Christoph Grätz über „Turandot“

TURANDOT_15_FOTO_Hans_Joerg_MichelWenn jemand, der bisher nichts mit der Oper zu tun hatte, mehr als zu Tränen gerührt ist, kann der Abend so schlecht nicht gewesen sein. So geschehen bei der Arie der Liu im ersten Akt, gesungen von der rumänischen Sopranistin Brigitta Kele.

Für mich war diese Aufführung der Turandot aus zwei Gründen eine besondere: Es war der erste Einsatz einer kleinen Sängerin des Kinderchores der Deutschen Oper am Rhein, die mit ihrer Aufregung alle Beteiligten angesteckt hat. Und es war der allererste Opernbesuch für ihre Mutter, die bei dieser Premiere neben mir saß und eben jene war, die – wohl auch zur eigenen Überraschung – vollkommen ergriffen war. Zu Recht, denn die Stimme der Liu war die ergreifendste dieses Opernabends. Eine allerdings auch dankbare Rolle, gut gespielt und vor allem großartig gesungen.

Musikalisch war der Abend mehr als gelungen. Souverän steuerte Axel Kober das Ensemble durch die mit asiatischen Themen angereicherte italienische Oper. Ich fand alle Rollen gut besetzt. Dass die Titelpartie, mit Linda Watson prägnant verkörpert, nun wahrlich keine Sympathierolle ist, ist der Sängerin nicht anzukreiden. Zwar erklärt die eisenharte Prinzessin, deren Todesurteil so manchen hat über die Klinge springen lassen, warum sie so handelt. Nicht erklären kann die Oper aber, warum der kühne und sympathische Prinz Kalaf – sehr gut gesungen von Zoran Todorovich – sich ausgerechnet in diese grausame Frau verliebt. Zumal Turandot auch noch für den Tod der Sklavin Liu verantwortlich ist, die sich ihm zuliebe opfert. Erfrischend, weil komödiantisch und hervorragend gesungen, waren die Drei Minister Ping, Pang und Pong. Schade ist, dass der Kaiser von China, der hier auch den Komponisten Puccini darstellen sollte, eher wie Charlie Chaplin aussah. Dadurch wurde die hübsche Idee, dass Puccini, der das Werk ja nicht mehr vollenden konnte, als Zuschauer gespannt auf die Auflösung sieht, leider verschenkt.

Das Taiwanesische Team, das für die Inszenierung verantwortlich war, hat beim etwas naiv anmutenden Bühnenbild nicht mit Effekten gespart und für meinen Geschmack manchmal etwas übertrieben. Die Bezüge zum heutigen China fand ich gut und nicht überstrapaziert. Die Wirkung der Projektion auf Gazebahnen, die von der Decke heruntergelassen wurden, war zu Beginn sehr schön, nutzte sich aber im Verlauf der Aufführung etwas ab. Durch die vielen Effekte fiel kaum auf, dass die Inszenierung eher statisch war. Wer andere Regiearbeiten der Deutschen Oper am Rhein gesehen hat, weiß, welche „Action“ auf der Bühne möglich ist.

Es ist spannend mal eine Aufführung zu erleben, die so ganz anders ist, nicht Understatement sondern etwas knalliger und poppiger unter Einsatz vieler technischer Mittel. Ich habe den Abend sehr genossen und empfehle jedem, der noch eine Karte ergattern kann, reinzugehen.

Weitere Informationen zu „Turandot“:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/turandot.1047784

Opernscout Christoph Grätz-1Christoph Grätz
Referent der Stabsstelle Kommunikation bei der Caritas

Wenn es sie nicht schon gäbe, bäte er Gott sie zu erfinden: die Musik. Als Sänger im philharmonischen Chor Duisburg, als ungeduldiger Akkordeonschüler und begeisterter Tangotänzer füllt Christoph Grätz seine Freizeit mit viel Musik (und umso weniger Sport). Bei der Arbeit als Öffentlichkeitsarbeiter für die Caritas darf er zwar auch kreativ werden, aber fast nie musikalisch. Oper und Ballett entdeckt er jetzt nach und nach als Opernscout. Wie schön, dass er etwas davon mitteilen kann.

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