Christina Irrgang über b.27

Ein unglaublich mitreißender Abend!

b27_DuoConcertant_01_cTheGeorgeBalanchineTrust_FOTO_GertWeigeltMit Nikolai Szymanski und Lucas Croon sitze ich zur Mitternacht am Küchentisch und wir unterhalten uns über Musik, zunächst ganz konkret über die neue Platte von Stabil Elite, doch dann im Allgemeinen: über Plakatives und Sperriges, über reine Fläche und längerfristig zu ergründende Tiefe, über Musik, die schnell wieder verschwindet, und Musik, die im bloßen Jetzt noch nicht verstanden werden kann. Musik, die vielleicht erst mit Tanz als Bild im Raum erarbeitet wird, durch den Körper verstanden werden muss. Weil Tanz ein Gegenbild zu Musik formuliert, und Musik den Raum des Tanzes eröffnet.

So stellte es sich sehr präzise bei George Balanchines „Duo Concertant“ dar, denke ich. Balanchine, der zeitlebens eng mit der Musik und der Person Igor Strawinsky verbunden war, hat mit diesem Stück Ballett eine Geste der gegenseitigen Bedingung von Musik und Tanz geschaffen. Sie finden hier in sehr reduzierter Form auf der Bühne zusammen: Klavier, Violine, Tänzerin und Tänzer. Das tänzerische Zuhören von Ann-Kathrin Adam und Marcos Menha erfolgt ebenso aufmerksam, wie das musikalische Führen von Alina Bercu und Dragos Manza. Und umgekehrt. Mit dieser sich gegenseitig bedingenden Geste Balanchines beginnt der Ballett-Abend „b.27“, die als Thema den Abend benennt und in konzeptuell-sensibler Weise die drei Darbietungen von „b.27“ miteinander verbindet. Das Klavier ist im Folgenden einziger Begleiter und musikalischer Träger.

Für Martin Schläpfers „Variationen und Partiten“, das am Premieren-Abend als Uraufführung zu sehen war, formen Ludwig van Beethoven und Johann Sebastian Bach – gespielt von Denys Proshayev – den musikalischen Lauf. Tanz und Bühnenbild mit Lampions erinnern zu Beginn an das japanische Noh-Theater. Doch die pantomimischen, trockenen Bewegungen brechen auf in einen wilden, fließenden Tanz: sie bilden einen Zirkel, ja, eine Art Lebens- und Liebeskreis, der durch einen metallenen Ring nach und nach auch ins Zentrum des Bühnenbildes tritt und symbolisch die Tänzerinnen und Tänzer umschließt. Trotz aller Euphorie bleibt es ein Spiel aus Kampf und Freiheit, Verausgabung und Leichtigkeit, ein Gleiten auf leisen Sohlen und ein virtuoser Marsch auf Spitzenschuhen. Schläpfers Choreografien schaffen es, die Aufregung und Süßheit des Lebens in einem einzigen Tanz zu bündeln, so auch dieses Mal. Und wenn „Variationen und Partiten“ im letzten Drittel etwas langatmig erschien, dann vielleicht deshalb, weil es bei allem Lebendigen immer wieder gilt, dem, was kommt, Stand zu halten? Der Spitzenschuh wird hier sinnbildlich zur Todeswaffe, das Vertraute entfremdet, verneint, ein Richtungswechsel – hin zum dritten Stück des Abends, „Der grüne Tisch“ von Kurt Jooss, ein Totentanz in acht Bildern, mit Musik von Fritz A. Cohen, gespielt von Christian Grifa und Wolfgang Wiechert. Das Stück wurde 1932 durch die Folkwang Tanzbühne Essen im Théâtre des Champs-Elysées Paris uraufgeführt, doch ist in seiner musikalischen und tänzerischen Vehemenz zeitlos treffend. Die avantgardistischen, plastischen Bewegungen der Tänzer lassen an das Bauhaus und Oskar Schlemmers formfindende Tänze denken (und erneut auch an Noh), doch bedeutet Jooss’ Choreografie und Tanztheater ein Anti-Kriegs-Stück mit all seiner Absurdität, Dramatik, emotionalen Intensität, Traurigkeit und Automation. Unübertroffen tanzt dabei Chidozie Nzerem den Tod, der die Zweischneidigkeit des Seins meisterhaft verkörpert: stets apokalyptisch-ambivalent zwischen Recht und Unrecht, zwischen Stärke und Zerbrechlichkeit, als Figur inmitten unentscheidbarer Entscheidungen – die irgendwo, irgendwann an einem grünen Tisch doch getroffen wurden und noch getroffen werden.

„b.27“, im Ganzen von Martin Schläpfer kuratiert, ist ein unglaublich mitreißender Abend, der auf magische Weise der Verbindung von Musik und Tanz so viel Bedeutung einräumt, wie wir in jener Mitternacht am Küchentisch nach Worten über sie suchten. Unbedingt ansehen!

Weitere Informationen zu b.27:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/b-27.1047790

OpernscoutsChristina Irrgang
Freie Autorin

Christina Irrgang lebt und arbeitet als freie Autorin in Düsseldorf. Sie studierte Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, an der sie aktuell über den Fotografen Heinrich Hoffmann im Kontext politischer Bildstrategien promoviert. Parallel zum Schreiben verfolgt sie im künstlerischen Bereich ihr Musik-Projekt BAR, das sie 2013 mit Lucas Croon gegründet hat. In der Spielzeit 2015/16 ist sie zum zweiten Mal begeisterter Opern-und Ballett-Scout!

 

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