Isabell Boyer über b.26

Eine Reise durch die Zeit

Ballett am Rhein Düsseldorf / Duisburg b.26 Dark Elegies  ch.: Antony Tudor

Am Freitag legte das Ballettensemble unter Martin Schläpfer mit dem Dreiergespann „Bournonville Divertissement“, „Dark Elegies“ und „One“ den Grundstein für die kommende Ballettsaison des Balletts am Rhein. Die Zusammenstellung der drei Stücke ermöglichte dem Zuschauer eine Zeitreise, die die verschiedensten Blickwinkel des Tanzes beleuchtet und die Mentalität der Kunst zu ihrer jeweiligen Entstehungszeit widerspiegelt.

Begonnen mit August Bournonvilles ‚Bournonville Divertissement‘ gelangen farbenfroh gekleidete Tänzer und Tänzerinnen auf die Bühne. Beschwingt und mit dem wohl strahlendsten Lächeln auf den Lippen, das man sich vorstellen kann, nehmen sie die Bühne für sich ein und leiten den Zuschauer in eine Szenerie von Leichtigkeit und guter Laune. Sofort brachte mich dies zum Schmunzeln. Die fröhliche, perfekt ausgetanzte Art dieses Stücks wirkt in unserer Gegenwart wie etwas Parodistisches, was durch kleine schauspielerische Nuancen in dieser Darbietung nur unterstrichen wird. Erst, als nach den Soli der einzelnen Tänzer etwas Bewegung in die gesamte Gruppe kommt, indem Tamburine und ein Schal zum Tanzen und Feiern genutzt werden, bin ich erneut gefesselt. Der neue, mitreißende Rhythmus lässt einen noch einmal genauer hinsehen und somit mehr genießen, als zuvor. Besonders kommen hierbei auch die bunten, bauschigen Kleider der Tänzerinnen zur Geltung, die sich mit jedem Sprung und jeder Pirouette weich und fließend mitbewegen. Definitiv schön mitanzusehen.

Anschließend entführt uns „Dark Elegies“ von Antony Tudor in die Zeit der Klage und Trauer Anfang des 20. Jahrhunderts. Mit den Kindertotenliedern Mahlers, hier hervorragend gesungen von Bariton Dmitri Vargin, werden dem Zuschauer die Stadien der Trauer näher gebracht, die in jedem der 5 Totenlieder von jeweils einem der Protagonisten verkörpert werden. Der Zuschauer kann Trauer und Isolation erkennen, Aggressivität und Verzweiflung, den Kampf gegen den Verlust. Doch auch, wenn die Gefühle noch so stark sind, kehrt man immer wieder in den Strudel zurück, der einen zum Ursprung seiner Gefühle zurückbringt. Eine tragische Begebenheit, die die gesamte Gesellschaft um einen herum zu fesseln scheint. Dieses Stück hat mich sehr zum Nachdenken gebracht und in seiner Einzigartigkeit mitgerissen. Die Bewegungen standen im klaren Kontrast zum ersten Stück, da sie eher gen Boden tendierten und schmerzhaft wirkten. Immer wieder kämpften sich die Tänzer frei, um letztendlich wieder vom „Strudel“, einer wirbelnden Kreisformation der Mittänzer, eingefangen zu werden. Wahrlich beeindruckend und definitiv wert, sich einmal genauer mit der Thematik zu befassen.

Zuletzt bringt „One“ eine futuristische, wilde, ungestüme Geschichte von Entwicklung und Ausbruch auf die Bühne. Charakteristisch ist hier der einzigartige Einsatz von Licht und Schatten, sowie von Bühnenbild und Größe des nahezu gesamten Ensembles, das sich mit für mich neuen und ungewohnten Bewegungsabfolgen über die Bühne bewegt. Hier wird besonders auf die vielen Möglichkeiten des Tanzes geachtet, außerdem wird zweimal bewusst die vierte Wand, also die Wand zwischen Bühne und Zuschauer, durchbrochen, indem die Tänzer direkten Augenkontakt mit dem Publikum herstellen. Variation bringt auch die Verwendung einer Kletterwand im Tanz, die den beschwerlichen Weg über die steinernen Gipfel zur anderen Seite verkörpert. Mir hat dieses Stück gut gefallen, allerdings hätte ich mir für die letzte Etappe ein wenig mehr schauspielerische Interaktion unter den Akteuren gewünscht, als sie einer nach dem anderen in die Freiheit entkommen sind. So sehr man die Musik auch genießen kann, ein wenig Action hätte in diesem Moment den Augenblick des Ausbruchs wesentlich besser und dramatischer in Szene gesetzt.

Insgesamt ergab b.26 eine sehr angenehme und interessante Gruppierung, die ich aufgrund ihrer starken Kontraste sehr empfehlenswert finde. Das Prinzip der künstlerisch-tänzerischen Zeitreise gefällt mir sehr gut. Es schenkt dem Zuschauer die Möglichkeit, mitzuverfolgen, wie sehr sich unsere Dimensionen innerhalb der Jahrhunderte verändert haben und dass es sich lohnt, den Blick auch für unsere Vergangenheit, nicht nur für die Gegenwart, zu öffnen.

Weitere Informationen zu b.26

Isabell Boyer
Studentin

Auf Isabell Boyer sind wir durch einen Text aufmerksam geworden, den sie als „Operntester“ über Prokofjews Oper „Der feurige Engel“ geschrieben hat. Die eingehende Beschäftigung mit dem Stück hat uns neugierig gemacht auf mehr. Isabell Boyer studiert Germanistik und Anglistik in Essen. Sie singt selbst in Pop- und Rockbands und hat 6 Jahre lang Theater in einer Laiengruppe gespielt. Die Opern- und Ballett-Erlebnisse in ihrer ersten Spielzeit als Opernscout inspirierten sie dazu, freier zu denken und ihren Horizont zu erweitern.

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