Gisela Miller-Kipp über „Arabella“

ARABELLA_07_FOTO_Hans Joerg MichelDas war/ist „süffige“ Oper und gutes Schauspiel in einem – noch nie habe ich „Arabella“ so glänzend gesungen gehört und so überzeugend gespielt gesehen. Mit vielen kleinen originellen Gesten und Regieeinfällen werden Sänger und Situationen alltagsnah und persönlich trefflich in Szene gesetzt, wird „Arabella“ als im „Tiefgang“ tragische, nicht komische Heiratsmarktgeschichte aufgeführt. Geradezu eine schauspielerische Meisterleistung liefern Zdenka (Anja-Nina Bahrmann), Arabellas in die Rolle eines Bruders gezwungene Schwester, zwischen aufgesetzter Jungenhaftigkeit und unbeholfener Weiblichkeit, und der Vater, Graf Waldner (Thorsten Grümbel), grau und gedrückt von drohendem gesellschaftlichen Bankrott und häuslicher Misere, dann bangebüxig Hoffnung schöpfend angesichts der nahenden Rettung in Gestalt eines reichen Freiers für Arabella, des „slawonischen“ Großgrundbesitzers Mandryka. Ihm sucht er Arabella zu „verkaufen“, als Freiheitsstatue (!) tritt er hernach beim Faschingsball (2. Akt) auf. – Schon wegen des gewitzten, scharf gezeichneten Spiels hätte ich Lust, mir die Oper noch einmal anzusehen. Dazu überzeugte mich die spielerische und gesangliche Leistung aller Akteure.
Zum Sehvergnügen bei tragen die Kostüme – zeitlos pfiffig und farbig-schick – und, vor allem, das Bühnenbild: raumhohe weiße Drehwände, die schnelle elegante Szenenwechsel erlaubten, und auf denen die Lichtregie besondere Szenen in Schattenrissen spiegelt – eindrucksvoll!
Musiziert wurde aus dem Vollen. Anfangs übertönte das Orchester mit Verve die Stimmen, die angestrengt werden mussten, doch das balancierte sich später aus. Schön wurde in allen Hauptpartien gesungen, herausheben möchte ich Jacquelyn Wagner/Arabella und Simon Neal/Mandryka, die beide nicht nur fabelhaft singen, sondern auch eine Augenweide sind: sie blondmähnig-jugendschick, beim Ball im rosenbestickten (!) roten (!) Corsagekleid, er dagegen wenig salonfähig in düsterem (!) Loden, doch von überragender Statur.
Ein Missvergnügen hatte ich: Der Faschingsball, Arabellas Abschied von ihrer Mädchenzeit, darüber hinaus vielleicht Abgesang auf das k.u.k. Herrenreitertum – wenigstens traben die drei adeligen Verehrer Arabellas als Knallchargen in Jockeykostümen über die Bühne, einer von ihnen schnupft Kokain von der Sitzfläche eines Stuhls, haha –, diesem Faschingsball fehlt die Opulenz, er kumuliert in einer langen Kopulationsszene – diverse Stellungen in diversen Tempi –, die ich langweilig fand und eher degoutant; Faschingsturbulenz und bacchantische Dekadenz stell ich mir weniger lumpig vor.
Stark das letzte Bild: Arabella, jetzt züchtig im hochgeschlossenen Schwarzen (!) und mit zum Dutt gezähmtem (!) Haar, geht mit dem Mann, dem sie sich hingebungsvoll versprochen hat (Mandryka eben), in ihre Zukunft: Die weißen Wände öffnen sich total und geben den Bühnenhintergrund frei – der aber ist raumhoch schwarz vergittert! Die Musik hingegen schwelgt von Liebessehnsucht und –erfüllung. Darüber sinniere ich immer noch.
Zum Schluss: begeisterter Beifall, einige energische Buhs – wogegen? – und viele Vorhänge. Hingehen, anhören und ansehen!

Weitere Informationen zu „Arabella“:
http://operamrhein.de/de_DE/repertoire/arabella.1047781

OpernscoutsGisela Miller-Kipp
Emeritierte Professorin für Allgemeine und Historische Pädagogik

„Nichts nährt Seele, Sinne und Phantasie besser zum Ausgleich wissenschaftlicher Tätigkeit als die Oper!“, sagt die emeritierte Professorin, die schon mit 14 Jahren ihre erste Vorstellung besuchte. Ihre große Rezeptionserfahrung bringt sie nun in die Runde der Opernscouts ein. Seit ihrem Ruhestand ist sie besonders bürgerschaftlich engagiert, u.a. als Lese-Mentorin und in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit; kulturell  tummelt sie sich noch im Goethe-Museum und im Museum Kunstpalast.

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