Uwe Schwäch über b.26

Ein Abend künstlerischer Inspiration

Das Ballett „Bournonville Divertissement“ von August Bournonville ist ein Klassiker aus längst vergangener Zeit. In seiner Inszenierung im Rahmen von b.26 erfährt es eine wohltuende Balance aus traditioneller und moderner Prägung. Getanzt wird klassisch, also mit hoher Spitze, eleganten Drehungen und dynamischen Sprüngen. Tänzerinnen und Tänzer bewegen sich im Reigen, der Charakter ist leicht, stimmungsvoll und fröhlich. Auch das puristisch gestaltete himmelblaue Bühnenbild und die bonbonfarbenen wehenden Kleider der Tänzerinnen prägen dieses Bild. Kurzum ein Fest für das Auge.

Dabei ist die Leichtigkeit und Gefälligkeit zugleich die Schwäche des Stücks. Trotz des Bewegungsreichtums wird der Zuschauer nicht bewegt, es fehlt das durchdringende Momentum von Inspiration und Leidenschaft. Erst im zweiten Teil erfolgt eine stimmungsvollere Aktivierung durch den Einsatz von Tamburinen. Nun wirken auch die Tänzer gelöster und verbreiten mehr Esprit. Die folkloristisch angehauchte romantische Musik rundet den Ballettklassiker durch eine stimmungsvolle Instrumentierung der Streicher und Bläser harmonisch ab.

Wie nahe Fröhlichkeit und Tristesse beieinander liegen, zeigt das zweite Ballettstück des Abends. „Dark Elegies“ von Antony Tudor nutzt die musikalisch komponierte Theatralik von Gustav Mahlers „Kindertotenliedern“. Auch hier sehen wir eine Art Volkstanz, dieses Mal jedoch gezeichnet von filigraner Einfühlsamkeit und angstvoller Stille. Die Symbiose von Musik und Tanz wird durch den Bariton Dmitri Vargin intensiviert, der sich neben den Tänzern auf der Bühne befindet. Die Musik durchdringt den Zuschauer voller Sanftmut und die Instrumentierung besticht mit einem fokussierten Klangbild.

Der Tanz ist geprägt von überragender Intimität, er vermittelt Verlust, Trauer und Sehnsucht. Die Tänzerinnen und Tänzer brillieren mit ungesehener und technisch anspruchsvoller Bewegungsvielfalt. Eingebettet ist die Inszenierung in ein von Wolken gezeichnetes Bühnenbild, das mit dezenten Lichteinfällen die Dunkelheit und Traurigkeit des Stückes unterstreicht. Und auch die Kostüme fügen sich in diesen Duktus ein, so dass sich insgesamt ein sehr holistisch choreographiertes,  herausragendes Ballett vorgestellt hat.

Die Vielfältigkeit dieses Ballettabends komplettiert das dritte Stück „One“ von Terence Kohler. Gleich zu Beginn Tanz in Hülle und Fülle mit modernsten Elementen – ein Rausch der Sinne. Der Zuschauer erlebt Tanz im Strudel der Gefühle von stürmisch, virtuos und artistisch bis zu hingebungsvoll und bisweilen zärtlich.

Das mit grauen Säulen erschaffene Bühnenbild ziert archaische Opulenz, in der sich bisweilen fast die gesamte Kompanie des Ballettensembles zeigt. Auch hier begegnet der Zuschauer ungesehenen Bewegungsformen, die in unterschiedlichen Sequenzen höchst ausdrucksvoll getanzt werden. Besonders eindrucksvoll ist der Tanz von Mitgliedern der männlichen Kompanie, die voller Anmut und Leidenschaft in weiten Hosen und nackten Oberkörpern in Phantasiebilder eintauchen. Wie auch im ersten Stück erleidet „One“ einen Bruch – dieses Mal negativ – als die Tänzer nacheinander eine Leiter erklimmen und über eine Säulenwand verschwinden. Nur der wunderbar vom Orchester interpretierten Sinfonie Nr. 1 von Johannes Brahms ist es zu verdanken, dass der Zuschauer hier nicht aussteigt. Der Spannungsbogen geht an dieser Stelle verloren, auch wenn sich am Ende mit der Ankündigung filigraner Lichtstrahlen die Säulen öffnen und die Tänzer wieder zurückkehren.

Es bleibt die Erinnerung an einen weiteren von epochaler Vielfalt und großer künstlerischer Inspiration geprägten Ballettabend, den man nicht verpassen sollte.

Weitere Informationen zu b.26

Uwe Schwäch
Kommunikationsberater und Lehrbeauftragter

Der Kommunikationsberater, Fachautor und Lehrbeauftragte an der Hochschule Fresenius ist leidenschaftlicher Fan der Oper, und seine Begeisterung wirkt ansteckend: Regelmäßig stiftet er Freunde und Bekannte zum gemeinsamen Kulturbesuch an. Gerne tauscht er sich nach jedem Premierenbesuch mit den anderen Opernscouts aus, was die Erfahrungen der Opernbesuche noch anregender macht.

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