werde regelrecht überrollt von der Flut von Sinneseindrücken. Ich hätte es vorher nicht für möglich gehalten, dass ich in ein Ballett und dann auch noch drei verschiedene, so emotional eintauchen könnte. Alle drei Choreographien sind vor allem eines: intensiv.
Das erste Stück beginnt noch recht schlicht, was sich allerdings schnell ändert. Balanchine besticht durch eine Geradlinigkeit und fast schon geometrische Choreographie, die aber immer wieder Brüche durch teilweise eckige und für klassisches Ballett ungewöhnliche, Bewegungen zeigt. Dennoch behält das Ganze eine konsequente optische Linie, einen eigenen Stil. Die fantastischen Tänzer interpretieren die Musik hervorragend. Das gilt übrigens für alle drei Stücke! Von Martin Schläpfers Forellenquintett bin ich dann restlos begeistert. Ich tauche ein in eine, auch durch Bühnenbild und Kostüm wunderschön gestaltete Unterwasserwelt. Es ist wirklich eine eigene, kreative Welt. Athletische Tänzer flirren und springen über die Bühne, um dann in sekundenlangen Pausen zu verharren.
Manchmal wird die Spannung in dieser Ruhe schon fast greifbar. Martin Schläpfer spielt damit und reizt es auf den Punkt genau aus, und ein bisschen darüber hinaus, um das Ganze dann wieder aufzulösen und den Zuschauer mitzunehmen und wie auf einer Welle in die nächste Emotion eintauchen zu lassen. Es kommt mir später vor wie ein schöner Traum. Aus dem Traum jäh wieder aufgewacht bin ich dann spätestens bei Mats Eks Inszenierung. Eine Art Psychodrama zwischen Mann und Frau, minimalistisch, bedrückend und doch sehr ausdrucksstark. Die Musik erscheint mir zuerst ein wenig speziell, dann regelrecht anstrengend. Und trotzdem werde ich so dermaßen in den Bann des Geschehens gezogen dass ich auch hiervon nur sagen kann: eine starke Inszenierung!

 

 

 

Dr. Michael Matzigkeit über b.06 am 3. Dezember 2010 im Opernhaus Düsseldorf

b.06 ist ein echtes Ereignis, wie ein Parforceritt durch die Balletthistorie; der ausdrückliche Schwerpunkt liegt in der Gegenwart. Und das Beste: Mit diesem Ensemble unter dem Ballettdirektor Martin Schläpfer ist alles möglich; klassischer Spitzentanz ebenso wie modernes Tanztheater.
Die erste Choreografie des Abends ‚The Four Temperaments‘ von George Balanchine aus dem Jahre 1946 fordert die Tänzer und Tänzerinnen zweifellos am meisten. Hier geht es um Genauigkeit der Einzelund Gemeinschaftsleistung auf einem außerordentlich hohen Niveau. Die Idee, die vier menschlichen Temperamentstypen gestalterisch in eine tänzerische Form umzusetzen, trägt und wird von der Musik Paul Hindemiths kongenial unterstützt. Allerdings ist die Choreografie bei aller künstlerischen Leistung nach meinem Geschmack zu sehr dem damaligen Zeitgeist und vor allem den tradierten Geschlechterrollenklischees verhaftet. Balanchines Durchformung wirkt dadurch heute doch sehr angestaubt. Interessant fände ich eine zeitgemäße Neuinterpretation der Idee.
Fast eine Einlösung meines Wunsches, die menschlichen Temperamente zeitgemäß zu deuten, geschieht im zweiten Teil des Abends in der Uraufführung von Martin Schläpfers ‚Forellenquintett‘. Tanz und Thematik sind im Hier und Jetzt. Die Akteure auf der Bühne setzen die Aufgabe mit der eigenen Tänzerpersönlichkeit, Sinn für Humor und kraftvollem bis artistischem
Ausdrucksvermögen um.
Mut gehört zweifellos für Schläpfer dazu, diese moderne Tanzauffassung mit Schuberts Musik aus dem 19. Jahrhundert zu kontrastieren. Da gibt es Längen und die Form droht gelegentlich zu zerfasern. Man kann diese Tendenz allerdings auch als Sinnbild unserer Zeit begreifen. Schläpfer war sicherlich gut beraten, diese Eigenschöpfung nicht ans Ende des Abends zu stellen. Immerhin eine schöne Einblicknahme in sein choreografisches Gestaltungsvermögen. Das Ende behält er Mats Eks Aluminium vor, dem wirklichen Höhepunkt des Abends. Hier stimmt einfach alles: Es gibt eine leitende Idee: die anhaltende Entfremdung in der postmodernen Wirklichkeit. Bühnenbild und Lichtdesign tragen nachhaltig zur Unterstützung dieses beim Zuschauer fast körperlich zu spürenden Gefühls bei. Kargheit der Gesten, zeitversetzte stereotype Wiederholungen und eine untergründig brodelnde Aggressivität finden auf ideale Weise ihre Entsprechung im tänzerischen Ausdruck aller Beteiligten. Das Publikum wird auf eine komplexe Art mit allen Sinnen und dem Verstand gefordert. Für mich die beste Tanztheaterdarbietung, die ich jemals sehen konnte. Mehr davon!

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