Christina Irrgang über „Arabella“

ARABELLA_04_FOTO_Hans Joerg MichelMit der Inszenierung von Tatjana Gürbaca an der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf ist Richard Strauss‘ „Arabella“ in ein neues Kleid gestiegen: in eines der Emanzipation.
Die Szenerie um Arabella, deren gebotene Heirat als einziger familiär-wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Ausweg aus der verarmten Wiener Adelsfamilie erscheint, könnte nicht klischeereicher beginnen: Der Vater wirbt mit ihr anhand einer Fotografie, woraufhin sich der Fremde Mandryka sogleich in Arabellas Abbild verliebt. Das Portrait der jungen Frau vereinnahmt seine Sinne, veranlasst ihn zu einer Reise aus den heimischen Wäldern Slawoniens nach Wien, zur Brautwerbung und zur direkten Antragstellung. Die bildhafte Erscheinung von Arabella ist Mandrykas Fundament für dessen Liebe – eine sehr instabile, wie sich im Verlauf der Oper erweisen wird.
Das Stück spielt im Jahr 1860. Es ist eine Zeit, in der die gesellschaftsfähige Entwicklung der Fotografie gerade erst begonnen hat, doch ist es auch eine Zeit, in der Visitenkartenportraits durchaus geläufig waren. Es ist anzunehmen, dass der Dichter Hugo von Hofmannsthal auf diese Mode verwies, als er 1927 mit Richard Strauss in Brief-Korrespondenz stand, um die Handlung der „Arabella“ zu verfassen. Viel mehr noch aber ist der Glaube an die durch die Fotografie vermittelte Authentizität ein Aspekt seiner Zeit, wurde das fotografische Bild zu Hofmannsthals Zeit geradezu massentauglich und politisch wirksam.
So, wie Arabellas Antlitz auf dem Abbild des Fotos den Mandryka blendet, wird ihr Charakter auch im 1. Aufzug und 2. Aufzug dargestellt. So durchläuft Arabella in Gürbacas Regie, in Anne do Pacos Dramaturgie und in Silke Willretts Kostümen die Rollen des KÖ-Girlies mit silbernem Rock und den passenden Schuhen, hin zu einer Prinzessin in pinkfarbenem Tüll. Arabella wird zum Sinnbild der Oberflächlichkeit, die sich in ihrem Charakter auf Selbstverliebtheit und Koketterie stützt, und in ihrem taumelden Liebeswahn zu Mandryka als dessen Untertanin seinen Schatten – in diesem Fall sein halbfestes Abbild – küsst. Den Umbruch von Anschein zu Tatsächlichkeit bringt ein Missverständnis – doch die vermeintliche Tragödie des Stückes kehrt in ihrer Intensität und Vehemenz nur die Stärke der Protagonistin hervor. Denn erst Arabellas Erkennen des „Einbildens“ und Verblendetseins verhilft ihr zu einer autonomen Persönlichkeit, und erst ihre Geste des Verzeihens und des sinnbildlichen „Wasser Reichens“ verhilft ihr und Mandryka als Paar zu wahrer Größe. So erscheint die Schlussszene, in der Arabella als ernste, erwachsene Figur ein schwarzes Kleid trägt, auch nur scheinbar von Trauer gefärbt. Die minimal gestaltete Bühne mit weißen Drehtüren von Henrik Ahr öffnet sich in den rohen schwarzen Bühnenhintergrund, die Inszenierung mündet in den Realraum, die Protagonisten wenden sich vom Publikum und vom Schauspiel ab. Stärke und Mut, Charakterentwicklung und Absage an Tam-Tam: Bravo für diese Arabella, die außerdem fantastisch musikalisch dargeboten ist.

Weitere Informationen zu „Arabella“:
http://operamrhein.de/de_DE/repertoire/arabella.1047781

OpernscoutsChristina Irrgang
Freie Autorin

Christina Irrgang lebt und arbeitet als freie Autorin in Düsseldorf. Sie studierte Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, an der sie aktuell über den Fotografen Heinrich Hoffmann im Kontext politischer Bildstrategien promoviert. Parallel zum Schreiben verfolgt sie im künstlerischen Bereich ihr Musik-Projekt BAR, das sie 2013 mit Lucas Croon gegründet hat. In der Spielzeit 2015/16 ist sie zum zweiten Mal begeisterter Opern-und Ballett-Scout!

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