Christoph Grätz über „Ariadne auf Naxos“

Frech-frivole Gauklertruppe trifft auf tränenreiches Selbstmitleid

Ariadne_auf_Naxos_07_FOTO_FlorianMerdesWer die Musik bestellt und bezahlt bestimmt wo es lang geht. Eigentlich so, wie im richtigen Leben ist das auch bei der „Ariadne auf Naxos“. Der steinreiche Gönner bestimmt, die schmerzensreiche Ariadne-Oper zeitgleich mit der Komödie „Die ungetreue Zerbinetta und ihre vier Liebhaber“ seinen Gästen auf einer Bühne zu präsentieren. Was für die der Lust zugewandte, verfressene und frivole Gauklertruppe um Zerbinetta weniger das Problem ist, als für die Vertreter des ernsten Faches um den jungen Komponisten der tiefschürfenden Oper „Ariadne auf Naxos“.

Der Zuschauer ist bei dieser Inszenierung erstmals etwas irritiert, hat er doch den Eindruck in die Probenphase einer noch nicht ganz vollendeten Inszenierung hereinzugeraten. Das Licht bleibt an, während das Orchester noch probt, die Gauklertruppe eintrifft, der Haushofmeister (übrigens großartig gespielt von Peter Nikolaus Kante) mürrisch die Hiobsbotschaft der Doppelaufführung und obendrein das Feuerwerk ankündigt, das für alle Gäste pünktlich um 21.35 Uhr beginnen soll. Die unverhohlene Aufforderung: „Ja dann sehen Sie mal zu, wie Sie damit klarkommen“. Basta und keine Diskussion.

Das Setting ist vielversprechend. Die Distanz zum Publikum praktisch aufgehoben, weil das Orchester hinter einem Gazevorhang spielend auf die Bühne verlegt ist. Der Orchestergraben ist überbrückt und so entsteht genau die Nähe zum echten (und gespielten Publikum), die diese Aufführung braucht. Das Bühnenbild bleibt während der gesamten Aufführung statisch und hält den improvisierten Charakter mit Probenpodesten und verschiebbaren Kulissen bei. Die Inszenierung strotzt nur so von Regieeinfällen, Anspielungen und Reminiszenzen, von denen mir mit Sicherheit einige entgangen sind.

Schön dargestellt, bei voller Saalbeleuchtung, ist die Annäherung der beiden scheinbar unvereinbaren Gegensätze, Tragödie und Komödie. Das dies schließlich doch gelingt ist der listigen, Ariadne umgarnenden, Zerbinetta und dem einsichtigen, weil der Gage bedürftigen, jungen ungestümen Komponisten zu verdanken. Lust, List und Mammon treffen hier aufeinander. Eine im echten Leben manchmal unheilige Allianz, hier geradezu das Salz in der Suppe.

Besonders gut hat mir die Komödiantentruppe um Zerbinetta gefallen. Diese, dargestellt von Heidi Elisabeth Meier, hat die extrem anstrengende Partie stimmlich hervorragend gemeistert. Spielerisch hat sie die Rolle so frivol gestaltet, dass der Kontrast zu der im Selbstmitleid vergehenden Ariadne, die ihrem Tod- und damit Erlösung bringenden Retter entgegenfiebert, überdeutlich wurde. Auch die Partien des „ernsten Faches“ waren treffend vorgetragen und glaubwürdig dargestellt durch Karine Babajanyan und ihren Erlöser Bacchus, gespielt und gesungen von Corby Welch.

Die Überraschung des Abends war für mich die Inszenierung; das Konzept ist aufgegangen. Die Idee, auch ein Publikum spielen zu lassen und so einmal mehr das Spiel im Spiel zu verdeutlichen, war ein listiger kleiner Trick der Regie. Insgesamt muss ich aber sagen, hat mich diese Oper zwischenzeitlich doch nicht so emotional gepackt, wie andere Aufführungen. Eine Pause hätte dem Abend gut getan, gerade bei einer Aufführung in der Woche. Diese Inszenierung ist empfehlens- und sehenswert.

Weitere Informationen zu „Ariadne auf Naxos“:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/ariadne-auf-naxos.1045091

Opernscout Christoph Grätz-1Christoph Grätz
Referent der Stabsstelle Kommunikation bei der Caritas

Wenn es sie nicht schon gäbe, bäte er Gott sie zu erfinden: die Musik. Als Sänger im philharmonischen Chor Duisburg, als ungeduldiger Akkordeonschüler und begeisterter Tangotänzer füllt Christoph Grätz seine Freizeit mit viel Musik (und umso weniger Sport). Bei der Arbeit als Öffentlichkeitsarbeiter für die Caritas darf er zwar auch kreativ werden, aber fast nie musikalisch. Oper und Ballett entdeckt er jetzt nach und nach als Opernscout. Wie schön, dass er etwas davon mitteilen kann.

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