Uwe Schwäch über „Der goldene Hahn“

Musik begeistert, die Inszenierung nicht

Der_goldene_Hahn_09_FOTO_HansJoergMichelDie russische Oper „Der goldene Hahn“ ist ein Märchen, dessen Inhalt sich in wenigen Sätzen erzählen lässt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts herrscht am russischen Zarenhof gähnende Langeweile und der Herrscher regiert kraft- und inspirationslos. Von einem Astrologen erhält der Zar einen Goldenen Hahn geschenkt, der bei Gefahr für das Reich kräht. Der Beschenkte zeigt sich dankbar, dennoch möchte der Astrologe zunächst keine Gegenleistung. Das Krähen des Goldenen Hahns zieht beide Zarensöhne und schließlich auch den Zaren auf das vermeintliche Schlachtfeld, auf dem aber kein Gegner sichtbar ist. Da taucht die Königin von Schemacha auf und zieht den Zaren in ihren verführerischen Bann. Zurück am Zarenhof fordert der Astrologe nun die Königin von Schemacha als Gegenleistung, woraufhin der Zar den Astrologen brüskiert niederschlägt. Aber auch der Zar überlebt nicht, denn der Goldene Hahn tötet ihn. Zurück bleibt das russische Volk mit ungewisser Zukunft.

Die Oper bietet viel Potential in ihrer politischen und gesellschaftlichen Interpretation. Leider wird in dieser Inszenierung das Potential eines parabelhaften Märchens nicht zufriedenstellend genutzt. Gleich im 1. Akt sitzen der Zar, seine beide Söhne und der Heerführer im Schaumbad und gleichen einem Delirium. Als Zustandsbeschreibung des Zarenlebens ist diese Deutung leider sehr abgedroschen. Das ohnehin erlebnisarme Märchen setzt in der Inszenierung auf plumpe Effekte, die dem Zuschauer diese bekannteste russische Oper wenig spürbar vermitteln. Der Tod des Zaren im 3. Akt ist kaum wahrnehmbar und zeigt, dass es dieser Oper an dramaturgischer Durchsetzungsstärke mangelt. Da hilft auch das eindrucksvolle Bühnenbild mit omnipräsenter Zarenhofvisualisierung nichts, welches mit einfachen Mitteln die Szenerie des Geschehens unterstreicht. Ebenso sehenswert ist das effektvolle Gold in den Kostümen des Hahns, der Königin von Schemacha und deren burlesquen Tänzerinnen und Tänzern. Doch selbst in Kombination mit dem Bühnenbild kann damit nicht über den dramaturgischen Mangel hinweggetäuscht werden.

Umso erfreulicher ist, dass diese Oper dennoch hörenswert ist. Die Musik begeistert bereits mit der Ouvertüre, die sich dem Zuhörer romantisch, lieblich und mit orientalischen Klängen annähert. Im Verlauf erfolgt eine feinfühlige sinfonische Instrumentierung mit Bläsern, Flöten und liebreizender Harfe. Die Orientalik wird besonders bei Arien der Königin von Schemacha spürbar, die sich von rhythmischer Marschmusik und maskuliner Intonation der Oper abgrenzen. Insgesamt sind die Arien weniger klangvoll und bieten keinen prägenden Erinnerungscharakter, wenngleich sie von den Solisten auf der Bühne ansprechend gesungen werden.

Musikalisch bestechend ist die romantisch-elegische Chormusik, die vom gut eingestellten Opernchor mit Hingabe vorgetragen wird.

Daher meine Empfehlung für diese Oper: Augen schließen und Musik genießen.

Weitere Informationen zu „Der goldene Hahn“:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/der-goldene-hahn.1047801

OpernscoutsUwe Schwäch
Kommunikationsberater und Lehrbeauftragter

Der Kommunikationsberater, Fachautor und Lehrbeauftragte an der Hochschule Fresenius ist leidenschaftlicher Fan der Oper, und seine Begeisterung wirkt ansteckend: Regelmäßig stiftet er Freunde und Bekannte zum gemeinsamen Kulturbesuch an. Weil ihn nicht nur das Kunsterlebnis, sondern auch der gemeinsame Austausch darüber bereichert, freut er sich jetzt auf den Dialog mit den Opernscouts.

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