Christoph Grätz über b.26

Musik, die direkt auf das Herz zielt, kongenial in Bewegung umgesetzt

Ballett am Rhein Düsseldorf / Duisburg
b.26 Dark Elegies  ch.: Antony Tudor

Wie englisches Konfekt bunt und klebrig süss, so ähnlich kam mir der Einstieg in den Ballettabend b.26 mit dem „Bournonville Divertissement“ vor, einer Choreographie, die über 150 Jahre alt ist, und das merkte man ihr auch an. Trotz der bewundernswerten Präzision der Tänzerinnen und Tänzer und der perfekt gelungene Symmetrie: Zuviel Süsses hat man dann auch schnell über.

Völlig anders die zweite Choreographie des Abends „Dark  Elegies“. Welch passender Titel, waren doch Mahlers Kindertotenlieder die Grundlage des Vortrags. Das Bühnenbild, ein wolkenverhangener, zerrissener Himmel fügte sich perfekt in die auch farblich gedimmte und fast meditativ gehaltene Choreographie von Antony Tudor aus dem Jahre 1937. Schon vom ersten Takt an, bin ich dem Bann der Musik und der tänzerischen Umsetzung erlegen. Einer Musik, die direkt auf das Herz zielt, kongenial in Bewegung umgesetzt. Der Bariton, Dmitri Vargin, gestaltete den Gesangspart gefühlvoll, begleitet vom gekonnt zurückgenommenen Orchester. Axel Kober hat hier die richtige Balance der Instrumentalisten zur Stimme gefunden. Welch eine künstlerische Gesamtleistung.

So versöhnt hätte der Abend enden können, aber es kam noch intensiver mit der Choreographie „One“ von Terence Kohler. Die ersten Takte von Brahms erster Symphonie spielte das Orchester noch im Dunkeln, dann plötzlich riss der Vorhang auf und der Zuschauer wurde sofort in eine verstörende Szene gerissen: Eine Tänzerin, alleine in zuckenden, vor Schmerz verzerrten Bewegungen, vor einer Kulisse monumentaler Gräue. Scharfes Streiflicht verstärkt das Gefühl der Angst, Ausweglosigkeit und des Eingesperrtseins. Ein starker Einstieg in eine Choreographie, die auch im weiteren Verlauf die Intensität hielt. Sie zeigte die verzweifelten Versuche einer Schicksalsgemeinschaft: Zusammenzuleben, Geschlechterkampf, Rivalitäten. Eindringlich war die Darstellung des erfolglosen Versuchs des Entkommens. Wie im Stummfilm bewegte sich die Tänzerin Marlucia do Amaral an einer Kletterwand. Der Rückzug ins Selbst, so habe ich das Solo von Yuko Kato empfunden, so gefühlvoll, intensiv und präzise getanzt, für mich nicht nur der Höhepunkt dieser Choreographie, sondern des gesamten Abends.

Und schließlich die Auflösung: Zwei haben den Ausweg aus der Bedrängnis gefunden und bringen schließlich eine Leiter auf die Bühne, über die dann alle auf die andere Seite der Mauer, ins Licht, in die Freiheit gar, entkommen. Welch großer Einfall, die Musik noch minutenlang weiter zu spielen, während auf der Bühne nichts mehr passiert. Was stehen bleibt ist – wie eine Erinnerung an vergangenes Leben – die einsame Leiter. Dazu braucht es Mut.

Die beiden letzten Arbeiten dieses Abends haben mich berührt, sind doch die Themen Flucht und Verlust so aktuell wie nie. Ich empfehle jedem b.26 zu besuchen.

Weitere Informationen zu b.26: http://operamrhein.de/de_DE/repertoire/b-26.1047776

Opernscout Christoph Grätz-1


Christoph Grätz

Referent der Stabsstelle Kommunikation bei der Caritas

Wenn es sie nicht schon gäbe, bäte er Gott sie zu erfinden: die Musik. Als Sänger im philharmonischen Chor Duisburg, als ungeduldiger Akkordeonschüler und begeisterter Tangotänzer füllt Christoph Grätz seine Freizeit mit viel Musik (und umso weniger Sport). Bei der Arbeit als Öffentlichkeitsarbeiter für die Caritas darf er zwar auch kreativ werden, aber fast nie musikalisch. Oper und Ballett entdeckt er jetzt nach und nach als Opernscout. Wie schön, dass er etwas davon mitteilen kann.

 

 

 

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