Christina Irrgang über „Die Schneekönigin“

Geheimnisvolle Ehrlichkeit

SCHNEEKOENIGIN_11_FOTO_Hans_Joerg_MichelMit Marius Felix Langes Familienoper „Die Schneekönigin“ hat die Spielzeit 2015/16 an der Deutschen Oper am Rhein einen weiteren Höhepunkt erreicht. Dabei könnte die Geschichte nach dem gleichnamigen Märchen von Hans Christian Andersen in ihrem Kern kaum trauriger sein: Zwei Splitter eines teuflischen Spiegels geraten dem Jungen Kay in Auge und Herz, woraufhin er seine Liebe zu seiner Freundin Gerda – aber auch zum Leben – verliert und in den Bann der Schneekönigin gerät, für die er ein Rätsel lösen soll. Während Kays Wesen in der Nähe der Königin immer mehr erkaltet, macht sich Gerda durch die Jahreszeiten hindurch auf den Weg, Kay wiederzufinden. Über einen Fluss gelangt sie zu einer märchenhaften Blumenaue, zu einem Prinzessin-und-Prinz-Paar, in die Höhle eines Räubermädchens bis hin nach Lappland ins Schloss der Königin. Auf ihrer Route findet sie Freunde und die Hilfe von Blumen, einer Krähe, Tauben, einem Rentier, und durch die finnische Lappin – die Gerda auf die Fähigkeit, die sie schon immer in sich trägt, aufmerksam macht. Was sie schließlich dazu befähigt, den eisigen Bann um Kay zu brechen, ist ihr Gesang, ihre Liebe. Das Wort „Ewigkeit“, durch das sie Kay von seiner Bindung an die Schneekönigin befreit, wirkt wie ein Fluch auf die Königin zurück, wird es sogleich nach Gerdas Legung unachtsam durch zwei Trolle zerstört: Die Schneekönigin verliert erneut ihren Absolutheitsanspruch, die Ewigkeit bleibt unerreichbar. Gerda und Kay aber sind wieder inmitten der Rosen in ihrer Liebe vereint. Die Liebe hat gesiegt.

Marius Felix Langes Komposition und Libretto tragen die kleinen und großen Besucher dieser Oper – eine Kooperation der Deutschen Oper am Rhein mit dem Theater Dortmund und dem Theater Bonn, inszeniert von Johannes Schmid – durch eine verzaubernde Fantasiewelt. Der Auftakt mit Tölpeltroll, Trotteltroll und Deubeltroll und dem verfluchten Spiegel, welcher der Welt alles Hässliche zeigen soll, erscheint zunächst etwas gruselig. Doch das sich daran anschließende Spiel, Kostüm- und Bühnenbild (Tatjana Ivschina) sowie spezielle Videoprojektionen und Lichtinszenierungen (Volker Weinhart) nehmen die Besucher mit auf eine märchenhafte Reise, auf der Blumen singen, Tiere sprechen und ehrliche Liebe noch ganz offen gestanden wird. Ein gesangliches Highlight bildete u.a. der Chor der Rosen und Tauben, Gerdas stimmliche Intensität (Heidi Elisabeth Meier) steigerte sich im Verlauf des Stückes immer mehr, insbesondere mit Kay (Dmitri Vargin) im Duett, die Schneekönigin (Adela Zaharia) sang grazil und elegisch. Mit musikalischer Virtuosität und Abstraktion überzeugten so auch die Studierenden der Robert Schumann Musikhochschule sowie das altstadtherbstorchester. Nachdem ich in meiner letzten Kolumne die Dramaturgie von Bernhard F. Loges stellenweise kritisiert habe, möchte ich hier nicht auslassen, sie bei dieser sehr stimmig ausgeführten Oper positiv hervorzuheben.

„Die Schneekönigin“ hat auf magisch-traurig-schöne Weise ganz große Emotionen liebevoll gebündelt und einem gut gefüllten Premieren-Saal mit überwiegend jüngstem Publikum erzählt. Der wunderbarste Moment kann da nur sein, wenn dieses am Ende der Oper jubelnd applaudiert. Oder wenn Kinder das Liebevolle dieses Märchens ganz intuitiv erspüren und sich während der Aufführung gegenseitig die Arme um die Schultern legen. „Die Schneekönigin“ brachte auch für mich ein bewegendes Ende dieser Opern-Saison, und in ihrer geheimnisvollen Ehrlichkeit schenkte sie mir eine kleine Träne im Augenwinkel. Danke!

Weitere Informationen zu „Die Schneekönigin“:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/die-schneekoenigin.1047767

OpernscoutsChristina Irrgang
Freie Autorin

Christina Irrgang lebt und arbeitet als freie Autorin in Düsseldorf. Sie studierte Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, an der sie aktuell über den Fotografen Heinrich Hoffmann im Kontext politischer Bildstrategien promoviert. Parallel zum Schreiben verfolgt sie im künstlerischen Bereich ihr Musik-Projekt BAR, das sie 2013 mit Lucas Croon gegründet hat. Sie ist außerdem Stipendiatin 2016 der Kunststiftung Baden-Württemberg in der Sparte Kunstkritik. In der Spielzeit 2015/16 ist sie zum zweiten Mal begeisterter Opern-und Ballett-Scout!

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