Georg Hess über „Otello“

Absolute Besuchsempfehlung!

„Otello“, die  im Jahre 1887 in Mailand uraufgeführte Oper von Verdi in vier Akten nach Shakespeares „The Tragedy of Othello, the Moor of Venice“ stand am Samstag (8. Oktober 2016) als Premiere in Düsseldorf auf dem Programm.
Ein Opernklassiker mit einer für heutige Verhältnisse simplen und durchschaubaren Handlung: Siegreicher und gefeierter Befehlshaber (Otello) kommt (Ende des 15. Jahrhunderts) zurück zu seiner Frau (Desdemona) und wird Opfer eines Intriganten (Jago) der ihn glauben lässt, seine Frau halte ihm nicht die Treue. Am Ende wird die Ehefrau von dem vor Eifersucht dämonisierten Ehemann ermordet, welcher sich schließlich, nachdem die Hinterhältigkeiten offensichtlich werden, selbst tötet.
Die Bühne war (wie auch über den ganzen Abend hinweg) gänzlich in schwarz getaucht und auf sich selbst reduziert. Hervorragend wie der Lichtdesigner mit diesem Umstand umging und mit seinen Einsatzmöglichkeiten (auch des Schattenspiels) die jeweiligen Stimmungen verstärkte.
Fulminant der Beginn der Oper mit einer Seeschlacht, zu der auch der gesamte Chor auf der Bühne anwesend war. Alle Chorsänger(innen) trugen individuelle schwarze Kleidung, aber dennoch reihte sich jeder der Sänger so in das Rollenspiel ein, dass der Chor während des ganzen Stücks als Gesamtheit wahrgenommen wurde und nie die Oberhand über die eigentlichen Hauptdarsteller übernahm – sehr fein, ästhetisch und ausdrucksstark in allen Szenen, bei denen der Chor mitwirken durfte.
Auch die Hauptdarsteller trugen keine Farben, nur schwarz bestimmte ihre Kleidung, die Herren zumeist in Uniformen. Die Requisiten waren auf das Notwendigste (so Desdemonas Taschentuch, ihr Brautkleid oder das Messer, mit welchem sich Otello schließlich selbst tötete) beschränkt.
Bei so viel angenehmer Reduziertheit konzentrierte sich der Blick auf die Darsteller, die ihre Rollen alle mit einer solchen Leidenschaft verkörperten, dass man zeitweise den Eindruck hatte, dass die Szenerie sich soeben erstmalig und tatsächlich abspielte. Der Zuschauer wurde von Anfang an in das Intrigenspiel des Jago eingeweiht, so dass man schnell Otello als Opfer erkannte und mit ihm litt wie er nach und nach zerbrach. Der zunehmend zerissene Otello wurde hervorragend von Zoran Todorovich dargestellt, dessen Gesicht schwarz geschminkt war mit deutlich freigelassenen hellen Hautkonturen um Mund, Augen und Haaren, was wohl mehr auf die „Kopfeslast“ hinweisen sollte, die Otello aufgrund der Intrigen zu tragen hatte, statt auf seine Hautfarbe als Mohr. Dennoch war es nicht Otello, dessen Spiel mich am meisten beeindruckte, sondern Jago, dargestellt von Boris Statsenko. Seine giftige Rolle wurde von ihm derart überzeugend boshaft und beängstigend interpretiert, dass er für mich „der“ Darsteller des Abends war. Aber auch Desdemona (stilsicher, selbstbewusst und anmutig dargestellt von Jacquelyn Wagner) darf hier keinesfalls unerwähnt bleiben, die besonders im vierten Akt mitriss, während sie auf Otello wartete und den nahenden Tod besang.
Zwischen den Figuren passierte viel und man glaubte ihnen einfach, was sie sangen. Eine plumpe Intrige über ein verlorenes Taschentuch wurde von ihnen unter der Inszenierung von Michael Thalheimer in einen fesselnden Stoff verwandelt.
Und dann war da natürlich auch noch die Musik. Toll, wie Axel Kober als musikalischer Leiter die Düsseldorfer Symphoniker ins Spiel setzte. Ein Verdi mit viel Esprit, der weder die Darstellung der Protagonisten übertönte noch zu dezent wirkte.
Ich habe einen besonderen Opernabend erlebt. Die Inszenierung wird von mir absolut zum Besuch empfohlen!

Weitere Informationen zu „Otello“

Georg Hess
Notarfachreferent

Als „aufgeschlossenen Opernneuling“ beschreibt sich Georg Hess, der in Düsseldorf lebt und hier als Notarfachreferent arbeitet. Als Opern- und Ballettscout möchte der tiefer in die Materie einsteigen, sich von den Stücken fangen lassen und seine Eindrücke anschließend an Freunde, Kollegen und die Leser unseres Blogs weitergeben. Die Premiere von b.26 war der erste Ballettabend, den er live auf einer Bühne erlebte und ihm deutlich gezeigt hat, welch unterschiedliche Stimmungslagen Ballett erzeugen kann.

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