Christoph Grätz über „Young Moves“

Getanzte Vielfalt

Rachedi_Fieldwork_02_FOTO_GertWeigeltEs war die Tänzerin Yuko Kato, die mich gerührt hat mit ihrem Solo bei „Fieldwork“, dem dritten Stück von „Young Moves“. Louisa Rachedi hat in Ihrer Choreographie für mich die größte emotionale Tiefe dieses Ballettabends erreicht. Ihr ist es gelungen die Gefühlswelt von Menschen im digitalen Zeitalter unter dem Einfluss von Gruppendruck und der Sehnsucht nach Individualität auszuleuchten. Die Kostüme erinnerten an Fantasy oder Science Fiction Animationen. Irgendwo zwischen Manga und Mollusken, betonten sie die Schwarmhaftigkeit menschlicher Existenz. Das Thema: Der Einzelne in oder gegen die Gruppe, Identitätssuche, punktgenau inszeniert. Dieses Debut stand an Intensität den Arbeiten von Martin Schläpfer in Nichts nach.

Überhaupt war der Abend, an dem es gleich sechs Uraufführungen und Choreographie-Debuts von Mitgliedern der Compagnie gab, für mich voller Überraschungen.

Die emotionale Tiefe bei „Fieldwork“, tänzerisches Storytelling bei „It is passing by“ von Wun Sze Chan, die mit Videosequenzen einer Straßenbahnfahrt gespickt fast ohne Musik auskam. Eine besondere Herausforderung für das Ensemble.

Die Arbeit „Mindrift“ von Boris Randzio bestach durch das perfekte Zusammenspiel der drei Tänzerinnen, die alleine agierten. Wie schwierig muss es wohl sein, die Musik, bei der der Beat stellenweise kaum zu orten war, in Bewegung umzusetzen. Es gehört Mut dazu, sich schon im Debut an eine so schwierige Musik wie „Signs, Games and Messages“ von György Kurtag heranzuwagen, ein mir unbekanntes zeitgenössisches Solostück für Bratsche.

„Zahir“, die Uraufführung der Choreographie von So-Yeon Kim war inspiriert von Gustav Klimts „Der Kuss“, was sich, für mich schlüssig ergab. Die Cellosuiten von Johann Sebastian Bach sind in Musik umgesetzte Emotion. Der Choreographin ist hier gelungen auf diese Musik eine Geschichte von menschlicher Nähe zu erzählen, die mich anrührte.

Erotik und Komik: vielleicht lässt sich mit diesen Attributen die Eröffnung des sechsteiligen Abends am treffendsten beschreiben. „Odnalro“, so der Titel, steht hier als Umkehrung für „Orlando“, einem Roman von Virginia Woolf. Wie in der Geschichte, geht es auch in diesem Tanzstück um Geschlechterverwirrung. Das ist zwar nicht neu, aber komisch vor allem der Eitelkeit der Protagonisten halber. Alban Pinet hat in seiner Arbeit seine Kolleginnen und Kollegen mit wechselnder Garderobe, bisweilen aufreizend in Szene gesetzt.

„Rapture“ (dt. Entrückung), die letzte Arbeit des Abends, bestach durch rhythmische Präsenz. Unter perfekter Lichtregie von Franz Xaver Schaffer hat hier Michael Foster ein Feuerwerk der Bewegung auf die Bühne gebracht. Die Buntheit der Compagnie erinnerte mich stellenweise an Tanzfilme. Gewollt oder nicht? Für mich war „Rapture“ der perfekte Ausklang dieses Ballettabends.

Das Konzept, dem Nachwuchs eine Chance zu geben, überzeugt mich. Hier haben sechs Newcomer gezeigt, dass sie es drauf haben, allesamt Typen, kreative Individualisten, auf dem besten Weg zum eigenen künstlerischen Ausdruck. Vielfalt, die überzeugt.

Empfehlung: Unbedingt reingehen! Dieser Abend bietet Humorvolles, Tiefgründiges, Anrührendes, Temporeiches, Überraschendes, Experimentelles, Klassisches und pure Schönheit – Kurzweile garantiert.

Weitere Informationen zu „Young Moves“:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/young-moves.1047789

Opernscout Christoph Grätz-1Christoph Grätz
Referent der Stabsstelle Kommunikation bei der Caritas

Wenn es sie nicht schon gäbe, bäte er Gott sie zu erfinden: die Musik. Als Sänger im philharmonischen Chor Duisburg, als ungeduldiger Akkordeonschüler und begeisterter Tangotänzer füllt Christoph Grätz seine Freizeit mit viel Musik (und umso weniger Sport). Bei der Arbeit als Öffentlichkeitsarbeiter für die Caritas darf er zwar auch kreativ werden, aber fast nie musikalisch. Oper und Ballett entdeckt er jetzt nach und nach als Opernscout. Wie schön, dass er etwas davon mitteilen kann.

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