“Die Csárdásfürstin” von Emmerich Kálmán

Premiere am 13 Oktober 2012 im Theater Duisburg

Beate Kostka über “Die Csárdásfürstin”

Was hat die Operette in der heutigen Zeit verloren? Schwülstiger Herz-Schmerz-Gesang in kitschigen Pappmaché-Kulissen werden mehr mit den Verdrängungsmechanismen der fünfziger Jahre gleich gesetzt. Dass sich aus einer fast 100 Jahre alten Vorlage weit mehr herausholen lässt, stellte die Neuinszenierung der Csárdásfürstin an der Deutschen Oper am Rhein eindrucksvoll unter Beweis. Sie hatte nur wenig mit der berüchtigten Walzerseligkeit zu tun, die man dieser Musikgattung a priori gern unterstellt. Auch der schauspielgestählte Zuschauer kam bei dieser Inszenierung auf seine Kosten. Eingebettet in eine kleine Rahmenhandlung, die das einsame Elend eines ehemals umjubelten Revuestars in Erinnerung brachte, deklinierte die Aufführung überraschend modern die verschiedenen Varianten möglicher Liebesbeziehungen durch. Wie echt und verlässlich kann der Liebesschwur eines einschlägigen Schürzenjägers sein? Wie viel Rücksicht kann und muss eine Künstlerin mit Verfallsdatum auf Gefühle nehmen, um ihre Selbstachtung nicht zu verlieren, auch wenn ihre Altersversorgung nicht gesichert ist? Und es gibt sie doch: die Liebe auf den ersten Blick, die sich gegen alle Widerstände durchsetzt, aber nicht in der Titelpartie. Denn auch wenn der Gesangsdiva (Sylva), stets bewusst ist, dass die Liebe ihres adligen Verehrers (Edwin) in der Realität wenig aussichtsreich ist, so lässt sie sich doch, innerlich zerrissen, stets auf seine Liebesbeteuerungen ein. Er selbst berauscht sich an den Freuden des Varietés und seiner ungekrönten Königin; scheitert letztlich jedoch an den fragwürdigen Wertmaßstäben seiner Herkunft. Anders als seine offizielle Verlobte (Stasi), die sich aus den Fesseln ihrer Vergangenheit zu lösen vermag und sich ganz auf die Person hinter der standesübergreifenden Beziehung einlässt. Auf mehreren Ebenen wird der Kontrast zwischen Bühnen- und realer Welt sinn- und augenfällig herausgearbeitet – sei es über die Lichtregie, die die stets einsame Sylva noch kälter (ein extrem heller Lichtstrahl erfasst nur sie in der Hochzeitsszene im schwan-weißen Federkleid und blutrotem Rosenstrauß) wirken lässt. Die Bewegungen der Varietétänzer werden in Zeitlupe eingefroren, um den inneren Monolog („Ist es nur ein Traum?“) sichtbar werden zu lassen. Die Sänger gehen in ihren Rollen auf, verkörpern ihre mehrfach gebrochenen Konflikte glaubwürdig und vermitteln anschaulich ihre Zerrissenheit im Zeitenübergang (kurz vor dem Ende der k.u.k.-Monarchie). Gesanglich blieben nur wenige Wünsche offen. Die bekannten Gassenhauer („Ganz ohne Weiber geht die Chose nicht“, Tausend kleine Englein singen, habt euch lieb“, „Das Glück wohnt überall, denn überall wohnt Liebe“) standen ganz im Zeichen der Handlung und wurden höchst differenziert, teils auch sehr zart verhalten ausgesungen. Dies kontrastierte hervorragend zu den mitreißenden Tutti-Partien, denen insbesondere der gut disponierte DOR-Chor ein brillantes Fundament verlieh. In einigen Solo-Arien litt zwar die Textverständlichkeit ein wenig zu Gunsten der zugegebenermaßen dominanten Melodie, doch dank der Übertitelung blieb kein Inhalt auf der Strecke. Ein ganz besonderes Lob gilt an dieser Stelle Alma Sadé, eine wundervolle Stasi, die ihre Sopran-Partie vor allem in den Höhen federleicht und elastisch gestaltet hat. Bestnoten gebühren ebenfalls Corby Welch (Edwin) und Nataliya Kovalova (Sylva), die ihre Einsätze mit nonchalanter Grandezza bewältigten. Zu guter Letzt sei noch ein weiterer Star gewürdigt, ohne den Aufführung sonst nicht so gelungen wäre: Dank effektvollem Licht- und Schnurbodeneinsatz wurde die fünffach geteilte Bühnentreppe nacheinander zur Showbühne, Schlossentree, Karriereleiter, Bahnsteigzugang, Himmelsrampe. Der Inbegriff des Möglichen: Auf- oder Abstieg werden nicht nur gesellschaftspolitisch definiert, aber mehr als uns heute vielleicht bewusst sein mag.

Katrin Harrer über “Die Csárdásfürstin”

Mein Besuch der Csárdásfürstin begann mit Erinnerungen. Ich erinnerte mich, dass ich im Schulorchester viele Stücke der Operette selber gespielt hatte, und vor allen Dingen an den Spaß, den das Spielen von Walzer und Polka macht. Diese Freude an der Musik konnte man auch beim Orchester und bei den Sängern spüren, sodass so mancher aus dem Publikum die doch bekannten Lieder mitsang oder –summte und ich selber gerne auf der Bühne mitgetanzt oder im Orchester mitgespielt hätte. An manchen Stellen ist die Musik aber auch bittersüß, von einem Hauch von Schicksal umgeben. Dieser Aspekt wurde in der Interpretation besonders hervorgehoben, die Chansonnette Sylva Varescu traut der Liebe zum Adligen Edwin nicht. Eine hinzugefügte Rahmenhandlung, in der Sylva als Reinigungskraft gezeigt wird, die sich erinnert oder träumt, sorgt dafür, dass man die eigentliche Handlung aus einer anderen Perspektive wahrnimmt und das unvermeidliche Happy End einer Operette in einem anderen Licht erscheint. Ich finde diese Interpretation tut dem Stück gut und macht die Inszenierung sehr modern. Besonders gefiel mir die Rolle des Grafen Boni, der von Florian Simson mit viel Witz und Charme gespielt wurde. Für meinen Geschmack hätte Nataliya Kovalova der Rolle der Sylva Varescu jedoch noch ein bisschen mehr ungarisches Feuer mitgeben können. Insgesamt war die Inszenierung von Humor geprägt ohne lächerlich zu sein.  So gibt es im ersten Akt zum Beispiel ein Männerballett, das zu dem Lied „Die Mädis vom Chantant“ Cancan tanzt. An einer anderen Stelle zeigt die förmliche und konservative Fürstin Anhilte (Cornelia Berger), dass auch in ihr ein Showgirl steckt. Beispielhaft für die großartige schauspielerische Leistung der gesamten Kompanie (Chor, Tänzer, Sänger) fand ich die Zeitlupenszene im ersten Akt. Diese vielen kreativen kleinen Ideen in der Inszenierung lassen die Csárdásfürstin in der heutigen Zeit ankommen. Ich hatte einen lohnenden unterhaltsamen Abend voller Erinnerungen, der aber auch durch die Interpretation zum Nachdenken anregt.

Susanne Schenk über “Die Csárdásfürstin”

OPERETTE, für mich im besten Falle ein überaus sinnliches Erlebnis, vergleichbar mit dem wunderbar unvernünftigen Genuss eines unverschämt großen Eisbechers, dekoriert mit Früchtchen, zuckrigem Krokant, Sirupen und einer fast schon schmerzhaft kitschigen Lamettafontäne im Sahnehäubchen. Kurz gesagt: ein kleiner Geschmacksexzess, der aber glücklich macht. Mit der Neuinszenierung der Csárdásfürstin, einer Geschichte um eine unstandesgemäße Liebe und den daraus resultierenden Unbillen,  hat die Oper am Rhein eine solch üppige “Kalorien”-bombe geschaffen, wie  ich sie mir gewünscht hatte: Großartige Sänger, inmitten von entzückenden, mitreißenden  Tänzern und dem fabelhaften Opernchor in betörenden Kostümen zwischen Glamour und Trash, Eleganz und Frivolität,  getragen von unseren Duisburger Philharmonikern in einer spannenden Kulisse. Wie bei allen süßen Sünden überlasse ich das Ermitteln von Nährwert, Gehalt und eventuellen Nebenwirkungen den Experten. Ich habe den Abend in vollen Zügen genossen und kehre am Montag –  immer noch beschwingt – zurück in den Alltag und (leider!) zum Vollkornbrot.

Christof Nellehsen über “Die Csárdásfürstin”

Die Csárdásfürstin – eine Reinigungskraft  träumt sich in die Geschichte der  Varieté-Sängerin Sylva Varescu und wird damit Mittelpunkt eines operettenhaften Geschehens. In ihrer „Traumrolle“ liebt sie den Fürstensohn Edwin Roland und schafft es trotz aller gesellschaftlichen Widrigkeiten ihn zu heiraten. Doch bleibt es letztlich ein Traum. Mit diesem Handlungsrahmen eines Traumes hat mir die Duisburger Inszenierung  den Operettenklassiker und damit meine erste Berührung mit diesem Genre erstaunlich nahe gebracht. In der gesamten Inszenierung scheint das Thema des Traums im Mittelpunkt zu stehen. Die Handlung kommt manchmal zeitlupenhaft fast zum Stillstand und die Hauptfigur Sylva Varescu bleibt häufig eigentümlich isoliert gegenüber den anderen Figuren. Dieser Effekt entsteht auch dadurch, dass sie die ganze Handlung hindurch in Varieté-Kostümen erscheint. Im Kontext einiger Szenen, die nicht im Varieté angesiedelt sind,  wirkt sie dadurch bisweilen peinlich deplatziert. So falsch angezogen ist man nur in einem Traum! Das Bühnenbild fand ich in seiner Großzügigkeit absolut überzeugend. Es stellt eine bühnenfüllende Showtreppe dar, die je nach szenischen Erfordernissen in einzelnen Komponenten hochgeklappt wird  und damit eine überdeckte zweite Ebene freigibt. Der ganze Raum schimmert nachtblau und bleibt, ganz Szene eines Traumes, immer etwas diffus. Das alles schafft mit einfachen Mitteln viel Dramatik und ist wirklich spektakulär. Von den vielfältigen musikalischen Einfällen und der starken Einprägsamkeit der Melodien der Komposition von Emmerich Kálmán war ich positiv überrascht. Diese Musik muss zu ihrer Entstehungszeit ungeheuer unterhaltsam und mitreißend gewesen sein. Wer sich fragt, ob heute noch Walzer oder Polka als Unterhaltungsmusik funktionieren, dem sei mitgeteilt, dass das Publikum der Premiere eifrig mitgeklatscht hat. Ein unterhaltsamer Abend.

Cornelia Russak über “Die Csárdásfürstin”

Die Aufführung der Csárdásfürstin von E. Kálmán hat mich beschwingt, aber auch ein wenig nachdenklich gestimmt. Der Regisseur J. A. Rechi inszenierte durch ein überraschendes Ende einen Traum von der großen Liebe. Die Gesamthandlung war eingerahmt von einer Anfangs- und einer Endszene mit einer einsamen Reinigungskraft. Sie träumt den Traum ein Showstar zu sein und die große Liebe zu erfahren. Sie steigt die Treppe empor, um diesen Traum zu leben. Am Ende bekommt sie ihren Kittel wieder und bleibt einsam unten zurück, während der Traum die Treppen hinauf entschwindet. Etwas Besonderes an der Inszenierung war für mich die Darstellung einer Szene, in der sich alle Akteure in Zeitlupe bewegten. Dadurch entstand eine Fokussierung auf das Liebespaar. Ebenso wirkungsvoll war eine ähnliche Szene, in der die Akteure zu einem Standbild einfroren, um die Aussage zu betonen. Das Bühnenbild bestand aus fünf beweglichen parallelen Treppen. Sie wurden einzeln oder zusammen hoch und runter gefahren.  Durch die Anordnung der Treppen wurden alle Räume dargestellt. Sie wurden entweder zur Showbühne, zur hochherrschaftlichen Treppe im Fürstenhaus, oder zu einem Bahnhof. Die Gestaltungsmöglichkeiten waren vielfältig; eine tolle Idee. Von unten besehen leuchteten tausend Lämpchen, sehr passend z.B. in dem Lied “Tausend kleine Engel…”. Dass der Text nicht in die moderne Sprache übertragen wurde, passte meiner Meinung nach viel besser zu den Liedern, deren Melodien mir noch lange im Ohr bleiben werden. Begeistert hat mich wieder unser  Opernchor. Er singt hervorragend und kann dabei auch noch wunderbar schauspielern. Die Einheit der Duisburger Philharmoniker mit dem Opernchor, den guten Sängern des Ensembles und Mitgliedern des Balletts zeigte sich zum Beispiel in einer lustigen Can-Can Tanz- und Gesangseinlage, oder zum Walzertakt. In vielen Szenen wurde das Publikum mitgerissen und belohnte alle Mitwirkenden mit Applaus. Es war ein empfehlenswerter und unterhaltsamer Abend.

Stefan Nickels über “Die Csárdásfürstin”

Sylva Varescu ergeht es leider nicht wie Julia Roberts und Edwin Lippert-Weylersheim besitzt nicht die Größe eines Richard Gere. Dabei hätte der Zuschauer sich doch so sehr ein Happyend bei diesem immer gleichen wie aktuellen Thema – der Liebe zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Kreisen – gewünscht. Doch leider bleibt dies nur ein Traum, wehmütig geträumt von einer Putzfrau, deren Erinnerung an ihre Zeit als Csárdásfürstin einen kurzweiligen, unterhaltsamen und manchmal nachdenklichen Operettenabend eröffnete. Und ehrlich gesagt: Kann es einen besseren Einstieg in die Welt von Oper und Operette geben als die von Regisseur Joan Anton Rechi inszenierte Csárdásfürstin?  Eingängige Melodien, ein zeitgemäßes Bühnenbild – Himmelstreppen als Sinnbild für den großen Traum von einem besseren Leben in ehrlicher Liebe – sowie ein Ballett und ein Chor, deren sehr ansprechendes Können nicht nur beim Spielen einer Zeitlupenszene verblüffte, trugen dazu bei, mir als Oper(ette)n-Novize Augen und Ohren, manchmal auch das Herz für die Schönheit von Musik und Gesang gepaart mit Schauspielkunst zu öffnen. Und einmal ins Stück eingetaucht, geht auch für einen Neueinsteiger die Entdeckungsreise kurzweilig weiter: Die Rahmenhandlung – eine Putzfrau erinnert sich –  holt die Csárdásfürstin in die heutige Zeit hinein. Vielschichtiges Durcheinander in den Varietészenen wechselt mit den strengen Ordnungsstrukturen am fürstlichen Hofe ab. Schwarz-weiß Kontraste bei den Kostümen zeigen an, wer hier dem Herzen nach zusammen gehört und der Etikette entsprechend eben nicht. Bleibt noch ein Hinweis auf die musikalische Leistung. Sie war sicher sehr gekonnt, und ein fortgeschrittener Besucher der Oper am Rhein würde sie auch differenziert beurteilen können. Das bin ich aber noch nicht, so dass ich lediglich dieses anmerken kann: Mich haben die Duisburger Philharmoniker, die Solisten und der Chor wunderbar durch die Inszenierung getragen. Manchmal leicht beschwingt, wenn das Glück der Liebe hell zu erstrahlen schien, und manchmal traurig-dramatisch, wenn dann doch der gesellschaftliche Zwang dem persönlichen Glück der Protagonisten entgegenstand. Nun ja, Sylva Varescu erging es eben leider nicht wie Julia Roberts und Edwin Lippert-Weylersheim besitzt dann doch nicht die Größe von Richard Gere. Und ich? Ich habe noch ziemlich wenig Ahnung von Oper und Operette. Doch das wird sich ändern bei meinen nächsten Premierenbesuchen – so wie Julia Roberts es auch geschafft hat, sich in einer für sie neuen Welt zurechtzufinden. Deshalb: Wenn auch Sie jemals mit dem Gedanken gespielt haben, sich dem musikalischen Schauspiel zu nähern, dann fangen Sie jetzt an: die Csárdásfürstin ist ein wunderbarer Einstieg in die Oper(rette)nwelt!

Kai Schumacher über “Die Csárdásfürstin”

Operettenbesuche gehören normalerweise nicht zu meinem gewöhnlichen Wochenendprogramm – die Operettenschublade in meinem Kopf quillt über vor klischeehaften Plots gepaart mit oberflächlich-kitschiger Musik. Das die Aufführung der Csárdásfürstin in Duisburg trotzdem ein äußerst spannendes Erlebnis war, lag vor allem daran, dass die Inszenierung fast alle Kitschfallen geschickt umgeht. Zum Einen durch eine fast sozialromantisch anmutende Traumsequenz, die das Stück am Anfang und Ende als Klammer zusammenhält und dadurch verhindert, die anachronistische Handlung “gegenwartstauglich” aufpeppen zu müssen. Zum Anderen durch einen feinen Sinn für Ironie, die mal plakativ, mal äußerst subtil vorgetragen wird und die nicht nur das Ensemble, sondern auch den beteiligten Chor zu unterhaltsamen schauspielerischen Einlagen treibt. Dann wäre da noch das stilvoll reduzierte Bühnenbild, das das Theater allein mit fünf beleuchteten Treppensegmenten mal in ein Revuetheater, einen Bahnhof, den Fürstenhof und eine riesige Showtreppe verwandelt. Chic, cool, modern. Auch die Duisburger Symphoniker scheinen einen Riesenspaß bei der Arbeit gehabt zu haben, da wurde nicht versucht, irgendwas Tieferes in die Musik hineinzuinterpretieren (das objektiv auch gar nicht vorhanden ist), sondern einfach mit draufgängerischem Charme drauflos gespielt. Manchmal sogar etwas zu ungarisch-feurig – und falls die Sänger und Sängerinnen auf der Bühne manchmal ein bisschen vom Klangteppich zugedeckt werden, kann das Publikum den Text ja immer noch mittels “Videotext” am Bühnenrand verfolgen.

Annkathrin Kostka-Speckamp über “Die Csárdásfürstin”

“Ohne Weiber geht die Chose nicht” könnte beinah ein Slogan der Frauenbewegung sein — tatsächlich stammt er aber aus der Operette “Die Csárdásfürstin” von Emmerich Kálmán. Die Inszenierung der DOR kommt dagegen ganz und gar nicht altbacken daher; ist doch das vom Komponisten gewählte glückliche Ende durch einen Ringschluss ersetzt, der darauf schließen lässt, dass sich die hoffnungsvollen Träume der Varietésängerin Sylva (Nataliya Kovalova) schlussendlich nicht erfüllen. Dadurch wirkt die Operette moderner und hat nicht nur die ältere Generation im Publikum angesprochen, sondern auch mich. Die stimmige Musik garantiert einige Ohrwürmer; ein besonderes Highlight war jedoch Alma Sadé, die die Rolle der Stasi singt. Für mich war der heimliche der Star dieser Aufführung jedoch jemand anderes: das Bühnenbild, besonders die überaus interessante Treppenkonstruktion, bei der einzelne Elemente bei Bedarf hoch- und wieder heruntergeklappt werden konnten. Der Raum ist nicht bloße Kulisse, sondern fordert seinerseits Raum ein, er ist sogar ein zentrales Moment der Handlung, als Sylva sich aus ihrem tristen Reinigungskraft-Alltag in eine glamouröse Welt hineinträumt und durch die Showtreppe in ein vermeintlich besseres Leben steigt. Alles in allem eine gelungene, zeitgemäße Inszenierung mit guten Musikern und erfrischend leichten Melodien, die länger als einen Abend im Ohr bleiben!

Klaudija Kosanovic über “Die Csárdásfürstin”

Von der Sehnsucht nach der wahren Liebe und der so schmerzhaften Erkenntnis, dass sich diese in der Realität nicht erfüllen lässt, erzählt die 1915 in Wien uraufgeführte Operette “Die Csárdásfürstin”. Diese zeitlose Thematik der Liebe als ‘Quelle von Glück und Leid’ mit all ihrer Zerrissenheit behält in der Neuinszenierung von Joan Anton Rechi bis zum Ende ihre Spannung und Modernität. Die Geschichte der Chansonnette Sylva Varescu beginnt wie der Traum einer Reinigungskraft, die sich aus ihrem Alltag heraus träumt. Ihre triste, farblose Umgebung verwandelt sich in eine lebensfrohe Varieté-Bühne, auf der Sylva Varescu singend eine Treppe herabsteigt und von einem begeisterten Publikum mit Beifall umschwärmt wird. So spielt Joan Anton Rechi direkt zu Beginn mit verschiedenen Realitätsebenen, in die er auf subtile Weise auch die Besucher der Rheinoper mit einbezieht. Als sich ihr Applaus mit dem auf der Varieté-Bühne vermischt, werden sie Teil der Illusion und einer Welt, in der es keinerlei Sicherheit zu geben scheint. Sylvas Liebe zu dem Fürstensohn Edwin führt in einen Kreislauf von Hoffnung und Enttäuschung, Glauben und (Ver)-Zweifeln. Zunächst beteuert Edwin seine Liebe und bekräftigt diese mit einem Eheversprechen. Der Traum vom “größten Glück einer Frau geliebt zu werden” scheint sich zu erfüllen. Sylva sagt ihre Reise nach New York ab, um bei Edwin zu bleiben. Doch dessen Vater plant bereits eine standesgemäße Hochzeit für seinen Sohn und Edwin hat nicht den Mut, sich zu Sylva und ihrer Herkunft zu bekennen. Nach einem Auf und Ab der Gefühle bleibt ihr letztlich die bittere Erkenntnis, dass sich Edwin ‘ihrer schämt’. Die ersehnte Liebe hat Sylva verloren, was ihr bleibt ist die Kunst. Doch die Welt des Varietés ist letztlich auch nur ein Spiel mit Illusionen. In dem Gesang von Nataliya Kovalova lassen sich alle Nuancen der Gefühlswelt Sylvas zwischen hoffnungsvoller Entschiedenheit und tiefer Enttäuschung mitfühlen. Ihr stets leicht melancholischer Unterton findet sich auch im Spiel des Orchesters wieder. Corby Welch vermittelt überzeugend den anfänglich so euphorisch wirkendenden und letztlich als mutlosen Fürstensohn verblasenden Edwin. Das gesamte Ensemble begeistert in dem harmonischen Wechsel von Solo- und Chorgesang, Schauspiel und pointiert eingesetztem Tanz. Lustvoll und dramatisch spielen die Philharmoniker die für Viele vertrauten, mir jedoch bisher nicht bekannten, Melodien. Eine bemerkenswerte Reduktion in allen Bereichen lässt das gesamte Stück modern und in keinster Weise kitschig erscheinen. Rechi kommt mit nur wenigen, zeitlosen Requisiten aus, ohne plakativ zu werden. Das Bühnenbild, das auf sich hebende und senkende Treppen reduziert ist, nutzt deren ganze Symbolkraft und schafft in Verbindung mit einer raffinierten Lichtregie sogar poetisch wirkende Bilder. Und am Ende ist doch alles nur der wehmütige Traum einer Reinigungskraft, der jedoch tiefer nachklingt, als ich es von einer Operette erwartet hatte. Ich kann jedem – mit oder ohne Operetten-Erfahrung – empfehlen, sich von dieser Inszenierung ebenso überraschen zu lassen.

Sonja Browatzki über “Die Csárdásfürstin”

Als Sylva Varescu das erste Mal Peitsche knallend die Bühne betrat, die Showtreppe herunter stolzierte und ihr die Männer zu Füßen lagen, hatte mich diese femme fatal für sich gewonnen. Bis zum letzten Ton fieberte ich mit ihr, ob sich ihre große Liebe am Ende für sie entscheiden würde. Als sie dies nicht tat und man plötzlich wieder in das Bühnenbild ganz am Anfang geworfen wurde, fühlte ich mich wie herausgerissen aus einem schönen Traum. Ein Effekt, der im Nachhinein betrachtet, das Stück perfekt auf den Punkt bringt. Die Hoffnung der Sängerin wurde enttäuscht und sie landete, abgewiesen vom Fürstensohn Edwin Lippert-Weylersheim aufgrund ihrer sozialen Stellung, wieder auf dem Boden der Tatsachen. Eine harte Landung nach den wunderschönen Bildern zuvor: Tanzende, schwelgende, hoffende Menschen, ein großartiger Chor und beeindruckende Protagonisten. Von der aufwendigen Scheinwelt des Theaters im ersten, fiel man nahtlos hinein in die ebenso unechte Welt des Hofes von Lippert-Weylersheim im zweiten Akt. So viele Details fesselten den Blick auf dem prunkvollen Weg hin zum großen Finale, dass man Jeden einladen möchte, ganz genau hinzusehen.

Detlef Klatt über “Die Csárdásfürstin”

Zuerst dachte ich, oh Gott, Operette, das ist so was, was ich als Kind mit meinen Großeltern im Fernsehen anschauen musste. Aber warum eigentlich nicht? …immer offen sein für was Neues …oder eben auch für was Altes oder “Klassisches” …neue Erfahrungen sammeln. Als sich der Vorhang hob, war mir schnell klar, dass es sich hier nicht um eine herkömmliche Inszenierung handelt. …mein zweites, oh Gott! …es soll also zeitgerecht oder gar modern werden… Manchmal ist etwas Althergebrachtes gut und muss nicht auf Krampf modern verpackt werden. Wie gelingt das mit einem Stück, das 1915 uraufgeführt wurde? …da gab bei mir schon Zweifel. Ich nehme es gerne vorweg…es ist meiner Meinung nach sehr gut gelungen! Die Bühne empfand ich als Mischung zwischen coolem Club und Revue mit Ansätzen von Star Wars. Das hört sich verrückt an, aber es war klasse, wie man mit hebenden und senkenden Teppen- und Deckenelementen und wechselnder Beleuchtung fantastische Räume und Stimmungen inszeniert hat. In so einer “Location” möchte ich auch mal feiern… Klar, das Gesellschaftsbild der Geschichte entspricht nicht wirklich der heutigen Zeit, aber es ist so dargestellt, dass man sich doch Gedanken macht… Na ja, auch musikalisch und sprachlich ist das nicht das Neueste, aber ich muss ganz ehrlich sagen, wenn das Orchester richtig loslegt, ein Riesenchor und die Darsteller singen, das ist schon beeindruckend…wenn dann noch zahlreiche Tänzer dazukommen, am Ende fünfzig bis sechzig Darsteller auf der Bühne stehen und noch anfangen, den Takt der Musik mitzustampfen, dann kann man selber kaum die Füße und Hände still halten und möchte gerne bei der großen Party dabei sein. Auch wenn es im zweiten Akt nicht mehr ganz so heiter und lebhaft zugeht, steigert es sich zum Ende doch wieder und man verlässt das Theater überraschenderweise mit einigen schmissigen Melodien im Kopf. Im Ganzen war es eine tolle neue Erfahrung und für mich und mehr eine unterhaltsame Show als eine muffige und in die Jahre gekommene Operette.

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