Christoph Grätz über „Young Directors“

Zwei Amerikaner am Rhein

Trouble in Tahiti_01_FOTO_Hans Joerg MichelSchwarze Blütenblätter regnen von der Decke, während Dinah ihre Einsamkeit beschreibt. Depression trotz scheinbarer Idylle im weißen Reihenhaus einer amerikanischen Vorstadt. Hier leben Sam und Dinah mit ihrem Sohn Junior ein nur scheinbar intaktes Familienleben. Alles ist bürgerliche Fassade, die in den Momenten zusammenbricht, in denen die Eheleute allein sind und ihre Sprachlosigkeit im Streit erkennen müssen. Kommunikation ist längst nicht mehr möglich. Dinah flüchtet in die Depression, Sam vergnügt sich als erfolgreicher Businessman mit seiner Sekretärin, lebt seine Mannhaftigkeit gegenüber Mitarbeitern aus und lehrt seinen Sohn Junior, der hier keinen Namen hat, ein „echter Kerl“ zu werden.

Ich war berührt von der gesanglichen und schauspielerischen Leistung der Protagonisten, denen ich ihre Verzweiflung, Sprachlosigkeit und gespielte Heiterkeit abgenommen habe. Die Kritik am amerikanischen Traum von der bürgerlichen Existenz im Wohlstand aber eben auch in Frust und Übersättigung ist in diesem Einakter von Leonard Bernstein eindrucksvoll auf die Bühne gebracht. Die trügerische Idylle wird durch die ironisierende leichte Swingmusik und die von bissiger Ironie strotzenden Texte des dreistimmigen Chores entlarvt. Der Chor, bestehend aus den drei namenlosen Figuren girl, first und second boy bringt die gewollte Schere von Text und Musik meisterhaft zur Geltung. Die erste Regiearbeit von Philipp Westerbarkei ist aus meiner Sicht voll und ganz gelungen. Ihm ist eine anrührende Inszenierung ehelicher Langeweile und spießiger Ödnis geglückt. Das Bühnenbild dreigeteilt und perfekt ausgeleuchtet bot hierfür die passende Folie. Auch wenn das Thema nicht ganz neu ist – manche Themen bleiben ewig aktuell.

Irritierend hingegen fand ich den ersten Teil des Abends, die Inszenierung des Einakters „What next“ von Elliot Carter. Wie eine Zeitreise Durchgeknallter mutete mir diese Odyssee einer verunglückten Hochzeitsgesellschaft an. Anstrengend die Musik, hochpoetisch die Texte, statisch – allerdings effektvoll – das Bühnenbild. Bei diesem Einakter, dem Regiedebüt von Tibor Torell, hat mich vor allem die handwerkliche Präzision und das Können der Akteure beeindruckt. Eigentlich hätte die anspruchsvolle, harmonisch nicht eingängige und rhythmisch komplizierte Musik alleine schon für eine konzertante Aufführung gereicht. Zusammen mit den tiefgründigen Texten und den schrägen Typen war mir das – ohne Vorwarnung – etwas zu viel. Ich fühlte mich wie in einen Alptraum versetzt. Surreal. Erst im Nachgespräch mit den anderen Opernscouts wurde mir dann auch die nicht gerade subtile Symbolik des plötzlich auftauchenden Heilands und des Gartenzwerges bewusst, die für die Religion und den Konsum standen, für verzweifelte Sinnsuche. Auch die plötzliche Wandlung der Protagonisten zu Babys kam mir während der Aufführung eher albern vor. Das hier aber der Bezug zur Ohnmacht, zum Ausgeliefertsein und letztendlich der Kleinheit eines jeden Einzelnen versinnbildlicht wurde, kam mir erst im Nachhinein in den Sinn.  Ich hatte am Ende mehr Fragen als Antworten, zumal die wirklich poetischen Texte sich auch an keiner Stelle auf eine Aussage festlegen ließen.

Der Abend hat gezeigt, dass auch ein Experiment lohnt. Glückwunsch zum Mut der Deutschen Oper am Rhein, das Experiment zu wagen, auch dem Nachwuchs eine prominente Chance zu geben. Hier haben zwei junge Regisseure mit diesen beiden so unterschiedlichen Einaktern amerikanischer Komponisten eine erste Empfehlung ihres Könnens abgegeben. Dies gilt auch für die Orchesterleitung durch die beiden Dirigenten Jesse Wong und Patrick Francis Chestnut, die das Ensemble sicher und gekonnt durch den Abend geleitet haben.

Meine Empfehlung: Vor allem der erste Teil des Abends ist kein leicht zugänglicher Genuss. Mir zumindest hat sich erst im Austausch mit den Opernscouts das Stück etwas mehr erschlossen. Wer reingeht, sollte vorher etwas dazu lesen. Fazit: die Produktionen sind beide nicht unbedingt massentauglich aber inspirierend.

Weitere Informationen zu „Young Directors“:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/young-directors.1047759

Opernscout Christoph Grätz-1Christoph Grätz
Referent der Stabsstelle Kommunikation bei der Caritas

Wenn es sie nicht schon gäbe, bäte er Gott sie zu erfinden: die Musik. Als Sänger im philharmonischen Chor Duisburg, als ungeduldiger Akkordeonschüler und begeisterter Tangotänzer füllt Christoph Grätz seine Freizeit mit viel Musik (und umso weniger Sport). Bei der Arbeit als Öffentlichkeitsarbeiter für die Caritas darf er zwar auch kreativ werden, aber fast nie musikalisch. Oper und Ballett entdeckt er jetzt nach und nach als Opernscout. Wie schön, dass er etwas davon mitteilen kann.

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