Christina Irrgang über b.28

Vehement, bedingungslos, in Perfektion

b.28_Ballett am Rhein_Düsseldorf / Duisburg
"Esplanade" ch.: Paul Taylor

Vor über zehn Jahren reiste ich mit meiner Freundin, der Sängerin, entlang der Küsten – am anderen Ende der Welt. Wir hörten eine Kassette mit Musik, die nach Wasser klang. Und zwischen den aufschäumenden Melodien sprach Roy Batty aus Blade Runner einen Monolog, der nahm uns die Stimmen, und hüllte jeden Stern der Nacht in ein Mysterium aus zerfallenden Buchstaben. „Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet – gigantische Schiffe, die brannten draußen vor der Schulter des Orion.“ Vor wenigen Wochen dann las ich diese Worte Battys wieder, in einer fiktiven Rede eines Androiden der Künstlerin Goshka Macuga. Die blauen Erinnerungen schwemmten an. „Und ich habe c-beams gesehen, glitzernd im Dunkeln, nahe dem Tannhäuser Tor.“ Und als ich in der Uraufführung von Nils Christes „Different Dialogues“ in der Deutschen Oper am Rhein saß, überfielen mich mit jedem Bild der Tänzerinnen und Tänzer diese Worte wie ein tauber Schleier, der durch Christes Choreografie zur Musik von Philip Glass wie ein Echo wieder zu atmen beginnt – „all diese Momente – werden verloren sein – in der Zeit – so wie – Tränen – im Regen“ – und dem Verlorensein in der Zeit mit dem puren Leben, mit der Emotion des Augenblicks im und durch diesen Tanz begegnet. Hier brannten die Schiffe in den Wogen, im Wind, auf dem Meer. Zwischen Licht und Nebel klirrte Glas. Ein Art Danzón inmitten von c-beames, schimmernd und abstrakt und ungreifbar.

Die Violine ist die unsichtbare, doch vordergründige Akteurin dieses Abends. Sie brachte mit Paul Taylors „Esplanade“ zu Musik von Johann Sebastian Bach wehendes Haar und fliegende Stoffe in Orange, Rosé und Pink auf die Bühne. Sie eröffnete den Abend mit einem Tanz aus Natürlichkeit und Empfindsamkeit, barfuß, dem Publikum zugewandt, lächelnd. Die darauf folgende Uraufführung „Tenebre“ von Hubert Essakow zu Musik von Bryce Dessner führte die leichten menschlichen Gesten über in morbide Figuren zwischen Schwarz-Weiß, Statik und Dynamik, Hell und Dunkel, als Kontroverse von Bewegung und Standbild. Eine Annäherung der Geschlechter. Ein Übergang, vom Mensch zur Skulptur.

Musik und Tanz dieses Abends waren vehement, bedingungslos, in Perfektion. Alle drei Stücke in einer bestechend sinnreichen Narration aufeinander abgestimmt, überzeugte ein jeder Tanz durch die Unerschrockenheit in Musik, Komposition, Bewegung, physischer Präsenz und Empathie für Über-Sinnliches. Es sind auf geheimnisvolle Art doch Dinge, die wir niemals glauben würden.

Weitere Informationen zu b.28:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/b-28.104778

OpernscoutsChristina Irrgang
Freie Autorin

Christina Irrgang lebt und arbeitet als freie Autorin in Düsseldorf. Sie studierte Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, an der sie aktuell über den Fotografen Heinrich Hoffmann im Kontext politischer Bildstrategien promoviert. Parallel zum Schreiben verfolgt sie im künstlerischen Bereich ihr Musik-Projekt BAR, das sie 2013 mit Lucas Croon gegründet hat. Sie ist außerdem Stipendiatin 2016 der Kunststiftung Baden-Württemberg in der Sparte Kunstkritik. In der Spielzeit 2015/16 ist sie zum zweiten Mal begeisterter Opern-und Ballett-Scout!

 

 

 

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