Gisela Miller-Kipp über b.27

Ein eindrucksvoller Ballettabend

b27_VariationenundPartiten_01_FOTO_GertWeigeltEin aus drei Stücken klug zusammengestellter, insgesamt schöner und bereichernder Ballettabend. Das erste Stück ist ein Klassiker des modernen Bewegungsballetts: das von George Balanchine choreographierte Duo für Violine und Klavier von Igor Strawinsky: „Duo Concertant“. Seine fünf Sätze huldigen der Einheit von Musik und Tanz. Sie wird hier überzeugend aufgeführt – die beiden Instrumente stehen deshalb auf der Bühne und werden vom Tanzpaar hofiert. Dies Paar tanzt außerordentlich elegant, fließend, auch zärtlich, die Beiden (Ann-Kathrin Adam, Marcos Menha) harmonieren aufs Schönste. Dennoch: die pure Ästhetik langweilte mich auf die Dauer, zumal auch die Bühne, dezent in Schwarz, Blau und Bleu, keine weitere sinnliche Anregung bot. In den letzten beiden Sätzen markiert Lichtregie die Körper, das brachte dann noch etwas Spannung ins Bewegungsgeschehen.

Besonders neugierig war ich auf das zweite Stück, „Variationen und Partiten“, choreographiert von Martin Schläpfer. Würde ihm nach so viel bislang geleisteter Innovation noch Neues einfallen? Ja! Ich sah viele neue Körpervokabeln/Schritte/Bewegungen; einige kommen erkennbar aus dem Eiskunstlauf/Eistanz, insbesondere in den Pas de Deux. Verwöhnt wurde man überdies wieder mit einer nachtwandlerisch stimmigen Umsetzung von Musik in Bewegung, und das in zwei grundverschiedenen Ansätzen. Da gab es zuerst die 12 Variationen für Klavier über ein Menuett von Jakob Haibel; hier wurde vergnügt und munter, ja bisweilen überbordend fröhlich getanzt – schließlich ging es um eine Hochzeit mit Hindernis; passend dazu hängt der Bühnenhintergrund voller bunter Lampions. Sehr hübsch. Diese Lampions nun wurden ganz langsam hochgezogen, bis am Ende der „Variationen“ und für den zweiten Teil nur der anthrazit-dunkle Prospekt blieb. Also: volle Konzentration auf die Partita Nr. 6 e-Moll von Johann Sebastian Bach. Hier wurde in der Tat konzentriert getanzt, bis in jeden Muskel, bis in die Stille zwischen den einzelnen Sätzen und auch aus dem Stillstand (wörtlich!) heraus: die Bewegung, der Tanz entspringt dem Körper – das fand ich spannend, in der Länge der Variationen aber auch ein wenig ermüdend.

Der Höhepunkt für mich: das dritte Stück – Handlungsballett nunmehr, und dies mit politischer Brisanz. „Der Grüne Tisch“ von Kurt Jooss, 1932 (!) an der Folkwang uraufgeführt, beginnt und endet (1. und 8. Bild) an bzw. mit einem großen, grün ausgeschlagenen Tisch (Business-Tisch). Dort tauschen sich die „schwarzen Herren“ mit den weißen Westen (!) und den unschuldig-weißen Händen, hier die Drahtzieher des Weltgeschehens – soweit an der Maskerade zu erkennen sind das die üblichen Verdächtigen: Industrielle, Banker, Spekulanten, Agitatoren, politische Machthaber (mit Orden!) usw. – heftig aus, im vorliegenden Falle in kriegerischer Absicht. Denn im nächsten Bild bricht ein Krieg aus bzw. tritt der Krieg auf, als stampfender Mars (Chidozie Nzerem), zackig marschieren dann die Soldaten herein, sie nehmen Abschied, sie ringen und kämpfen, im Hintergrund steht schon der Kriegsgott, nun als Tod deutlich, in mechanischer Bewegung – der Krieg ist eine Todesmaschine –, dann tritt er vor, nicht als Skelett eben, nein, als Berserker im Sixpack-Kostüm des filmbekannten „Terminator“ (!) – einer von vielen überzeugenden Kostümeinfällen. Ein giftgrünes Spotlight folgt dem Wüterich, markiert ihn bedrohlich; und er holt sie sich alle: Soldaten und Bräute, Mütter und Witwen, Alt und Jung; nur der Mann mit dem Bowler („Melone“), der munter herumeilende Buchmacher und Schieber also, scheint ihm zu entwischen. Zumindest ist er im Totenreigen, der am Ende des Gemetzels über die Bühne geht, nicht dabei.

Getanzt wird das alles „vivace“, schnell, kraftvoll, auch wuchtig, von unübertroffener Bewegungspräzision dabei: Marlucia do Amaral in ihrem Pas de Deux mit dem Tod. Die beiden Klaviere (Christian Grifa, Wolfgang Wiechert) wummern – kurzum: herzklopfend mitreißend bis zum allerletzten Bild. Es zeigt nur noch den grünen Tisch, darauf die Masken der „schwarzen Männer“ – will heißen: Sie sind die „Charaktermasken“ (Karl Marx, nicht wahr) eines mörderischen Systems.

Dafür gab es zum Schluss tosenden Beifall. Gewiss galt der auch dem Corps de Ballett. Es tanzte in allen drei Stücken nahezu perfekt, hier einmal ein Wackler, dort eine kleine Asynchronität – geschenkt. Zu bewundern und zu genießen war/ist mithin eine überragende tänzerische Leistung und ein eindrucksvoller Ballettabend.

Weitere Informationen zu b.27:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/b-27.1047790

OpernscoutsGisela Miller-Kipp
Emeritierte Professorin für Allgemeine und Historische Pädagogik

„Nichts nährt Seele, Sinne und Phantasie besser zum Ausgleich wissenschaftlicher Tätigkeit als die Oper!“, sagt die emeritierte Professorin, die schon mit 14 Jahren ihre erste Vorstellung besuchte. Ihre große Rezeptionserfahrung bringt sie nun in die Runde der Opernscouts ein. Seit ihrem Ruhestand ist sie besonders bürgerschaftlich engagiert, u.a. als Lese-Mentorin und in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit; kulturell  tummelt sie sich noch im Goethe-Museum und im Museum Kunstpalast.

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