Gisela Miller-Kipp über „Don Carlo“

Eine große Oper über eine politische und eine menschliche Tragödie

DonCarlo_01_FOTO_HansJoergMichelDon Carlos – hier „Don Carlo“ – ist klassischer Stoff und große Oper über eine politische und eine menschliche Tragödie – in der Deutschen Oper am Rhein jetzt mit solcher jugendlichen Leidenschaft aufgeführt, mit solchem Schwung dahinmusiziert, dass sich aller Moder von Klassik verflüchtigt, dass man bewegt wird bzw. sich bewegen lassen kann, auch wenn man die Geschichte zur Genüge kennt.

Tragende Partie dabei ist Gianluca Terranova als Carlos. Er singt und spielt über zweieinhalb Stunden lang Liebesleid und innere Zerrissenheit mit Inbrunst und großer Stimmkraft – dass er dabei gelegentlich pressen musste, was soll’s, das Orchester machte es ihm, wie allen Sängern, auch nicht unbedingt leicht, es überspielte sie ab und an, das ist nicht fein. – Musiziert wird also „italienisch“, das heißt mit Bravour und melodiösem Schwung, und der ist bei Verdi natürlich mitreißend. Stimmlich war der Attacke nur noch Ramona Zaharia als intrigante Prinzessin Eboli gewachsen; sie war auch bildschön anzusehen mit schwarzer Haarpracht und lachsroter Corsagenrobe, deren üppig fallenden Brokat sie energisch tänzelnd raffte – das erinnerte mich übrigens an die Brokatmalerei bei Zurbarán, die man jüngst im museum kunst palast bewundern konnte, vielleicht eine absichtliche Anspielung, wer weiß, die Inszenierung steckt voll schöner Verweise. Ramona Zaharia also gab beim Schlussapplaus die Prima Donna durchaus zu Recht.

Die anderen Hauptpartien fielen gegen diese beiden herausragenden Temperamentsleistungen ab, agierten konventionell und eher statuarisch, was beim Großinquisitor – mit voll tragendem Bass: Sami Luttinen – allerdings zur Rolle gehört. Olesya Golovneva als unglückliche Königin Elisabeth hielt mit ihrer Stimme hörbar Maß. Adrian Sâmpetrean (König Philipp II) sang einen gepflegten Bass, und Marquis Posa (eine historische Erfindung Schillers) einen kraftvollen Bariton – die leidenschaftliche Jugendliebe zwischen ihm und Don Carlos, von der die Musik erzählt, wird hier voll ausgespielt. Insofern überzeugte mich sehr, dass in dieser Inszenierung (Guy Joosten) ein junges Ensemble agiert – stimmliche Reife ist dabei nicht die entscheidende Größe.

Die Inszenierung rückt das private Schicksal nach vorn und hält sich in puncto Jugend an die Realgeschichte: Don Carlos und Elisabeth von Valois, die ihm versprochene Braut, sind in jenem Schicksalsjahr (1559/60), in dem Carlos Thronfolger wird und sein Vater, der König, sich Elisabeth selbst zuführt, tatsächlich erst 15 Jahre alt – beide verlieren sozusagen Knall auf Fall ihre Liebe, ihre Freiheit und ihre Jugend. Daran kann man seelisch Schaden nehmen, und genau das passiert hier. Don Carlos spielt von Anfang an mit Tick, besonders derangiert ist er in der Großen Versammlung vor dem Autodafé. Dort tritt er mit dem hohen weißen Spitzhut auf, der für Ketzer steht, mit dem wir heute aber unweigerlich den Ku-Klux-Klan assoziieren, trägt dazu einen weißen Überwurf mit Andreaskreuz – steht für den reuigen Sünder, gehört aber auch zum Templerorden, die Bildverweise sind mehrdeutig! – und benimmt sich bizarr. So weit so glaubwürdig herzzerreißend. Dass er aber minutenlang – also, bis er seine Arie zu Ende gesungen hat – seinem Vater und König mit einer Pistole vor der Nase herumfuchtelt, vor versammelten Granden!, ist lachhaft. Ebenso neben der Kapp‘ der Auftritt der Vertreter der stolzen flandrischen Stände in derselben Szene, nämlich mit Eselskappen (Ketzer!) und im Hasenhüpfgang! – vor solchen Komikern brauchten weder König noch Inquisition schweres Geschütz aufzufahren!

Als weitere eindrucksvoll berührende Szene mit unfreiwilliger Komik, leider, erinnere ich mich an die Abschiedsszene Don Carlos–Elisabeth – ein wunderschönes Duett, auch wunderschön gesungen, Gianluca Terranova darf zeigen, dass er Mezza-Voce kann. Beide versprechen sich ein Wiedersehen im Himmel, dies aber, wiederum symbolisch aufgeladen, am Grabe Karls des V., und zwar auch auf der Grabplatte, dort kniend, sitzend und liegend (!), ein wahrhaft schräger Regieeinfall – um bei derlei Posen Halt zu geben, war die Grabplatte aufgeschrägt. Der inneren Dramatik tat das durchaus Abbruch.

Zuletzt noch zum Bühnenbild (Alfons Flores), ich fand es in Ästhetik und Raumfunktion nahezu genial: Es besteht aus raumhohen Diamantfassaden in königlichem Gold. Sie gleissen in dem für diese Fassaden typischen geometrischen Licht- und Schattenspiel, wirken prächtig und mächtig und zugleich bedrohlich, sind bei szenischem Bedarf aber auch durchscheinend – so sieht man dahinter etwa die Vertreter der allmächtigen und hier tatsächlich allgegenwärtigen Religion stehen, ein glorioser Einfall – und lassen sich blitzschnell vom Schnürboden herunter zu unterschiedlich großen Räumen fügen. So senkt sich auch ein eckiger Turm aus vier Fassenteilen auf die Bühne: das Gefängnis der Ketzer, an dessen Mauern die Flammen lodern, das Gefängnis aber auch von Don Carlos, in dessen Inneren man ihn sitzen sieht, während außen vor den Mauern die mit seinem Schicksal befassten Protagonisten agieren.

Auf der Bühne als Hauptmöbel ein großes Doppelbett, in Purpur (Königfarbe!) und Karmesin (Kardinalsrot!) aufgedeckt. Es dient als Ort von Aufbahrung, Getändel, Liebeswahn und Verführung, und in der privaten Szene zwischen König und Königin ist es in zwei Einzelbetten auseinandergerückt – kurzum: Die Bühne setzt ästhetisch absolut überzeugend das auf ihr spielende Gefühls-, Seelen- und Herrschaftsdrama um. Schon sie allein lohnt den Besuch dieser Oper. – Am Premierenabend gab es viele Vorhänge, zum Schluss Standing Ovations für Sänger und Spiel, während ein Teil des Publikums bereits hinauseilte zur Garderobe – eine in Düsseldorf besonders ausgeprägte Unart.

Weitere Informationen zu „Don Carlo“:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/don-carlo.1047756

OpernscoutsGisela Miller-Kipp
Emeritierte Professorin für Allgemeine und Historische Pädagogik

„Nichts nährt Seele, Sinne und Phantasie besser zum Ausgleich wissenschaftlicher Tätigkeit als die Oper!“, sagt die emeritierte Professorin, die schon mit 14 Jahren ihre erste Vorstellung besuchte. Ihre große Rezeptionserfahrung bringt sie nun in die Runde der Opernscouts ein. Seit ihrem Ruhestand ist sie besonders bürgerschaftlich engagiert, u.a. als Lese-Mentorin und in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit; kulturell  tummelt sie sich noch im Goethe-Museum und im Museum Kunstpalast.

Advertisements

2 Gedanken zu “Gisela Miller-Kipp über „Don Carlo“

  1. Christina Irrgang 23. Februar 2016 / 23:39

    Toller Text! Dem stimme ich ganz zu – insbesondere Ihrem Fazit!

  2. Christina Irrgang 23. Februar 2016 / 23:40

    Toller Text – dem stimme ich ganz zu, insbesondere Ihrem Fazit!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s