“Billy Budd” von Benjamin Britten

Pater Elias Füllenbach über “Billy Budd” am 23. März 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Es war ein eindrucksvoller und sehr bewegender Abend. Da ich mit dem Titel der Oper nicht viel anfangen konnte, hatte ich vorher schnell im Internet nachgesehen, worum es in der Geschichte von ‚Billy Budd‘ eigentlich geht. So wusste ich, dass mich ein ernster Abend erwartete, und ich konnte mich innerlich schon einmal darauf einstellen – ja, ich war sogar froh, angesichts der Ereignisse in Japan und Libyen keine heitere Komödie zu sehen. Eben keine ‚heile Welt‘, sondern eine kritische Schilderung der Verhältnisse auf einem Kriegsschiff. Dabei war ich überrascht, wie sehr in Brittens Oper auch religiöse Themen und Fragestellungen zur Sprache kommen: Da muss ein Unschuldiger leiden, während sich ein anderer aus der Verantwortung stiehlt, obwohl er das Unrecht durchschaut hat. Und während Billy Budd sogar mit einem Segen auf den Lippen in den Tod geht, plagen den Kapitän fortan Schuldgefühle, das Böse nicht aufgehalten zu haben. Mich haben diese Anspielungen sehr berührt, zumal ich als Seelsorger an manches Gespräch und an Menschen mit ähnlichen Erlebnissen oder Gefühlen erinnert wurde.
Gleichzeitig demonstriert die Oper sehr eindrücklich den Irrsinn des Krieges, das Warten auf den Feind und die Enttäuschung, ihn verpasst zu haben, sowie die Gewaltbereitschaft, auch gegen ‚eigene Leute‘ vorzugehen. Das grandiose Bühnenbild machte die beklemmende Enge auf einem Kriegsschiff deutlich und holte die Handlung in die Zeit Brittens und damit auch näher an unsere Gegenwart heran. Diese künstlerische Umsetzung hat mich besonders beeindruckt. Und dann die Musik: Denn Britten ist es auf wunderbare Weise gelungen, die Dramatik des Geschehenen und die innere Zerrissenheit einiger Akteure musikalisch umzusetzen. Allein dafür hat sich der Besuch schon gelohnt! Der Chor hat hervorragend gesungen, und auch die Solopartien waren ausgezeichnet besetzt. Besonders hervorheben möchte ich Lauri Vasar in der Hauptrolle und Raymond Very als Captain Vere. Außerdem habe ich mich sehr darüber gefreut, Markus Marquardt als Mr Redburn auf der Bühne zu erleben; denn ich kenne ihn noch aus der gemeinsamen Zeit im Maxchor unter der Leitung von Werner Lechte und habe die Anfänge seiner Sängerkarriere beispielsweise bei ‚Jugend musiziert‘ noch in guter Erinnerung.
Wer Oper nicht nur als vergnügliche Unterhaltung sieht, der ist hier bestens aufgehoben. Ich kann ‚Billy Budd‘ nur empfehlen!

 

 

Kai vom Hoff über “Billy Budd” am 25. März 2011 im Opnerhaus Düsseldorf

Ich muss gestehen, dass ich etwas unvorbereitet in diesen Abend eingetaucht bin. Dies würde ich bei einem solch anspruchsvollen Stück künftig eher vermeiden. Erwartet hat mich ein schweres, düsteres Opernstück, das um die Themen Treue, Tod, Opferbereitschaft, enttäuschte Liebe und Schicksalhaftigkeit kreist und für Anfänger eher nicht geeignet ist. Dennoch war es ein Hochgenuss. Kraftvolle Musik, markante Stimmen und ein fulminantes Orchester fesseln von der ersten bis zur letzten Sekunde. Wer nicht mit den Erwartungen an die Leichtigkeit der ‚Lustigen Witwe‘ kommt und die Bereitschaft mitbringt, die Unvollkommenheit des menschlichen Seins an sich heranzulassen, wird einen Abend erleben, der lange in Erinnerung bleibt.
Das Stück spielt Ende des 18. Jahrhunderts und zeigt die Tragödie von Menschen auf einem Kriegsschiff, die schicksalhaft miteinander verbunden sind. Projiziert auf die heutige Zeit sehe ich den Konflikt einer autoritär geführten Gesellschaft und den verzweifelten und zum Scheitern verurteilten Versuch, die Brutalität der Normen und Gesetze menschenverachtender Systeme zu brechen. Am Ende hatten es der Kapitän, die Offiziere und die Mannschaft in der eigenen Hand, Billy am Leben zu lassen. Sie scheiterten jedoch an der kollektiven Unfähigkeit, ihre eigenen Normen zu ändern. Dies ist sicherlich auch ein aktuelles Thema unserer Zeit.
Es fordert viel Konzentration, die durchgehend düstere Story aufzunehmen. Dies kann zu einer echten Belastung führen, wenn man rund drei Stunden konzentriert mit einer Geschichte zu tun hat, die eben das Unausweichliche, Schicksalhafte und am Ende das Todbringende zum Thema hat.
Ganz für sich eingenommen hat mich die extrem kraftvolle Musik und die enorme Leistung von Orchester, Darstellern und Chor – rund 40 Männerstimmen entfalten eine Wucht und Stärke, von der niemand unberührt bleiben kann. Stark auch die Leistung von Lauri Vasar, dem Darsteller von Billy, sowie seinem Gegenspieler Claggart, verkörpert durch Sami Luttinen. Die Musik ist alles andere als leicht, eher anspruchsvoll und mitunter dröhnend laut. Das erfordert einen persönlichen Zugang. Anders formuliert: Benjamin Britten ist eben eher etwas für trainierte, opernerfahrene Ohren oder solche, die gerne mal experimentieren. Über ‚Billy Budd‘ würde ich denjenigen berichten, von denen ich weiß, dass sie ein Faible haben für Tiefgründiges. Eine echte Tragödie mit allem, was dazugehört: Fulminante Musik, ein hochkreatives Bühnenbild, tolle Stimmen, Spannung bis zur letzten Minute – wo bekommt man das sonst?

 

 

Guido Boehler über “BillyBudd” am 25. März 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Reine Männersache? Diese Oper geht tief und ist nichts für Anfänger!

Was für eine sensationelle Inszenierung. Ein unglaublich starkes, aber auch düsteres Bühnenbild, dazu die Geschichte von Billy Budd, einem sympathischen Matrosen dessen Geschichte einen auf keinen Fall unberührt lässt. Man möchte auf die Bühne springen, und das Schicksal abwenden. Die Story ist hoch aktuell und phantastisch gesungen. Die Düsseldorfer Symphoniker spielen eindrucksvoll und bewegend, passen perfekt zur Gesamtinszenierung! Und das Besondere daran: die Oper wird ausschließlich von Männern gesungen!
Resümee: Für Kenner und Menschen die sonst nicht in die Oper gehen würden! Spannender als ein ‚Tatort‘!

 

Claudia Uhl über “Billy Budd” am 25. März 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Ich würde diese Oper jedem empfehlen. Klar, sie fordert einen schon sehr. Und ich war auch ein wenig mitgenommen. Ich hatte nach der Vorstellung das Gefühl, ich hätte einen Schnaps vertragen können. Aber es war auch ein gewaltiges, ein spannendes Opernerlebnis, mit eben gerade sehr viel Spannung und sehr viel Länge, teilweise Langsamkeit, die man erstmal aushalten muss. Dafür wird man aber auch belohnt!
Die Inszenierung finde ich einfach nur großartig. Wie die Beklemmung auf dem Schiff, das sich zuspitzende Psychodrama um die Protagonisten dargestellt werden, ist großes (Opern-)Kino. Die Beklemmung und Bedrückung dieser ausweglosen Situation empfinde ich die ganze Zeit, die Inszenierung wird vor allem im zweiten Akt noch spannender, und ich hatte selbst auch einmal das Gefühl, es fast nicht mehr aushalten zu können. Aber es ging, und es ging sogar gut, wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen. Diese Oper hat natürlich hochaktuelle Bezüge, an die ich die ganze Zeit über denken musste. Nicht nur das Thema ‚Gorch Fock‘, auch sämtliche Kriegsschauplätze dieser Welt, das gesamte Thema Männer beim Militär, Unterdrückung, Intrigen und Mobbing, es ist anscheinend leider ein zeitloses Thema. Traurig, beklemmend, ausweglos, und es spielt anscheinend ja tatsächlich zu jeder Zeit. Es fällt mir schwer, mich damit auseinanderzusetzen.

Für mich war es die erste Oper von Benjamin Britten, und somit auch der erste Kontakt mit seiner Musik. Am Anfang fand ich sie ein bisschen gewöhnungsbedürftig, sie erinnerte mich teilweise an Filmmusik, oder andersherum: ich könnte mir gut vorstellen, dass sich manche Filmmusik beziehungsweise deren Macher an Werken wie dem von Britten orientieren. Apropos Film: In einigen Momenten war es für mich mehr ‚Schauspiel‘ als ‚Oper‘ im klassischen Sinne, was ich aber absolut positiv meine, und was den tollen darstellerischen Leistungen der Künstler und dem Spannungsbogen, den der Regisseur ausreizt, zu verdanken ist. Auch gesanglich waren alle phantastisch! Im Nachhinein hat mich die Musik immer stärker fasziniert. Vor allem der Chor hat einen tollen Raum bekommen, auch die Choreographie war genial. Jeder hatte seine Rolle, die Spielfreude war allen anzusehen, die Rollen waren perfekt verteilt. Eine tolle Leistung des Regieteams, beziehungsweise von allen, die für diese Oper verantwortlich sind.

 

 

Daniel Moniri über “Billy Budd” am 25. März 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Man hat in dieser Oper Spannungsbögen und Wirkungspausen eingesetzt. Fast alle Handlungen wurden jedoch meiner Meinung nach zu weit in die Länge gezogen, was dazu führte, dass die Wirkung einzelner Szenen beim Zuschauer eher ermüdend statt fesselnd empfunden wurde. Zum Beispiel ist die Dramatik der Hinrichtung durch diese weite Ausdehnung leider verloren gegangen.
Die Darsteller haben ihren Text schauspielerisch und gesanglich gut umgesetzt, nur leider hat mich die Geschichte nicht mitreißen können. Das mag daran liegen, dass die Naivität des Billy Bud für meinen Geschmack etwas zu überzogen war. Bei der Schiffsbesatzung fiel mir auf, dass diese zum einen recht kriegslustig waren und sich nach der Schlacht gesehnt haben (so wie richtige Seemänner), zum anderen diese aber sehr weich (zu weich), emotional (zu emotional) und sensibel (zu sensibel) dargestellt wurden. In diesem Punkt der Ambivalenz hat die Handlung mich nicht überzeugt. Das sich ständig verändernde Bühnenbild, die Lichteffekte und die schauspielerischen Leistungen waren dagegen sehr gut ein- und umgesetzt.

 

 

Romea Bay über “Billy Budd” am 25. März 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Benjamin Britten hatte mich schon mit ‚Peter Grimes‘ begeistert. Das packende Drama mit der genialen, bühnenbildnerischen Interpretation der Szenerie und der einem spannenden Hitchcock-Film gleichenden Musik übertraf damals meine Erwartungen deutlich. Auch bei ‚Billy Budd‘ spielt das Meer eine große Rolle und so war ich zunächst gespannt, wie bei der heutigen Premiere das Bühnenbild wohl aussehen würde. Dann gab es aber doch eine überraschende visuelle Auslegung, die mich schon etwas irritierte. Da segelt laut Libretto ein britisches Kriegsschiff, die ‚Indomitable‘, im Jahre 1797 über die Meere und jagt einen französischen Kontrahenten. Ich denke, wir haben hier alle einen klassischen Drei- bis Fünfmaster aus Holz, schwerem Segeltuch, Takelage und gusseisernen Kanonen vor Augen.
So wird auch vom Krieg gegen die Franzosen berichtet. Und an anderer Stelle geht zum Beispiel der Ruf, den Besan (ein spezielles Segel) zu setzen. Doch wo befinden wir uns laut Bühnenbild? Im Bauch eines Panzerkreuzers aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Elektrizität, Telefon, Bomben und so weiter. England ist mit Frankreich nicht im Krieg. Was hat das zu bedeuten? ‚Das war eben Brittens Zeitalter‘ – wird mir gesagt. Hat Benjamin Britten das Stück so auf die Bühne gebracht? Seltsam. Ich glaube nicht. Ist hier der Bühnenbildner dem Versuch erlegen, einem alten verstaubten Bild zu entfliehen, dabei jedoch auf halber Strecke liegen geblieben?
All dies tut der Inszenierung aber keinen Abbruch. Die bedrückende Psychologie des Themas gelingt in jeder Phase der Aufführung. Die Sänger sind von ungeheurer Stärke, die Musik trägt sie eindringlich über die beiden Akte.
Die Idee dieser Geschichte zeichnet ein interessantes Psychogramm der Logik einer Militärmaschine – gedrillt und trainiert bis zum Siedepunkt, an die Zähne bewaffnet und zu allem bereit.
Und dann kommt sie nicht zum Schuss. Wohin nun mit der Energie, mit der Enttäuschung? Die Franzosen mit ihrem janusköpfigen Getue, die Menschen und das Leben zu lieben, um doch letztlich ihre kriegerische ‚Fratze‘ zu zeigen – so hadern die Engländer in diesem Stück. Aber da ist ja dieser junge Billy Budd. Ebenfalls ein sympathischer, fröhlicher Junge, dem der Vorwurf, eine Meuterei geplant zu haben, anhängt. Also stürzt man sich auf ihn. Ja, seine Schuld scheint zweifelhaft, aber wenigstens hier funktioniert das System und die Mechanismen des Militärs greifen endlich. Eine Anklage, ein Tribunal, ein Urteil – die Vollstreckung. Da ist die Welt der Admiräle wieder in Ordnung. Scheinbar.

 

 

Sissi Sachtleben über “Billy Budd” am 25. März 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Eine Oper ohne eine einzige Frauenstimme? Das kann doch nicht sein. Und doch – welch positive Überraschung, wenn man sich auf Entdeckungsreise begibt und sich einlässt auf die Musik von Benjamin Britten, der zweifellos einer der herrausragendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts ist (‚Billy Budd‘ wurde 1951 uraufgeführt, es ist die zweite Oper Brittens nach ‚Peter Grimes‘).
Diese Oper dauert über drei Stunden und war für mich in keiner Sekunde anstrengend oder langweilig, denn sie lebt von einem genialen Libretto, in dem auch kleine Rollen für den Fortgang der Handlung immens wichtig sind. Eben auch diese kleineren Rollen sind in Düsseldorf hervorragend besetzt. Eigentlich ist sie eine schreckliche Oper, sie zeigt körperliche Gewalt und noch viel mehr seelische Grausamkeit, stellt einen Sadismus ohnegleichen dar – wie eben Menschen sich verhalten können, die auf einem Schiff in engem Raum zu einem Zusammenleben gezwungen werden.

Drei Männer (die Hauptprotagonisten) sind tragisch schicksalhaft miteinander verwoben. Alle drei sind sowohl Täter als auch Opfer. Kapitän Vere ist das größte Opfer, weil er mit dem Bewusstsein leben muss, den Tod von Billy Budd nicht verhindert zu haben, obwohl er dazu in der Lage gewesen wäre. Seine inneren Zweifel gehören für mich wohl zu dem Stärksten, was die Opernbühne zu bieten hat. Hinreißend gesungen und gespielt.
John Claggart ist der Inbegriff des Bösen und Destruktiven, ein diabolischer Intrigant, der das Böse anbetet. Billy Budd ist eine Lichtgestalt, wird aber durch Intrige ins tiefste Dunkel gestoßen. Er hat eine Naivität, die mich an Parsifal erinnert.
Zwischen diesen drei Männern besteht natürlich eine unterschwellige homoerotische Beziehung, die zum Glück in dieser wunderbaren Inszenierung nicht angesprochen beziehungsweise gezeigt wird, man kann sie nur erahnen. Überhaupt hat sich der Regisseur auffällig intensiv mit dem Stoff befasst und exakt zur Musik eine wunderbare Personenregie geschaffen. Besonders beeindruckend ist dabei auch die Choreographie der (Matrosen-) Choristen, die nicht nur Chorsänger sind, sondern auch jeder einzelne für sich eine selten zu sehende Individualität in der Rollengestaltung bekommen haben.
Das war für mich ganz große Oper – spannend vom ersten bis zum letzten Ton. Wenn ich diese Oper in dieser hoch interessanten Inszenierung nicht gesehen hätte, wäre mein Opern-Leben ärmer. Unbedingt sehen und hören!! Und weitersagen!

 

 

Heike Billhardt über “Billy Budd” am 25. März 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Auf hoher See mit einer Männergesellschaft – Will ich das? Einen Einblick in eine militaristisch geprägte Männergesellschaft haben, die mir nicht nur fremd, sondern per se eher zuwider ist? Billy Budd ist eine Männeroper in diesem Sinne, Frauen kommen nicht vor, Frauenstimmen also auch nicht, logisch.
Das beklemmende, kammerspielartige Bühnenbild unterstützt zunächst meine anfängliche Reaktanz, denn es weckt sofort Erinnerungen an die klaustrophobische Situation in ‚Das Boot‘ von Wolfgang Petersen. Ein Film, den ich damals schon kaum auszuhalten vermochte. Ich habe also zunächst Mühe, mich auf die Geschichte von Billy Budd einzulassen.
Gegen Ende des ersten Aktes beginnt meine innere Mauer zu bröckeln. Dem naiven Charme von Billy Budd, dem charmanten Matrosen, kann ich mich nicht entziehen, auch das Zusammenleben der Männermit komischen, unbeschwerten, jungenhaften Momenten zieht mich doch in seinen Bann. Im Kapitän findet Billy einen Fürsprecher und er wittert die Chance, endlich was aus seinem Leben zu machen. Doch so wie er das Gute, Reine verkörpert, so steht der Schiffprofus Claggart für das Böse, Missgünstige. Der von Billy unglücklich verursachte Tod von Claggard setzt eine tragische Handlung in Gang, die in Billys Hinrichtung mündet.
Am Ende läuft alles auf den tragischen Tod hinaus, der eigentlich gar nicht tragisch ist, denn er wäre durch beherztes Eingreifen des Kapitäns zu verhindern gewesen. Aber er unterwirft sich den militärischen Regeln, die den moralischen und gesetzlichen
Regeln der Zivilgesellschaft entgegen stehen. Staatsbürger in Uniform? Diese Idee gab es zum Zeitpunkt dieser Geschichte im 18. Jahrhundert noch nicht, als die französische Revolution die Aufklärung einleitete und bei den Engländern auf wenig Gegenliebe stieß.

Anstrengend, beeindruckend, nachhaltig – mit diesen drei Worten könnte ich mein subjektives Opernerlebnis zusammenfassen. Ein faszinierender, auch ganz aktueller Stoff, mit der großartigen Musik von Britten hochemotional vorangetrieben. Inszenierung und Sänger haben mir sehr gefallen. Und doch, am Ende ist es wie am Anfang: mit dieser Männerwelt möchte ich nichts zu tun haben.

 

 

Dr. Michael Matzigkeit über “Billy Budd” am 25. März 2011 im Opernhaus Düsseldorf

‚Billy Budd‘ von Benjamin Britten gehört sicherlich zu den vielschichtigsten Opern der neueren Musikgeschichte. Es war kein leichter, beschwingter Abend; die Themenstellung von Krieg, Gewalt, Unterdrückungsstrukturen in einer reinen Männergesellschaft war eher bedrückend. Aber durch die vielschichtige, Traumata erzeugende Realität auf der Bühne war sie
gleichzeitig eine Herausforderung für alle Sinne: Und das kann ja auch Genuss bedeuten. Mein Gefühl und Intellekt lagen da im Widerstreit, angefeuert durch die oftmals disharmonische, schwergängige Musik und die fast klaustrophobische Enge des kongenialen Bühnenbilds, das sich bei laufendem Spielbetrieb an die wechselnden Szenenanforderungen anpassen ließ.
Verbindungen zur Gegenwart und jüngeren Vergangenheit ergaben sich unwillkürlich. Bleibt die Frage: Wie hättest Du Dich als Kapitän, Mitglied der Mannschaft verhalten, als das Leben Billys wegen einer provozierten Insubordination mit Todesfolge gegen einen vorgesetzten Schinder unmittelbar auf dem Spiel stand? War die Schicksalsergebenheit des jungen Mannes nachvollziehbar oder der Zeit von 1797 geschuldet, in der Melville seine Erzählung spielen ließ? Die so unausweichliche Tragik der Ereignisse ließ und lässt keine einfachen Antworten zu. Ein Stück für gesicherte Gemüter, das ich aber deshalb nicht uneingeschränkt empfehlen kann – für mich: ganz großes Musiktheater!

 

 

Katharina Micha über “Billy Budd” am 25. März 2011 im Opernhaus Düsseldorf

‚It’s a man’s world!‘ – wie tagesaktuell Oper doch sein kann! Während der Aufführung ‚Billy Budd‘ schweiften meine Gedanken immer wieder ab zu den Vorkommnissen auf der Gorch Fock oder dem Kriegsgeschehen in Lybien – eben zu Männerwelten. Das absolut gelungene Plakat zur Düsseldorfer Inszenierung hatte mich im Vorfeld sehr neugierig gemacht, und viele der anderen Opernscouts hatten mit Begeisterung von der Inszenierung von Benjamin Brittens ‚Peter Grimes‘ aus der letzten Spielzeit berichtet. Dass die Oper auf einer Kurzgeschichte von Herman Melville basierte, fand ich spannend, da mich ‚Moby Dick‘ und andere Seefahrergeschichten immer gefesselt haben. Auch die Thematik von Disziplin, Intrigen und Eifersucht in einer Männerdomäne konnte mich fesseln. Die Vorstellung von der Beengtheit, Bewegungsunfreiheit,den ungerechten Machtverhältnissen und dem psychischen Druck auf so einem Kriegsschiff haben die Inszenierung und das bewegliche Bühnenbild eindrucksvoll vermittelt. Es gab starke Bilder wie das des Bereitmachens zum Angriff, als die gesamte Besatzung, die einem lang ersehnten Gefecht entgegen fiebert, die Geschütze ihres Schiffes auffährt. Auch gesanglich waren diese Szenen sehr beeindruckend. Aber etwas fehlte. Erst im zweiten Akt wurde mir klar, was mich so irritierte: mir fehlten die Frauenstimmen. Irgendwie ermüdete mich der von vielen Sängern intonierte Männergesang, der viel von Dialogen beherrscht wurde, nach einer Weile. Vielleicht lebt Oper doch von dem Abwechslungsreichtum der Stimmvariationen? Die Handlung hat mich alles in allem sehr gepackt, aber das Ende zog sich doch sehr in die Länge. In meinen Augen hätte es der Handlung nicht geschadet, wenn man die Aufführung etwas gekürzt und gestrafft hätte. Der Spannungsbogen und die immer bedrückender werdende Atmosphäre auf dem Schiff, die zu Beginn aufgebaut wurden, konnten nicht bis zum Ende aufrecht erhalten werden.

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