Gisela Miller-Kipp über b.28

Mit einem modernen ‚Klassiker‘ und gleich zwei nahezu sensationellen Uraufführungen ein überaus gelungener und fabelhaft getanzter Ballettabend.

b.28_Ballett am Rhein_Düsseldorf / Duisburg "Esplanade" ch.: Paul TaylorDas erste Stück – „Esplanade“ von Paul Taylor – ist ein Meisterwerk an tänzerischer Eleganz, von überbordend fröhlich bis verhalten elegisch in Temperament und Körpersprache absolut überzeugend getanzte Polyphonie, hier Sätze aus Violinkonzerten von Bach, die für sich genommen ja schon musikalischer Genuss sind. Die beiden Violinen: Dragos Manza und Egor Grechishnikov, verdienten (sich) Extra-Applaus, auch die Düsys unter Aziz Shokhakimov spielten angemessen transparent und stimmklar – das gilt im Übrigen für den ganzen Abend. – Aller Tanz, alle Tanzschritte von „Esplanade“ kommen und entwickeln sich aus alltäglichen Bewegungen – rennen, laufen, schreiten, hüpfen, fallen usw. –, ich sah nicht einen altklassischen, insofern disziplinierten Step. Freilich ist das Bewegungsrepertoire durch den Alltagsbezug auch begrenzt, länger dürfte das Stück für mich nicht gehen, zumal sich die Eleganz der Bühne: im schwarzen Raum leuchtend orange und zart gelb, rosa, und braune Farben: fließende Kurzkleider und wehendes, wippendes Langhaar bei den Damen, langarmige dünne Trikotpullis und Anzughosen bei den Herren, mit zunehmender Dauer ästhetisch erschöpft. – Begeisterter Beifall.

Das zweite Stück – „Tenebre“ von Hubert Essakow, ein Auftragswerk von Martin Schläpfer für das Ballett am Rhein – ist bzw. entfaltet ein Klang- und Bewegungsmuster von nahezu magischer Qualität. Die Musik, Klangteppiche, stammt von Bryce Dessner (kleines Streichorchester und Viola-Solo; die Viola spielte mit Bravour Ralf Buchkremer), der mikrofonierte Bühnenboden (Taps und Pockern und Schleifen der Tanzschritte) spielt dezent mit. Die Bewegungsmuster werden durch Lichtregie (Mark Doubleday) und Bühne (Merle Hensel) unterstützt, verstärkt, hervorgehoben. Zur Betonung der Tanzbewegung tragen auch die Kostüme bei (ebenfalls Merle Hensel), i.e. Bodystocks und Gyms in schwarz-weiß, schwarz-grau und schwarz-blau – solches ‚Outfit‘ gerät ja oft zur körperästhetischen Kränkung, hier können es sich die Tänzer leisten. Es erlaubt, das Entstehen der tänzerischen Bewegung hautnah sozusagen zu verfolgen – ein intensiver Eindruck, ab und an aber auch unelegant; ich will die körperliche Anstrengung gar nicht immer so genau sehen.

Der Tanz, die Bewegungsmuster starten mit einem rot angeleuchteten Körpergewusel auf dem Boden des düsteren Bühnenraums – Inferno?, Fegefeuer? –, dann senken sich wie eine fernöstliche Tuschelandschaft vertikal schwarz-weiß-grau geschlierte Paneele herab, die Bühne wird zunehmend lichter, die Tanzbewegung wird aufstrebend – manch Ensemble erinnerte mich an „Sacre du printemps“ –, als Binnenerzählung geht es recht schwermütig um Paarbeziehungen (Pas de deux und Pas à trois), der Trupp reckt sich höher, viele Sprünge und Mehrfachhebungen, noch mehr Licht wie nebliger Sonnenaufgang (o.ä.), dann wieder Verdüsterung und plötzlich das Schlussbild. Es gibt, wie schon das erste Bild, Rätsel auf: tritt da aus dem Bühnendunkel eine Figur hervor, düster-rot angeleuchtet, mit schwerem, bedrohlich aufgestelltem Kopfputz aus langen schwarzen Federn – Feuerhahn (steht für Teufelsbote)?, schwarzer Schwan (für die böse Zauberin aus „Schwanensee“)?, Basilisk (bedeutet drohendes Unheil)? – wie auch immer, der bizarre Kopfputz ist spätmittelalterlichen Bildwelten entnommen, dort ist er in Variation zu besichtigen bei den van Eycks („Jüngstes Gericht“!) und bei Hieronymus Bosch („Garten der Lüste“, infernalische Tafel!).
„Tenebre“ ist ein intensives, assoziationsreiches Stück, man kann ihm lange nachsinnen. – Tosender Beifall.

Das dritte Stück – „Different Dialogues“ von Nils Christe – ist choreographisch noch einmal anders angelegt als die beiden vorhergehenden Stücke, es ist eine faszinierende Kooperation von Musik und Tanz, beide ganz im Modus der Moderne. Die Musik (drei Sätze aus der Sinfonie Nr. 3 von Philip Glass und ein verhaltener Satz aus dessen Violinkonzert; zu rühmen auch hier die Solo-Violine: Dragos Manza) ist ein einziger Drive von rhythmischer Extraklasse, unterteilt in variierende Tempi bzw. in fünf ‚Dialoge‘ eben zwischen Musik und Tanz. Der Tanz folgt dem Drive eigenwillig, mal im Ensemble, mal in Paarungen, dabei wird oft spiegelbildlich getanzt. Das Figurenrepertoire ist groß, es gibt viele Entleihungen (Hebe-, Sprung- und Schleiffiguren) aus dem Eistanz und dem Eis-Paarlauf; zuletzt laufen Pas de deux in schneller Folge aus waberndem Bühnennebel hervor. Die Musik unterlegt dazu bezaubernde Cluster: schwebender Geigenklang, Stille, in die Stille hinein gläsern-splitternde Klänge, pochendes Geräusch – der Bühnenboden tönt mit –, und das Ganze ereignet sich bei faszinierender Lichtregie (Remko van Wely): Den Bühnenhintergrund (Bühne: Thomas Rupert) füllt ein einziges aquamarin-blau-glitzerndes Mosaik, das sich allmählich verdüstert, alsdann schnüren große orangene Glühbirnen bis auf den Boden herab – 36 Stück –, um sich hernach langsam wieder nach oben zu bewegen. Durch die Passagen dieses Lichtmusters wird zuerst hindurch, dann wird unter ihm fort getanzt, bis alles sich im Bühnennebel verliert, s.o. –– Tosender Beifall auch für dieses Stück.

Er galt zuletzt der ganzen Schläpfer-Truppe, die eine singulär geschlossene Tanzleistung hinlegte. – Im Übrigen haben beide Uraufführungen das Zeug zum ‚Klassiker‘ des modernen Bewegungstanzes. Vor solcher Kanonisierung steht freilich die Inthronisierung – in der Deutschen Oper am Rhein kann man ihr beiwohnen. Salopp formuliert: nix wie hin.

Weitere Informationen zu b.28:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/b-28.1047785

OpernscoutsGisela Miller-Kipp
Emeritierte Professorin für Allgemeine und Historische Pädagogik

„Nichts nährt Seele, Sinne und Phantasie besser zum Ausgleich wissenschaftlicher Tätigkeit als die Oper!“, sagt die emeritierte Professorin, die schon mit 14 Jahren ihre erste Vorstellung besuchte. Ihre große Rezeptionserfahrung bringt sie nun in die Runde der Opernscouts ein. Seit ihrem Ruhestand ist sie besonders bürgerschaftlich engagiert, u.a. als Lese-Mentorin und in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit; kulturell  tummelt sie sich noch im Goethe-Museum und im Museum Kunstpalast.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s