“The Rake’s Progress” von Igor Strawinksy

Katharina Micha über “The Rake’s Progress” am 23. Mai 2012 im Opernhaus Düsseldorf

Als Liebhaberin des Balletts „Le sacre du printemps“ war ich sehr gespannt auf die mir bisher unbekannte Oper von Igor Strawinsky „The Rake’s Progress“. Nicht nur die Musik versprach Hochgenuss, auch die Handlung machte mich sehr neugierig auf den Abend. Zwar ist die Geschichte um die Verlockungen und Verheißungen durch den Teufel nicht neu, aber die Qualität der zuletzt gesehenen Aufführungen an der Deutschen Oper am Rhein ließen mich nicht an einer tollen Inszenierung zweifeln.

Leider wurde ich zum ersten Mal enttäuscht. Musikalisch war es – wie erhofft – ein grandioser Abend: die Sänger und Sängerinnen ließen ebenso wie der Chor und das Orchester die tragische Geschichte um die Liebe und um den Reiz des Geldes tonal aufleben. Manche Arie trieb mir die Tränen in die Augen. Leider fehlte mir aber auf der Bühne das darstellerische Pendant. Die Tragödie wurde in mehreren Szenen regelrecht ins Lächerliche gezogen und Figuren überzeichnet. Aufgrund der Tatsache, dass das Thema der Geschichte von vielen Autoren häufig variiert und viel beschrieben ist, muss man dafür neue, überraschende Bilder finden, die einem das Herz bluten lassen. Das ist der Inszenierung von Sabine Hartmannshenn nicht gelungen. Der Bühnenbildmarathon ließ die Spielenden und die Zuschauer nicht zur Ruhe kommen: in meinen Augen sind neun aufwändig gestaltete Szenen-Umbauten einfach zu viel. Keine der Szenen rührte mich an, weshalb ich gerne einfach die Augen geschlossen und der Musik gelauscht hätte.

Der Großteil des Publikums sah das anders, was mich zu dem Schluss kommen lässt, dass ich in Düsseldorf in den letzten beiden Jahren sehr verwöhnt worden bin, was moderne Opern-Inszenierungen angeht. „The Rake’s Progress“ war eher klassisch-pompös inszeniert, was mich offensichtlich nicht so berührt wie eine auf’s Wesentliche reduzierte Aufführung wie „The Turn of the Screw“, die seit Wochen noch Nachwirkungen zeigt und mich weiterhin bewegt.

 

 

Barbara Kessler über “The Rake’s Progress” am 23. Mai 2012 im Opernhaus Düsseldorf

Die Oper “The Rakes Progress” hat mich sehr beansprucht. Die Inszenierung von Sabine Hartmannshenn erschien mir trotz interessantem Handlungsinhalt und durchaus aktuellen Themenbezügen ( Vergnügungssucht, Gier, Hemmungslosigkeit) langatmig. Auch wenn die unterschiedlichen Bühnenbilder sehr aufwendig arrangiert wurden, farbenfroh und äusserst ausdrucksstark beleuchtet, wirkte diese Aufführung auf mich etwas überzogen, zeitweise ähnelte sie eher einem Musical denn einer Operninszenierung. Herausragende Protagonisten waren für mich, die von der Liebe enttäuschte, kämpferische Anne, ausserdem die allseits belächelte, schillernde Türken-Baba sowie Nick Shadow, der Lebenskünstler und -verführer. Genossem habe ich an diesem Abend vor Allem die Musik von Igor Strawinski, wunderbar gespielt von den Düsseldorfer Symphonikern unter der sehr sensiblen Leitung von Axel Kober.

 

Pater Elias Füllenbach über “The Rake’s Progress” am 23. Mai 2012 im Opernhaus Düsseldorf

Nach einem recht anstrengenden Tag war diese Oper genau das Richtige! Selten habe ich im Opernhaus so geschmunzelt und gelacht wie an diesem Abend. Strawinskys Musik ist voller witziger Zitate. Mal klingt es wie späte Barockmusik, mal wie Puccini, mal wie ein englischer Gassenhauer – aber niemals langweilig, sondern immer spritzig und modern. Ein raffinierter Ideenreichtum, der sich auf der Bühne fortsetzt: Manchmal wusste ich gar nicht, wohin ich schauen sollte, so viele Details ließen sich entdecken. Wer genau hinschaut, kann auch bissige Anspielungen auf unsere Zeit finden… Die Auktionsszene mit all ihren Parvenüs und raffgierigen Schnäppchenjägern ist zum Beispiel großartig! Aber auch die Darstellung einer Londoner Bar oder die Szene vor dem Hoteleingang sind einmalig, zumal die Sängerinnen und Sänger – von den (hervorragend besetzten) Hauptrollen bis hin zum Chor – nicht nur schauspielerisches Talent zeigen, sondern selbst, so war zumindest mein Eindruck, mit Freude dabei sind. Erst gegen Ende des dritten Akts zieht sich die Handlung dann ein wenig, bevor im kurzen Epilog die bitterböse Moral von der Geschicht‘ verkündet wird. Ein famoser Schluss! Diese Aufführung sollte man sich auf gar keinen Fall entgehen lassen – allein schon der teuflisch-schönen Einfälle wegen…

 

 

Claudia Uhl über “The Rake’s Progress” am 23. Mai 2012 im Opernhaus Düsseldorf

Ja, ich weiß genau wie das ist, wenn man sich überlegt: sehe ich mir diese Oper an? Den Titel – The Rake´s Progress – noch nie vorher gehört. Strawinsky als Komponist? Okay, kenne ich, allerdings eher von einigen Balletten. Aber eine abendfüllende Oper? Ich war sehr skeptisch, zumal ich die Musik Strawinskys bisher manchmal als etwas eigenwillig empfunden hatte. Dann noch ein stressiger Tag, und als ich müde und abgehetzt endlich auf meinem Sitz saß, dachte ich mir, na das kann ja heiter werden, ich weiß nicht, ob ich mich jetzt konzentrieren oder entspannen kann…
Und welche Überraschung! Ich konnte sogar beides, und nicht nur das! Ich hatte viel Spaß in dieser Oper, nach jedem „Vorhang“, und davon gab es einige, wartete ich schon gespannt auf das nächste Bild. Und es gab einen wahren Bilderrausch zu sehen! Ein Highlight: das Nachtleben in der Londoner Bar, mit Videoinstallationen und aller denkbarer Dekadenz der „Party People“, toll inszeniert! Dieselbe Gesellschaft ist es auch, die später neben Tom Rakewells Besitztümern sogar seine Ehefrau ersteigern will. Für mich einer der skurrilen, satirischen Momente in diesem Stück, der so manche Assoziation an einige Mitmenschen unserer heutigen Zeit zulässt. Oder anders gesagt: inhaltlich hat die Oper nichts an Aktualität verloren. Die Handlung ist zwar klar umrissen, aber in unseren Zeiten von Aktienwahn, Gier, Banken- und Finanzkrise muss ich ständig an alle die denken, die den Hals nicht voll kriegen. Mich begeistert der Stoff dieser Oper, ich mag es, wenn Kunst der Gesellschaft den Spiegel vorhält. Und die phantastischen Stimmen erst! Meine früheren Vorbehalte Strawinskys Musik gegenüber haben sich in Luft aufgelöst. Die Komposition ist voller Zitate, und damit sehr facettenreich. Ich finde es wunderschön, den Sängern zu lauschen, besonders den schönen Duetten. Die Musikalische und stimmliche Qualität der Künstler ist atemberaubend, ebenso ihre Ausdrucksstärke und Spielfreude, und das gilt auch für den Chor, dem, in der Rolle der lasterhaften Gesellschaft zuzuschauen ein Genuss war.

Für mich die Überraschung dieses Sommers! Interessanterweise sind einige Scout-Kollegen völlig anderer Ansicht, gerade was die Fülle von bildhaften Eindrücken betrifft. Jeder nimmt eben anders wahr. Ich kann nur jedem empfehlen, sich einzulassen und sein eigenes Urteil zu bilden. Ich mag es, Kunst möglichst differenziert wahrzunehmen. Diese Oper hat nicht nur optisch und akustisch viel zu bieten, vor allem auch viel Gesprächsstoff.

 

 

Margarete Gänzler über “The Rake’s Progress” am 23. Mai 2012 im Opernhus Düsseldorf

Tolle und ergreifende Musik von Igor Strawinsky. Die Bar in London – welche Leistung  für den Chor mit den bunten und schrillen Kostümen.
Die Figuren waren sehr gut dargestellt mit tollen Stimmen – die Brave Trulove, der Teufel Shadow, die Üppige Baba und die Figur des Tom. Zu Beginn hatte dieser das klare Ziel vor Augen reich zu werden in der großen Stadt und am Ende ist er nur noch eine jämmerliche Figur, die von der braven Anne erlöst wird. Alles sehr passend dargestellt, doch hat es nicht meinen persönlichen Geschmack getroffen. Ich war hin und hergerissen zwischen Bewunderung für die Künstler und die Musik und Verwunderung über die üppige Darstellung. Ein Abend, der mich sehr zum Nachdenken angeregt hat.
Besonders gefallen hat mir die Figur von Tom – eine tolle Stimme – der Verfall dieses jungen Mannes war auf den Punkt getroffen und hat mich doch sehr berührt.
Sehr witzig fand ich die Lebensweisheiten, die die Darsteller dem Publikum am Ende der Vorstellung mit auf den Weg gaben.

 

Karl-Heinz Steinbüchel über “The Rake’s Progress” am 23. Mai 2012 im Opernhaus Düsseldorf

Es mag sicher unprofessionell sein in einer Kritik den Gesamteindruck des Abends  vorwegzunehmen, aber ich wage es:

Was für ein großartiger Opernabend!

Von  Strawinsky hatte ich schon so manches Konzertante, wie auch ein Ballett, nämlich den Feuervogel, gehört und gesehen und war mir eigentlich klar darüber, dass die Musik seiner Oper „The Rake’s Progress“ von 1951 Ähnliches erwarten ließe. Als aber das Orchester unter der Leitung von Meister Axel Kober mit der Ouvertüre begann und mittelalterlich anmutende Bläserklänge ertönten, wurde mir bewusst, ich müsste meine Meinung über Strawinsky revidieren. Dies setzte sich während des ganzen Abends fort und endete bei mir in totaler Begeisterung.
Die Musik, die stark an Mozartopern erinnert, sei es durch Rezitativ und Arien oder durch  fulminante Stellen, wo Oboe, Englisch Horn oder Fagott das Sagen haben, schlängelt sich wunderbar leicht durch den Abend, beeindruckt  aber auch mit großer Intensität und Wucht, zum Beispiel in der Bar – oder ist es die Unterwelt, der Hades oder der Venusberg – um dieses Bacchanal  klangvoll zu begleiten.
Die Handlung ist wohltuend einfach. Das ewig aktuelle, klassische Thema von Gut und Böse, Himmel und Hölle, Oben und Unten, Engel und Teufel, Venus und Elisabeth oder gar Lord Voldemort und Prof. Dumbledore wird gut verständlich und durchaus auch augenzwinkernd persifliert und anschaulich dargestellt . Annes Liebe wird siegen und Tom ist  geläutert auf dem Weg ins Paradies.
Die Stimmen sind atemberaubend und nehmen einen sofort allesamt gefangen. Es ist fast unfair, Susan Maclean in Ihrer Rolle als „Baba the Turk“ hervorzuheben, leisten doch alle Protagonisten des Abends Großartiges.
Nach einer etwas wirklich langen Sterbeszene Tom’s wird man aber von einem leicht ironischen „Fabula docet“ in die Nacht entlassen: Seid schön lieb, benehmt Euch anständig, tut nichts, was sich nicht gehört, verschreibt Euch nicht dem Teufel und alles wird gut.
Und nun: „ Nichts wie hin!“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 34 Followern an

%d Bloggern gefällt das: