Ballett am Rhein – b.11

Dieter Falk über “b.11″ am 17. März 2012 im Opernhaus Düsseldorf

Ein toller Abend, wir Düsseldorfer können uns wirklich glücklich schätzen ein so fantastisches Ballett in der Stadt zu haben!
“Backyard” ist musikalisch schon wirklich gewöhnungsbedürftig, wird dem Zuschauer aber durch die Inszenierung verständlicher gemacht. Erster Höhepunkt – auch musikalisch – ist das “Violakonzert”, hier schafft das Ballett den kompositorischen Stilmix von Alfred Schnittke ganz neu zu begreifen. Dickes Lob ans Orchester.
Großes Kino ist  der Abschluss des Premierenabend mit “Fearful Symmetries”, wo zum ersten Mal das Ballettensemble  fast durchgehend im Tutti auftritt. Die superschnellen Szenenwechsel im “off“, von der treibenden John Adams-Komposition unterlegt, sind atemberaubend und aufregend. Die Musik ist es auch, leidet aber zuweilen unter der rhythmischen Ungenauigkeit der Schlagwerkabteilung. Diese ist sicherlich dem hohen Schwierigkeitsgrad geschuldet aber trotzdem  ein kleiner Dämpfer dieses tollen Abends.

 

 

Claudia Uhl über “b.11″ am 17. März 2012 im Opernhaus Düsseldorf

Der b.11er Ballettabend hat mich ziemlich gefordert. Und das lag nicht an den großartigen Tänzern. Die Tänzer sind immer genial. Ich bewundere die Körperlichkeit und Sensibilität dieser Künstler.
Gefordert hat mich die Musik an diesem Abend. Ich bin anscheinend ein stark auditiv geprägter Mensch, ich kann schlecht ausblenden, was ich höre, und wenn ich etwas höre, was mir partout nicht gefällt wird es schwierig. Die Musik missfällt mir fast den ganzen Abend lang. Ich merke, wie ich versuche dies auszublenden, doch es gelingt mir nicht. Was ich sehe ist dagegen interessant, vielseitig, teilweise sportlich, athletisch und neu.
Die Uraufführung „Backyard“ lebt von tollen, choreographischen Ideen, zum Beispiel als die Tänzer die Ketten, und damit das eigentliche Bühnenbild umfunktionieren und mit einbeziehen. Als Yuko Kato die Ketten einsammelt und anhäuft, muss ich an Bilder aus Fukushima denken, oder an Bilder aus Kriegs- und Katastrophengebieten. Krisenszenario, Milieustudie… generell habe ich ziemlich düstere Gedanken und Empfindungen bei diesem Stück.
So sehr ich die Musik Alfred Schnittkes im „Dritten Klavierkonzert“ des Ballettabends b.10 zu schätzen wusste, umso mehr hadere ich heute mit dem „Violakonzert“ Schnittkes. Ist das tatsächlich derselbe Komponist? Ich bin ratlos. Ich fühle mich, als sei ich auf Schnittke „hereingefallen“. Das muss man bitte mit etwas Humor und im übertragenen Sinne verstehen. Eigentlich mag ich so was ja sehr, die Auseinandersetzung mit der Kunst, die mir manchmal gefällt, manchmal nicht, mich manchmal anregt oder inspiriert und noch so vieles mehr bewirkt. Doch heute bleibt mir leider jeglicher Zugang zu den Stücken verschlossen.
Das dritte Stück des Abends, „Fearful Symmetries“, möchte ich mit seiner Dynamik nicht unerwähnt lassen, auch hier gibt es geniale, neue Ideen beispielsweise den, zuerst unsichtbaren, Vorhang, der erst mit gezieltem Licht zu einer Art Leinwand wird und somit die Sehgewohnheiten des Betrachters praktisch neu definiert. Trotzdem fühle ich mich emotional überhaupt nicht abgeholt, im Gegensatz zu fast allen anderen, bisherigen Ballettabenden.
An diesem Abend kämpfe ich irgendwie mit mir selbst.

 

 

Katharina Micha über “b.11″ am 17. März 2012 im Opernhaus Düsseldorf

Was man nicht alles mit 15 Hockern darstellen kann! Welche Räume, Szenerien und Bilderwelten! In der Aufführung des Balletts „Fearful Symmetries“ waren mir die zwölf Szenen fast zu wenig, so unvergleichlich waren das Tempo, der Ideenreichtum, die Einheit aus Musik und Bewegung, die Höchstleistung des Ensembles und so überraschend war das Spiel mit der getrübten Wahrnehmung der Zuschauer. Denn ein Vorhang, der nur durch Lichteffekte zum Verblassen des Bühnenraums führte, funktionierte wie ein filmischer Cut. In Sekundenschnelle veränderte sich hinter diesem Vorhang die räumliche Anordnung der Hocker sowie der TänzerInnen, sodass mal das Bild eines Schwimmbads, das einer Konferenz oder das einer griechischen Säulenhalle entstand. Da mich der Musikstil der Minimalmusic bisher nicht begeistert hatte, war ich vollständig überrascht von der Leichtigkeit, dem Klangteppich und der Geschwindigkeit der Komposition von John Adams.

Räume und Bilderwelten sind für mich das beherrschende Thema des gesamten Abends, denn auch die beiden anderen Choreographien beeindruckten durch ihre Bildgewalt, obwohl der Einsatz von Bühnenrequisiten und Musik minimalistisch war. So wird aus einem rechteckig angeordneten Kettenvorhang erst ein bedrückender Hinterhof, dann ein Klangfragment und später ein wie ein „Schrotthaufen“ anmutender Berg. Auch in Martin Schläpfers „Violakonzert“ sind es die symmetrischen Räume, die den Rahmen für die Tänzer bilden: eine in Rechtecke unterteilte Spiegelwand, ein im Kreis rotierender, von der Decke herabhängender Zeiger und ein sich diagonal über die Bühne bewegender Schatten eines Kran-Arms.

Dieser Ballettabend hat mich vor allem dadurch absolut begeistert, dass die Düsseldorfer Compagnie in der Lage ist, drei so verschiedene Choreographien wie die am Anfang des Textes beschriebene von Nils Christe, die Uraufführung „Backyard“ von Uri Ivgi und Johan Greben und eine Aufführung des „Violakonzerts“ von Martin Schläpfer  auf höchstem Niveau zu meistern. Die Bandbreite der Tanzstile und die technische Versiertheit des Ensembles sind so unglaublich, dass ich mich bei jedem neuen Ballettabend wundere, ob man das in der nächsten Aufführung noch überbieten kann? Es hat sich wieder gezeigt – das Düsseldorfer Ensemble kann!

 

 

Barbara Wieland-Kessler über b.11 am 17. März 2012 im Opernhaus Düsseldorf

Backyard

Choreographie von Uri Ivgi und Johan Greben
Musik von Bernd Alois Zimmermanns Orchesterskizzen “Stille und Umkehr”,  Ryüinichi Sakamoto, Arvo Part

Im Gesamteindruck eine wunderbare Choreographie. Das reduzierte Bühnenbild – Hinterhofatmosphäre-, dargestellt durch einen quadratisch aufgehängten Kettenvorhang aus Metall. Es entsteht eine Trennung zwischen Innen- und Außenraum. Die Tänzer sind schlich in schwarz gekleidet. In der Choreographie geht es um Macht, Gewalt und Aggression. Die Rollenverteilung von Männern und Frauen stellen sich gleichwertig dar, die Gewalt geht von beiden aus. Handlung und Bühne verändern sich sehr stimmig zueinander. Der Kettenvorhang fällt mit lautem Getöse, fast befreiend und der beengte Raum wird aufgelöst. Die Ketten werden zu “Inseln” aufgehäuft, ein Bild  der Ruhe entsteht. Gleichzeitig finden sich die Tänzer in Gruppen zusammen, die Stimmung wird friedlicher und intimer.
Das Zusammenspiel von Tanz, Musik, Bühnenbild und Lichtführung könnte nicht schöner sein.

Violakonzert

Choreographie von Martin Schläpfer
Musik von Alfred Schnittke

Martin Schläpfers Choreographie zum Violakonzert von Alfred Schnittke ist stark am klassischen Tanz orientiert. Die Figuren der Tänzer sind perfekt auf die Musik abgestimmt. Der Tanz bekommt dadurch eine formale Klarheit. Unterstrichen wird dieser Eindruck durch das kühle Licht. Das Bühnenbild erscheint im Gegensatz dazu angenehm weich und verschwommen. Eine Metallwand bildet den Hintergrund, auf dem die Tanzszenen undeutlich und geschmeidig reflektiert werden. Es entstehen wunderbare Bilder, die an moderne Kunst erinnern. Auch in dieser Choreographie verändert sich das Bühnenbild mit dem Handlungsablauf. Ein Lichtstab, der kreisend das Wirkungsfeld der Tänzer eingrenzt, entschwebt in die Höhe und gibt den Raum der Handlung frei. Die Tanzszenen werden weicher und schwebender. Insgesamt fehlte mir der Zugang zur  Musik von Alfred Schnittke.

Fearful Symmetries

Choreographie von Nils Christe
Musik von John Adams

Fearful Symmetries ist eine ungemein dynamische, schnelle Choreographie. Die Musik von John Adams ist schnell, rhythmisch und erfährt durch die Bläser stark  jazzige Elemente. Dazu sehr stimmig und ungeheuer mitreißend agiert das Tanzensemble. Taillierte Hocker, die wie Startblöcke anmuten, werden von den Tänzern spielerisch in Ihre Figuren mit einbezogen. Sie markieren Ihren Handlungsraum. Die Seitenflächen der Hocker sind in den Grundfarben blau, gelb, rot und weiß eingefärbt und lassen auf der Bühne immer neue Farbkombinationen zu. Um diese ungemein schnelle Handlung zu unterbrechen, lässt Christe die Bühne immer wieder “verschleiern”. Ein scheinbar unsichtbarer Vorhang wird blickdicht ausgeleuchtet und es entsteht ein Moment der Stille und Konzentration. Die Wahrnehmung wird erneut sensibilisiert auf das nun Folgende. Wie ich finde, eine geniale Idee.

Martin Schläpfer ist mit b.11 ein wunderbarer Abend gelungen. Er hat eine Gruppe von Choreographen zusammengeführt, die den Modernen Tanz perfekt repräsentieren.

 

 

Pater Elias Füllenbach über “b.11″ am 17. März 2012 im Opernhaus Düsseldorf

Das war ein ganz besonderer Abend! Noch nie hat mich eine Ballettaufführung so berührt. Dabei hatte ich vorher noch recht skeptisch auf das Programm gesehen: Kein Schumann oder Schubert, sondern Musik von Zimmermann und Adams, was würde das wohl geben? Und dann auch noch das Violakonzert von Alfred Schnittke, das ich vor Jahren mal in einem Konzert gehört habe und das mir damals überhaupt nicht gefallen hat. Ich erwartete daher einen recht anstrengenden Abend. Aber es kam völlig anders. Der Tanz auf der Bühne wirkte schon bald wie ein „Schlüssel“, der mir einen Zugang zur Musik ermöglichte und „Türen“ öffnete, mit denen ich nie gerechnet hätte.

Alles begann mit der grandiosen Inszenierung von Uri Ivgi und Johan Greben: Am Anfang sind die Tänzerinnen und Tänzer wie Tiere in einem Käfig gefangen. Ausbruchversuche scheitern zunächst, bis deutlich wird, dass man durch die Ketten hindurch schlüpfen kann. Schließlich fällt der Käfig in sich zusammen. Aber was bedeutet diese gewonnene Freiheit? Einzelnen werden die Augen zugehalten; es kommt zu Rivalitätskämpfen, während die Ketten, in denen man gerade noch gefangen war, scheinbar sinnlos zusammengeräumt werden. Doch man kann auf diesen Kettenhaufen stehen, auf die anderen herabsehen oder sich in die eigene Isolation flüchten. So könnte es also aussehen, wenn die Freiheit den anderen aus dem Blick verliert und ohne Verantwortung bleibt. Die Inszenierung wirkt auf mich wie ein düsterer Kommentar zu den medialen Debatten der vergangenen Wochen. Ja, es braucht beides, Freiheit und Verantwortung, sonst regiert nur noch die Gewalt des Stärkeren, und der Mensch wird zum Wolf. Ich bin – im positiven Sinne – erschüttert, und als der Vorhang fällt, habe ich Tränen in den Augen. Ich hätte nie gedacht, dass Ballett so ausdrucksstark und aufwühlend sein kann. Dankbar für diese Erfahrung gehe ich in die erste Pause.

Danach folgt die Inszenierung von Martin Schläpfer. Nun sehe ich artifizielle Bewegungen, Tänzerinnen, die ihre Beine und Arme bis an ihre Grenzen dehnen – Anspielungen an das klassische Ballett in völligem Einklang zur Musik. Wunderschön anzusehen. Ein riesiger Stab zieht auf der Bühne Kreise und bewegt sich wie ein langsam voranschreitender Uhrzeiger vorwärts, steigt allmählich höher und verschwindet schließlich in der Höhe. In der Musik von Schnittke erkenne ich nun plötzlich eine Collage unterschiedlicher Stile, zahlreiche Anleihen, die die Tänzerinnen und Tänzer aufgreifen, in Bewegung umsetzen. Mal ein Wiener Walzer mit einem Paar, das sich zum Tanz auffordert; mal aggressive Rhythmen, die von wilden expressiven Tanzfiguren begleitet werden. Es entstehen Szenen voller Spannung – und doch ganz anders als im ersten Stück. Ich bin beeindruckt.

Das dritte Stück, eine Inszenierung von Nils Christe, wird zum großartigen Finale dieses Abends. Alles ist rasend schnell. Zur Musik von John Adams entstehen eindrucksvolle Bilder, harmonische Symmetrien – aber eben in einer unglaublichen Geschwindigkeit. Dann wieder heitere Szenen, voller Leben und Energie – wie ein sprühender Funkenregen. Ich muss schmunzeln, sogar lachen. Gebannt schaue ich auf die Bühne, um bloß nichts zu verpassen. Schon wieder eine neue Formation, die sich nach wenigen Takten wieder auflöst. Ich denke an einen riesigen Fischschwarm, der ständig in Bewegung ist, sich immer wieder neu anordnet, eine andere Richtung einschlägt. Ich werde innerlich mitgerissen, fühle mich wie im Taumel und möchte, dass das rasante Spiel gar nicht mehr aufhört; es ist, nein, es war fantastisch.

Seitdem denke ich immer wieder an diesen Abend zurück. Es ist mehr als nur eine schöne Erinnerung. Ich durfte etwas sehen, hören, erleben, was es nicht alle Tage gibt. Ein ganz besonderer Abend, den ich nicht vergessen möchte.

 

Bernd Struff über “b.11″ am 17. März 2012 im Opernhaus Düsseldorf

Vorweg: Es wird seitens der Düsseldorfer Compagnie  Höchstleistung zu unterschiedlichsten Themen gezeigt, wie man sie nur selten in dieser Vielfalt an einem Abend geboten bekommt.
Der erste Teil  „Backyard“ besticht durch ein imposantes Bühnenbild. Ein Raum, der nur durch von der Decke herabhängenden Ketten gebildet wird. Die Tänzer bewegten sich innerhalb dieses Raumes wie eingefangen. Aber bald drängten sie durch die Ketten hinaus und die Tanzszenen wurden dort fortgesetzt. Die dann komplett von der Decke herunterfallenden Ketten drückten eine hohe Symbolik aus, die noch durch das sichtlich anstrengende Zusammenhäufen durch die Tänzerin unterstrichen wurde. Leider kam ich mit der musikalischen Seite dieses ersten Stückes nicht zurecht. Mir fehlte die Harmonie in der Musik. Dies wurde jedoch durch ein überzeugendes Bühnenbild und der Vorstellung des Balletts kompensiert.

Der zweite Teil „Viola Konzert“ war musikalisch ein Genuss, sehr bewegend und eine gelungene Aufführung, die durch ihr variantenreiches Bühnenbild bestach. Die reflektierende Metallwand war passend und die senkrecht herunterhängende und wie ein Uhrzeiger die Bühne durchziehende weiße Lichtleiste  passte hervorragend zu den tänzerischen Szenen. Auch hier war das Ballett wieder brillant.

Der Höhepunkt für mich jedoch war der dritte Teil an diesem Abend, „Fearful Symmetries“. Sehr kraftvoll und dynamisch wechseln sich die einzelnen Szenen ab, immer genial unterteilt durch einen weißen Lichtvorhang, hinter dem die Bühnen unsichtbar wird und die einzelnen Szenen sich verändern. Auf bunten Hockern, die ein wenig an einen Zirkus erinnern, stellen die Tänzer verschiedene Szenen dar. In rasanter Abfolge, die die dynamische Musik noch unterstreicht, tanzen sie sich von Szene zu Szene. Ein pralles Füllhorn für Augen und Ohren. Die Tänzer vollbringen auch im letzten Teil grandioses, tänzerisches Können. Energie pur.

Begeistert und sehr gut unterhalten verlassen wir diesen Ballettabend und können ihn nur weiterempfehlen!!!

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