“Peter Grimes” von Benjamin Britten

Dr. Joachim Ludwig über “Peter Grimes” am 9. Februar 2011 im Theater Duisburg

Die Premiere 2009 von Peter Grimes, die ich in der letzten Spielzeit sah, hat mich in Bezug auf das Motiv der Welle sowohl im Bühnenbild, der Musik und auch in der Bewegung des Chores sehr beeindruckt.
Das Thema ‚Außenseiter gegen Gesellschaft‘ ist zeitlos modern. Ich habe mich sehr auf die Wiederaufnahme gefreut. Das Bühnenbild von Kaspar Zwimpfer in Form einer von Akt zu Akt mehr Überschlagenden Welle wurde inzwischen für den Theaterpreis ‚Der Faust‘ nominiert. Die Musik von Benjamin Britten aus der Mitte des 20 Jahrhundert ist sehr eindringlich – sechs Seestücke hieraus haben mich letztes Jahr mit den Duisburger Philharmoniker konzertant überzeugt. Die Wiederaufnahme in Duisburg war durch die Erkrankung des Startenors Roberto Saccà sehr verändert. Der Spielleiter Daniel Hackenberg stellte die zerrissene Persönlichkeit des Außenseiters Peter Grimes auf der Bühne stumm dar. Der schwedische Tenor sang sehr eindringlich von der Seite – ein neuer Inszenierungsansatz. Der eigentliche Hauptdarsteller in ‚Peter Grimes‘ ist der Chor als ‚Masse Mensch‘, der in wellenförmigen Bewegungen den möglicherweise am Unfalltod seiner Lehrjungen schuldig gewordenen Fischer Peter Grimes in den Tod treibt.
Ein besonderes Lob gilt dem Generalmusikdirektor Axel Kober, der als Dirigent unter diesen besonders schwierigen Umständen Sänger, Chor und die Duisburger Philharmoniker zu Höchstleistungen führte.

 

 

 

Barbara Schulte über “Peter Grimes” am 9. Februar 2011 im Theater Duisburg

Benjamin Brittens ‚Peter Grimes‘ hat mich auf unterschiedlichen Ebenen unheimlich angesprochen und begeistert. Großartig ist natürlich das Bühnenbild, das die zunehmende Dramatik der Handlung eindrucksvoll spiegelt, indem es sich von Szene zu Szene immer weiter wie eine riesige Welle über die Bühne erhebt. Diese fast beängstigende Kulisse hat somit zu einem sehr großen Teil zu meinem Gesamteindruck beigetragen.
Was mir außerdem unheimlich gut gefallen hat, war die Musik. Sie interpretiert den Text meines Erachtens nach treffend und ist auch so einfach wunderbar anzuhören. Es gibt keine zehnfachen Wiederholungen und kein Schwelgen in Emotionen. Musik, Text, Inhalt und Stimmung bilden bei dieser Oper eine äußerst gelungene Symbiose. Wie in den meisten Stücken wird auch bei ‚Peter Grimes‘ ein Thema aufgegriffen, das uns alle immer beschäftigt hat und es auch immer tun wird. Dieses Mal ist es nicht die Liebe, sondern das Böse im Menschen.
Mich hat vor allem beschäftigt, dass mein Bedürfnis, mich mit dem Protagonisten zu identifizieren, auf die Probe gestellt wurde. Grimes ist nicht der klassische Held. Er ist für den Tod zweier seiner Lehrjungen verantwortlich, er ist gewalttätig, unfreundlich und undankbar – nicht gerade ein Typ mit Vorbildcharakter. Andererseits ist Grimes einsam – er ist Opfer von gesellschaftlicher Isolation, Mobbing und Rufmord. Alle sind gegen ihn und so wird seine soziale Existenz strategisch von den Bürgern der Kleinstadt vernichtet. Grimes ist somit ein unheimlich vielschichtiger Charakter. Benjamin Brittens komplette Bühnenwelt ist nicht nur in Gut und Böse aufgeteilt. Stattdessen spiegelt sie das wahre Leben, das auch nicht nur Schwarz und Weiß, sondern unendlich viele Grautöne kennt. Denn auch die Bürger der Stadt können nicht eindeutig als ‚die Guten‘ gedeutet werden. Auch hier herrscht Doppelmoral wo man hinschaut: Prostitution und Drogenhandel sollen sonntags im Gottesdienst wieder weggewaschen werden.
Durch das Sichtbarmachen von komplexen gesellschaftlichen und moralischen Verflechtungen spricht diese Oper nicht nur unsere ästhetischen Sinne an. Sie hinterfragt unser Wertesystem und rüttelt an unseren oft starren Menschenbildern.
Alles in Allem halte ich diese Oper für die bisher Beste. Großartige Musik, eindrucksvolle Bilder und kluge, anspruchsvolle Inhalte. Unbedingt anschauen!

 

 

 

Eckart Pressler über “Peter Grimes” am 9. Febraur 2010 im Theater Duisburg

Das Scheitern an seinen Träumen ist alltäglicher dramatischer Bühnenstoff. Sehr ungewöhnlich aber in der Version von Peter Grimes, dem Eigenbrötler in einem kleinen englischen Fischerdorf: da braut sich ein Skandal um Kinderarbeit und Kindesmisshandlung zusammen, Geifer und Vorverurteilung durch die Öffentlichkeit schlagen hohe Wellen, das umstrittene Individuum spiegelt und verzerrt sich in der Gesellschaft. Es ist faszinierend, wie aktuell und dicht diese Story präsentiert wird, ich vergesse fast, in einem Opernhaus zu sitzen. Dieser Kriminalfall mit psychologischer Tiefe wird spannend abgehandelt, die Musik stört nicht, sie wirkt nicht künstlich im wahrsten doppelten Sinne.
Die eigentliche Qualität aber scheint mir die außerordentlich gelungene Einheit zu sein von dramatischer Begebenheit, choreographiertem Wechselspiel zwischen Chor (Meinung der Straße) und Solisten (die dramatischen Akteure) und schließlich der musikalischen Dynamik. Sie wogt zwischen romantischen Farben und Verirrungen und dissonanter Bedrohung. Die flirrende und Menschen verschlingende See bedroht das Fischerdorf mit einer verheerenden Flut, die Dorfgemeinschaft wendet die Bedrohung gegen Peter Grimes zu einer Flut von Ängsten, Verdächtigungen und Verurteilung. ‚Wer sich von uns absondert und
seinen Stolz hat, wer uns verachtet, den zerstören wir!‘
In dieser Oper ist weniges so wie in einer Oper und vieles so wie man es heute, wenn nicht selbst erlebt, so doch oft serviert bekommt. Gewalt ist überall: gegenüber Kindern, in der privaten Beziehung, in der Gesellschaft, in der Natur! Ein Stoff, der nicht moralisiert, sondern anregt zur Reflektion. Viel Platz für Hoffnung ist da allerdings nicht.
Sehr gelungen wurde der Ausfall wegen Krankheit des Peter Grimes kompensiert durch die pantomimische Darstellung auf der Bühne und die gesangliche aus dem Off. So konnte die Hilf- und Sprachlosigkeit des Titelhelden noch stärker empfunden werden. Das Bühnenbild veranschaulichte die alles verschlingende Flutwelle eindrucksvoll und bis in den Orchestergraben hinein! Chor und Solisten brillierten. Ich hätte mir aber manchmal eine leichte elektronische Unterstützung der Solistenstimmen gewünscht, die in einigen Passagen leider im Chor untergingen. Mein Fazit des Abends: eine großartige Leistung aller Künstler. Unbedingt ansehen!

 

 

 

Uschi Dommen über “Peter Grimes” am 9. Februar 2011 im Theater Duisburg

Der lyrisch poetische Text von Georg Crabbe aus dem Jahre 1810 unglaublich aktuell. Eine Parabel über das menschliche Miteinander. Die Erzählung spielt in einer geschlossenen, kontrollierten Dorfgemeinschaft, dominiert von Existenzängsten und der Angst vor Naturgewalten. Schwankend zwischen Gottesfurcht, Scheinheiligkeit und Doppelmoral, riesige Gegensätze, ein düsteres Szenarium.
Das Bühnenbild spiegelt diese Erzählung in genialer Weise. Ich verneige mich in demütiger Hochachtung vor Kaspar Zwimpfer, der ein so unglaubliches Bühnenbild erschaffen hat. Das ist wahrhaftig große Kunst! Kleine, große, in den Himmel wachsende, gebrochene Wellen, futuristisch, fantastisch. Bilder und Handlung ähnlich dramatisch und in ihren Bann ziehend wie bei Michael Hanekes Film: Das weiße Band. Die Wellen des Lebens, in Bühnenbild und Choreographie sichtbar, in der Dramaturgie spürbar und in der Musik hörbar. Die Oper des filmbegeisterten Benjamin Britten sinnlich, dramatisch, filmreif, sehr modern, wundervoll. Sensibel dirigiert von Axel Kober. Bravo! Spiel, Gesang, Musik und Bild waren beeindruckend übereinstimmend. Welch ein Opernchor! Unsere Duisburger Philharmoniker, große Klasse, ein Genuss. Oh, glückliches Duisburg. Die Kostüme – grau in allen Facetten, düster jedoch nicht trist – stehen für Elend, Hass, Trostlosigkeit, Religiosität, Zorn, Missbrauch, Armut, Hoffnungslosigkeit. Für Erotik, Lust, Lebensfreude und Hoffnung sorgt ab und zu ein Tupfer Rot.
Am Abend der Wiederaufnahme ist ein Sänger, der Hauptdarsteller, erkrankt. Man findet Ersatz für die Stimme. Nicht sichtbar Michael Weinius, der Sänger, seine Stimme: großartig. Eine Bühnendarstellung ist in wenigen Stunden nicht umzusetzen. Dies übernahm der Spielleiter, Daniel Hackenberg, stumm. Er ist gut besetzt, groß, schlank, agil und wirkt mutig, aggressiv, zweifelnd, hoffend. Gerade diese Doppelbesetzung zeigt die gespaltene Persönlichkeit des Fischers, Peter Grimes. Zerrissen zwischen Angst, Aufgabe, Lethargie und Hoffnung, Aufbruch, Liebe. Ist er ein guter, ein böser, ein schlechter Mensch? Woran erkennt man Freund oder Feind? Auch Peter Grimes folgt dem Wahn seiner Mitmenschen, nur mit viel Geld könne alles besser werden. Das Ende der Handlung bleibt offen wie im modernen Film, jeder darf sich seinen eigenen Schluss kreieren. Der Applaus zunächst dürftig. Die Aufführung endete aber in Begeisterung. Der Abend erforderte große Konzentration und ließ mich begeistert aber erschöpft zurück. Spannendes, großes, ‚Kino‘, ein außergewöhnlicher, ein bereichernder Abend.

 

 

 

Dr. Katja Pivit über “Peter Grimes” am 9. Ferbruar 2011 im Theater Duisburg

Beinahe hätte ich den Termin verpasst, aber ich habe es dann doch noch geschafft, zur Aufführung von Benjamin Brittens Oper ‚Peter Grimes‘.
Es war meine erste Oper in englischer Sprache und ich war überrascht, wie gut die Sprache zum Operngesang passte. Allerdings erwartete mich nicht die Atmosphäre eines Teesalons zur ‚tea time‘, sondern die eher raue Atmosphäre eines Fischerdorfes am Meer, vermittelt von einem Bühnenbild das wie ich später erfuhr, für den Theaterpreis ‚Der Faust‘ nominiert wurde. Es erschien mir weniger wie ein Bühnenbild, sondern eher wie ein Stillleben aus tausend Holztüren, die meistens verschlossen und nur selten Licht durchlassend, erschienen. Der Zufall wollte es, dass aus Krankheitsgründen Darsteller und Sänger in der Rolle von Peter Grimes, nicht dieselben waren. Der Darsteller auf der Bühne, der Stockholmer Sänger auf einer verblendeten Nebenbühne. Das passte gut zur inneren Spaltung der Persönlichkeit Peter Grimes. Es wirkte so, als habe sich der sprechende Teil seiner Persönlichkeit abgespalten, denn innerhalb der Szenen wirkte er stumm und sprachlos. Wunderbar.
Die Handlung des Stückes berührte für mein Empfinden vor allem das Täter-Opfer-Thema und die Erkenntnis, dass in jedem beide Potenziale schlummern. Peter Grimes misshandelte zwei Kinder, war also Täter und gleichzeitig auch Opfer des Hasses und der Selbstgerechtigkeit der Dorfgemeinschaft, die ihn zerstören wollten. Die Macht der Dorfgemeinschaft und ihr scheinbares Zusammengehörigkeitsgefühl wurden hervorragend vom Chor repräsentiert, bei dem die Stimmen so dicht klangen, dass sich keine einzelne Stimme mehr unterscheiden ließ. Hier fügte sich der akustische Eindruck mit dem visuellen. Die verschlossenen
tausend Türen, die nichts rein und nichts raus zu lassen schienen und alle Beteiligten gefangen hielten. Auf eine sehr beeindruckende Weise wurde hiermit ein Bild der Verzweiflung, der Hilflosigkeit und der Lieblosigkeit aufgebaut, das sich durch die gesamte Aufführung zog, und an viele Bilder in der Tagespresse und den Medien der aktuellen Zeit, erinnerte. Es ist ein sozialkritisches Stück, dass dem Besucher keinerlei Möglichkeit gibt, sich zu entziehen. Besonders das Bühnenbild und der mächtige und wunderbar dichte Chorgesang haben mich mit einem sehr ernsten Thema, auf eine sehr genussvolle Art, konfrontiert. Das war eine neue Erfahrung die mich lehrt, wie viel Beitrag die Kunst in der Gesellschaft zu leisten in der Lage ist. Um so bedauerlicher fand ich, dass die Aufführung nicht sehr gut besucht war und mindestens hundert Hände fehlten, um den Künstlern gebührend zu applaudieren.

 

 

 

Kitty Görner über “Peter Grimes” am 9. Februar 2011 im Theater Duisburg

In unserer Aufführung von Peter Grimes hatten wir eine sehr besondere Situation: Roberto Saccà, der die Titelrolle singen und spielen sollte, war erkrankt, und so griff das Theater zu einer ungewöhnlichen Notlösung: der Ersatzsänger Michael Weinius sang aus der Seitenbühne, der Spielleiter Daniel Hackenberg stellte die Rolle auf der Bühne dar. Das war zunächst sehr ungewohnt, fügte sich aber bald zusammen.
Peter Grimes handelt von einem Fischer, dessen Lehrjunge zu Tode kommt. Grimes beteuert, dass es sich um einen Unfall gehandelt habe, doch die Dorfgemeinschaft glaubt ihm nicht. Nur wenige stehen zu ihm. Peter Grimes gerät immer mehr unter Druck, die Ereignisse spitzen sich zu bis zu einem dramatischen Schluss.
Die Handlung ist ein Lehrstück über einen Menschen, der ins Abseits einer Gemeinschaft, unter Verdacht gerät, und nichts gegen die Schuld, die ihm nachgesagt wird, tun kann, und sich durch Fehlverhalten, das aus dem Druck resultiert, am Ende tatsächlich
schuldig macht. Eine berührende und erschütternde, weil sehr realistische und aktuelle Geschichte.
Die Musik von Benjamin Britten ist ein großes Seestück – auch und besonders in den Zwischenspielen konnte man plastisch, geradezu lautmalerisch, das Meer hören.
Der englische Gesang in einer Oper war auch zunächst ungewohnt. Doch dadurch konnte ich diesmal in der Originalsprache zumindest Fragmente verstehen, die ich oft sehr berührend fand. (‚Alone, alone, alone with a Childish Death.‘)
Das Bühnenbild greift bemerkenswert die Handlung und das Seethema auf: Eine sich von Szene zu Szene weiterentwickelnde Welle, die Grimes zu überrollen beginnt, die seine bedrückende, eingeengte Situation unterstreicht, aber auch die Macht, die Massen ausüben können, zeigt. Zu Recht war dies Bühnenbild für den Theaterpreis ‚Der Faust‘ nominiert.

Ich konnte mich wunderbar mitnehmen lassen, zuhören,in die Geschichte und die Musik eintauchen und bin bereichert nach Hause gegangen. Es war ein wunderbarer Abend. Danke dafür!

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