“La Bohème” von Giacomo Puccini

Dr. Vera Krone am 10. Dezember 2010 im Theater Duisburg

Die ‚Bohème‘ in der Inszenierung von Robert Carsen ist wirklich sehenswert. Es erwartet einen ein Abend mit wunderschöner Musik, beeindruckenden Stimmen, viel unglücklicher Liebe und tollen Bühnenbildern. Das Bühnenbild der ersten Szene bewirkt vom ersten Moment an, dass man geradezu mit den armen Künstlern friert, die vergeblich versuchen, ihre winzige Wohnung zu heizen. James Bobby beeindruckt als Marcello, das erste Duett von Mimì und Rodolfo berührt.
Nicht sattsehen kann man sich dann an der Kaffeehausszene des zweiten Aktes. Nach der Kargheit der kleinen Künstlerwohnung am Anfang erwartet den Zuschauer nun eine Szene mit opulenten Kostümen und einer riesigen Zahl von Darstellern inklusive Kinderchor. Man taucht ein in die Atmosphäre des Paris des frühen 19. Jahrhunderts und schafft es kaum, all den vielen kleinen Handlungen auf der Bühne gleichzeitig zu folgen.
Nach dem Kennenlernen und ‚Sich-Verlieben‘ von Rodolfo und Mimì zu Beginn und dem ausgelassenen Weihnachtsabend im zweiten Akt wird es mit dem dritten Akt traurig und düster. Vor einem stark reduzierten Bühnenbild, das nur aus einer Hausfassade mit einem einzigen Fenster und der dunklen Straße davor besteht, beschließen Rodolfo und die kranke Mimì erst, sich zu trennen, und dann doch bis zum Frühling zusammenzubleiben.
Es ist eine Liebesgeschichte mit einem tragischen Ende. Die kleine Wohnung ist in der letzten Szene von einem Meer von Narzissen umgeben, der Frühling ist da. Mimì und Rodolfo haben sich getrennt, doch Mimì kommt zum Sterben zu ihm zurück. Die dramatische Musik am Schluss bewirkt noch einmal Gänsehaut und einen schweren Seufzer für die tote Mimì und den armen Rodolfo.
Am Ende war es ein Opernabend, der tolles Amüsement geboten hat. Auch Zuschauern, die keine hartgesottenen Opernfans sind, wird die Aufführung gefallen.

 

 

 

Barbara Schulte zu “La Bohéme” am 10. Dezember 2010 im Theater Duisburg

Über ‚La Bohème‘ zu schreiben, fällt mir besonders schwer. Die erste Oper kann man noch in voller Unwissenheit kommentieren, bei der zweiten Oper hat man immerhin schon eine Vergleichsmöglichkeit. Bisher ist es mir noch nicht gelungen, mir ein Urteil über ‚La Bohème‘ zu verschaffen.
Die musikalische Darbietung war mit Sicherheit großartig, doch muss ich auch gestehen, dass mir das Medium des Gesangs noch immer fremd ist, wenn es darum geht, eine Geschichte zu erzählen. Die Musik des Orchesters habe ich dafür im zunehmenden Maße als bewegend empfunden, auch wenn ich nicht behaupten kann, dass ich mit einem Ohrwurm nach Hause gegangen bin. Dafür ist mir das Bühnenbild nicht mehr aus dem Kopf gegangen: Diese riesige Bühne – und doch konzentriert sich alles auf ein paar wenige Quadratmeter Dachkammer. Perfekt! Hätten wir es hier nicht mit der Oper zu tun, so würde ich sagen, dass das Bühnenbild die Situation ohne Ausstaffierung und ohne großartiges Drumherum präzise auf den Punkt gebracht hat. Aber ohne Geschnörkel geht in der Oper nichts: Zwar verlieben sich Rodolfo und Mimì in Rekordzeit, doch werden Beziehungskrise und schließlich Mimìs Sterben wahrhaft ausgekostet. Während dieses Schwelgens in Gefühlsausbrüchen fällt es mir zugegebener Maßen schwer, immer ernst zu bleiben. Auch wenn mir bewusst ist, dass ‚La Bohème‘ in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts spielt, so kommt es mir doch absurd vor, dass sich jemand auf dem Sterbebett einen Muff wünscht. Mir persönlich kommen diese skurrilen Momente ganz gelegen. Mit ein wenig Humor lässt sich die Oper weitaus leichter nehmen. Und doch frage ich mich an solchen Stellen, ob uns durch ein paar Kunstgriffe das Stück nicht noch näher hätte gebracht werden können. Auch die heutige Gesellschaft bietet ausreichend vergleichbare soziale Probleme um ‚La Bohème‘ ins Hier und Jetzt zu transferieren. Ich bin mir zwar noch nicht sicher, was der Muff des 21. Jahrhunderts sein könnte, doch Liebe und Krankheit sind aktuell wie eh und je.

An diesem Opernabend fiel es mir schwer, in die Geschichte von Mimì und Rodolfo einzutauchen. Nichtsdestotrotz haben die Darsteller, Sänger und Musiker meinen größten Respekt. Besonders in Szenen wie der im Kaffeehaus wird einem der enorme Aufwand und die perfekte Abstimmung von, wie es scheint, hunderten von Mitwirkenden bewusst. Dass so viele Menschen für mich da vorne stehen und ihr Bestes geben, macht mich ehrfürchtig. Allein dieses Gefühl ist überwältigend und macht einen Ausflug in die Opernwelt lohnenswert.

 

 

 

Eckart Pressler über “La Bohème” am 10. Dezember 2010 imTheater Duisburg

Nach ‚Phaedra‘ (Henze) und ‚Die Frau ohne Schatten‘ (Strauss) führte ‚La Bohème‘ ans andere Ende des Opern-Spektrums – mit opulenter Gefühlsmusik, farbenreichen Bildern und einer ans Herz gehenden Story. Ich hatte mich aufs Schwelgen und Genießen eingestellt und wurde wirklich gut bedient.

Gleich der erste Akt bot selbst mir als opernfernem Musikfreund bekannte und eingängige Melodien. Auch der Gang der Handlung war wenig überraschend. An ‚eigentlichen Knallern‘ aber gab es für mich zwei: Zunächst die fulminante Choreografie des zweiten Aktes. Hier explodierte die Szene zu einer wirklich spektakulären Massenszene, zu einem quirligen Bild des überschäumenden Lebens im Quartier Latin. Ein solch pralles Bild mit geschätzt 80 Darstellern in einer enormen Schnelligkeit auf die Bühne zu zaubern, jedem von ihnen eine schlüssige Aufgabe zu geben und einen Weg zu choreografieren, ohne sich mit dem Nachbarn zu verheddern, das ist schon eine Meisterleistung aller Mitwirkenden.
Als zweite Überraschung habe ich das sehr hohe Niveau der gesanglichen und schauspielerischen Leistung empfunden – und zwar ohne Ausnahme! Hier zeigt sich die Vielfalt und Qualität des internationalen Kulturbetriebs. Das Ensemble der Deutschen Oper am Rhein steht damit sicher nicht allein, aber es ist wirklich beeindruckend, wie man hier sozusagen eine Auswahl der besten Stimmen aus aller Herren und Frauen Länder genießen kann: Das hatte ich so in unserem in mancher Hinsicht so arg ramponierten Duisburg nicht erwartet. Und schon gar nicht hinter den dicken Mauern der alten Institution Oper.
Der Vorteil, dass es relativ leicht war, diese Oper genießend zu verarbeiten, brachte mir währenddessen ständig Überlegungen ein, was mich eigentlich stört und was ich mir anders wünschte. Da ist für mein Empfinden zum einen die Diskrepanz zwischen der idealisierenden Gestaltung in Farbe und Asepsis des Bühnenbildes und der sozialen Realität dieser Bohème-Story mit ihrer Armut, dem Schmuddel, dem krank und verzweifelt machenden Umfeld.
Und zum anderen: Warum nimmt man nicht die Message heraus aus diesem ausgestorbenen Milieu und transponiert sie zum Beispiel in die Fixer- und Drogenszene. Hier würde sie nahtlos und aktuell hineinpassen. Dies könnte der Oper eine soziale und
moralische Funktion für heutiges Publikum geben, statt das sicherlich oft gleiche Publikum lediglich in seinen musik-kulinarischen Bedürfnissen zu bedienen. Hätte Brecht der gestrigen ‚Bohème‘ beigewohnt, sein ‚Glotzt nicht so romantisch‘ wäre spätestens dann fällig geworden.

 

 

 

Dr. Joachim Ludwig über “La Bohéme” am 10. Dezember 2010 im Theater Duisburg

Diese Oper ist ein Hit! Bei der großen Publikumswahl der schönsten Oper aller Zeiten im Winter 2009/10 auf 3sat wurde ‚La Bohème‘ auf den vierten Platz nach ‚La Traviata‘, ‚Die Zauberflöte‘ und ‚Fidelio‘ gewählt.
Die unvergänglich schwelgerische Musik von Puccini wurde von den Duisburger Philharmonikern unter der Leitung des in Dänemark lebenden Römers Giordano Bellincampi wunderbar leicht und transparent gespielt.
Die von der Vlaamse Opera Antwerpen übernommene Inszenierung des Kanadiers Robert Carsen wirkt jugendlich frisch und lässt den Zeitgeist im Paris der Jahrhundertwende sehr gut nachempfinden. Das Bühnenbild ist sehr phantasievoll und abwechslungsreich gestaltet. Die kalte Dachmansarde vor dem blauen Hintergrund und expressiv langen Ofenrohr ist eindrucksvoll. Das Künstler-Café Momus im Quartier Latin mit vielen Klavieren und Bettgestellen ist seh  lebendig dargestellt. Die Gastwirtschaft in einem Pariser Außenbezirk wirkt durch die Lichtregie expressionistisch. Den Höhepunkt stellte aber die Dachkammer im Frühling umgeben von einem Blumenteppich mit gelben Narzissen dar – ein optischer Hochgenuss.
Die gesamte Aufführung war in großer Gefahr, als sich am Morgen der Darsteller des Rudolfo mit einer Erkältung krank meldete. Nach vielen Telefonaten konnte an der Hamburger Staatsoper bei den Proben zu ‚La Traviata‘ der rumänische Tenor Teodor Ilincăi erreicht werden. Nach fünfstündiger Zugfahrt traf er gegen 17.00 Uhr in Duisburg ein. Es war ein Glücksfall und ein Wunder, mit welch herrlicher Stimme er sang, und wie Teodor Ilincăi mit der phantastischen italienischen Sopranistin Grazia Doronzio als Mimì harmonisierte. Die Künstlerfreunde Marcello mit ‚Freundin‘ Musetta, Colline und Schaunard waren mit
Ensemblemitgliedern der Oper am Rhein erstklassig besetzt. Ein Fest der Sinne – hingehen!

 

 

Kai Gottlob über “La Bohème” am 10. Dezember 2010 im Theater Duisburg

Eines muss ich gleich gestehen: Ich bin kein Opernexperte, eher jemand, der durch filmisches Sehen geprägt ist. Vielleicht üben deshalb auch Bilder eine stärkere Wirkung auf mich aus als musikalische Eindrücke. Im sich verdunkelnden Zuschauerraum sitzend hatte ich mich spontan entschlossen, Puccinis ‚La Bohème‘ insbesondere visuell auf mich wirken zu lassen und – so viel vorweg – ich wurde bei weitem nicht enttäuscht.
Das erste Bühnenbild ist sehr reduziert, konzentriert den Blick auf das Wesentliche. Die kleine Mansarde der vier jungen Künstler trägt expressionistische Züge. Ein überlanger Ofenkamin und die in Richtung des Publikums abfallende Bühne erinnern an deutsche Filme der 10er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Doch schon im gleichen Moment überwältigen die Stimmen. Bravouröse Gesangsleistungen von Teodor Ilincăi als Rodolfo und Grazia Doroncio als Mimì, die sich im Laufe des Abends noch steigern sollten.
Der zweite Akt bringt mich wieder ins Kino. In der Pariser Kaffeehausszene pulsiert das Leben. Die präzise choreographierte Darstellermasse erinnert mich an die Leichtigkeit früher Lubitschfilme – Schmunzeln. Überall gibt es Entdeckungen zu machen.
Akt drei: Das Bühnenbild katapultiert uns zurück in die Dunkelheit des deutschen Expressionismus. Wieder beeindrucken die Stimmen, in besonderer Weise begünstigt durch das minimalisierte Bühnenbild.

Letzter Akt: Die Mansarde aus dem ersten Akt nun eingerahmt von einem Blumenmeer. Mimì stirbt in Armut und gleichzeitig der Schönheit des Frühlings. Für mich verschmelzen Orchester und Sänger jetzt in besonderer Weise – wunderbar. Der Vorhang fällt. Großer Applaus! Ein eindrucksvoller Opernabend, auch – oder sagen wir besser – besonders für Kinoliebhaber zu empfehlen.

 

 

Uschi Dommen über “La Bohème” am 10. Dezember 2010 im Theater Duisburg

Meine Erwartungen: unvoreingenommen. Das Publikum: konzentriert und begeistert. Die Musik: überraschend modern.
Die Geschichte ist zwar fantasievoll, dennoch übertragbar in die Gegenwart. Künstler jeder Sparte am Rande des Existenzminimums gibt es auch heute noch, und so mancher sucht sein Elend durch Drogen oder Alkohol zu vergessen. Die Liebe, ein Dauerthema, kommt ebenso vor wie der Umgang mit dem Tod, der in jedem Alter schwer ist.
Die vier Hauptrollen: Rodolfo und Mimì sowie Marcello und Musetta sind gut besetzt, stimmlich hervorragend. Nur ihnen gelang es, sich gegen das Orchester durchzusetzen. Besonderes Lob gilt dem Tenor Teodor Ilincăi, der erst zwei Stunden vor Vorstellungsbeginn in Duisburg eintraf, um für einen erkrankten Kollegen einzuspringen. Eine grandiose Leistung, bewegte er sich doch gemeinsam mit den anderen Akteuren auf unserer Bühne wie zu Hause. Die Stimme beeindruckend gewaltig. Der symbiotische Einklang aller Sänger mit dem Orchester war für mich allerdings erst im vierten Akt erreicht. Vorher war das Orchester teilweise zu laut und zu dominant.
Das Bühnenbild wieder einmal beeindruckend. Die Verkleinerung auf wenige Quadratmeter in der Mitte der Bühne ist ideal gelungen. Im ersten Akt die ärmliche Behausung der Bohèmiens, umringt von weißen Blättern – ungelesenen Seiten erfolgloser Künstler –, dem Winter, der Kälte.
Der zweite Akt erscheint als absoluter Kontrast, einfallsreiches Spektakel, rot die Farbe für Wärme, Freude, Lust, großes Theater. Ein Lob dem Kinderund dem Opernchor, ausgezeichnet. Gleichzeitig singen und als kostümierte Schauspieler auf der Bühne agieren, keine leichte Aufgabe, gut gemacht. Im dritten Akt steht ein schwarzes Haus, ein Fenster hellgelb erleuchtet, die Umgebung dunkelblau, minimalistisch, fantastisch. Im vierten Akt: Frühling pur. Großes Kompliment!
Der Sog, der mich bei der ‚Frau ohne Schatten‘ in seinen Bann zog, fehlte. Auch große Gefühle bewegten mich und meine unmittelbare Umgebung nicht. Die Sänger und das Orchester boten eine hervorragende Leistung, trotzdem sprang der Funke nicht über. Man hat mich unterhalten, aber mich nicht berührt oder gar zum Weinen gebracht.
Trotzdem, Premiere gelungen. Danke für einen schönen Abend. Bis zum nächsten Mal, Ihr Opernscout Uschi Dommen.

 

 

 

Özlem Yalinci Über “La Bohème” am 10. Dezember 2010 im Theater Duisburg

„Die Premiere der Oper ‚La Boheme‘ von Giacomo Puccini hat mir einen sehr schönen Abend beschert. Neben dem Gesang faszinierten mich vor allem die vielen unterschiedlichen Bühnenbilder.

Das erste Bühnenbild, das die Dachkammer in Paris im Winter zeigte, vermittelte eindrucksvoll die Verhältnisse der Zeit, in denen die Oper spielt, die Kälte des Winters, den Hunger der Künstler und die Enge der Dachkammer. Das zweite Bühnenbild zeigte eine Szene im Café Momus im Quartier Latin mit überwältigend vielen Statisten, während das dritte Bild mit der Morgendämmerung im Gegensatz dazu einen starken Kontrast bot. Dieses Bild wurde für meinen Geschmack allerdings etwas zu dunkel gehalten. Die Dachkammer im Frühling bot ein herrliches Abschlussbild.
Die traurige Geschichte vom Leben der Bohèmiens wurde eindrucksvoll dargeboten. Fabelhaft und schön wirkte die Liebesgeschichte von Rodolfo und Mimì inmitten dieser widrigen Lebensumstände. Sinnliches, dramatisches und gleichzeitig tröstliches bot die Abschlussszene mit dem Tod von Mimì.

Zu Anfang der Oper hatte ich kurzweilig Probleme, dem Gesang zu folgen, aber ansonsten empfand ich die Musik als beschwingt und schön. Die Musik rundete das Schauspiel sehr gelungen ab. Die Künstler, allen voran die Figuren des Rodolfo und der Mimì,
spielten und sangen hervorragend.
Die Premiere imponierte durch eine besonders festliche und sehr angenehme Atmosphäre.
In erster Linie begeisterte mich die Geschichte über das Leben der Bohèmiens, welche nicht in der heutigen Zeit spielt. Ich lasse mich gerne für einige Zeit an einen anderen Ort in einer anderen Zeit entführen.
Gleichzeitig gefällt mir an dem Stück, dass angesichts der heutigen Studiengebühren und Studentenproteste ein gewisser Bezug zur heutigen Zeit gegeben ist.
Ich werde meinen Freunden dieses dramatische, humorvolle und ästhetische Stück weiterempfehlen.

 

 

 

Christiane Alt über “La Bohème” am 10. Dezember 2010 im Theater Duisburg

Subkultur in der Oper, Nackte auf der Bühne, wildes Treiben, ein Meer von Blumen, hübsche Kostüme, schöner Gesang und wunderschöne Musik: ‚La Bohème‘ hat mir gut gefallen, wirkte leicht trotz schwerer Themen wie Krankheit, Armut und Tod, wobei ich jetzt schon sagen kann: ‚Die Frau ohne Schatten‘ wirkt nachhaltiger.
Es war ja mein zweiter Opernabend und ich muss langsam aber sicher mit meinem Vorurteil, Oper sei ‚konservativ‘, aufräumen. Ich war zwei Tage zuvor in Düsseldorf in der Philippshalle auf einem Konzert von ‚Gossip‘, also ein wirkliches Kontrastprogramm. Trotzdem kann ich versichern, auch wenn man Rock- beziehungsweise Punkmusik mag, kann man durchaus
Gefallen an Opern finden. Der eine Geschmack schließt den anderen nicht aus, ich mag es, in verschiedene Welten einzutauchen. Einen Abend im Stadttheater mit Rodolfo und Mimì und dem tollen Orchester kann ich nur empfehlen. Meine beiden Freundinnen haben den Abend auch sehr genossen und in der ‚Haarschneiderei‘ sorgte ‚La Bohème‘ für ausreichenden Gesprächsstoff.

 

 

 

Marianne Lürzel über “La Bohème” am 10. Dezember 2010 im Theater Duisburg

Wie schön, anregend und entspannend Oper sein kann, habe ich gestern bei der zweiten Aufführung von ‚La Bohème‘ erlebt.
Die dramatische Geschichte um arme Künstler und ihre Liebschaften wurden von Robert Carsen einfühlsam inszeniert.
Der Vorhang öffnet sich und man blickt auf eine Rauminsel, die von einem kühlen Blau umgeben ist. Der Raum wird von einem überlangen Ofenrohr geteilt und man spürt die Kälte und Armut, aber auch Freude und Lebenslust.
Für das 2. Bild wird der Raum sehr schnell und geschickt zu einer Künstlerkneipe umfunktioniert und der Eindruck der Lebenslust wird durch ein kräftiges Rot im Hintergrund verstärkt. Mit viel Alkohol, selbst Mimì ‚hängt‘ an der Flasche, wird Armut und Elend ertränkt. Eine unbekleidete Dame auf dem Klavier ist schön anzusehen, aber dramaturgisch völlig unnötig.
Im letzten Akt stirbt Mimì sehr schön, allerdings werden durch ein gelbes Blumenmeer die Grenzen zum Kitsch überschritten.
Wunderbar waren diese jungen Sänger, allen voran Grazia Doronzio als anmutige Mimì und die emotionsgeladene Musik treibt manchmal (zumindest mir) Tränen in die Augen.
Das Publikum war sichtlich begeistert, es gab viele Bravorufe und ich bin glücklich und zufrieden nach Hause gegangen. Unbedingt empfehlenswert!

 

 

 

Gil Shacher über “La Bohème” am 10. Dezember 2010 im Theater Duisburg

Traditionelle Interpretationen von Puccinis Oper stellen gerne die Liebesgeschichte, die in dem klischeehaften Ambiente des verarmten, aber stilvollen Künstlerdaseins der Pariser Intellektuellen des 19. Jahrhunderts spielt, in den Vordergrund. Dies mag zum Erfolg und der häufigen Aufführung der Oper, die auch in Duisburg unlängst zu sehen war, geführt haben. Die brilliante Inszenierung von Robert Carsen taucht Puccinis Oper in ein ganz neues Licht. Die Anfangsszene, die als Programm und Schlüsselszene der neuen Inszenierung angesehen werden kann, wurde hervorragend dargeboten. In ihr versuchen die armen Künstlerfreunde Rodolfo und Marcello gegen die Kälte des Winters zu bestehen, indem sie ihre Kunstwerke als Brennmaterial verwenden. Hier wird die Beziehung zwischen Kunst und Realität als zentrales Thema der Oper deutlich gemacht. Carsen geht auf Puccinis Intention ein, der Kunst und Leben verbinden möchte, und zeigt, dass die Trennung zwischen ihnen überwunden werden kann. Wenn Rodolfo seine Gedichte ins Feuer wirft, dann wärmt die Kunst wirklich den Raum, nicht nur symbolisch. In der Inszenierung wird diese Kunstanschauung Puccinis als Subtext miterzählt, der tiefgründiger und nachhaltiger ist als die konventionelle Lovestory.
Diese Interpretationsart kommt immer wieder vor und wird auch durch das erhellende Bühnenbild noch verstärkt. Wenn man diesem Konzept folgt, dann entdeckt man häufig in Text, Bild und Musik Belege für Puccinis Beschäftigung mit der Beziehung zwischen Kunst und Realität, beispielsweise in der Schlussszene, wenn Schaunard ein Gemälde über den Kopf geschlagen bekommt und sich buchstäblich im Bild befindet. Ein weiterer Hinweis darauf findet sich als Mimì stirbt und der Zuschauer dies noch vor Rodolfo ahnt. Der Zuschauer weiß mehr als der Protagonist (ähnlich wie bei Alfred Hitchcock wird Spannung aufgebaut) und wird so stark in die Handlung einbezogen, dass die Barriere zwischen seiner Welt und jener der Oper aufgehoben wird.
Das Bühnenbild versucht, keine reale Welt nachzuahmen, sondern spielt in seiner Künstlichkeit auf bekannte Bilder an, so dass die beiden Welten Kunst und Realität zusammen verschmelzen. In der letzten Szene befinden wir uns quasi in einem Sonnenblumengemälde Van Goghs.
Der Inszenierungsansatz wirkt daher so fruchtbar, dass selbst Dinge, die nicht beabsichtigt waren, mit hinein interpretiert werden können, wie beispielsweise die reale Erkältung des vorgesehenen Sängers des Rodolfos, Mikhail Agafonov, die als logische Folge des ärmlichen Künstlers in seiner Mansarde erscheint.

 

 

 

Kitty Görner über “La Bohème” am 10. Dezember 2010 im Theater Duisburg

Trotz der Bekanntheit des Begriffs ‚La Bohème‘ war die Geschichte mir nicht geläufig, aber sie ist leicht aufzufassen und zu verfolgen.
Was mich wirklich überwältigt hat, ist das Bühnenbild: der erste Akt auf einem dem Publikum zugeneigten Boden, auf dem weiße Blätter Papier flächendeckend ausgelegt sind, aussparend nur eine dunkle Fläche, nämlich die Dachkammer, die sparsamst möbliert ist mit Bett, Tisch, Stuhl, Schrank, Ofen. Das Ofenrohr führt in scheinbar unendliche Höhen, das bläuliche Licht lässt den Betrachter gleich mit den Protagonisten frieren. Jeder, der eine Wohnung hat, spürt und weiß, dass man einen solchen Raum nicht heizen kann!!!
Auch die anderen drei Bühnenbilder waren beeindruckend: die Wirtshausszene mit vielen, vielen Menschen, die in ausgeklügelter Choreografie über die Bühne wuselten, die Nachtszene, die eine dunkle Hausfront mit einem einzigen erleuchteten Fenster zeigte, sowie die Frühlingsszene, in der die Bühnenfläche um die Dachkammer herum mit Narzissen ausgelegt war. So sparsam und auf den Punkt gebracht (und in der Wirtshausszene so opulent und auf den Punkt gebracht!) habe ich selten ein Bühnenbild gesehen.

Das andere sehr Beeindruckende waren die Sänger überhaupt und die ungewöhnliche Geschichte des Abends: der ‚Ersatz-Rodolfo‘, Teodor Ilincăi, aus Hamburg in vorletzter Sekunde eingetroffen, der sich in seinem Gesang, in seiner Rolle, auf der Bühne bewegte wie immer schon dabei gewesen. Niemals hätte jemand gemerkt, dass er nicht mit den anderen geprobt hatte. Und seine angenehme Stimme!!!!
Bemerkenswert war auch, dass am Ende, nach Mimìs Tod und Rodolfos Begreifen, es um mich herum im Publikum vor allem die Männer waren, die sich über die Augen wischten …

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