Gisela Miller-Kipp über „Die lustigen Weiber von Windsor“

Romantischer Ohrenschmaus in wenig inspirierter Inszenierung

LustigeWeiber_09_FOTO_HansJoergMichel„Die lustigen Weiber von Windsor“ – das ist zu allererst ein Schelmenstück, eine komisch-fantastische, zugleich lehrreiche Oper über einen wüsten, einen dem Fressen, Saufen und Huren ergebenen abgebrannten Ritter – Sir John Falstaff, von Shakespeare her aller Welt bekannt –, über zwei witzbegabte wehrhafte Bürgerinnen – Frau Fluth (Anke Krabbe) und Frau Reich (Marta Márquez) –, über deren grundlos eifersüchtige Ehemänner und zuletzt noch über das Liebeswerben um ein schönes Töchterlein (Jungfer Anna Reich) – Menschliches, allzu Menschliches, nicht wahr, und genau deshalb eine Einladung zur phantasievollen Inszenierung. So beginnt die Oper denn auch verheißungsvoll: Die Musik schwelgt und walzert im hochromantischen Klang, voll und zart, weich und wohltönend – dem musikalischen Spiel und damit den Düsys unter Axel Kober galt der Jubel am Schluss; er galt im Übrigen der Titelpartie, doch dazu später. Zur Ouvertüre also sah man auf einen wunderschönen Proszeniumsprospekt: die „Abtei im Eichenwald“ von Caspar David Friedrich, frei kombiniert mit dessen „Klosterfriedhof im Schnee“ – zwei Ikonen der schwermütigen deutschen Romantik, hier zunächst einmal eine geheimnisvolle und quasi religiöse Deutung der Musik. Man kann dazu auch prima rätseln, denn der Prospekt wird durchsichtig und gibt den Blick frei in den Bühnenraum. Dort rieselt Schnee und ein Mensch wird an einem knorrigen Eichenast erhängt, wobei er, der Mensch, pittoresk zappelt – was soll das? Machte mich gespannt auf den 1. Akt; der aber war eine szenische Enttäuschung.

Er spielt im Speisezimmer des Hauses Fluth, einem Prunksaal in Grün und Braun: Stofftapeten mit Goldprägung, Eichentäfelung, raumhohe Fenster mit neo-gotischem Maßwerk, Lüster, eine riesig-lange, mit grünem Samt bedeckte Tafel, davor ein passender niedriger Bartisch – ersichtlich sind wir hier bei arrivierten Bürgern zu Hause. In diesem Raum nun werden die beiden Intrigen gegen Falstaff gesponnen und realistisch ausgespielt: An der Tafel wird mit dem üblichen Getue gespeist, Frau Fluth räkelt sich auch einmal „verführerisch“ posierend darauf; am Bartisch genehmigen sich beide intrigierenden Damen manches Gläschen; die über vermeinte weibliche Unmoral – Ehebruch – empörten Bürger marschieren gesittet fuchtelnd herein und hinaus; der Wäschekorb, darinnen sich Sir John verstecken muss, wird plump herumgeschleppt usw. – überaus uninspiriert und betulich. Ich fand’s auf die Dauer sogar langweilig, aller schönen Melodie und allem wackeren Gesang zum Trotz. Ging wohl nicht nur mir so, in der Pause nach dem 1. Akt verließen Einige das Haus (ich besuchte die 2. Premiere).

Der 2. Akt spielt in einer düsteren gotischen Kapelle. Dort findet das Saufgelage von Sir John mit Kumpanen sowie, die Regie spart sich szenische Variationen, das heimliche Treffen der Jungfer Anna mit dem auserwählten Liebsten samt lauschenden Mitbewerben statt. Stimmt der Bühnenraum für diesen Auftritt und für das darin innig gesungene Liebesduett (Luiza Fatyol und Ovidiu Purcel, der freilich in der Höhe arg presste), so wirkt das Saufgelage dort deplatziert. Die Säufer purzeln und torkeln von Bänken und aus Beichtstühlen, eine gut kassierende, jedoch in unschuldiges Weiß (?) gekleidete Hure tritt auf und trinkt Tee – wenigstens trinkt sie aus der Tasse, nicht aus der Flasche –, Sir John singt seine berühmte Arie „als Knäblein klein an der Mutterbrust …“ unter einer lebensgroßen Mariensäule! (muss das sein?), ein Tänzchen mit der Hure eingeschlossen – an dieser Stelle stürmte im ersten Rang jemand mit Türenknall hinaus. Das fand ich durchaus passend, glaube aber nicht, dass es zur Inszenierung gehörte; selbstironischen Witz bringt sie nicht auf, Spielwitz auch nur sparsam.

Der 3. Akt spielt zunächst wieder im Salon Fluth, in dem der letzte Streich gegen Sir John: ein Schabernack und eine Maskerade im nächtlichen Wald, ausgeheckt und die Ehemänner eingeweiht werden (1. und 2. Szene). Durch Zurückfahren der Hinterwand öffnet sich dabei der Raum allmählich zum gotischen Kirchenschiff – Erinnerung an die Bildprojektion der Ouvertüre. Dort, im hohen Kirchenraum, spielt dann die dritte und letzte Szene. In ihr wird die Inkongruenz von Inszenierung (Dietrich Hilsdorf) einerseits, Text- und Musikerzählung andererseits eklatant. Denn nicht in einer Kirche, sondern in einem Feen- und Zauberwald wird Sir John erst gepiesackt, dann zur Räson gebracht: Jungfer Anna, als Braut gekleidet, nennt sich „Titania“ – so heißt bekanntlich die Feenkönigin in jedem „Sommernachtstraum“; der Chor säuselt: „schwärmt lustig in des Mondes Tau, Elfen weiß und rot und blau“ (das sind die Primärfarben!); wie aber tritt er auf? – in strenger weißer Nonnentracht die Damen, in schwarzen Kutten mit schwarzen Spitzhüten (Bußgesellschaften!) die Herren; dazu gesellen sich indigen anmutende kalkige Schreckensmasken! Hier wird mit mittelalterlicher Religiosität tiefsinnig aufgeladen, was der Erzählung nach heilsame Zaubermacht und romantischer Wesenswechsel ist. Als nun dieser düster dräuende Chor bei aufwallender Musik zu singen hatte: „Mücken, Wespen, Fliegen stechen …“, dabei aber mit blitzenden Messern lang ausholend realistisch mimend auf Sir John einsticht, ist das nicht bedeutungsvoll, sondern komisch. Ich bezweifle aber wiederum, dass das inszenatorische Absicht ist – die religiösen Zitate sind zu schwerwiegend. Sie legen die letzte Szene als fromme Heimsuchung und Bekehrung von Sir John an, der unpassend dazu, passend aber zum nächtlichen Waldzauber, mit großem Geweih (!) als Hirsch verkleidet ist.

Im Übrigen steht in Zentralperspektive auf der Bühne ein schwarzer bekreuzter Sarg. In den flüchtet der alte Sünder und Schwerenöter, um ihm zuletzt, Friedensfähnchen schwenkend, wieder zu entsteigen. Befreiendes Gelächter ringsum – also doch nur ein Spiel und Spaß! Wohin aber dann mit dem heiligen Ernst? – Mich hat die Inszenierung nicht überzeugt, ich fand sie gelegentlich kaum nachvollziehbar zusammengestückelt. Und so rätsele ich auch immer noch darüber, was das Paar ‚Dame im biedermeierlichen Reitkostüm mit englischem Setter‘ im letzten Bild sollte – stand da statuarisch erst vordergründig im Chor, dann im Hintergrund herum?? Der Setter wenigstens benahm sich tadellos.

Besuchen sollte man die Oper gleichwohl, man kann sie auch frohgemut verlassen, und das des traumschönen Prospektes, der hochromantisch schwingenden und elegant parlierenden Musik und der Paraderolle wegen. Hans-Peter König ist als Sir John Falstaff unschlagbar: Er agiert gekonnt und glaubwürdig: frisst und säuft, stolziert und gockelt, brüstet, duckt und ängstigt sich, ohne auch nur einmal zu chargieren, und bleibt damit allein auf weiter Flur. Dazu singt er in allen Lautstärken und Basslagen so „astrein“ wie tadellos: voll, klar und geschmeidig, und muss dabei, wiederum als einziger auf der Bühne, nicht einmal zum Dirigenten oder zur Souffleuse schielen – große Klasse!

Weitere Informationen zu „Die lustigen Weiber von Windsor“:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/die-lustigen-weiber-von-windsor.1047802

OpernscoutsGisela Miller-Kipp
Emeritierte Professorin für Allgemeine und Historische Pädagogik

„Nichts nährt Seele, Sinne und Phantasie besser zum Ausgleich wissenschaftlicher Tätigkeit als die Oper!“, sagt die emeritierte Professorin, die schon mit 14 Jahren ihre erste Vorstellung besuchte. Ihre große Rezeptionserfahrung bringt sie nun in die Runde der Opernscouts ein. Seit ihrem Ruhestand ist sie besonders bürgerschaftlich engagiert, u.a. als Lese-Mentorin und in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit; kulturell  tummelt sie sich noch im Goethe-Museum und im Museum Kunstpalast.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s