“Dialogues des Carmélites” von Francis Poulenc

Claudia Uhl über Dialogues des Carmélites” am 22. Oktober 2010 im Opernhaus Düsseldorf

Als ich gehört habe, dass das zentrale Thema des Stückes die Angst ist, ist es mir schon im Vorfeld kalt den Rücken runter gelaufen, und ich dachte: starker Tobak, ein beklemmendes Thema. Um es vorweg zu sagen: diese Oper hat mich emotional bewegt und begeistert! Das Thema Angst berührt mich, Ängste (oder heutzutage auch gerne ‚Burnout‘ genannt, oder Ängste durch Überlastung oder Überforderung) sind in unserer Gesellschaft unerwünscht, gelten als Schwäche, werden gerne verdrängt oder als Störung bezeichnet. Angst ist ein starkes Thema, eine starke Emotion und für manche auch Motivation.
Bei Blanche sehe ich am Ende eine Entwicklung zur Stärke, wie sie den Schwestern freiwillig in den Tod folgt. Die Inszenierung hat mich absolut gepackt. Aber auch die am Sterbebett mit den Todesängsten ringende Priorin (tolle Darstellung der Anja Silja!) – ich musste schlucken, ist es doch eine, von denen man glaubt, sie seien stark und angstfrei…
Auch die Kargheit des Bühnenbildes bringt es auf den Punkt. Es ist ja anscheinend modern, viel vor weiß, also quasi ohne viel Bühnenbild zu spielen, was ich nicht immer gut finde, aber hier passt es hervorragend.
Ich finde es stimmig, meine Augen ruhen auf den Bildern, die eher ruhig sind und trotzdem unheimlich viel Spannung bieten.
Wunderschön finde ich die Musik, sie hüllt mich ein und trägt mich wie auf einer Woge. Das hätte ich vorher nicht gedacht, hatte ich doch noch nie vorher eine Oper von Francis Poulenc gesehen oder gehört. Was mich ebenfalls absolut überrascht hat: Ich habe noch nie bei einer Oper so hingebungsvoll den Text mit verfolgt, und für die Übertitel benutze ich bewusst das Wort ‚Text‘, denn sie lesen sich wie ein schönes Buch!
Nach anfänglicher Skepsis kann ich nur sagen: Diese starke Inszenierung hat mich gepackt und begeistert. Es lohnt sich, sich auf Neues einzulassen. Ich kann nur jedem empfehlen: Ansehen, sich entspannen und darauf einlassen!

 

Katharina Micha über “Dialogues des Carmélites” am 22. Oktober 2010 im Opernhaus Düsseldorf

Es gibt nur wenige Inszenierungen, die mich körperlich so mitgenommen haben, wie die Aufführung ‚Dialogues des Carmélites‘. Die zu Beginn der Oper noch sehr abstrakte und sehr persönliche Angst der jungen Blanche wird mit zunehmendem Maße spürbar und immer bedrohlicher. Dies bewirken die Musik, die Inszenierung, das schlichte, aber aussagekräftige Bühnenbild und vor allem die überzeugenden Darsteller gleichermaßen.
Als Zuschauerin durchlebte ich in den drei Stunden ein Wechselbad der Gefühle, das mich zutiefst aufgewühlt hat: einerseits konnte man sich freuen über die Ausgelassenheit im Gespräch der jungen Novizinnen Constance und Blanche sowie über die Kommunikationsfreude der Karmelitinnen überhaupt und andererseits musste man mitleiden im Todeskampf der alten Priorin. Fast unerträglich steigerte sich dieses Leid bis zur Schlussszene. Es fällt mir schwer, zu schreiben, dass mir die dramaturgische Idee bei der Darstellung der Hinrichtung gefallen hat (wie kann etwas so Schreckliches gefallen?), aber sie hat mich tatsächlich zu Tränen gerührt. Es hatte überhaupt nichts Reißerisches oder Skandalöses. Der ‚Sound‘ der herabfallenden Beile wird mir noch lange im Ohr bleiben. Überraschend an all diesen aufwallenden Gefühlen ist, dass ich sie während der Aufführung füreine Personengruppe und eine Welt empfand, von der ich behaupten würde, dass sie sehr weit entfernt ist von meiner eigenen Lebenswelt. Das Spannende ist, dass diese Frauen damals den Mut aufbrachten, gegen eine Obrigkeit aufzubegehren, gegen Machtmissbrauch und Willkürherrschaft und dabei einen friedvollen, aber für sie qualvollen Weg wählten. Dieses Thema ist leider auch heutzutage immer noch aktuell, da die Masse Mensch angsteinflössend ist. Dies erzählt die Geschichte der Karmelitinnen eindrucksvoll und beispielhaft für eine Epoche und ein totalitäres Regime. Musikalisch haben mich die Stimm- und die Textgewalt der Oper begeistert. Keine Textzeile hat sich wiederholt, keine Melodieführung wurde endlos variiert – es war unglaublich abwechslungsreich und forderte viel Aufmerksamkeit.
Abschließend kann ich nur feststellen, dass ich diesen Abend nicht wirklich als ‚Operngenuss‘ bezeichnen möchte, dafür verlangt er den Zuschauern zu viel persönliches Mitfühlen, Ängste und Nachdenken ab, aber ich empfehle einen Besuch all denjenigen, für die darstellende Kunst auch Arbeit bedeutet – Arbeit nicht nur für die Darsteller, sondern auch für die Konsumierenden. Ein wirklich gelungener Abend, der mir noch lange in Erinnerung bleiben und mich beschäftigen wird!

 

 

Daniel Moniri Awal über “Dialogues des Carmélites” am 22. Oktober 2010 im Opernhaus Düsseldorf

Ein interessanter Abend, besonders im Nachhinein betrachtet. Nach ‚La traviata‘ besuchte ich nun als Opernscout diese Opernpremiere. Ganz bewusst habe ich mir diesmal nicht die Handlung des Stückes besorgt und gelesen.
Meine Eindrücke reichen von einer erneut erlebten glamourösen Atmosphäre, einer anfangs schwer zu verstehenden Handlung (Gesang und Bedeutung/ Darstellung), über ein etwas kühles und eher schwarzweißes Bühnenbild, bis hin zu einer sehr emotionalen und innerlich aufrührenden zweiten Hälfte. Die abschließenden großartigen Bühnenbilder machten den Besuch der Oper erst jetzt richtig erlebenswert. Und selbstverständlich hat es diese Oper geschafft, darüber nachzudenken, wie real doch diese Thematik war und in abgewandelter Form noch heute existiert.
Sich – ohne vorher die Geschichte zu kennen – in dieser Oper einzufinden gelang mir erst im zweiten Viertel. Das Bühnenbild gab mir anfangs nicht viel Gelegenheit mit den Augen, sondern vielmehr nur mit den Ohren und dem Verfolgen der Übertitel die Darbietung der Künstler wahrzunehmen. Offenbar fiel es mir schwer, die Geschichte richtig zu erkennen. Je weiter die Oper fortschritt, umso spannender wurde die Erzählung und desto beklemmender wurden die dargestellten Umstände von damals. Dementsprechend ausdrucksstark wurde auch das Bühnenbild: Das große Jesus-Kreuz und das Spiel mit Licht und Schatten begeisterte und entschädigte für das anfangs einfache und kühle Bühnenbild. Ab der zweiten Hälfte gewann die Handlung erst richtig an Fahrt und die Bühnenbilder sprachen ihre eigene Sprache. Man musste nicht mehr unbedingt den eingeblendeten Übertiteln folgen. Für meine Begriffe stiegen nun die Emotionen in einem auf und man litt förmlich mit, weil man den Schmerz, die Trauer und die Tapferkeit spüren konnte.
Abschließend kann ich sagen, dass diese Oper mich von ‚Null auf Hundert‘ begeisterte. Sie steigerte sich kontinuierlich und am Ende gab es 100 % Oper für alle Sinne.

 

Kai vom Hoff über “Dialogues des Carmélites” am 22. Oktober 2010 im Opernhaus Düsseldorf

Als ich mich vor der Veranstaltung mit der Geschichte ‚Dialogues des Carmélites‘ auseinandergesetzt habe, war ich durchaus skeptisch: Tod, Angst, Verzweiflung – sollte dies das Thema meines Freitagabends werden?
In Erwartung eines schweren, düsteren Opernstücks besuchte ich sodann mit gemischten Gefühlen die Premiere. Doch das, was dann kam, hat mich absolut überzeugt. Ein zeitgemäßes, spannendes, hoch emotionales Bühnendrama, intelligent inszeniert. Der Abend war in jedem Fall ein Gewinn.
Die Musik (fantastisches Orchester) und das Bühnenbild waren in jeder Hinsicht grandios. Alleine deshalb lohnt ein Besuch dieses Stücks. Kleiner Tipp für einen geplanten Opernbesuch: Einfach mal die Augen schließen und die Musik auf sich wirken lassen, es lohnt sich!
Kleines Manko der Vorstellung ist dennoch, dass man durch das Lesen der deutschen Texte gezwungen wird, den Blick häufiger von den Darstellern und der Bühne abzuwenden – das kann bei knapp drei Stunden etwas anstrengend sein.
Über die Musik kann ich ganz klar sagen: In diesem Fall waren die Musik und die Qualität des Orchesters die eigentlichen Stars des Abends. Die Story an sich hat auch ihre Reize, jedoch reicht es fast schon aus, sich der Musik hinzugeben und diese zu genießen. Anfänglich war mein Eindruck, dass insbesondere im ersten Teil der Funke beim Publikum nicht so recht übersprang. Erst im zweiten Teil war merklich zu spüren, dass sich das Publikum und die gespannte Atmosphäre der Inszenierung mehr und mehr vereinten. Dies entlud sich zum Schluss in einem fulminanten Applaus. Nicht ein einziger Buhruf war zu hören. Insbesondere der Umgang mit Ängsten, Psychosen und einer häufigen Sorge der Menschen, mit dem Leben nicht zurechtzukommen, wurde hier auf aktuelle Weise umgesetzt. Die Flucht ins Kloster, raus aus der Lebenswirklichkeit, ist heute vergleichbar mit der Flucht vieler Menschen in die Therapie und in die Klinik. Insofern hat das Stück viel mit der Lebenswirklichkeit unserer heutigen Zeit gemein.
‚Dialogues des Carmélites‘ ist kein Stück für den schnellen Konsum. Man muss sich Zeit nehmen, sich hingeben und auf das doch recht schwierige Thema einlassen. Gelingt dies, so erwartet einen ein wundervoller Abend. Allein schon wegen der Musik ist der Besuch dieser Oper lohnenswert!

 

 

Caroline West über “Dialogues des Carmélites” am 22. Oktober 2010 im Opernhaus Düsseldorf

Themes of faith, nuns, fear of life and fear of death do not make for a relaxing Friday evening’s amusement but I was looking forward to ‘Dialogues des Carmélites’ nonetheless. A little like ‘Aus einem Totenhaus’ from last season, this too wasn’t an ‘entertaining’ piece, but over a year on I still have the atmosphere that was created on stage in my head. It was quite incredible. So with this in mind, and the words of Socrates who stated ‘No one knows whether death may not even turn out to be one of the greatest blessings of human beings’ I was curious to see how these subjects would be now presented.
The stage sets were considerably stark, which doesn’t mean that they weren’t powerful, they were very striking indeed, focusing your mind on the devotion of the nuns and their struggle for the lives they chose following their faith.
Consequently, the language is a vital element in this piece and you do need to understand either French or be able to follow the German surtitles to appreciate the piece. The stage is not full of the colourful imagery that usually carries you along if you don’t quite understand the story.
I enjoyed the music of Poulenc the most, it was quite unlike anything I’d heard in the Opera House before. Several of the opera scouts said it was a bit like a Hollywood movie score in parts. I can only agree with this. During the piece the audience seemed hesitant when to show their eager appreciation, quite uncertain when to clap. Obviously this piece is really quite unfamiliar for many. It is not performed often, a fairly modern piece that opened in 1957.
Coming out of the performance I felt pretty drained, quite lost for words. The audience projected a similar feeling. The applause was very enthusiastic but contemplative. Not at all surprising considering the final scene which left many with the shivers. If you are familiar to opera story-telling and imagery do go and see this. You will not have many chances and judging from those more familiar with the opera than myself, many enjoyed a strong, excellent performance.
I struggled with this opera I’ll admit, but I am very pleased to have seen it. Every experience opens new avenues and I have now discovered the flowing music of Poulenc. I’ve already purchased a couple of piano pieces!

 

 

Sissi Sachtleben über “Dialogues des Carmélites” am 22.Oktober 2010 im Opernhaus Düsseldorf

An die erste Neuproduktion habe ich große Erwartungen geknüpft, wie dieser Stoff in Zeiten modernen Regietheaters wohl für die Opernbühne umgesetzt wurde. Für mich war diese Produktion das wohl emotionalste Musiktheater-Erlebnis der letzten Jahre. Der großartige Stoff (Lebens- und Todesangst) ist ein ideales Opernsujet. Die Dialoge sind intelligent und von hohem literarischem Wert und voller Lebensweisheiten – obwohl es sich um bohrend religiöse Thematik handelt.
Wohldurchdacht, mit Verzicht auf wie immer auch geartete reißerische Bilder (kein Blut auf der Bühne bei den Hinrichtungen), ruht die Inszenierung in sich selbst durch ihre statische Gesamtform. Ohne Schnickschnack und bescheiden prägen sich einem die Bilder ein. Durch die Lichträume erlebt man die Grenzen, in denen sich das Leben der 16 Nonnen abspielt. Die Pflicht der täglichen Gebete wird bewusst. Beeindruckend inszeniert ist die letzte Szene der Oper, als alle gemeinsam singend zum Schafott schreiten. Für jedes Todesfallbeil fällt ein schwarzer Vorhang herab. Hier kommt noch einmal die gesamte Dramatik der Musik zur Geltung, das ist genial komponiert.
Glaubt man, dass diese mitten im 20. Jahrhundert komponierte Oper dem Ohr nicht schmeicheln könnte, so wird man feststellen müssen, dass Francis Poulenc längst an der Avantgarde vorbeimarschiert ist und er dafür skrupellos aber gekonnt bei den Meistern des Barock sowie auch bei der französischen Romantik Anleihen gemacht und somit ein wundervolles Klangwerk
erschaffen hat.
Alle Partien fand ich ideal besetzt. Besondere Freude bereitete es natürlich, die große Dame der Opernbühne, Frau Anja Silja, in Düsseldorf zu erleben. Ihre Darstellung der sterbenden Priorin Mme. De Croissy war so großartig, dass man sie sicher nie vergessen wird. Sie hat diese Rolle einer Frau, die ein Leben im Kloster bei Gebeten verbracht hat und trotzdem im Moment des nahenden Todes eine nie gekannte Angst zu bewältigen hat, einfach hinreißend gesungen und gespielt. Mit einer solchen Sängerin auf der Bühne zu stehen, beflügelt natürlich auch alle anderen Sänger und Sängerinnen. Annett Fritsch als Blanche und Alma Sadé als fröhliche Schwester Constance gefielen mir sehr gut, natürlich auch Jeanne Piland als Mère Marie. Aber auch die männlichen Partien waren sehr gut aus dem Ensemble der Rheinoper besetzt.
Diese Oper ist ein Muss für jeden Liebhaber des Besonderen.
Ich gratuliere der Deutschen Oper am Rhein zu diesem großen Wurf!

 

 

Caroline Hobbs über “Dialogues des Carmélites” am 22. Oktober 2010

The opera is like no other I have seen before. Based on the novel by Gertrude von Le Fort and centred around events that took place the Reign of Terror, the drama is driven by the fate of Soeur Blanche, and through her story, explores complex themes such as fear and the role religion. Being more familiar with operas focussing on love and intrigue, I found this opera quite challenging, but at the same time provoking.
The first act, set primarily in the Carmélite Convent was, for me, less captivating than the later two. I was not completely convinced by the set design for the Convent, although appreciating the simple beauty, I felt it was too sparse to maintain interest over such an extended period of time.
The libretto is very weighty and was, sadly, at times lost on me, as I’m still grasping the ever growing complexities of the german language. After resigning to the fact that some details would be lost on me, and resolving to return to language school, I allowed myself to be carried along by the music instead. I have a real soft spot for Poulenc’s music, and as it is not such a regular feature on concert program I found the chance to enjoy an entire evening of his creativity a real treat. The music also filled in what I missed in the dialogue, as the changes in mood were continually preempted by the orchestra.
I was really struck by the strength and conviction of the individual performances, being particularly captivated by Anett Fritsch’s portrayal of Soeur Blanche. However the highlight for me was the Ave Maria hymn, the purity of sound achieved by the ensemble was simply enthralling.
As the outside world pervaded the inner world of the Convent in acts two and three, the drama and momentum seemed to escalate and I also found myself becoming more emotionally involved. I found it visually more striking, liking the juxtaposition of key props from the first act now being presented in twisted and charred forms, and I was awestruck by the sheer beauty and power of the closing scene.
Although I found the opera very challenging, it provided me with glimpse of a life and time far removed from my own, but one in which themes still relevant to society were explored, and I was able to enjoy some incredible music in the process.

 

 

Heike Billhard über “Dialogues des Carmélites” am 22. Oktober 2010 im Opernhaus Düsseldorf

Eine junge Frau im Kloster, die in politisch höchst gefährlichen Zeiten den Märtyrertod wählt: das klingt so gar nicht nach modernem Musiktheater. Mich hat das Thema trotzdem von vornherein angezogen, vielleicht weil die Klosterwelt so eine verborgene ist. Um meinen Gesamteindruck gleich vorweg zu nehmen: ‚Dialogues des Carmélites‘ ist für mich ganz großes Musiktheater, ein intensives Opernerlebnis allerersten Ranges.
In den drei Stunden blickt man wie durch ein Brennglas konzentriert auf den inneren Konflikt, den Blanche mit sich trägt, denn sie ist aus Angst vor ihrer Angst in das Kloster geflohen. Man blickt ebenso auf den Tod und das Sterben. Ziemlich zu Beginn schon ist man bereits konfrontiert mit dem Todeskampf der Priorin, die sich gewaltig aufbäumt gegen den Willen ihres Gottes. Die Schwestern erschrecken darüber und mutmaßen, sie sterbe vielleicht den Tod eines anderen, der es dann in seinem Tod einfacher habe. Was für ein Gedanke. Eindringlich wird das Publikum durch die Konflikte der klösterlichen Innenwelt mit den Geschehnissen außerhalb der Klostermauern geleitet, die Spannung ist fast körperlich fühlbar.
Der Inszenierung von Guy Joosten gelingt es meisterlich, durch kunstvolle Reduktion immer wieder diesen ‚Blick durch das Brennglas‘ zu erzeugen. Mit wenigen Mitteln transportiert Joosten seine Botschaft. Dass Blanche von gebildetem Stand ist, symbolisiert zu Beginn das übergroße Bücherregal. Nach dem Sturm des Elternhauses durch die Revolutionäre liegt das Regal zerstört am Boden, dabei sah es doch so gewaltig, so massiv aus, als könne kein Erdbeben es zum Umstürzen bringen. Die Klosterszenerie spielt sich in einem rein weißen Bühnenraum ab. Oben schwebt ein riesiges Kruzifix, vom Zuschauer abgewandt.
Die Jesusfigur schwebt fast waagerecht über den Karmelitinnen. Es ist ihre Welt – wir gehören nicht dazu. Die Jakobiner hinterlassen auch hier ihre zerstörerische Spur, die Figur liegt wie ein geschundener Körper halb verbrannt am Boden. Die Schlussszene, in der die Schwestern hingerichtet werden, löst Joosten dermaßen beeindruckend und puristisch auf, dass man kaum in der Lage ist, Beifall zu klatschen, so sehr geht sie unter die Haut.
In meiner Wahrnehmung ist die Musik ein wenig in den Hintergrund getreten, weil ich mich so auf den Text konzentriert habe. Was mir aber auffiel: Sie klingt wenig modern im Sinne von anstrengend oder ungewohnt. In unserer Opernscout-Runde fiel das Wort ‚Filmmusik‘, was ich sehr treffend finde.
Mein Fazit: Ein faszinierender, auf- und anregender Abend, der noch lange nachwirken wird.

 

 

Romeo Bay über “Dialogues des Carmélites” am 22. Oktober 2010 im Opernhaus Düsseldorf

Da bin ich nun wieder. Noch vor einem Jahr konnte ich mich in der Sicherheit des Operndebütanten wiegen. Nun ist die Sommerpause vorbei, und während ich noch in den Aufführungen der letzten Spielzeit schwelge, saust mit singend scharfer Klinge das Stück ‚Dialogues des Carmélites‘ in meinen Alltag und lässt mich für einen Moment zusammenzucken. Der ‚Ausstieg‘, die Flucht in die Religion, die Verabschiedung von der Gesellschaft und letztlich doch der bleibende, zerreißende Zweifel – das alles betraf auch mich bzw. meine Familie.
Blanche geht ins Kloster. Sie flüchtet vor ihrer Angst, sie sucht etwas, was sie in ihrem adeligen Leben nicht gefunden hatte. Dennoch wird sie auch im Kloster von großer Unsicherheit und Ängsten geplagt, stellt aber diesen Weg über alles. Ich habe mich auch bei diesem Menschen in meiner Familie gefragt: Wie christlich ist ein Weg, der Familie und Freunde preisgibt?
Ein Weg, der die ‚Liebe‘ zu Gott zur ausschließlichen Berufung erklärt und dabei die Liebe zu den Menschen verweigert. Ja – ein gewisser Nerv wurde bei mir getroffen.
Blenden wir meine persönlichen Befindlichkeiten aus, so bleibt wieder einmal eine über jeden Zweifel erhabene Inszenierung zurück. Über die Kraft und die einzigartigen Ausdrucksmöglichkeiten der Oper habe ich schon häufiger gesprochen. Wieder einmal bestätigt sich mein Eindruck, es hier mit einer auf das Höchste kultivierten Form der menschlichen Selbstreflektion zu tun zu haben. Mir scheint, als erlebe ich in solchen Opern geradezu die Offenlegung des genetischen Codes der geistigen und seelischen Struktur des Menschen. Das klingt hochtrabend, erscheint mir aber auch nur als ein bescheidener Versuch das Wesen der Oper zu deuten.
So manch einer spricht mich auf mein Engagement als Opernscout an. ‚Das ist bestimmt ein spannendes Projekt, für mich wäre das aber wahrscheinlich nichts.‘ So oder so ähnlich sind die Reaktionen. Ja, Oper ist keine leichte Kost. Sie ist etwas für Menschen, die tiefer in die Dinge hineinschauen und -fühlen wollen. Sicherlich gibt es auch Momente, in denen man sich entspannt zurücklehnen kann. Dann umspielt sie einen mit dem süßen Duft von Poesie, fröhlichem Humor, die Seele streichelnder Musik und nicht zuletzt mit dem wunderbaren Klang der Stimmen begnadeter Sänger und Sängerinnen. Doch oft ist die Oper eben auch ein kräftezehrender Marathon. Wer bereit ist sich darauf einzulassen, der wird mit großen, wahrhaftigen Gefühlen belohnt. Oper ist kein One-Night- Stand. Oper ist eine Liebe fürs Leben.

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