Gisela Miller-Kipp über „Der goldene Hahn“

Nur die Musik ist zauberhaft

Der_goldene_Hahn_08_FOTO_HansJoergMichelDas ist ein Opernmärchen voller Charme und poetischer Spinnerei, Witz und spätromantischer Ironie, auch politischem Spott, wenigstens seinerzeit – dem wurde die Inszenierung (Dmitry Bertman) nicht gerecht. Sie war mir zu platt, zu einfallslos, sie war undelikat und szenisch teils Klamotte. Auch wurde ab und an im Widerspruch zu Text und Musik gespielt, so etwa im 2. Akt: Text und Musik erzählen von Düsternis, von einer „Nacht des Grauens“, vom Schlachtfeld, über das Krähen fliegen – deutlich hört man die Krähen krächzen –, da sind wir szenisch aber in einer Bordellbar, und bei dem Übertitel (gesungen wird russisch): „nun daher mit den Haubitzen“, greifen die Herren (abgehende Soldaten) nach ihren Schlitzen – ach nein.

An dieser Stelle ein großes Lob den Übertiteln: Sie kommen in Paarreimen flott, gelegentlich frech daher, ab und an ist der Humor sehr bodenständig („In den Erbsen liegt die Wahrheit/Doch im Kaffeesatz die Klarheit“ – eignete sich durchaus als Giebelspruch für die Bolker Straße). Damit wird das märchenhafte Bühnengeschehen munter kommentiert, auch ironisiert. Das war kongenial – der Dichter (Alexander Puschkin) hat sein Märchen in Versen verfasst – und oft zum Schmunzeln.

Zum Märchen selbst: Es geht um einen altersschwachen tyrannischen Herrscher (König/Zar Dodon), der um seine Macht fürchtet, sich von einem Astrologen einen goldenen Hahn aufschwatzen lässt, der ihn vor aller Gefahr warnen soll – „Welch‘ ein Wunder, o wie herrlich/So ein Hahn ist unentbehrlich“ –, was er auch fleißig tut, lebensgroß im goldenen Flügelgewand (Sopran) vom 1. Rang. Deshalb nun kann der König erst dem Müßiggang mit seiner Haushälterin frönen, alsdann rechtzeitig gegen Feinde ins Feld ziehen. Dort siegt er, um anschließend im Reich der Königin Schemacha dem süßen Leben und ihren Liebeskünsten zu erliegen. Mit ihr zurück im eigenen Reich, verweigert er dem Astrologen die Belohnung – der erbat sich die Königin –, schlägt ihn statt dessen nieder, großer Aufruhr, der König wird erschossen, Astrologe und Königin verschwinden – war alles nur ein Märchen. Und die Haushälterin schwingt den Goldenen Hahn als Brathähnchen herum. Haha.

Die Musik dazu ist zauberhaft: volle Orchestrierung, leuchtende Orchesterfarben, russische Folklore, spätromantische Melodie (Leitmotive) flirrende Klänge – die Düsis unter Axel Kober spielten das fein und routiniert. – Das Bühnenbild dazu ist gut anzuschauen: eine Drehbühne mit mächtigen grauen Mauern – Palastmauern, Palasttor –, vom Schnürboden senken sich als Raumteiler Prospekte in farbenfrohem bis monochromem Kachelmuster, ein Prospekt ist der Kachelmauer am Paul-Klee-Platz („Hornet“ von Sarah Morris) außerordentlich ähnlich – Reverenz an den Aufführungsort? – Das Spiel nun aber in diesen Räumen ist enttäuschend, schon die erste Szene im 1. Akt ist Klamotte: Da sitzen der König, seine Herren Söhne und sein General – der ist auch ansonsten meist betrunken, wie witzig – im Schaumbad und beratschlagen sich. Sie plantschen, der König nuckelt an einem Milchfläschchen (!), die drei anderen kippen Bier (das war sehr hell, also noch nicht einmal Alt!), man purzelt aus dem Zuber und wird wieder hineingehievt…. Zum Glück reimt da ein Übertitel selbstironisch: „Was für ein Stuss, den ich hier ertragen muss“! – Klamottenhaft geht es weiter, etwa: Haushälterin räkelt sich auf dem herrschaftlichen Schreibtisch, König weiß nicht (mehr?), wie er sie wo anfassen soll. Unfähig ist er im Übrigen auch bei der Machtausübung: Er verheddert sich in den Leitungen seiner acht Telefone, diese stammen aus allen Stadien der Technik und ein rotes ist auch dabei. Das nun fand ich einen der wenigen originellen Regieeinfälle.

Plattes Sex-Getue dann aber im Reich der Königin Schemacha (2. Akt), hier Bordell-Bar und Boudoir!! Darinnen agieren Boys und Girls in knappstem Goldflitter – sehr hübsch anzusehen – als dienliche Hähnchen und Hühnchen, drei Hühnchen posieren in einem großen, im Bühnenhintergrund lila-rot ausgeleuchteten Schaukasten wie im Rotlicht-Viertel von Amsterdam. Dort muss man auch gewesen sein, denn ins eigene Reich zurückkehrend (3. Akt), rollt das Gefolge von König und Königin große Käseräder auf die Bühne, schleppt dazu aber auch Würste, allerlei Alkoholisches und pralle Einkaufstüten mit Eifelturm-Logo, daraus werden – natürlich! – Glitzerfummel gefischt; man war also in Paris – soll sich das einer zusammenreimen.

Im Übrigen ist die Haupt- und Staatsaktion im 3. Akt, die Verführungsszene König–Königin, so abgeschmackt wie unerotisch. Der König etwa sucht über Minuten starräugig und offenmäulig-senil sich daran zu erinnern, wie Sex geht, und das auch mit Hilfe eines verschämt gehandhabten Hochglanz-Porno; überraschenderweise hat er zugleich aber Anfälle verklemmter Lüsternheit. Um ihn auf Trab zu bringen, wedelt die Königin à la Schleiertanz mit ihrem bodenlangen goldenen Plisseerock, muss aber endlich doch zum letzten Mittel greifen: Sie bindet dem König einen Prachtschurz um (Pfauenaugen in Brokat!), auf dem sie alsbald, der König liegt, heftig herumreibt – wirklich! Funken schlagen daraus leider nicht.

Zu preisen sind die Sängerinnen und Sänger der Hauptpartien, mit seinem vollen „russischen“ Bariton besonders Boris Statsenko (König). Er sang großartig, die anderen tadellos, und alle meisterten mit Bravour die ihnen von der Regie zugemuteten Charakterchargen.

Von der behaupteten Satire ist nichts zu sehen; Satire, wenn sie denn greifen soll, ist konkret. Hier aber wurde im Irgendwo zwischen Moderne (Businessanzug und Carbon-Trollies bei den Herren im Chor) und russisch-folkloristischem Annodunnemals (Kittelkleider, Blümchenkleider, Kopftücher bei den Damen im Chor) gespielt, die seinerzeit angegriffene Machtkamarilla des zaristischen Russland ist historisch längst untergegangen, vorgeführt wie hier, werden Witzfiguren daraus. Das alles hat keinen Biss und reicht nur für einen mäßig amüsanten Opernabend.

Weitere Informationen zu „Der goldene Hahn“:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/der-goldene-hahn.1047801

OpernscoutsGisela Miller-Kipp
Emeritierte Professorin für Allgemeine und Historische Pädagogik

„Nichts nährt Seele, Sinne und Phantasie besser zum Ausgleich wissenschaftlicher Tätigkeit als die Oper!“, sagt die emeritierte Professorin, die schon mit 14 Jahren ihre erste Vorstellung besuchte. Ihre große Rezeptionserfahrung bringt sie nun in die Runde der Opernscouts ein. Seit ihrem Ruhestand ist sie besonders bürgerschaftlich engagiert, u.a. als Lese-Mentorin und in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit; kulturell  tummelt sie sich noch im Goethe-Museum und im Museum Kunstpalast.

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