Christoph Grätz über b.24

„Illusionen“ hat Young Soon Hue ihren Beitrag übertitelt, der in sieben Bildern die Erlebnisse und Gefühle einer Frau schildert. Es geht um Erfahrungen mit Männern, um Verlassen werden, es geht um sichtbare und unsichtbare Barrieren, um Abgründe und Ablehnung, die diese Frau durchlebt, eindringlich getanzt von Yuko Kato. Die Koreanerin Hue hatte diese Choreographie ihrer „Hauptdarstellerin“ auf den Leib geschrieben. Ich habe wirklich mitgefühlt, vor allem die Szenen in denen Kato sich einer Übermacht ausgeliefert sah, waren geradezu körperlich spürbar. Wie gut, dass es da auch noch den Schutzengel gab, eindringlich getanzt von Marcos Menha. Philip Glass hat die Musik, die von Violine und Cello bestimmt ist, als Ballettmusik geschrieben. Hue hat diese Musik stimmig in eine Geschichte umgesetzt. Nach diesem ersten Set des Abends hatte ich schon das Gefühl: Das war großartig und eigentlich kannst Du jetzt nach Hause gehen. Was soll da noch kommen?

Schon die Musik des 8. Streichquartettes von Dimitri Schostakowitsch lässt einem den Puls höher schlagen. Für mich potenzierte sich die Sogwirkung beim Ballettstück „Lonesome George“ von Marco Goecke durch eine Körpersprache, die so gar nicht dem entsprach, was ich bisher an Ballett gesehen hatte. Hier ging es nicht um Schönheit, Anmut, Harmonie sondern um den puren Ausdruck. Teils mechanisch, teils animalisch bewegen sich die Körperkünstler beim zweiten Set des Ballettabends b24. Die Geschwindigkeit der Bewegungen hat mich sofort in ihren Bann gezogen. Die perfekte Lichtregie verdichtet die Emotionalität und den Ausdruck, und konzentriert auf das Wesentliche. Aus dem Schwarz tauchten plötzlich einzelne Mitglieder der Compagnie auf. Was dieses eindringliche Stück mit der Riesenschildkröte Lonesome George zu tun hat, hat sich mir nicht direkt erschlossen. Geholfen hat mir die Erklärung, dass nach dem Tod von „Lonesome George“ auf einer Nachbarinsel der Galapagos, entgegen jeder Erwartung, weitere seiner Art gefunden wurden. George war eben doch nicht so ganz „lonesome“, und diese Hoffnung ist es vielleicht auch, die Goecke ausdrücken wollte, das positive Gefühl: Ja es geht weiter.

„Voices Borrowed“, heißt das geliehene oder geklaute Stimmen? So war der dritte Teil des Abends betitelt, eine Choreographie der Amerikanerin Amanda Miller. Arnold Schönberg hatte sich für diese Musik Stimmen eines Concerto Grosso von Händel geborgt und über dieses eigene Stimmen hinzu komponiert. Was für eine originelle Idee und welch farbige Umsetzung in Tanz ist Amanda Miller gelungen. Gemeinsam mit der Compagnie hat sie eine Choreographie auf die Bühne gebracht, die aus freien und durchchoreografierten Passagen bestand. So zumindest war mein Eindruck. Es hatte eine Leichtigkeit und auch etwas augenzwinkerndes, wie sie das klassische Ballett zitierte und als Stilmittel einsetzte. Ein Ansatz der vielleicht nicht jedem gefällt, mich aber gut unterhalten hat. Die Tanzfreude war den Mitgliedern der Compagnie anzusehen und so war für mich „Voices Borrowed“ der ideale Ausklang eines Ballettabends, der keine Sekunde langweilig war. Unbedingt reingehen!

Weitere Informationen zu b.24:
http://www.operamrhein.de/de_DE/events/repertoire/1010871/ballet

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