Christina Irrgang über „Don Carlo“

Ehrlich und authentisch bis ins kleinste Detail

DonCarlo_10_FOTO_HansJoergMichelMein erster Gedanke: Diese Inszenierung ist vollkommen und schafft es, auf jeder der sie herausbildenden künstlerischen Ebenen zu begeistern! Bühne, Kostüme, Licht, dann Orchester, Sänger und Chor… drei einviertel Stunden verfliegen im Rausch von Darstellung und Gesang, wobei alle Beteiligten eine wirklich meisterhafte Leistung vollbracht haben. „Don Carlo“ in der Deutschen Oper am Rhein ist ehrlich und authentisch bis ins kleinste Detail, und so vehement, wie ich diese Oper am Premierenabend wahrgenommen habe, möchte ich sie dem interessierten Publikum empfehlen!

Alfons Flores errichtet aus einem einzigen grafischen Element durch dessen Wiederholung und architektonische Platzierung einen golden schimmernden Palast, der sich mobil an jeder neuen Situation auf der Bühne ausrichtet. Flores erzeugt dabei Räume wie auch Zwischenräume, werden seine Elemente durch die Lichtinszenierung von Manfred Voss in zweischneidigen und existenziellen Momenten zu transparenten Membranen. Voss wiederum setzt die Dramaturgie durch prismatische Lichtfacetten ein, steigert die Emotionen der Sängerinnen und Sänger und lässt sie wiederum verdunkeln. Da ist Olesya Golovneva als Elisabetta di Valois, die in ihrer sanften Sopranstimme ihr Schicksal zwischen ungewollter und ersehnter Existenz verkündet. Die Kostümbildnerin Eva Krämer hat nicht nur ihre, sondern insgesamt die Garderobe der Darsteller mit einem äußerst feinsinnigen Blick bemessen: wirken sie doch detailgetreu den Gemälden der flämischen Meister entsprungen, die Zeit, aus der die „Histoire de Dom Carlos, Fils de Philippe II. Roy d’Espagne“ des Abbé de St. Réal (1672) stammt, welche schließlich 1783 die historische Vorlage für Friedrich Schillers „Don Karlos“ bildete. Verschlossenheit und schwarze Strenge gegen seidenschillernde Opulenz: Krämers Vielfalt an Stoffen und Schnitten spiegelt oftmals die Charakteristik und Zerrissenheit der Seelen ihrer Trägerinnen und Träger wider, ob weltlich, kirchlich, königlich oder denunziert.

Guy Joostens Inszenierung des „Don Carlo“ greift an jeder Stelle ineinander, und so bildet das Visuelle und Akustische eine Emulsion aus Authentizität, die mit jedem Ton, jedem Laut und jedem Akt im musikalischen Fluss Giuseppe Verdis neu gesetzt und ausgefochten wird. Es ist ein Kampf mit und gegen Gott, dem Schicksal ergeben sowie ihm entrinnend. „Wenn Liebe zerbricht, tötet sie vor dem Tod“, erklingt es im Duett zwischen Elisabetta und Don Carlo im letzten Akt. Unterdrückte Liebe aus Staatsgründen und königlicher Rangfolge ist glücklicherweise kein Thema, das uns als Zuschauer unmittelbar betrifft. Aber das Hoffen auf eine bessere, auf eine andere Welt, wie es Elisabetta und Don Carlo – statt im Ehebett auf dem Grab liegend – als Ausweg ihrer unerfüllten Sehnsucht beschwören, trifft doch im Sinnbild des Jenseits als Zufluchtsort sehr pointiert ein zeitgenössisches Politikum. Wie real leben wir?

Diese Inszenierung der Oper „Don Carlo“ ist im Verlauf ihrer Darbietung und ihrer wahnsinnig guten Stimmen deshalb immer wieder so authentisch, weil sie so umsichtig ist: realistisch und absurd, überschwänglich und karg, laut und leise, provokant und zurückhaltend, jetztbezogen und außerzeitlich, hier und dort – und irgendwie absolut, in dem, was sie ist.

Weitere Informationen zu „Don Carlo“:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/don-carlo.1047756#

OpernscoutsChristina Irrgang
Freie Autorin

Christina Irrgang lebt und arbeitet als freie Autorin in Düsseldorf. Sie studierte Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, an der sie aktuell über den Fotografen Heinrich Hoffmann im Kontext politischer Bildstrategien promoviert. Parallel zum Schreiben verfolgt sie im künstlerischen Bereich ihr Musik-Projekt BAR, das sie 2013 mit Lucas Croon gegründet hat. In der Spielzeit 2015/16 ist sie zum zweiten Mal begeisterter Opern-und Ballett-Scout!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s