“Il barbiere di Siviglia” von Giacchino Rossini

Kitty Görner über “Il barbiere di Siviglia” am 17. März 2012 im Theater Duisburg

Durch die Presse war ich “vorgewarnt”: die Inszenierung des Barbiers sollte mit Insektenfiguren beginnen. Und ich war sehr skeptisch.
Aber dann. Ein hinreißend schönes erstes Bühnenbild, eine überdimensionale bühnenfüllende weiße Trompetenblüte, neben der die darstellenden Menschen tatsächlich Insektengröße bekamen. Einfallsreiche Kostüme als charakterlich passende Verkleidungen für die handelnden Personen: der intrigante Onkel, Doktor Bartolo, als Spinne, die von allen begehrte Rosina als strahlender Schmetterling, Figaro als wendige Fliege, die Haushälterin Berta als Schnecke, der verliebte Graf Almaviva als dicke Hummel, und der Chor als Ameisen, die nicht still stehen konnten…
Und tatsächlich, wenn man den Text betrachtet, legt er die Interpretation des Insektenreichs sogar nahe: immer wieder kommen Worte vor wie krabbeln, hüpfen, kribbeln. Und treffend auch, da es ja um nichts anderes als Balz geht.

Besonders gut hat mir José Manuel Zapata gefallen, da er leichtfüßig und mit großem komischen Talent seine Rolle des Almaviva spielte. Sein Humor sorgte mitunter für Stilbruch im Stilbruch: ein Ständchen für Rosina bringend, intonierte er “Besame mucho”, das er beendete mit ein paar Takten aus der Biene Maja, was für viel Gelächter sorgte. Aber auch die Flamenco-Einlage von Figaro (Laimonas Pautienius) war überraschend und ein wunderbarer Stilbruch.
Insgesamt war von allen Sängern eine hohe schauspielerische Leistung gefragt und auch zu sehen.  Die Philharmoniker spielten sehr weich, jenseits jeder Kritik in überragender Qualität.
Eine sehr gelungene Inszenierung, die durch Spielfreude und Witz der Darsteller ein großes Vergnügen ist. Hingehen!! Ansehen!!

Uschi Dommen über “Il barbiere di Siviglia” am 17. März 2012 im Theater Duisburg

Welch herrliche Idee diese komische Oper als Parabel zu inszenieren: voller Inspiration, berauschend, fantasievoll, modern, Musical ähnlich, gut geeignet auch für ein ganz junges Publikum, märchenhaft, scheinbar mühelos leicht, sinnlich, unserer Zerstreuung dienend.

Graf Almaviva als liebestolle Hummel, der Barbier, eine überall Spuren hinterlassende Fliege, Rosina, ein traumhaft schöner rosa-pinkfarbener Schmetterling, wunderbar witzig die Ameisen, einfallsreich Grashüpfer, Schnecke und Spinne. Künstlerisch, zauberhaft, voller Magie die Zeichnung aller Figuren.

Großes Lob für Kostüme, Bühnenbild und Beleuchtung fulminant geglückt bis ins kleinste Detail. Die Farben waren klar. Die Riesenblume wunderschön, naiv, aber nicht einfach, bei wechselndem Licht immer wieder neu erfunden. Im 2. Akt dann eine überdimensionierte Insektenspraydose im Pop-Art-Look, die die Käfer totsprüht und sie wieder menschlich werden läßt, grandios.

Die junge Wienerin, Stephanie Atanasov gab eine tolle „Rosina“ mit großartiger Stimme, wunderschön mit toller Figur und herrlichen Beinen, mit umwerfend positiver Wirkung und Präsens. Wir werden später sagen können, ihre Weltkarriere hat in Duisburg begonnen.
Besonders hervorzuheben ist die schauspielerische Begabung aller Akteure, die mit sichtlichem Vergnügen, fast übermütig, launig heiter und sinnesfroh, mit Leidenschaft und Wonne eine ansteckend lustvoll vergnügliche Atmosphäre ins Theater zauberten.

Die fast 200 Jahre alte Komposition in nur 26 Tagen fertiggestellt bekannt; dynamisch, rasant schnell, sich unaufhaltsam wellenartig steigernd, temperamentvoll, einem Feuerwerk gleich, elektrisierend, zeitlos modern von schwungvoller Leichtigkeit.
Beim atemlosen Zuhören hat man den Eindruck, dass auch Rossini beim Komponieren nicht zum Luft holen gekommen ist. Die unverwechselbar geniale Musik Rossinis von unseren DU-Philharmonikern absolut perfekt umgesetzt. Mit großer Vitalität, virtuos, mit  überschäumender Lust und Spielfreude auf die 100stel Sekunde präzise und präsent gespielt. Überragend, Weltklasse! Unsere Musiker haben meine höchste Hochachtung und Bewunderung!

Ein köstlicher Abend herzerfrischend, humorig, absurd, gute Laune verbreitend, magisch, zum Sattsehen. Ein außergewöhnliches Amusement: skurril, grotesk, burlesk, gelungen, rund. 3 Stunden wie im Fluge vorbei.
Fröhlich, beschwingt und hellwach gehe ich nach Hause. Kommen Sie, lassen auch Sie sich erfrischen und zerstreuen. Oper macht süchtig!

 

 

Kai Gottlob über “Il barbiere di Siviglia” am 17. März 2012 im Theater Duisburg

Die Insekten von Sevilla

Nein, eigentlich bin ich kein Purist in Sachen Kultur – literarische oder filmische Stoffe kann man wunderbar durch Zeit und Raum wandern lassen. In puncto Operninszenierung fühle ich mich allerdings eher als Traditionalist. Historische wünsche ich mir in ihrem authentischen Ambiente. So habe ich es leichter, gedanklich in ihre Zeit zu reisen, ihre Figuren zu verstehen, Komposition und Buch näher zu kommen. Unkonventionelle Inszenierungen begeben sich auf eine riskante Gratwanderung zwischen neuem Ambiente und oft Jahrhunderte alter Musik. Das Wagnis ging auch Claus Guth mit seiner bereits hoch gelobten „Insekten-Inszenierung“ von „Il barbiere di Siviglia“ ein.

Ich hatte es dabei schwer, vor allem im ersten Akt, der mir trotz aller Farbigkeit im Bühnenbild des Öfteren die Grenze zum Klamauk überschritt. Gut, dass die Duisburger Premiere im Gesang trefflich besetzt war und die Duisburger Philharmoniker für Rossinis Musik ein pulsierender Atem waren, der die Zuschauer leicht über die drei Stunden trug. Der Wechsel des Decors mit Beginn des zweiten Aktes überraschte und gefiel mir auf Anhieb. Das spartanische Bühnenbild ging eine deutlich bessere Symbiose mit den ja größtenteils bekannten Klangwelten ein. Ein mutiger Bruch des Regisseurs, der meine bisherige Sichtweise schon ein wenig verändert hat. Jetzt könnte ich mir doch vorstellen, mir auch die nächste Inszenierung von Claus Guth anzuschauen.

 

 

Dr. Vera Krone über “Il barbiere di Siviglia” am 17. März 2012 im Theater Duisburg

So gut gelaunt bin ich bisher noch aus keiner Opernaufführung gekommen! Und dabei war ich sehr skeptisch, als ich hörte, dass die Oper in der Welt der Insekten spielen würde…
Der Auftritt des Grafen Almaviva im Hummel-Kostüm zu Beginn des 1. Aktes führt ersteimal zu Gelächter im Publikum. Der Figaro als Fliege im Lederanzug mit zweifarbiger 80er-Jahre-Frisur entspricht auch nicht dem, was man in der Oper erwartet. Es gibt zu Beginn einige Stellen, die zwar wirklich lustig sind (Graf Almaviva singt z.B. italienischen Schlager und “Biene Maja”), mich aber befürchten lassen, die Aufführung könnte in Richtung Slapstick abrutschen. Tut sie aber zum Glück nicht!
Die Kostüme sind wunderbar, und die jeweilige Insekten-Figur passt recht schlüssig zum jeweiligen Charakter. Doktor Bartolo als Spinne, die die schöne Rosina (Schmetterling) in ihrem Netz gefangen hält, der Figaro als ständig herumschwirrende Fliege, die Soldaten als Ameisen…. Mir gefällt die Idee nach kurzer Zeit wirklich gut!
Davon abgesehen ist die Musik mitreißend, sirrend, flirrend – kein Wunder, dass der Figaro so manchen Tanzschritt hinlegt. Die Duisburger Philharmoniker überzeugen sehr. Und die Sänger begeistern an diesem Abend ebenso.
Die Insekten-Ebene wird mit dem Ende des 1. Aktes mit Hilfe einer riesigen Dosen Insektenspray verlassen, im 2. Akt agieren die Figuren dann als Menschen. Es ist durchaus wohltuend, dass Kostüme und Bühnenbild nach all den Eindrücken im ersten Teil reduzierter sind. Gegen Ende wird das Insektenmotiv wieder aufgenommen, diesmal nur aber angedeutet mit Flügeln oder Bienen-Ringelpulli.
Den Kampf zweier ” Männchen” um ein ” Weibchen” zumindest in Teilen der Oper ins Tierreich zu verlegen, dazu ins Insektenreich, dessen Geräusche sich durchaus in der Musik wiederfinden, erscheint mir am Ende des Abends als gelungen Idee. Das Konzept polarisiert, und es wird sicherlich Zuschauer geben, die sich klassische Kostüme gewünscht hätten. Ich kann diese Operninszenierung jedoch uneingeschränkt empfehlen und denke, dass sie sicherlich auch das jüngere Publikum ansprechen wird.

Dr. Joachim Ludwig über “Il barbiere di Siviglia” am 17. März 2012 im Theater Duisburg

Schon die Ouvertüre zum ” Barbier” von Giacchino Rossini erinnert an eine sommerliche Blumenwiese mit einer reichen Insektenwelt. Auch im Libretto von C. Sterbini kommen Falter und Spinnen vor. Dies hat den Regisseur Claus Guth inspiriert bei den Grundbedürfnissen wie Paarung  und Ernährung ein paralleles Verhalten von Insekten und Menschen aufzuzeigen. Äußerst unterhaltsam werden phantasievolle und farbenprächtige Kostüme und blumige Bühnenbilder (Christian Schmidt) geschaffen. Immer wieder ist es spannend zu sehen, welche neuen Kreaturen wie Schnecken, Spinnen, Käfer, Hummeln, Fliegen und Falter auftauchen. Durch einen Riesigen Insektenspray wird nach der Pause die Konstellation auf die Menschen zurückgeführt. Immer wieder wird durch Videoprojektionen und Kostümdetails auf die tierische Basis zurückverwiesen -ein sehr schlüssiger Aspekt. Temporeich und wunderbar genau spielen die Duisburger Philharmoniker unter der Leitung von Giuliano Betta. Das sehr spielfreudige Gesangsensemble ist durchweg erstklassig. Der Litauer Laimonas Pautienius überzeugt in seinem Rollendebüt als Figaro – auch Stephanie Atanasov als Rosina begeistert. Eine sehr kurzweilige Opernkomödie zur spritzigen Musik von Rossini – auch für jüngere Opernfans bestens geeignet.

 

Bernd Struff über “Il barbiere di Siviglia” am 2. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Eine Opera buffa…….Mit viel Spannung erwartete ich einen schönen Opernabend, der für mich auch der erste als Opernscout sein sollte.

Die Ouvertüre begann… kleine (!) Fehlzündung? Leider ja.
Beginnend mit der Ouvertüre war mir klar, warum hier das Wasser nicht richtig zum Kochen kam. Eine gewisse (musikalische) Trägheit zog sich durch das ganze Stück. Nicht unbedingt unangenehm, aber mir fehlte einfach zu oft die „Rossinische Zündung“ wie man Sie von eben Rossini kennt. Das eigentliche musikalisches Gewitter im 2.Akt, als Bartolo die Wachen holt, war leider eher ein schwacher Sturm. Ansonsten ein von GMD Axel Kober klasse geführtes Orchester, dem Chor und Solisten sehr schön folgen konnten. Musikalisch macht sich, im Zuschauerhaus deutlich hörbar, der neue Orchestergraben positiv bemerkbar.

Zuerst ein wenig irritiert über Insekten im Reich des Figaros war ich überrascht über eine mit laufend anderen Lichteffekten belegte Trompetenblume. Sehr schön! Das Bild im 2. Akt erinnerte mich an ein Rastersystem für Koordinaten. Wahrscheinlich ein versteckter Hinweis für die später hier projektierten Insekten. Die Grenze von Komik zum Klamauk wurde leider in teils langatmigem Spiel überschritten, so zog sich das Stück ein wenig und erinnerte mich mehr an ein Kindertheater. Zu oft zog die Person des Graf Almaviva (José Manuel Zapata) das Stück zu sehr in eine ulkige Richtung, was nach einiger Zeit etwas übertrieben auf mich wirkte. Es fiel mir anfangs ein wenig schwer, mich in dieser Inszenierung führen zu lassen.

Die Metamorphose aus der Insekten- in die reale Welt (Übergang 1. zum 2. Akt) wird bestimmt durch das uneingeschränkte Engagement der Künstler und wurde sehr gut umgesetzt. Hier wurde, bei großer spielerischer Leistung, ein teils außergewöhnlicher körperlicher Einsatz geboten. Aus der Reihe der Solisten begeisterten ein Figaro (Dmitri Vargin) sowie der Don Basilio (Sami Luttinen).
Den Besucher erwartet eine gewöhnungsbedürftige Neuinszenierung, die ohne vorherige Vergleiche zu haben, mit Sicherheit einen musikalischen Genuss sowie neue visuelle Eindrücke vermitteln kann.

 

 

Barbara Kessler über “Il barbiere di Siviglia” am 2. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Mein erster Opernabend in der Rolle eines Opernscouts begann mit einer Oper der eher entspannteren, komischen Art.
Nicht nur die Musik Rossinis hatte einen  sehr leichten, beschwingten Charakter, auch die Auswahl der Kostüme wurde in amüsanter Form der Tier- beziehungsweise Insektenwelt entlehnt. Eine interessante Möglichkeit den agierenden Figuren eindeutige Charaktereigenschaften zuzuordnen.
Der umtriebige Barbier in der Gestalt einer Eintagsfliege war dabei für mein Empfinden die überzeugendste Figur. Mal hier mal dort agierend, modern, spritzig und mit schauspielerischer Leichtigkeit ausgerüstet. Auch seine Stimmqualität, ebenso wie die der “Hausdame” Berta, blieben haften.
Das reduzierte Bühnenbild des 1. Aktes wurde thematisch sehr stimmig in die Pflanzenwelt projiziert.  Obwohl farblich nicht überreizt, entstand im zweiten Teil der Inszenierung ein sinnvoller Bruch in die ” reale Welt” mit sehr ebenfalls reduziertem, graphisch strukturiertem Hintergrund. Meiner Meinung nach sehr gelungen und notwendig, da ein Abschweifen ins Überspannte unterbunden wurde.
Insgesamt eine sehr modern umgesetzte, komische Oper mit Unterhaltungswert.

Claudia Uhl über “Il barbiere di Siviglia” am 2. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Wenn ich jetzt an die Aufführung des „Barbier von Sevilla“ zurückdenke, muss ich wieder lächeln! Ein absolutes Gute-Laune-Stück.Mir hat die frische Inszenierung, die nur so vor Lebendigkeit und blumigen, ausgefallenen Ideen sprüht, viel Spaß gemacht.
Der Beginn, die Ouvertüre, ist schon ein Traum! Mir ist selten eine Ouvertüre derart positiv aufgefallen und noch so lange in Erinnerung geblieben, so samtig und weich dirigiert und gespielt.
Die Inszenierung hat mich anfangs total überrascht, dieser Ausflug ins Insektenreich, die liebestollen, triebgesteuerten Insekten, die von den Sängern mit viel Spielfreude hinreißend verkörpert werden. Ein großer Spaß! Die Figuren sind nicht nur musikalisch, sondern auch szenisch liebevoll und einfallsreich charakterisiert worden. Bemerkenswert kreativ, und ich hatte den Eindruck, dass die Darsteller sich richtig wohl gefühlt haben, diesen großen Spaß mitzumachen. Dazu gibt es beschwingte kleine Einlagen, wie zum Beispiel den rockenden Barbier, der auch noch Flamenco tanzt und zusammen mit José Manuel Zapata als Hummel „Besa me mucho“ singt. Hier hat jemand mit einem Augenzwinkern inszeniert, und das finde ich großartig, denn der „Barbier“, so wie Rossini ihn sich gedacht hat, ist schließlich keine ernste, sondern eine komische Oper.

Mein Tipp für trübe Herbst-/Winterabende: ein Glas Sekt trinken, sich entspannen, und diesen Barbier genießen!

Selinde Böhm & Rudolf Müller über “Il barbiere di Siviglia” am 2. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Gerade ist der vierte Band der auf 10 Bände geplanten Ausgabe der “Erinnerungen eines Insektenforschers”  von Jean-Henri Fabre, von dem André Gide sagte, er habe ihn immer auf dem Nachttisch liegen gehabt, in die Auslieferung gekommen, da bietet uns die Oper am Rhein – ganz am Puls der Zeit – Einblick in das Liebesleben der Insekten.

Äußerst vergnügt verfolgen wir die Geschichte der liebestollen Hummel alias „Lindoro“ alias „Graf Almaviva“ wie sie der ebenfalls liebestollen Spinne alias „Doktor Bartolo“ den hübschen Falter alias „Rosina“ mit Hilfe der Fliege alias „Barbier von Sevilla“ gegen alle Intrigen ausspannt.
Alles auf einer märchenhaften Bühne und in zauberhaften Kostümen. Nur kurz unterbrochen, wenn sich die Insekten zu Beginn des zweiten Aktes als Menschen verkleiden und das Spinnennetz sich zu einer Mauer verdichtet (im Kuriositätenkabinett Rudolfs II. in Prag soll es Bilder gegeben haben, die auf Spinnennetze gemalt waren), welche dann als Projektionsfläche für „echte“ Tierbilder dient.
Wunderbar gespielt: Wie die Spinne über die Bühne und um den Orchestergraben rennt. Wie die Schnecke alias Berta auf die Bühne kriecht. Überhaupt diese Schnecke mit ihrem Schneckenhaus, das eine urkomische Überraschung enthält.
Aber nicht nur für die Augen ein ganz großer Genuss, auch für die Ohren.
Ein großartiges Vergnügen und in jeder Beziehung ein sehr gelungener Auftakt für die neue Saison.

Pater Elias Füllenbach über “Il barbiere di Siviglia” am 2. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Dass man den Unterschied so deutlich hören kann, hätte ich nicht gedacht. Dank des neuen Orchestergrabens sind die Musiker jetzt tatsächlich viel besser zu hören, selbst wenn sie ganz leise im „pianissimo“ spielen. Sicher merkte man manchmal, dass sich alle, sowohl das Orchester als auch die Sänger und Sängerinnen auf der Bühne, noch ein wenig an die neue Situation gewöhnen müssen. Auch das in Rossinis Opern fast obligatorisch vorkommende musikalische Gewitter hätte etwas stürmischer ausfallen können. Aber dennoch war ich von der musikalischen Qualität der Aufführung hingerissen. Das lange Warten auf die Spielzeit 2011/12 hat sich wirklich gelohnt!
Auch die Inszenierung fand ich sehr überzeugend. Natürlich war die Übertragung ins Tierreich erst einmal eine Überraschung: Die schöne Rosina als Schmetterling, Berta als lahme Schnecke, Doktor Bartolo gar als Spinne, die ihr großes Netz spinnt… Das waren nicht nur wunderbare Kostüme, sondern auch treffende Zuschreibungen. Da wurde die Oper zur Fabel: Vielleicht ist uns die kleine Welt der Insekten, der flirrenden Eintagsfliegen und lästigen Stechmücken, viel näher, als es uns lieb ist. Jedenfalls gewann dadurch so manche komisch-böse Spitze in der Oper an Schärfe, auch wenn sich gegen Ende des ersten Akts der Blick auf das Insektentreiben langsam abzunutzen begann. Muss denn die arme Blattlaus auch noch zum fünften Mal einen Schlag auf den (Hinter-)Kopf erhalten? Aber Wiederholungen und Übertreibungen, fast schon ins Absurde getrieben, gehören bei Rossini ja einfach dazu…
Umso erfreuter war ich, als es nach der Pause mit einem völlig veränderten Bühnenbild weiterging. Aus den Insekten waren Menschen geworden. Diesen Bruch fand ich genial. Schnell wurden nämlich auch die Parallelen der beiden unterschiedlichen Welten deutlich. Außerdem kamen die kleinen Tierchen immer wieder zum Vorschein – dezente Hinweise darauf, dass Mensch und Tier in ihrem Verhalten durchaus ähnlich sein können. Man achte nur einmal auf das Balzgehabe der beiden Kontrahenten um das attraktive „Weibchen“! Wem Rossinis Oper vertraut ist und wer – wie ich – beim „Barbier“ eher Bilder von perückentragenden Menschen des 18. Jahrhunderts im Kopf hatte, mag angesichts solcher Vergleiche erst einmal befremdet sein. Aber wer sich auf diese Inszenierung einlässt, wird – wie ich – am Ende vergnügt und beschwingt nach Hause gehen – das herrliche Summen und Zirpen in Rossinis Musik noch im Ohr.

Katharina Micha über “Il barbiere di Siviglia” am 2. Dezember 2011 im Opernhaus Düsseldorf

Selten hat man mich in der Pause einer Aufführung mit einem solchen Strahlen im Gesicht durch das Foyer wandeln sehen! Und nicht nur das, die grenzenlose Begeisterung für die phantastische Inszenierung hielt auch bis zum Ende und darüber hinaus an. Dabei hatte ich im Vorfeld etwas Sorge, dass mich die Handlung dieser Komischen Oper abschrecken könnte, da sie als Zusammenfassung gelesen doch sehr an ein Boulevardstück erinnert. Die im zweiten Akt überspitzt zum Einsatz kommende Drehtür empfand ich als lustiges Zitat genau dieses Theatergenres (selbst beim Schlussapplaus stand sie noch im Mittel-punkt!). In Komödien ist ein weiteres für mein Empfinden völlig ausgereiztes Stilmittel die Verkleidungslust, die in der Inszenierung von Claus Guth ad absurdum geführt wird, denn nicht die Menschen verkleiden sich, sondern die Insekten. Eine Travestie der Travestie und ein wunderbarer Einfall.
Ich möchte in meinem Text jetzt der Versuchung widerstehen, alle nahe liegenden Vergleiche und Metaphern über „das große Krabbeln“ der Insektenwelt zu bemühen. Mich begeisterte vor allem die große Spielfreude, die von den DarstellerInnen auf das aufgeschlossene Publikum übersprang sowie ihre mit Sicherheit anstrengenden, da der Tierwelt entlehnten Bewegungsmuster bis hin zu Balanceakten im Kostüm am Rande des Orchestergrabens. Die Aufgabe, den anspruchsvollen Gesang mit der ungewöhnlichen Mimik zu koordinieren, stelle ich mich besonders schwierig vor. Zu gerne wäre ich bei einer der Proben zugegen gewesen, um die Entwicklung der Rollen und Figuren mitzuerleben.
Nach der Pause gab es einen sehr überraschenden Bruch im Bühnenbild, was ich zunächst sehr bedauerte. Die Szenerie wirkte jetzt wie eine Versuchsanordnung bzw. wie Laborergebnisse einer Versuchsreihe zur Genetik. Fruchtfliege Figaro mutierte quasi zu Gregor Mendel, der seine Gesetzmäßigkeiten und Vererbungsregeln an intriganten Menschen testete und bestätigte. Dieser Wandel war schlüssig und löste sich nach der Gewitterszene in einem vom Sturm verwüsteten Konglomerat beider Welten auf.

Ich kann verstehen, dass manche Zuschauer keinen Zugang zu dieser Inszenierung gefunden haben, da sie etwas völlig anderes erwarteten. Ich für meinen Teil kann mir tatsächlich nur noch ganz schwer eine traditionelle Inszenierung  von „Il barbiere di Siviglia“ vorstellen, die mir einen annähernd unterhaltsamen, kurzweiligen und zauberhaften Abend bescheren könnte.

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