Ballett am Rhein – b.10

Bernd Struff über b.10 am 3. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

“Drittes Klavierkonzert” von Alfred Schnittke
Das erste Stück des Abends hat mir sehr gut gefallen. Das schlichte dunkle Bühnenbild und die dezent im Hintergrund flackernden blauen Lichter waren eine wunderschöne Untermalung für die Tänzer. Die Solistin Yuko Kato war für mich im Tanz sehr bewegend. Die Klaviermusik harmonierte großartig, war aber in Teilen sehr melancholisch. Auch die Outfits waren sehr passend zu Musik und  Tanz. Es war wirklich alles stimmig.

“Tanzsuite mit Deutschlandlied” von Helmut Lachermann
Nach der 1. Pause nun der zweite Teil. Es fällt schwer, in den nun folgenden Teil einzutauchen, denn zum Tanz gehört Harmonie, diese habe ich bei der Art  Musik nicht finden können. Für mich ein krasser Gegensatz zum vorherigen Teil, was  von Martin Schläpfer  wohl so gewollt war.  Die eingespielte Videoanimation war visuell sehr irritierend. Das Störbild mit dem ständigen Flackern war für die Augen sehr unangenehm. Außerdem traten dadurch teilweise die Tänzer zurück, wodurch deren beachtliche Leistung schwer mitzuverfolgen war. Auch die Geräusche vom Band waren wirklich kein Hörgenuss. Für mich gehört zu einem Ballett eine schöne sowie harmonische Musik. Es sollte immer ein Seh- und(!) Hörgenuss sein. Auch der Bezug zum Deutschlandlied blieb mir leider verschlossen.
Die Outfits waren sehr schön in ihrer Schlichtheit. Die farbigen Anzüge ergaben tolle Bilder, wenn nicht gerade vom Hintergrund verschluckt. Die Tänzer waren auch hier fantastisch.

“Symphony of Psalms” Chor und Orchester von Igor Strawinsky
Nun zum dritten Teil des Abends : Für mich der Höhepunkt dieses Ballettabends! Die Musik der Düsseldorfer Symphoniker war stimmig zum Tanz, zumal nun auch der Chor auftrat, der aus dem Orchestergraben heraus sehr gut klang und den Raum erfüllte. Über einen großen Teil schwebte das „Laudate Dominum“ in einer Präsenz und Fülle aus dem Orchestergraben, wie man es bist dato kaum von der Bühne hören konnte.
Die Darstellung des Sakralen durch die Tänzer war sehr gut umgesetzt. Dieses war nun ein Genuss für Augen und Ohren und hat mich zum Ende hin dann doch noch mit diesem Ballettabend versöhnt. Somit wurde ich mit einem positiven Gefühl in die Premierefeier entlassen.

 

 

Caroline West über b.10 am 3. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

It’s no secret that I am a big Schläpfer fan. I write  this having seen b.10 twice now, once alone and once with the RhineBuzz group, each time was quite different, the responses from my guests insightful and questioning  and I am left feeling most fortunate  that I live in Düsseldorf, a city that offers us world class arts that are, at times, just second to none.
B.10 belongs in this satin-lined box.

‘Emotions laid bare’ was for me, the story in “Drittes KlavierKonzert”. A beautiful piece of heart-wrenching dance, full of turmoil, joy, longing, rage and sometimes, completeness.
Nothing is final when it comes to love, or perhaps, if and when it is, it quite simply is no longer alive….
The fine, yet powerful movements of the dancers were, as always, quite incredible as they wove and told their tales. As the curtain came down I kind of wanted more, but felt also content and ‘wow’ at the same time that something so beautiful had just touched my soul.

As the next piece ended my companion rightly remarked “so that is what the pixels do when there is a break in the transmission!”
Can “Tanzsuite” be described in a more accurate way? I very much doubt it. I adored this piece and left thinking I envy anyone who sees it ‘for the first time’.
Filled with colour and humour, extraordinary angles and absolute beauty, this is one of my favourite Schläpfer-pieces. It combines video art and dance in a most unique and effective way without ever overpowering the astounding dancers at all. Something different happens here for each and every viewer. And I could watch it again and again.

The final piece “Symphony of Psalms” was a graceful piece of literature. The set included a backdrop of oriental carpets that, combined with the chorus that at times, soared from the new orchestra pit, made a powerful impact on the dance on stage. Yet all the while, despite all that was ‘happening’ the harmony of the piece was paramount and very well achieved.

I know nothing about dance but I recently met with a professional dancer from London at K20 who was part of the “Move” exhibition. As I encouraged her to go see Schläpfer, the dancer responded that I ‘knew’ a whole lot more than I gave myself credit for.
I’m sure I have the b. 1-10 series to thank for this. Martin Schläpfer seems fearless. He challenges himself, his dancers and most certainly the audience. You do have to work at his pieces, they are not easy, float-over-me occasions, but make the effort and you will be rewarded in a most rich and lasting way. Recalling b.10 my memory remembers so very much. My heart feels many moments that have been stirred, but my mind doesn’t feel overloaded at all. Just Perfect!

Claudia Uhl über b.10 am 3. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

b.10, so schlicht durchnumeriert die Namen der Schläpfer-Ballettreihen auch sind, umso vielseitiger und gehaltvoller sind sie dann tatsächlich! Auch hier erlebt man drei Stücke, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ich werde regelrecht von einer Emotion in die nächste geworfen. Die Ballette haben auf mich alle eine regelrechte Sogwirkung, der man sich nicht entziehen kann, die die unterschiedlichsten Gefühle auslöst, wahrscheinlich bei jedem Zuschauer etwas anderes. Martin Schläpfer holt einen einfach da ab, wo man gerade steht, es ist faszinierend.

Das erste Stück des Abends, das „Dritte Klavierkonzert“ trifft mich bereits völlig unvorbereitet. Die reduzierte Bühne und die wunderbare Ästhetik der Tänzer strahlen eine Klarheit und Konzentration aus, die bei mir nicht ohne Wirkung bleiben. Ich merke, wie ich ganz ruhig und klar im Kopf werde, und dann plötzlich die Gefühle in mir hoch steigen. Dieses Stück hat mich an diesem Abend am stärksten berührt.

Das totale Kontrastprogramm folgt danach in der „Tanzsuite“. Dieses Stück ist ziemlich fordernd, vor allem am Anfang. Die Augen müssen sich erst an die Videoinstallationen gewöhnen, viel Schnee, schwarz-weißes Geflimmer, als Kontrast dazu die bunten Kostüme der Tänzer, dazu minimalistische Musik. Das ist für den ein oder anderen, wie ich im Publikum bemerke, nicht einfach. Die meisten aber sind total konzentriert. Die Tänzer interpretieren die Musik hervorragend, schön dabei die humorvollen Anklänge, die Martin Schläpfer gesetzt hat. Bei mir lösen die Bilder eine wahre Gedankenflut aus. Ein Kunstwerk, eine Installation, ein Ballett, nur ein einziger Name wird dem Erlebten nicht gerecht. Ich habe wieder mal das Gefühl, in einem Museum zu stehen, und ein Bild zu betrachten, nur ist es hier bewegter, und schöner und musikalischer. Schwer zu beschreiben, ich kann nur empfehlen, es selbst anzuschauen. Ich finde es grandios.

Seltsamerweise habe ich danach bei der „Symphony of Psalms“ etwas gebraucht, um hineinzukommen. Eine wunderbar getanzte Choreographie von Jiri Kylián, eigentlich gefälliger als das zuvor gesehene. Wahrscheinlich war ich noch so vom Abstrakten, Minimalistischen fasziniert, dass ich zunächst vor allem mit der Bühne nicht so viel anfangen konnte. Es war irgendwie ein begrenzter, kompakter Raum, im krassen Gegensatz zur Weitläufigkeit (vor allem für den Geist und die Phantasie!) des zuvor erlebten. Dazu kommt, dass ich Musik von Strawinsky oft gewöhnungsbedürftig finde. In diesem Fall mit Chor, das gab dem ganzen etwas Gewaltiges, Sakrales. Mit der Zeit hat mich auch diese Aufführung in ihren Bann gezogen, dass ich sie am Ende gern noch länger gesehen hätte.

 

 

Barbara Kessler über b.10 am 3. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Obwohl ich ein begeisterter Anhänger des modernen Balletts bin, fällt mir die Beurteilung des Abends nicht leicht.
Drei wichtige, aktuelle Themen liegen den sehr unterschiedlichen Choreografien zu Grunde: zwischenmenschliche Beziehungen, mediale Welt und Religion. Jede für sich ein Genuss.
Den Auftakt bildet Martin Schläpfers Choreografie zu Schnittkes Konzert für Streicher und Klavier. Eine wunderbare Einheit zwischen tänzerischer Darbietung, Kostüm und Musik . Farblich reduziert, ein ,mal mehr und mal weniger, glitzernder Hintergrund lässt das Bühnenbild  an das Universum erinnern. Vor diesem Bild können sich die Tanzszenen voll entfalten. Eine großartige Tänzerin (Yuko Kato) umgeben von Tänzern, die sich in Ihrer unmittelbaren Nähe bewegen und dann auch wieder auf Distanz . Paarweise und alleine. Wechselnde Gruppierungen. Zuneigung und Entfremdung entsteht sofort als Bild. Getanzte, zwischenmenschliche Beziehungen. Ein sehr emotionales Stück.

Das zweites Werk, die Tanzsuite mit Deutschlandlied von Helmut Lachenmann, hat mir sehr gefallen. Die minimalistischen, technisch erzeugten Klänge der Musik empfand ich  zuerst als schwer tanzbar, wurde jedoch vom absoluten Gegenteil überrascht. Die in hautengen, bunten Ganzkörpertrikots gekleideten Tänzer bewegten sich  facettenreich von spielerisch leicht bis kraftvoll athletisch und humorvoll grotesk.Dem Bühnenbild von Keso Dekkers entsprechend,  farbenreich und flimmernd, das getanzte Testbild. Im Laufe der Choreografie verwandelt sich das Bunte in ein flimmerndes, rauschendes Grau, erkennbar als Störbild.

Die dritte Choreografie, Jirí Kylians „Symphony of Psalms“ für Chor und Orchester von Igor Strawinsky, lässt schon im Titel ein religiöses Thema vermuten. Das Bühnenbild bestätigt den Eindruck sogleich. Eine Aufreihung von Orienteppichen in roter Farbgebung, dicht aneinandergefügt, erzeugen eine sakrale Stimmung. Dazu die klare Anordnung der Gebetsstühle in einer Reihe. Auf dem Boden liegend ebenfalls ein dunkler Teppich, der das ruhige Bühnenbild vervollständigt. Das Zusammenspiel von Chor  und Orchester ist beeindruckend.Die Tänzer in einheitlicher Grauabstufung gekleidet, suggerieren visuell eine Gemeinschaft. Der Tanz zeigt eher klassische Stilelemente und eine klare Struktur. Es wird ein einheitliches Bild erzeugt. In allen wichtigen Komponenten, Bühnenbild, Kostüm, Musik und Tanz perfekt inszeniert.
Dieser Abend ist absolut empfehlenswert. Die drei Choreografien ergeben ein großartiges Miteinander.

 

 

Katharina Micha über b.10 am 3. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Wie schon bei vorangegangenen Ballettabenden an der Deutschen Oper am Rhein mit mehreren Choreographien fällt es mir auch bei der Verfassung einer Kritik zu b.10 schwer, ein für alle drei Stücke geltendes Votum zu fällen. Auch dieser Abend war geprägt von sehr unterschiedlichen Eindrücken.
Der Einstieg mit Martin Schläpfers Choreographie „Drittes Klavierkonzert“ gefiel mir sehr gut. Das karge Bühnenbild in Azur-blauem Licht ließ Raum für die großartige Yuko Kato, die den Lebensweg einer Frau tänzerisch expressiv und sehr energiegeladen darstellte. Sie begegnet in verschiedenen Lebenslagen Weggefährten, deren Zusammentreffen unterschiedlich intensiv ausfallen. Dies wurde wunderbar unterstrichen durch die teilweise sehr dissonante Komposition von Alfred Schnittke. Da die Energie des Menschen zum Lebensende hin weniger wird, nahm auch die Dynamik zum Ende der Darbietung hin ab, was aber stimmig wirkte.
Im zweiten Stück des Abends landeten wir beim Fernseh-Testbild, das in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts offiziell eingestellt wurde und auf der Bühne mittels Beamer-technik auf die Rückwand projeziert wurde. Dieses Testbild löste sich einerseits auf in eine flimmernde Bildstörung und andererseits in Tänzer und Tänzerinnen, die in körperbetonten Kostümen in den leuchtenden Farben des Testbild-Farbbalkens in unterschiedlichsten Konstellationen auf der Bühne erschienen. Viele dieser Tänzergruppen bewegten sich überraschend verrückt über die Bühne, sodass ich mehrfach schmunzeln musste. Aber über dieses amüsierte Schmunzeln hinaus, berührte mich die Szenerie nicht, es gab keinen roten Faden – wenn überhaupt war der Faden „Albernheit“. Das lag für meinen Begriff auch an der schwer zugänglichen Klang- und Geräuschewelt, die laut Programm-heft burleske Zitate von Kinderliedern, Zirkusmusik, dem Deutschlandlied u.a. beinhaltete. Dies war für mich nicht nachvollziehbar. In meinen Augen reicht es nicht, lustige Bewegungsmomente aneinanderzureihen, um mich als Zuschauerin zu packen – das belustigt mich einigen Minuten, danach wird es beliebig. Die „Bildstörung“ löste sich dann nach gefühlt langer Zeitüberschreitung in Schwarzweißtöne auf.
Diese „verlorene“ Zeit hätte ich mir sehr für das dritte Tanzstück des Abends „Symphony of Psalms“ gewünscht, das mich vollkommen begeisterte, viel zu kurz war und mich mit dem Abend versöhnte. Die Szenerie, die sich hinter dem Vorhang bot, ließ mich in eine Art symmetrischen Gebetsraum eintauchen, der mit einer Vielzahl von Gebetsteppichen als Wandbehang bestückt war. Die warmen Töne dieser Kelims und die durch acht Betstühle klar strukturierte Räumlichkeit hatten beruhigende und spirituelle Wirkung. Diese sakrale Raumkomposition passte perfekt zur Musik von Igor Strawinsky und dem überragenden Chor der Deutschen Oper am Rhein. Auch die Choreographie von Jirí Kylián nahm das religiöse Thema auf, indem zum Beispiel die männlichen Tänzer oft mit weit geöffneten Armen sinnbildliche Kreuze bildeten. Die zu Beginn nach Geschlechtern getrennten Tanz- und Betrituale lösten sich langsam auf und es bildeten sich verschiedene Tanzformationen. Dies wirkte auf mich wie eine tänzerisch dargestellte Utopie, das vielleicht in Zukunft solche Geschlechtertrennungen in spirituellen Räumen überflüssig werden. Über diesen dritten Teil des Ballettabends würde ich Freunden dringend empfehlen, den muss man gesehen haben.

 

 

Selinde Böhm & Rudolf Müller über b.10 am 3. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Eryximachos
  „Der Augenblick gebiert die Form, und die Form macht den Augenblick sichtbar.

          

Phaidros
  „Sie flieht vor ihrem Schatten in die Lüfte!“

    Sokrates
      „Wir sehen sie immer nur wie im Sturz…“

                                                                                              Paul Valéry
Die Seele und der Tanz

Am Anfang war man schon begeistert von Yuko Kato. Ein grandioser Auftakt für einen gelungenen Abend. Und es zeigt sich wieder einmal, welch glückliche Hand Schläpfer bei der Komposition der Abende hat. Versteht man doch vom letzten Stück her, einer Choreographie Kyliáns, was eine der großen Leistungen Schläpfers ist: die vielen Individuen auf der Bühne. Beinahe über die Sichtbarkeitsgrenze hinaus: wie soll man alle diese unterschiedlichen gleichzeitigen Bewegungen verfolgen?

 

 

Guido Boehler über b.10 am 3. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Das erste Stück “Drittes Klavierkonzert” war einfach so gut, dass ich dachte: “Das Beste kommt dieses Mal gleich am Anfang!”
Bei diesem Stück war das Bühnenbild sehr zurückhaltend – und das war auch gut so. Die Tänzer und die Musik waren einfach so faszinierend aufeinander abgestimmt, dass es keinen optischen Rahmen brauchte. Das getanzte Konzert war eine perfekte Mischung aus Klassik und Moderne, leicht und heiter. Zusammgefasst kann man sagen, einfach schön ! So sollte Ballett heute sein. Am Ende des Stücks sah man nur zufriedene Gesichter, und in der Pause hörte man die höchsten Lobeshymnen.

Wie sollte es jetzt weitergehen, das war die spannende Frage.

Das zweite Stück die “Tanzsuite” konnte nicht kontrastreicher sein – erinnerte fast schon an eine Kunst-Performance. Plötzlich erklang Musik – oder besser gesagt Töne – aus dem Lautsprecher, dazu starke Lichteffekte und Störbilder, die man aus dem Fernseher kennt. Irgendwie “schräg” und zugleich perfekt inszeniert, tanzten die Balletttänzer mal in knallbunten Kostümen in “spacigen” Rahmen. Hier war alles anders als im klassischen Ballett. Toll, wie auch hier die Tänzer wieder unglaublich präzise getanzt haben, als würden sie nichts anderes machen. Alles in allem ein inspirierender Ausflug ins Ballett auf einem Spaceshuttle.

Wieder eine Pause – und jetzt wurde schon mehr diskutiert. Manchen gefiel es, andere hatten Fragezeichen im Gesicht!

Und last but not least führte auch das dritte Stück, die “Symphony of Psalms” wieder in eine ganz andere Welt des Balletts.
Hier wurde es plötzlich monumental, richtig bombastisch, sakral ! Mit größter Disziplin und Perfektion getanzte “hohe Kunst” in einem etwas dunkleren, fast mystischen Rahmen. Die Musik ging tief unter die Haut. Ein echtes Tanzerlebnis, mit tollen Kostümen in einer perfekten Kulisse.
Fazit: für mich der Höhepunkt aller bisherigen Ballettabende. Großes Kompliment für die spannende Zusammenstellung!

 

 

Pater Elias Füllenbach zu b.10 am 3. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Nachdem mir b.09 nicht besonders gefallen hatte, war ich eher skeptisch, was mich an diesem Abend erwarten würde. Aber es kam alles ganz anders. Ich traf nach einem recht anstrengenden Tag gerade noch rechtzeitig in der Oper ein, hastete zu meinen Sitzplatz – und wurde von dem ersten Stück gleich mitgerissen und in eine andere Welt geführt. Es war fantastisch! Jede einzelne Bewegung in Schläpfers Choreographie wirkte auf die Musik, das dritte Klavierkonzert von Alfred Schnittke, abgestimmt; Tanz und Musik bildeten eine großartige Einheit. Für mich war dieses Stück der Höhepunkt des ganzen Abends, auch wenn es in ihm – so mein Eindruck – um sehr ernste, aber eben auch sehr menschliche Themen ging: die Erfahrung von Ablehnung und Gewalt, die Suche nach Halt, der mal glückende, mal scheiternde Versuch, sich aus einer Situation zu befreien, Selbstverteidigung.

Die „Tanzsuite“ nach einer gleichnamigen Komposition von Helmut Lachenmann war dann ein wunderbares Kontrastpogramm. Im Hintergrund ein riesiger flirrender Bildschirm, davor die hin- und herspringenden Tänzerinnen und Tänzer, ihre Kostüme in grellen Farben: Ein Testbild, das lebendig wird. Mit viel Witz und Esprit hat Schläpfer hier eine bunte Welt erschaffen, die mich immer wieder zum Schmunzeln und zum Lachen brachte. Alles war im Schwung, passend zu Lachmanns Musik, den Geräuschen und schnellen Rhythmen. Sicher würde ich mir weder diese Musik noch Schnittkes Klavierkonzert einfach so daheim auf einer CD anhören, aber in der Verbindung mit dem Tanz konnte ich sie gut auf mich wirken lassen. Am Ende dann ein wunderschöner Blick in das All. Die Tänzer hatten sich umgezogen und wirkten in ihren hellgrauen Kostümen wie kleine Sternschnuppen, sanfte Lichtfunken im weiten Universum. Traumhaft!

Schließlich das letzte Stück nach der „Symphonie de Psalms“ von Strawinsky. Anders als bei der Aufführung des Brahmsrequiems (b.09) stand der Chor nun im Orchestergraben. Dadurch war er viel besser zu hören, und dennoch wirkte es manchmal so, als käme der Gesang aus einer anderen Sphäre. Das war unglaublich! Auf der Bühne war ein sakral anmutender Raum zu sehen: Im Hintergrund eine Wand voller roter Teppiche, die mich sofort an Gebetsteppiche erinnerten; davor vier Stühle, die man oft in französischen Kirchen findet und auf denen man sowohl sitzen als auch knien kann. Die meisterhafte Choreographie von Jirí Kylián machte – zumindest in den Augen des Theologen  – eine entscheidende Frage jeder Religion zum Thema, die Beziehung des Individuums zur Gemeinschaft. Tatsächlich spielte das Gemeinsame der Gruppe, das Zusammenhalten der Einheit in den Bewegungen der Tänzerinnen und Tänzer eine große Rolle. Zusammen mit der Musik und dem besonderen Licht auf der Bühne entstand ein großartiges Gesamtbild.
So ging ein faszinierender Abend leider schon wieder zu Ende. Ich fühlte mich reich beschenkt. Danke! 

 

 

Eckart Pressler über b.10 am 30. Oktober 2011 im Theater Duisburg

Ein wirklich unterhaltsamer und abwechslungsreicher Ballettabend. Sowohl das Dritte Klavierkonzert, als auch die Tanzsuite boten lebensnahe mitfühlbare Erzählungen. Engagiert und wechselnd zwischen Heiterkeit und Tragik der Lebensweg einer Frau, die in verschiedenen Beziehungen hin und her gerissen ist. Die volle Breite und Tiefe des Lebens füllte hier getanzt auch die ganze Bühne aus. Sehr nuanciert hat Yuko Kato das Individuum gestaltet, immer wieder im Kontrast herausgearbeitet zu den Partnern und wechselnden Gruppen. Musik und Tanz habe mich an diesem Abend als großartige Einheit erlebt, ich fühlte mich mitgenommen.
Auf ganz andere Weise faszinierte die Tanzsuite Martin Schläpfers. Sie bot in Übereinstimmung mit oder auch geradezu gegen den Strich der musikalischen Komposition Helmut Lachenmanns die scheinbar unendliche Formenvielfalt kreativer Körper in Bewegung. Und dies nicht in akademischer Weise, was wohl der Musik zu verdanken ist – über weite Strecken Noise,. Schön, dass ich in diesem Puzzle vergeblich auf das Deutschlandlied wartete und stattdessen vor allem mit Witz, quirligem Tempo, krasser Farbe und innovativen Sounds entschädigt wurde. Da war nichts verquastes, nichts vermüllt oder verschleiert. In den „goldenen Zeiten“, als die TV-Anstalten noch mangels genügend Füll-Programmen nachts Schneegestöber und Testbilder sendeten statt der heutigen Serien-Sülze und Sprachlosen-Talkshows. Da konnte sich vor den Fernsehschirmen noch echtes buntes pralles Leben entwickeln. Schön, dass die Tanzsuite diese Zeiten auf die Bühne bringt.
Die Psalmen von Strawinskys Symphonie haben mich musikalisch nicht überzeugt. Das „Laudate“ klang mehr schmerzvoll als freudig. Sie gaben aber dem Abend einen unerwartet hymnischen feierlichen Abschluss. Fließende Gewänder wie bei griechischen Tempeldienerinnen und wallende Bewegungen erinnerten an religiöse Rituale vergangener Jahrhunderte, visualisierten Anbetungen und Lobpreisungen eines Gottes. Weniger mein Fall, aber ein schönes Beispiel dafür, wie weit wir dem inzwischen entronnen sind.
Was mir blieb von diesem konzertanten Ballettabend, das war die gelungene Identität von „Ton und Tun“, um es mal auf eine Minimalformel zu bringen. Zumindest beim Klavierkonzert und bei der Tanzsuite bereitete mir diese Erstaunen, Wohlgefühl und Vergnügen.

 

 

Dr. Joachim Ludwig über b.10 am 30.Oktober 2011 im Theater Duisburg

Die Premiere des Ballettabends b.10 in Duisburg war außergewöhnlich abwechslungsreich, vielschichtig und bildgewaltig. Das dritte Klavierkonzert (1979) von Alfred Schnittke wurde von Denys Proshayev am Flügel mit dem Duisburger Philharmonikern unter der Leitung von Wen-Pin Chien wunderbar dargeboten. Die Choreographie von Martin Schläpfer aus Mainzer Zeit zeigt sehr elegant in schwarz-blauem Licht menschliche Beziehungsschwierigkeiten mit der Tänzerin Yuko Kato im Mittelpunkt.
Eine große Überraschung war die “Tanzsuite” (Mainz 2005). Zu einer Kollage von Geräuschen und Tönen (vom Band – Helmut Lachenmann 1980) wurde ein sehr humorvolles Bewegungsfeuerwerk vom “Kindergeburtstag” über “Gesäßparade” bis zum  philosophischen Schluss – eine  auf dem Boden sitzende Tänzerin wird durch Wechsel  des Hintergrund vom Sternenhimmel  in ein schwarzes „Nichts-Nirwana”  transferiert. Phantastisch sind Bühne und Kostüme von Keso Dekker gestaltet.
Zum Abschluss folgt mit der “Psalmensinfonie” (Strawinsky)  ein Klassiker des modernen Tanzes – 1978 von Jiri Kylian für das „Nederland Dans Theater“ geschaffen , deren Künstlerischer Leiter er bis 1999 war. Zu einer rituell-meditativen Musik – live gespielt von den Duisburger Philharmonikern mit dem Opernchor – tanzen 8 Paare kraftvoll in einer zeitlosen Formgestaltung. Ein wunderbar anregend und inspirierender Abend!

 

 

Dr. Katja Pivit über 30. Oktober 2011 im Theater Duisburg

Letzte Woche, morgens früh auf der Autobahn, habe ich einen wundervollen Regenbogen gesehen, der den Himmel in eine sonnige Hälfte und in eine bewölkte und regnende Hälfte zu trennen schien. Zutiefst von dieser Erscheinung beeindruckt war es mir ein großes Bedürfnis, diese Stimmung und Atmosphäre zu teilen, aber es gelang mir nicht sie wirklich treffend in Worte zu fassen. Ich befürchte, dass es mir jetzt  nach diesem Ballettabend ähnlich gehen wird, aber ich will es  trotzdem versuchen.
Wir wurden mit drei sehr unterschiedlichen Inszenierungen überrascht.Es begann mit einer Choreografie von Martin Schläpfer „Lebensweg einer Frau“ zum Dritten Klavierkonzert von A. Schnittke. Die Höhen und Tiefen, ein Kommen und Gehen, Momente des Zweifel, der Erleichterung , der Nachdenklichkeit und Spontanität  fanden ihren, für mich, unglaublich klaren Ausdruck im Tanz.
Die zweite Inszenierung war die „ Tanzsuite“ ebenfalls von Martin Schläpfer zur Musik von H. Lachenmann. Ich muss zugeben, dass dieser Teil des Abends für mich der höchste Genuss war. Eine Ballettaufführung mit klassischen, modernen, spielerischen und fast skulpturartigen Elementen. Es entwickelte sich im Tanz eine komplexe und dennoch unbeschwerte Aneinanderreihung von Figuren die wie Stillleben wirkten. Die musikalische Begleitung der Tänzer mit einer Komposition von scheinbar „ungebundenen“ Tönen und Geräuschen, die wiederum wie eine Art akustisches, lineares Stillleben wirkten passten hervorragend dazu. Das Bühnenbild hierzu war schlicht, digital, mit vielen virtuellen Elementen und für mein Empfinden sehr stimmig mit den farbintensiven Kostümen, die trotz ihrer starken Präsenz der Aufführung eine gewisse Eleganz verliehen.
Als drittes „Petit Four“ des Abends kam ein ganz anderer choreografischer und musikalischer Stil zum Ausdruck. Es heißt „ Symphony of  Psalms“, von Jiri Kylian.
Ein puristisches Bühnenbild und  sakrale Musik bildeten den Rahmen für die Choreografie, in der  klassische und moderne tänzerische Elemente fließend ineinander übergingen. Die Bewegungen, der Tanz schienen Themen wie Einheit, Einigkeit, Harmonie, Einssein, Verbundensein, anzusprechen. Es entstand der Eindruck einer sanften Perfektion, zu der wahrscheinlich nur Künstler imstande sind.
Sicherlich ein Abend für Feinschmecker und Genießer.

 

 

Kai Gottlob über b.10 am 30. Oktober 2011 im Theater Duisburg

Dissonanz zu Konsonanz

Ganz klar – Ballettchef Martin Schläpfer steht für große künstlerische Qualität. Hoffen wir alle, dass uns das noch lange erhalten bleibt!
B.10 ist schon in seiner Veranstaltungsdramaturgie eine stimmige Komposition. Eröffnet wurde  der Abend mit ‚Drittes Klavierkonzert’, am Flügel Denys Proshayev begleitet von den Duisburger Philharmonikern. Das Bühnenbild zeigt sich eher puristisch, der Blick ist ganz auf die Solisten Yuko Kato und Remus Sucheana fokussiert. Vor allem Yuko Kato erfüllt für mich alle in sie gesetzten Erwartungen. Wunderbar, wie das im Gegensatz zum restlichen musikalischen Ensemble sehr dissonante Klavier im perfekten Einklang mit ihrer Bewegung bestens goutierbar wird. Ein klein wenig Dissonanz war bei eigentlich synchronen Abläufen im zweiten Glied der Tanztruppe wahrnehmbar. Sehen wir es der besonderen Situation einer Premiere geschuldet.
‚Tanzsuite’ überrascht mit einem zunächst visuell dominanten Bühnenbild. Die Videoprojektionen von Christoph Schödel und Keso Dekker sind in ihrem monochromatischen Videorauschen ein mehr als interessanter Kontrast zu der Farbigkeit der bunt leuchtenden Kostüme, die die körperliche Komponente des Tanzes deutlich unterstreichen. Auch hier findet eine nicht gerade gefällige Musik (Helmut Lachenmann) eine erweiterte Wahrnehmung erst mit dem zweiten Medium – im Einklang mit den Bewegungen der Tänzer. Kleinste Akzente erhalten in dieser Kombination die besondere sinnliche Tragweite eines Kunstwerks.
Einen fulminanten Abschluss erhielt der Abend mit ‚Symphony of Psalms’. Zur Musik Igor Strawinskys bot die geradlinig strukturierte Choreographie Jiri Kylians ein besonderes Seherlebnis. Figuren der 16 Tänzer fanden ihre Entsprechungen im Bühnenbild, keine Solisten, das Ensemble war der Star. Die von den Philharmonikern und dem Chor der Deutschen Oper am Rhein groß vorgetragene Musik nahm sich viel Raum, der Zuschauer konnte sich wunderbar an sie anlehnen. Langer Applaus – Bravo!

 

 

Uschi Dommen über b.10 am 30. Oktober 2011 im Theater Duisburg

Ein wunderschöner, hochemotionaler Abend. Ein bunter Reigen, nicht nur im Sinne von farbig, sondern vor allem facettenreich, vielschichtig, voller Abwechslung und von ungeheurem Spannungsbogen. Bewundernswert ist vor allem die Virtuosität der TänzerInnen.
Unsere Duisburger Philharmoniker genial unterstützend, ausgezeichnet wie immer.
Die Musik von Alfred Schnittke ist zeitlos, voller emotionaler Tiefe und starker Ausdruckskraft, wunderschön, intensiv, zum Träumen anregend, für mich sehr ansprechend. Zusammen mit den getanzten Bildern, wunderbar.
Die Choreographie von Martin Schläpfer erkennbar, ideenreich, faszinierend, vor allem Yuko Kato, überwältigend. Mit suggestiver Kraft zieht es mich in seinen Bann. Die Zuschauer konzentriert, gefesselt. Die getanzte Frage: Kann Liebe Erfüllung finden?
Der unbekannte musikalische Klang, mal klassisch, mal neuartig, extrem kontrastreich, von fröhlich gar lustig, bis schwierig und unverständlich, bezaubernd, verrückt, gewöhnungsbedürftig, dramatisch, dann wieder ruhig, leise und wohltuend melodisch, Hörgewohnheiten verändernd. Eine Musik, die die tänzerische Umsetzung geradezu fordert.
Die Choreographie vom Leben erzählend, exzentrisch, krass, humorvoll, spannungeladen, melancholisch, schnell, langsam, bunt wie die Kostüme und das Video-Bild, auf jeden Fall fulminant faszinierend. Die athletische Körperlichkeit sichtbar, die Figuren akrobatisch.
Schloss ich die Augen, waren mir die Töne fremd, öffnete ich sie, war ich begeistert vom Ideenreichtum auf der Bühne, der Farbigkeit des Bildes und der Kostüme, dem modernen Bewegungsvokabular die TänzerInnen und der „Zapping-Fernseh-Idee“. Alles zusammen ein Genuss.
Welch geniale Idee, den Theaterboden mit einer hochglänzenden Folie zu bespannen, die jede Person und jede Bewegung wie im Wasser spiegelt. Ein wunderbarer Effekt, besonders beeindruckend die Szene, in der alle 19 Ensemblemitglieder mit farbigen Stoffrollen in den Händen, dem Publikum ihre Rücken zuwenden. Tanzend, hüpfend, mit den Popos wackelnd, doppelt großartig.

Eine für mich untypische Musik von Igor Strawinsky, ein vertonter Psalm, der die Lobpreisung Gottes zum Inhalt hat, religiös, getragen, meditativ, durch den Chorgesang noch unterstrichen, berührend, beruhigend. Chor und Orchester gleichwertig, eine Einheit bildend. Im Bühnenhintergrund rote, gemusterte Orientteppiche verwoben zu einem mystischen Teppichgemälde.
Die packende Choreographie von Jiří Kylián zeigt die Komplexität der gemeinsamen, spirituellen Aussage von Text, Gesang, Musik, Bild und Tanz über Freiheit und Begrenzung, Glaube und Zweifel, im Einzelnen oder Gemeinsamen, Toleranz und Miteinander in der Liebe, im Leben, bis zum Tod.
Im dichten Ensemblespiel der 8 Paare wird Gemeinschaft deutlich, Zusammengehörigkeit zwischen den Künstlern und dem Publikum spürbar.
Alle waren begeistert. Viele Vorhänge als Dank.
Es war ein berührender Abend, vor allem ein zufriedenstellender, wie nach einem guten Essen. Ich gehe satt und beschwingt nach Hause.

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