Isabell Boyer über „Don Carlo“

Vom Tod für die Liebe, die Freiheit und die Gerechtigkeit

DonCarlo_07_FOTO_HansJoergMichelAm Samstag eröffnete sich für mich ein Spiel der besonderen Art: Eindrucksvoll schimmern metallische Muster hinter dem Vorhang hervor, der schließlich offenbart, was meisterlich geschaffen wurde. Abstrakt, aber edel, zeigt sich vor den Zuschauern ein Konstrukt – aus Gängen und Wänden, die sich zu immer neuen Räumlichkeiten verändern – in seiner simplen, grafischen Gestaltung. Manchmal halb transparent, manchmal für Blicke undurchdringlich, wird es genutzt, um unsere Augen zu führen und uns zu zeigen, was die Protagonisten sehen, erahnen oder voller Schrecken betrachten.

Schon zu Beginn, als das Leid des Prinzen geschildert wird, zeigt sich, versteckt hinter den funkelnden Mauern, der Anblick des königlichen Ehepaares, das sich im Ehebett eingefunden hat. Don Carlos ist hin und her gerissen, er wirkt verflucht, fast verrückt geworden durch die Liebe, die er für Elisabeth empfindet. Sein Freund Rodrigo, Marquis Posa, erfährt von seinen Qualen und versucht, ihm zur Seite zu stehen. Sehr eindrucksvoll vermitteln Gianluca Terranova und Laimonas Pautienius die innige Freundschaft der beiden Männer, die für dieselbe Sache kämpfen wollen, in einem unvergleichlichen Duett.

Allgemein ist die musikalische Umsetzung der Oper Verdis in dieser Aufführung hervorragend gelungen. Sowohl das Orchester, das unter der Leitung von Andriy Yurkevych glänzt, als auch der Chor und die Protagonisten, überzeugen mit ihrem Können und ihrer ausgezeichneten Dynamik. Sie zeigen ihre Vielseitigkeit und beeindrucken mit einem (in den meisten Fällen) sehr authentischen Ausdruck. Für die Ohren ist diese Oper also eine wahre Wohltat. Selbst die etwas längeren Aufbaupausen werden vom Orchester geschickt überbrückt und somit nicht allzu negativ vom Publikum aufgefasst. Das Kostüm, das Licht und die Kulissen sind geschickt gewählt, nicht zu altertümlich, nicht zu modern, sodass man sich diese Handlung sehr wohl in einem solchen Rahmen vorstellen kann.

Insgesamt hat mich Don Carlo besonders dann bewegt, wenn es um die verschiedenen Wege und Arten der Liebe ging. Von brüderlicher Liebe, bis hin zur absoluten Liebe zur Gerechtigkeit für die Menschen und zur Freiheit der Gedanken; von verlorener, verratener Liebe und einer Liebschaft, die verboten ist, deckt diese Oper alles ab. Man weiß in manchen Momenten nicht, ob man den Handelnden helfen möchte oder sie fortzerren möchte, ob man ihnen die Schmerzen ersparen soll, oder ob man es geschehen lassen sollte. Diese Oper wirft Fragen auf.

Gibt es noch heute eine Macht, die der Inquisition, die in Don Carlo eine so tragende, zerstörerische Rolle übernimmt, gleich kommt? Wer wäre ihr unterworfen? Und vor allem: Was bleibt am Ende übrig?

Der Zuschauer hat hier die Wahl, hinter die Kulissen zu blicken, zwischen den Zeilen zu lesen. Allein deswegen, um sich auf dieses Gedankenspiel einzulassen, empfehle ich dieses Stück.

Den Denkern und den Genießern ausgefeilter Musik lege ich Don Carlo ans Herz – das Ensemble wird Ihnen einen angenehmen Abend bescheren.

Weitere Informationen zu „Don Carlo“:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/don-carlo.1047756

OpernscoutsIsabell Boyer
Studentin

Auf unseren jüngsten Opernscout sind wir durch einen Text aufmerksam geworden, den sie als „Operntester“ über Prokofjews Oper „Der feurige Engel“ geschrieben hat. Die eingehende Beschäftigung mit dem Stück hat uns neugierig gemacht auf mehr. Isabell Boyer studiert Germanistik und Anglistik in Essen. Sie singt selbst in Pop- und Rockbands und hat 6 Jahre lang Theater in einer Laiengruppe gespielt. Als Opernscout berufen worden zu sein ist eine Ehre für sie. Sie ist sehr froh, dabei zu sein und hofft auf eine schöne Zeit.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s