Christina Irrgang über „Der goldene Hahn“

KIKERIKOUOU

Der_goldene_Hahn_02_FOTO_HansJoergMichelObwohl mich am Premierenabend beim Betrachten der Aufführung von Nikolai Rimski-Korsakows „Goldenem Hahn“ in der Deutschen Oper am Rhein viel Langeweile begleitete, taucht „die Oper in drei Akten“ in meiner Erinnerung seither erstaunlich häufig wieder auf. KIKERIKOUOU Wer hätte ihn nicht gerne, diesen glänzenden Hahn, der mit seinem Krähen vor Gefahren und Fehlentscheidungen warnen soll…eine schillernde Sirene, die – im Pakt mit dem Kosmos – die Zukunft in ihren Details lenkt. Aber wer steckt da eigentlich im Detail, ist es Gott oder der Teufel? Die Oper nach dem Märchen von Alexander Puschkin kleidet ihn in die Figur des Astrologen, der hier in vielerlei Hinsicht als Zwischenwesen erscheint, ist seine gesangliche Rolle doch ursprünglich die einer Skopze, eines Kastraten. Der Astrologe vermittelt nun dem Zaren Dodon den goldenen Hahn, der ihm Freiheit und Sicherheit versprechen soll – doch der Preis hierfür entspricht genau diesem Versprechen. Der Vogel verliert sich KIKERIKOUOU bildlich gesprochen KIKERIKOUOU in seinem eigenen Gefieder, und der Zar geht einen Pakt ein, den er mit metaphysischer Gewissheit KIKERIKOUOU nur verlieren kann. Doch nicht nur er verliert (seine Visionen sowie die eroberte Zarin Schemacha) – auch sein Volk, das sich auf ihn verließ, verliert (nämlich an Struktur und Lebensrealität)…es ist ein Verlust, der durch mangelnde Autonomie auf allen Ebenen hervor gerufen wird, und sich auf allen Ebenen manifestiert. Die Geschichte um den goldenen Hahn ist in ihrem Innersten düster, wäre da nicht der zweideutige Reim (sehr bedacht aus dem Russischen übersetzt), das flirrende Gold der Kostüme von Ene-Liis Semper, und der Epilog von Rimski-Korsakows Version des Märchens, der da besagt, dass alles nur ein Spiel gewesen sei. Während ihrer Zusammenarbeit an der Oper (1906-07) waren Wladimir Iwanowitsch Belski (Libretto) und Nikolai Rimski-Korsakow dabei geteilter Meinung, was den Epilog betraf – und wäre letzterer Belski gefolgt, hätte die Oper meines Erachtens noch mehr Nachdruck. Erst 1909 wurde sie im Moskauer Solodownikow-Theater posthum, und zwar zensiert uraufgeführt. Rimski-Korsakows Epilog erscheint dabei als ein Versuch, die dem Stück implizite politische Brisanz mehr noch zu verhüllen – aus heutiger Perspektive wirkt dies aber fast verkleidet. KIKERIKOUOU Während die Musik mit orientalischer Verve unter der Leitung von Axel Kober wie ein Feuerwerk dargeboten wurde, hatte die Inszenierung von Dmitry Bertman doch ihre Längen und leider auch langweiligen Kanten. Das rotierende Bühnenbild von Ene-Liis Semper hat mit zwei Schauseiten sehr treffend unterschiedliche Welten und Lebensrealitäten gegenüberstellt, während die Vielzahl der Muster, Farben und Stile ihrer Kostüme bald zu einer stilpluralistischen Erschöpfung führten. Einzigartig aber bleibt der meisterhafte Gesang von Boris Statsenko (Zar Dodon) und die betörenden Sopran-Wellen von Antonia Vesenina (Zarin Schemacha), wie auch die intermezzi von Eva Bodorová (Der goldene Hahn) – ihr KIKERIKOUOU hallt nach und somit auch – fast magisch – diese Oper, die bisher selten Aufführung fand, doch häufiger noch an Interpretation erfahren darf.

Weitere Informationen zu „Der goldene Hahn“:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/der-goldene-hahn.1047801

OpernscoutsChristina Irrgang
Freie Autorin

Christina Irrgang lebt und arbeitet als freie Autorin in Düsseldorf. Sie studierte Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, an der sie aktuell über den Fotografen Heinrich Hoffmann im Kontext politischer Bildstrategien promoviert. Parallel zum Schreiben verfolgt sie im künstlerischen Bereich ihr Musik-Projekt BAR, das sie 2013 mit Lucas Croon gegründet hat. Sie ist außerdem Stipendiatin 2016 der Kunststiftung Baden-Württemberg in der Sparte Kunstkritik. In der Spielzeit 2015/16 ist sie zum zweiten Mal begeisterter Opern-und Ballett-Scout!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s