Birgit Idelberger über b.26

Eine Zeitreise durch die Ballettgeschichte – ganz besonders und empfehlenswert!

Ballett am Rhein Düsseldorf / Duisburg
b.26 One   ch.: Terence Kohler

Wir durften eine Zeitreise durch die Historie des Balletts erleben, ausgewählt und in kluge Reihenfolge gebracht von Martin Schläpfer.

Der Abend begann mit einer entzückenden Ballettantiquarität, einem „Bournonville Divertissement“ aus Kreationen, die zwischen 1842 und 1858 entstanden sind. Die überlieferten Choreographien haben bis heute noch Bestand und fordern ein höchstes Maß an tänzerischem Können. Es dabei leicht und fröhlich wirken zu lassen ist große Kunst, die man an diesem Abend einfach nur genießen durfte. Die eigentliche Handlung war nebensächlich, folgte man doch gerne den unterhaltsamen Sequenzen von Soli, Duetten und Ensemblen. Äußerst passend zu den heiteren Variationen und Sprüngen waren ebenfalls die bonbonfarbenen Kostüme der Tänzerinnen mit schwingenden Tutus. Das war pure Freude.

Nach der ersten Pause erwartete man dann etwas verhalten die „Dark Elegies“ von Antony Tudor aus dem Jahr 1937. Kindertotenlieder auf Gedichte von Friedrich Rückert mit Tanz. Thematisch sicher der denkbar größte emotionale Kontrast zu dem ersten Stück. Man sollte einen kleinen Moment innehalten in dem Gedanken, dass die intimen Gedichte eines trauernden Vaters und Dichters Jahre nach seinem Tod von Gustav Mahler musikalisch interpretiert wurden, um dann wieder Jahre später auch noch den Gipfel in der tänzerischen Darstellung dieser bewegenden tiefen Trauer zu finden. Von Anfang an versinkt man in einer zurückhaltenden und still leidenden, aber intensiven Trauer mit dem Bild der im Kreis hockenden Frauen in fließend grauen Kleidern, umgeben von düsterem Licht. Am Rand dieser Szenerie der Sänger auf einem Stuhl sitzend, Klagelieder singend, die Geschichte erzählend. Zu keinem Zeitpunkt lautes Klagen, Weinen, Hysterie, sondern nur einzelne Augenblicke des tänzerischen emotionalen Ausbruchs, der in verschiedenen Tanzsequenzen aus der Gruppe herausbricht, um später in den Schutz der Gruppe zurückzufinden. Das Leid wird gemeinsam erlebt. Kein Ausbruch ist heilsam aber die Rückkehr auch nicht. Die Trauer bleibt wuchtig und leise. Dies ist ein gelungenes Werk. Wunderbar die Stimme des Bariton Dmitri Vargin, dessen ruhiger Gesang das Geschehen sanft begleitet.

Nach der zweiten Pause folgen wir dem Choreographen Terence Kohler „durch Nacht zur Freude“, in gewisser Hinsicht findet hier der Abend seinen Höhepunkt. Stürmisch der Auftakt auch durch das Bühnenbild, das beherrscht wird von imposanten grau melierten Betonblöcken, die unüberwindbar scheinen. Das Werk folgt den Sätzen der Sinfonie Nr.1 von Brahms, wunderbare Musik. Es beginnt ein tänzerischer Kampf und Ansturm gegen diese Säulen, der frustrane Versuch des Ausbruchs, auch ein Ringen miteinander, die Suche nach einer Lösung oder Erlösung. Im dritten Satz das Solo der hervorragenden Yuko Kato. Die Wand scheint aufzubrechen, findet sie die Freiheit in sich selbst? Der geniale Schlusspunkt folgt im letzten Satz. Mit Leichtigkeit wird eine Leiter angelehnt und minutenlang erklimmen alle Tänzer diese, um auf die erleuchtete andere Seite zu gelangen, was auch immer dort sein mag. Die Freiheit? Eine andere Wirklichkeit? Danach bleibt die Bühne leer! Nur noch Brahms und ich.

Dieser Abend war ganz besonders, wertvoll und empfehlenswert.

Weitere Informationen zu b.26: http://operamrhein.de/de_DE/repertoire/b-26.1047776

Opernscout Birgit Idelberger-1
Birgit Idelberger

Frauenärztin

Birgit Idelberger ist in Duisburg aufgewachsen und seit 10 Jahren als Frauenärztin in Duisburg-Walsum niedergelassen. Sie geht gern ins Kino und besucht Kunstausstellungen, doch Bezug zum Theater hatte sie kaum – zur Oper schon gar nicht. Das ist jetzt anders: Offen und neugierig ließ sie sich auf ihre erste Saison als Opernscout ein. Auch ohne Theatererfahrung empfindet sie die Opern- und Ballettabende als persönliche Bereicherung und positive Erfahrung. Sie hofft, dass viele Menschen durch die Kommentare der Scouts neugierig werden und den Weg ins Theater finden.

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