Gisela Miller-Kipp über „Die Schneekönigin“

Rosen in alle Ewigkeit

SCHNEEKOENIGIN_14_FOTO_Hans_Joerg_MichelDer Name der Oper ist irreführend – für diejenigen, denen Andersens Märchen unbekannt ist: „Die Schneekönigin“ ist weder ein Wintermärchen noch ist ihr Ort das Reich dieser Königin. Vielmehr startet die Erzählung in der Trollschule. Sie spielt vor raumhoher Stahlwand, in der eine Brennofentür eingelassen ist (Kokerei – Reverenz an den Ruhrpott), hinter der es auch unheimlich glüht. Das ist schon einmal ein klasse Einfall. Denn die Schule ist irgendwie höllisch, nicht wahr, und die Lehrer, hier der Trolllehrer, sind gelegentlich teuflisch, jawohl! Die Verhexung des Jungen Kay passiert hernach vor dem Rosenhaus, in dem gibt es ein puppenstubenschönes Rosenzimmer, darin sitzt die märchenhafte Großmutter, strickend natürlich. Und mit dem „Rosenlied“ geht die ganze Geschichte dann im „Rosensommer“ auch glücklich aus – die Schneekönigin, eine zauberhaft-hoheitsvolle und verführerische Gestalt ganz in Weiß (weiße Spitze, weiße Turmfrisur, weiße Riesenschleppe) schmilzt sehr malerisch dahin.

Will sagen: Die Oper ist jahreszeitlich und räumlich nicht festgelegt. Das macht sie saisonunabhängig und außerordentlich publikums- gleich kinderfreundlich. Denn die Geschichte/das Märchen spielt insgesamt an acht verschiedenen Orten und zerfällt in sieben Untergeschichten – Stationen der Reise der kleinen/jungen Gerda ins Reich der Schneekönigin, wo es ihren Freund auszulösen gilt. Mit dieser Anlage wird der Aufmerksamkeitsspanne des ganz jungen Publikums – 10 Minuten – geschickt Rechnung getragen, und die Phantasie und der Bildhunger aller Kinder werden durch wechselnde, dabei liebevoll ausgestattete Räume aufs Schönste bedient. Hinzu kommen die ansässigen Phantasiegestalten. Die meisten bieten positive Identifizierung an, allen voran natürlich die beiden besten Freunde bzw., jene nach Alter, die jungen Liebenden (Gerda und Kay), von denen der Junge sich verblenden lässt und erkaltet (Werk der Schneekönigin), das Mädchen ihn aber wieder zur Freundschaft/zarten Liebe erweckt durch unerschrockenes Suchen/unbeirrbare Treue. Spielend leicht kann sie das Lösungswort zusammenpuzzeln, über dem Kay so lange vergeblich brütet(e): „Ewigkeit“.

Unverzichtbar auch in jedem Schauspiel, in jeder Oper für Kinder: die ungehobelten Dummbatzis (hier zwei Trolle), also jemand, der frecher, ungeschickter und, vor allem, dümmer ist als man selbst! Ferner und glücklicherweise im Identifikationsangebot auch eine Gestalt aus der modernen (Medien)Welt: das Räubermädchen als Oberpirat/Kapitän Jack Sparrow (alias Johnny Depp in „Fluch der Karibik“), übrigens auch gestisch gekonnt nachgeahmt, mithin unschwer zu erkennen (5. Geschichte). – Erzählt werden die Geschichten auch als Text in Obertiteln. Allerdings läuft der recht schnell durch, selbst Drittklässler dürften Mühe haben, ihm zu folgen – gelegentliche Unruhe im jungen Publikum. Was ihm aber auch erspart, sich über die lyrischen Passagen zu mopsen: Die kamen nämlich wagnerisch stabreimelnd bzw. alliterierend daher – gräsig, und eine für dies Märchen völlig verquere Sprachanstrengung. Da frönt der Librettist (Marius Felix Lange) höherem Ehrgeiz, so etwa auch mit dem Zitat des Herbstgedichts von Rilke („Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr, wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben …“) zur einsamen Kutschfahrt durch den Krähenwald (4./5. Geschichte); dürfte schwerlich angekommen sein. Tausendmal passender ist da die Tempobezeichnung für die rasende Kutschfahrt gen Norden, zunächst nach Lappland: sie ist nämlich „schnell wie ein Krähenfurz“ – himmlisch!

Aber was soll’s; kann man am Text auch mäkeln, so ist die Musik (ebenfalls Marius Felix Lange) doch ein gelungener Mix von Melodien und Klängen unterschiedlichster Stile, Anleihen bei Wagner (besonders Sprechgesang) inklusive. Offenkundig kam sie wie die Aufführung insgesamt bei den Youngsters bestens an: einhelliger Jubel zum Schluss.

Weitere Informationen zu „Die Schneekönigin“:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/die-schneekoenigin.1047767

OpernscoutsGisela Miller-Kipp
Emeritierte Professorin für Allgemeine und Historische Pädagogik

„Nichts nährt Seele, Sinne und Phantasie besser zum Ausgleich wissenschaftlicher Tätigkeit als die Oper!“, sagt die emeritierte Professorin, die schon mit 14 Jahren ihre erste Vorstellung besuchte. Ihre große Rezeptionserfahrung bringt sie nun in die Runde der Opernscouts ein. Seit ihrem Ruhestand ist sie besonders bürgerschaftlich engagiert, u.a. als Lese-Mentorin und in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit; kulturell  tummelt sie sich noch im Goethe-Museum und im Museum Kunstpalast.

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