Christina Irrgang über b.25

Forsythe_workwithinwork_01_FOTO_Gert Weigelteinander berührende Intentionen, die sich wandelnde Formen überdauern

Workwithinwork ist wie ein impressionistisches Bild, wie ein Buch der Konkreten Poesie, wie ein Pop-Song, wie ein Essay-Film. Punktuell gesetzte Farben, Nachbilder in Schlieren, verzerrte und sich doch verdichtende Linien. Angedeutete Zusammenhänge, reduzierte Formulierung, doch klare Aussagen in einer scharf umrissenen Präzision des Moments. Liebe und Verrat, Laissez-faire und konkrete Anmache, Freiheit und Einsamkeit in einem Kosmos, der fließt und stillsteht. Momentaufnahmen, Episoden, aber eine Sammlung von Situationen, die in ihrer Zusammensetzung ein spezifisches Narrativ erkennen lassen. Work – within – work. William Forsythe arbeitet mit einer Grammatik, die auf die Ordnung des klassischen Balletts verweist. So sein Notationssystem für eine digitale Tanzbibliothek, die MOTION BANK, zur Erforschung zeitgenössischer choreografischer Praxis. Doch wenn er tanzen lässt, befreit jede Bewegung, jede Gestik des Körpers jedes analytische System. Denn seine Tänzer tanzen als Individuen, die Kompanie anti-hierarchisch gedacht. Und doch wird erst im Zusammenspiel deutlich, worum es geht: Beziehungen, Aktion und Reaktion, das Wieder-Aufgreifen des Gewesenen, weiter kommen, im Fluss sein und dabei die Luft anhalten dürfen – um weiter zu kommen. Zerrissen sein und nervös sein, umschwärmt und einsam – vergessen. Präsenz nehmen, verlieren, zurück erlangen. Und weiter kommen. Ja: Er ist mit seiner Haltung zum Tanz einer der besten, zeitgenössischen Choreografen. Sein Stück Workwithinwork wird zum Auftakt und Sinnbild des Abends b.25.

Dann: Frederick Ashtons Symphonic Variations. Die Choreografie aus dem Jahr 1946 kommt hier mit identischem Bühnenbild als abstrakte Notation, mit olympiahafter Kostümierung (die olympischen Sommerspiele waren gerade 1944 in London abgehalten worden) und präzis-pointiertem Bewegungsablauf zur Gestalt. Ein Aufatmen aus einer historischen Pose, Zurückkehren in einen Zustand des Friedens, Ausgreifen und Form geben mit hellenistischer Geste. Zwischen Spiel und Kondition, im Ring und Reigen des Rückbesinnens und Neuerfindens. Und die Zuschauer atmen ein Sentiment, das in aller Ordnung losgelöst davontreibt.

…hin zu Gold und Gold. Two Gold Variations von Hans van Manen mit Goldmine (1. Satz) und All this Gold this Mountain has (2. Satz) aus Goldrush Concerto von Jacob ter Veldhuis. Tanz und Musik bilden bei Hans van Manen eine Symbiose wie Tänzerin und Tänzer im Pas de deux. Das Marimbaphon sortiert die Schritte, Holz und Metall sind wie ein Echo auf die Härte und Weichheit der Bewegungen. Flirren, Gleiten, Fließen, Poltern, Hinabfallen, Kämpfen. Perkussion und Orchester, Mann und Frau, Verlangen und Finden. Und immer wieder ein schimmernder Glanz, der unverfroren aufscheint. Er, sie, ich: Man will ihn wieder und wieder sehen, hören. Das Ensemble des Ballett am Rhein tanzt emphatisch, jeder Moment wird getragen und voran gestoßen von den Klängen der Düsseldorfer Symphoniker und des Schlagzeugduos Rafael Sars und Kevin Anderwaldt. Hans van Manens Choreografien…sie sind und bleiben unglaublich.

Weitere Informationen zu b.25:
http://operamrhein.de/de_DE/repertoire/b-25.1047795

OpernscoutsChristina Irrgang
Freie Autorin

Christina Irrgang lebt und arbeitet als freie Autorin in Düsseldorf. Sie studierte Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, an der sie aktuell über den Fotografen Heinrich Hoffmann im Kontext politischer Bildstrategien promoviert. Parallel zum Schreiben verfolgt sie im künstlerischen Bereich ihr Musik-Projekt BAR, das sie 2013 mit Lucas Croon gegründet hat. In der Spielzeit 2015/16 ist sie zum zweiten Mal begeisterter Opern-und Ballett-Scout!

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