Isabell Boyer über „Arabella“

Isabell Boyer über “Arabella”

ARABELLA_11_FOTO_Hans Joerg MichelDer Vorhang schließt sich, das Publikum schweigt und wartet auf das Antlitz jener, die Hofmannsthals und Strauss’ Meisterwerk in unsere Leben bringen. Wer hier pompöse, dekadente Bühnenbilder erwartet, staunt zuerst: Es zeigen sich kahle Räume, von weißen Wänden geziert, die sich immer wieder neu arrangieren lassen. In dieser ‘Arabella’ geht es nicht um offensichtliche Dekadenz, sondern um die, die man im Herzen trägt. Somit erzeugt nicht der Hintergrund den optischen Rahmen der Begebenheiten, sondern die farbenfrohen Kleider, die sich je nach Anlass wandeln, sowie das hinreißende Licht, das die kalten, weißen Wände in Schattenspiel und Atmosphäre taucht.
Darin, begleitet vom Licht wie von schweigenden Auren, singen Arabella und Zdenka mit eindrucksvollen Stimmen von ihren Sorgen, die eine von ihrem Wunsch, den Richtigen zu finden, die andere davon, einerseits ihre Familie scheitern zu sehen, die von Spielsucht und Oberflächlichkeit zerfressen ist, andererseits sich selbst zu verlieren in der Lüge, die sie aufrechterhalten muss. Zdenka ist in ihren Gefilden nämlich nicht als Mädchen bekannt, sondern als Junge. Ihre Eltern gingen davon aus, nur ein Mädchen standesgemäß aufziehen zu können und entschlossen somit, dass ihre jüngere Tochter als Zdenko bekannt werden sollte – mit kurzem dunklem Haar, Brille und unscheinbarer Kostümierung.
Es ist beeindruckend, wie aufopferungsvoll die junge Frau sich gibt, obwohl ihre Liebe lange nicht erwidert und ihre Hoffnungen nicht selten innerhalb des Stücks zerstört werden. Hierbei beeindruckt mich besonders die Darstellung ihrer Person von Anja-Nina Bahrmann, die sowohl die humoristischen, als auch die tragischen und romantischen Seiten ihrer Rolle exzellent zu verkörpern wusste.
Doch ist sie nicht die einzige junge Frau, deren Leben auf den Kopf gestellt wird. Arabella, das Hauptaugenmerk unseres Stücks, stellt einen Kontrast zu ihrer Schwester da, der nur spielerisch aufgehoben wird, wenn die beiden Frauen direkt aufeinander treffen. Sie ist überheblich, selbstbewusst, trägt auffällige, bunte Kleidung, liebt es, zu kokettieren, zu spielen, Männer um den Finger zu wickeln. Zu Anfang stellte sich die Frage, wo genau Sympathien anzulegen sind. Mit wem fühlt man mehr mit? Mit der Frau, die sich verstecken muss und leugnen muss, einen Mann zu lieben, der sich stets in ihrer Nähe befindet? Oder mit derjenigen, die alles hat, aber merkt, dass es nie der Richtige war, der sie umwarb, bis er eines Tages auf der Bildfläche erscheint?
Ein Foto, das schließlich zur Brautwerbung an einen ehemaligen Freund des Vaters verschickt wird, bringt die Geschichte ins Rollen. Nicht mehr als ein Abbild, ein Zeichen der Schönheit Arabellas, bewegt Mandryka, den Mann, den Arabella sich erträumte, dazu, um ihre Hand anzuhalten. Den geldgierigen Eltern kommt dies nur recht. Kurz darauf beginnt das Chaos. Als Arabella ihre letzte Nacht als Mädchen feiern will und recht früh wieder gehen möchte, um sich auf ihr neues Leben vorzubereiten, führt ein schreckliches Missverständnis zu Fehlern, die es kaum zu begleichen gilt. Es ist schockierend, zu sehen, wie ein lustig anmutendes Fest zur Orgie gewandelt wird, angetrieben und ermöglicht von dem Mann, der vor Eifersucht blind geworden ist.
Nur Zdenka, die das Schicksal herausforderte, da sie Matteo, den Mann, den sie liebte, täuschte, kann am Ende alles wieder ins Gute umkehren. Nicht nur sie hat nun die Möglichkeit, zu lieben, nein, auch Arabella erhält eine neue Chance, sich zu beweisen und zeigt Mandryka sowohl Hoffnung, als auch Grenzen auf. Am Ende ist es nicht der überschwängliche Kitsch, der das Paar zusammenbringt, sondern ein Brauch, den sie in erstaunlich erwachsener, schlichter Haltung für Mandryka übernommen hat: Sie reicht ihm als Zeichen dafür, dass sie selbst ihn und keinen anderen erwählt hat, ein Glas Wasser über die Schwelle. Es wird klar, dass sie zwei Dinge erreicht hat, die für sie von größter Wichtigkeit sind: Selbstbestimmung in einer Welt, wo Frauen dies selten inne haben und Liebe, ehrlich und aufrichtig, erwachsen und wahrhaftig.
Das Ensemble, ebenso wie das Orchester, Regie und Technik, haben mit Arabella ein Monument geschaffen, einzigartig als Abbild der Gesellschaft. Es bleibt jedem selbst überlassen, mit wem er sich in diesem Stück identifiziert. Doch eines bleibt wohl festzuhalten: Wir müssen lernen, zu wissen, wer wir sind, warum wir sind, wie wir sind und was wahre Liebe, Vertrauen und Verständnis füreinander wirklich bedeuten.


Weitere Informationen zu “Arabella
“:
http://operamrhein.de/de_DE/repertoire/arabella.1047781

OpernscoutsIsabell Boyer
Studentin

Auf unseren jüngsten Opernscout sind wir durch einen Text aufmerksam geworden, den sie als „Operntester“ über Prokofjews Oper „Der feurige Engel“ geschrieben hat. Die eingehende Beschäftigung mit dem Stück hat uns neugierig gemacht auf mehr. Isabell Boyer studiert Germanistik und Anglistik in Essen. Sie singt selbst in Pop- und Rockbands und hat 6 Jahre lang Theater in einer Laiengruppe gespielt. Als Opernscout berufen worden zu sein ist eine Ehre für sie. Sie ist sehr froh, dabei zu sein und hofft auf eine schöne Zeit.

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