Gisela Miller-Kipp über b.25

van Manen_Two Gold_Variations_03_FOTO_Gert WeigeltDas war/ist ein spannender Ballettabend, heterogen zusammengesetzt aus drei Stücken der mittlerweile klassischen Moderne, die in der Körpersprache nicht unterschiedlicher sein könnten. Zusammen führen sie das heute den Tanzkompagnien zur Verfügung stehende Bewegungsvokabular vor. Das Ballett am Rhein beherrscht es bravourös, wie eben in b.25 zu besichtigen.

Das erste Stück – William Forsythe: „Workwithinwork“ – fand ich spröde in Musik (Luciano Berio: 34 Duette für Violine), Tanz und Choreographie. Die Violinen überspannten vielfach den Bogen, kaum ein meinen Ohren gewohnter Geigenton, nichts herkömmlich Melodisches. Dem entsprechend der Tanz: zerrissene, verdrehte, abgehakte, kurz gekoppelte Soli und Paarungen, kein Bewegungsfluss. Bisher habe ich auf einer Tanzbühne noch nicht gesehen, wie bizarr sich der menschliche Körper zu verrenken vermag. Man kann das bewundern. Bewundern kann man auch die Einstudierung. Sie war punktgenau zur Musik, und es wurde überaus akkurat getanzt. – Die Bühne verweigerte sich ebenfalls der Gefälligkeit: im unteren Drittel schwarz – aus diesem Schwarz kamen und in dieses Schwarz verschwanden die Tänzer nonchalant – in den oberen Zweidritteln grau. Das fand ich nicht cool, sondern trist, ein warmer Farbton hätte mich erfreut. Vielleicht sollte man sich also ganz auf den Tanz konzentrieren – überzeugt hat mich das nicht. Beim großen Applaus für die tänzerische Leistung war ich allerdings dabei.

Das zweite Stück – Frederick Ashton: „Symphonic Variations“ – war der Kontrapunkt zum ersten. Zu neo-romantischer Musik (César Frank: symphonische Variationen M.46) wurde mit drei Paaren klassisch-schön getanzt, ballettsprachlich herbeizitiert wurden Schwanensee & Co. Das fand ich sehr hübsch und auch amüsant, ich habe es als ironische Vorführung (!) eben des klassischen Balletts verstanden, von dem Martin Schläpfer sich ja nun entschieden verabschiedet hat, dem aber in Düsseldorf der eine oder die andere noch nachweinen soll. – Gegeben wurde das Stück in Bühne (gelb getönter Prospekt mit großen eleganten Schnittlinien, stimmte fröhlich) und Kostüm originalgetreu. Was seinerzeit – Uraufführung 1946 – als Beschwörung von Frieden/Reinheit/Harmonie ernstlich funktioniert haben mag, wer weiß, funktioniert heute nicht mehr so, die Naivität ist perdu. Ich wenigstens musste schmunzeln, und das begann schon bei den Kostümen: Die Damen tanzten hohe Spitze – man sah die Schwänchen förmlich trippeln – in klassischem Weiß, mit streng genetztem Chignon (Schwanensee dito), allerdings gab es kein Tutu, sondern ein schlapp hängendes Jersey-Röckchen. Die Herren, auf dem Haupt genau so gedeckelt wie die Damen (!), tanzten ebenfalls in Weiß, trugen allerdings ein Halbhemd mit schwarzen Randstreifen, das mich an eine römische Kurztunika erinnerte, vielleicht auch deshalb, weil die Herren gelegentlich antik posierten, etwa im Modus „Fackelträger“, oder sonstwie statuarisch „heldenhaft“. Eine Geschichte wird dazu nicht erzählt, darin liegt die assoziative Offenheit des Stückes. Es verlässt sich auf das kollektive Gedächtnis, spielt mit der Balletterinnerung des Publikums. Wer keine hat, erfreut sich eben so oder nostalgisch am perfekt getanzten klassischen Ballett. Dafür gab es stürmischen Beifall.

Das dritte Stück – Hans van Manen: „Two Gold Variations“ – fand ich meisterlich. Eleganter kann man nicht tanzen, wie Paare sich umschlingen, umgurren, wie da stolziert, posiert, geflirtet, gelockt, gebunden und getrennt und zuletzt beherrscht wird. Getanzt wird das alles auf rhythmisch treibende, ja groovende Musik (Jacob ter Veldhuis) für zwei Schlagzeuge und kleines Orchester, dabei eine silberklare Marimba, und zwar in so stimmiger Choreographie, dass ich zu schreiben wage: Musik und Körperbewegung „verschmelzen“ förmlich miteinander. – Zur Eleganz des Eindruck tragen auch Bühne und Kostüme bei: die Bühne dunkel ausgeleuchtet, davor die Tänzer in schimmernder Schlangenhaut, die Tänzerinnen im farblich entsprechend abgestuften Neckholderkleidchen – einfach schön. – Getanzt wird hinreißend, musikalisch fließend bis in jede Muskelfaser, dies besonders im langsamen Pas de deux (Marlucia do Amaral, Alexandre Simões), aber auch im Ensemble. – Große Klasse, und für das Ganze: Ovationen!

Weitere Informationen zu b.25:
http://operamrhein.de/de_DE/repertoire/b-25.1047795

OpernscoutsGisela Miller-Kipp
Emeritierte Professorin für Allgemeine und Historische Pädagogik

„Nichts nährt Seele, Sinne und Phantasie besser zum Ausgleich wissenschaftlicher Tätigkeit als die Oper!“, sagt die emeritierte Professorin, die schon mit 14 Jahren ihre erste Vorstellung besuchte. Ihre große Rezeptionserfahrung bringt sie nun in die Runde der Opernscouts ein. Seit ihrem Ruhestand ist sie besonders bürgerschaftlich engagiert, u.a. als Lese-Mentorin und in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit; kulturell  tummelt sie sich noch im Goethe-Museum und im Museum Kunstpalast.

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