Christina Irrgang und Lucas Croon über b.22

Schläpfer_einWaldeinSee_07_FOTO_gertWeigelt„verwundert seyn – zu sehn“: eine Jagd und Suche nach dem Selbst, nach der Vergangenheit, nach der Zukunft, nach dem Ich – das sich mit jedem Schritt zu verwandeln sucht und dem inneren Begreifen entzieht. Martin Schläpfers neuestes Stück „verwundert seyn – zu sehn“ ist ein großer Tanz in drei Akten, der diese Suche und Jagd in höchster Ästhetik pointiert. Es ist ein Tanz zwischen der Liebe, den Geschlechtern, zwischen irdischer und sphärischer Kontingenz. Das Bühnenbild ist dabei minimal und deutet nur einen Raum an, der sich zwischen Nacht, der Grenze des Mondes und dem Ungreifbaren des Alls entfaltet. Der Weg des Protagonisten, getanzt von Marcos Menha, entfaltet sich über die Musik von Alexander Skrjabin und Franz Liszt (gespielt von Denys Proshayev): ein Klang, der das Verführerische und Spröde des Utopischen elegisch unterstreicht und ein fortwährendes Scheitern des Begreifens nahe legt. Und doch bleibt immer wieder die Hoffnung, im Pas de deux mit dem Mann, der Frau, dem Schatten, dem Licht, ja, im verwundert seyn, zu sehn. Schläpfer fügt mit diesem Stück, anknüpfend an einen Text Arthur Schopenhauers, dem inneren Bilde eine weitere Membran des Phantastischen und eine weitere Sehnsucht hinzu: diesen Tanz, dieses „Sehn“ immer wieder betrachten zu wollen.

Die Komposition des Abends wird durch „Moves – A Ballet in Silence“ von Jerome Robbins bereichert. Das Stück ohne Musik aber mit Klang, der einzig durch die Geräusche der Körper der TänzerInnen erzeugt wird, ist gerahmt von Stille und der Lautlosigkeit der Geste. Die Interaktion von Körpern steht im Vordergrund des 1959 uraufgeführten Stückes, aber auch der Tanz als solches, in puristischer Eleganz. Durch die Wahl der minimalistischen Kostüme ist man fast dazu geneigt, an Minimal Art in der Bildenden Kunst zu denken. Die Grenzen zwischen den Künsten lösen sich in Robbins‘ Komposition auf und führen doch ganz nah an den Tanz auf der Bühne, an den Ausdruck der Körper im Raum und ihren Rhythmus heran.

Das Expressive steht schließlich auch im Mittelpunkt der dritten Aufführung, Martin Schläpfers „ein Wald, ein See“ (2006). Hier wachsen Tanz, Bühnenbild/Kostüm und die eigens von Paul Pavey komponierte und aufgeführte Musik zusammen. Das Stück berührt das Archaische, es gibt dem Impuls und dem Unbekannten der inneren Landschaften Ort und Namen: Wald und See. Beben und Erschöpfung, Erfahrung und Mystik, der Weg des Wissens und das Unbekannte. Wind, eine Höhle aus Holz, liquide Tiefe, ein metallisches Verebben, Unsagbares. Außer-der Zeit-Sein. Nicht-Gehen-Wollen.

Weitere Informationen zu b.22:
http://operamrhein.de/de_DE/events/repertoire/1010857/ballet

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